Band I – Der Fall Elesmeras
Eine Stadt aus einer unmöglichen Idee
Von Nicolai Burghoff · Öffentliche Lesefassung bis Kapitel XVIII.
Die Fortsetzung entsteht für die spätere Buchfassung. Bis zu deren Veröffentlichung bleibt diese Lesefassung auf dem jetzigen Stand.
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- Kapitel I – Die Bibliothek der tausend Erinnerungen
- Kapitel II – Die Tür zwischen den Welten
- Kapitel III – Lyra – Die Frau, die Magie nicht beherrschen wollte
- Kapitel IV – Unter der Stadt, wo Licht nicht hinkommt
- Kapitel V – Auf Abwegen
- Kapitel VI – Kaelor – Oberfläche und zurück
- Kapitel VII – Ein wenig Frieden
- Kapitel VIII.I – Kaelor – Die Halle der Ältesten
- Kapitel VIII.II – Zurück in Elesmera
- Kapitel IX – Was unter den Steinen liegt
- Kapitel X – Die Namen an der Schwelle
- Kapitel XI – Das Haus am Mühlkanal
- Kapitel XII – Unter fremdem Auftrag
- Kapitel XIII – Das Wort ihres Hauses
- Kapitel XIV – Die Stufen im Wasser
- Kapitel XV – Was wieder in uns brennt
- Kapitel XVI – Der Preis des Friedens
- Kapitel XVII – Was die Flucht hinterlässt
- Kapitel XVIII – Was wir einander versprechen
Kapitel I
Die Bibliothek der tausend Erinnerungen
Die meisten Bewohner Elesmeras schliefen bereits.
Die letzten Händler hatten ihre Stände geschlossen. Die Lichter auf dem großen Marktplatz waren längst erloschen und nur noch wenige Laternen brannten entlang der breiten Straßen, die sich wie goldene Adern durch die Stadt zogen.
Über den Dächern von Elesmera lag jene besondere Stille, die nur große Städte kannten.
Nicht die Stille eines verlassenen Ortes.
Sondern die Stille eines lebenden Wesens, das für einen kurzen Moment ruht.
In den Häusern wurden letzte Gespräche geführt.
Kinder schliefen ein, während ihnen alte Geschichten erzählt wurden.
Wachen wechselten ihre Schichten auf den Mauern.
Und irgendwo in den Küchen der Stadt standen noch immer Töpfe auf kleinen Feuerstellen, deren Wärme langsam aus den Steinen verschwand.
Doch tief unter dem Herzen Elesmeras war die Nacht niemals vollkommen still.
Denn dort befand sich die Große Bibliothek.
Ein Ort, der niemals wirklich schlief. Die ältesten Bewohner behaupteten, die Bibliothek hätte ihren eigenen Atem.
Vielleicht lag es an den alten Holzbalken, die bei jeder Veränderung der Temperatur leise knarrten. Vielleicht an den unzähligen Seiten, die selbst dann zu rascheln schienen, wenn niemand sie berührte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass in diesem Gebäude mehr Erinnerungen gesammelt waren, als in jedem lebenden Wesen Platz finden konnten. Hier lagen die Gedanken längst verstorbener Gelehrter. Die Erkenntnisse alter Magier. Die Tagebücher vergessener Reisender. Die letzten Worte von Menschen, deren Namen niemand mehr kannte. Und in dieser Nacht saß Arion Val'Thar mitten in diesem Meer aus Wissen. Allein.
Zumindest glaubte er das.
Die Kerze vor ihm war fast vollständig heruntergebrannt.
Ihr Wachs hatte sich über den bronzenen Halter ergossen und bildete kleine gefrorene Tropfen, die im schwachen Licht wie winzige weiße Tränen wirkten.
Der Geruch des Raumes war eine Mischung, die nur eine alte Bibliothek besitzen konnte. Getrocknetes Pergament. Altes Holz. Staub von Jahrhunderten.
Und der leicht bittere Geruch verbrannter Dochte.
Ein Duft, den viele Menschen als unangenehm empfunden hätten. Für Arion war er beruhigend. Er bedeutete, dass er am richtigen Ort war. Denn jedes Buch, jede Schriftrolle, jede vergessene Notiz war ein Beweis dafür, dass jemand vor ihm bereits nach Antworten gesucht hatte.
Und vielleicht...
Vielleicht war eine dieser Antworten hier. Vor ihm.
Seit Wochen studierte Arion dieselben Aufzeichnungen. Nicht, weil er nichts anderes gefunden hatte. Sondern weil etwas ihn störte. Ein Fehler. Ein Widerspruch.
Ein Muster, das niemand sonst zu bemerken schien.
Vor ihm lagen mehrere geöffnete Bücher. Ein altes elfisches Werk über die Natur der Magie. Eine zwergische Sammlung von Runeninschriften.
Ein menschlicher Bericht über die ersten bekannten magischen Experimente.
Drei verschiedene Völker.
Drei verschiedene Sprachen.
Drei verschiedene Weltbilder.
Und trotzdem tauchte immer wieder dasselbe Symbol auf. Eine gebogene Linie.
Durchbrochen von sieben kleinen Zeichen. Arion hatte es zuerst für Zufall gehalten.
Dann für eine Gemeinsamkeit alter Kulturen. Aber je länger er suchte, desto weniger glaubte er daran. Zufälle hinterließen keine Jahrtausende alten Spuren.
Am anderen Ende des Tisches saß Bibliothekar Eldrin. Zumindest hatte er vor einigen Stunden noch gesessen. Mittlerweile war er eingeschlafen. Der alte Mann hatte versucht, Arion zu überzeugen, nach Hause zu gehen. Er hatte es versucht.
Wirklich. Fast eine Stunde lang.
"Junger Mann", hatte er gesagt, während er die Bücher zurück in die Regale tragen wollte, "es gibt Dinge, die man nicht findet, indem man länger sucht."
Arion hatte nicht einmal aufgesehen. "Wie findet man sie dann?" Eldrin hatte ihn angesehen. "Manchmal findet man sie, indem man aufhört“ schnalzte er.
Daraufhin hatte Arion genickt und weitergelesen.
Der alte Bibliothekar hatte nur geseufzt: "Ich habe schon viele besessene Magier erlebt."
Eine Pause. "Aber Ihr seid der erste, der dabei höflich bleibt." Nun lag er mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl und schlief.
Sein Kopf war leicht zur Seite geneigt, sein Atem war langsam und gleichmäßig.
Das einzige Geräusch neben dem leisen Flackern der Flammen.
Arion bemerkte davon nichts.
Er war längst nicht mehr in der Bibliothek. Seine Gedanken waren zwischen den Seiten verschwunden. Die Linien vor ihm. Die Symbole. Die alten Texte. Er las dieselben Passagen immer wieder. Bis plötzlich etwas geschah. Nicht laut. Nicht dramatisch. Kein Blitz. Kein Erdbeben. Nur ein Gedanke. Eine Verbindung. Arions Augen bewegten sich schneller über die Seite und seine Hand griff nach der nächsten Schriftrolle. Dann nach der nächsten und übernächsten ehe er die Zeichen verglich.
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
"Nein..." flüsterte er und stand auf. Langsam zuerst dann ruckartig schneller.
"Nein..." Er griff nach einem alten Buch, schlug es auf und blätterte hektisch.
Die Seiten flatterten. Seine Finger zitterten.
"Das kann nicht sein." Noch einmal sah er auf das Symbol.
Dann auf die anderen Aufzeichnungen. Und plötzlich war alles da. Nicht eine Antwort.
Eine Erkenntnis und Arion erstarrte.
Sein Mund öffnete sich leicht.
Die letzten Wochen und die letzten Monate. Die Jahre seiner Forschung und alles führte zu diesem einen Moment und dann passierte es. Er lachte. Er lachte wie er, wie es einem jedem der ihn kannte vorkam, seit Urzeiten nicht mehr lachte. Nicht weil es lustig war.
Sondern weil ein Mensch manchmal lachen muss, wenn etwas so unglaublich ist, dass der Verstand keinen anderen Weg findet.
"DAS IST ES!"
Seine Stimme schallte durch die Bibliothek.
Eldrin riss die Augen auf.
"Was zum—?“ Der alte Bibliothekar fuhr hoch. Dabei blieb sein Ärmel am Tisch hängen und eine Kerze kippte, die Pergamente rutschten zu Boden. Dabei sprang eine kleine Flamme auf das modrige alte aber trockene Pergament über.
"Bei allen alten Göttern!" Eldrin stolperte vom Stuhl und versuchte hektisch, die Flammen mit seinen Händen zu ersticken. Arion jedoch war bereits wieder völlig konzentriert und bei Sinnen. Die Erkenntnis hatte ihn nicht nur begeistert.
Sie hatte ihn zurück in die Realität geholt. Also hob er instinktiv die Hand und schloss die Augen. Er tastete und spürte schließlich die arkane Energie, die durch seinen Körper floss. Die Magie war niemals nur ein Werkzeug und das hatten viele vergessen.
Die Magie war eine Verbindung, ein arkaner Austausch. Ein Äquivalenter tausch; du gabst Kraft, unterwarfst sie deinem Willen und wobst den Zweck tief in die Struktur, um deinen Willen auszuführen. Dafür nahm man dir etwas, etwas, was man das „Mana“ nannte. Jeder hatte dieses Mana, aber nicht jeder war in der Lage es zu kanalisieren, geschweige denn diesen Kanal überhaupt zu öffnen. Doch wenn man es einmal schaffte weissagte man ungeahnte Möglichkeiten und ja klar: Die Möglichkeiten schienen beinah unerschöpflich. Aber es barg Gefahren. Entsetzliche. Kinder die zu früh erwachten, übertrieben es schnell. Dann waren sie nicht nur eine Gefahr für ihr Umfeld, sondern auch für sich selbst. Viele starben in den ersten Wochen an absoluter Entkräftung oder viel mehr, vielen sie in ein Mana-Koma, aus dem niemand erwachte. Keiner weiß, warum und wohin der Verstand ging, doch das Herz schlägt weiter. Bewusstlos. Daher hielt man es strikt mit allen die erwachten: War kein Magier in der Familie, der die Prüfungen bestand und die Anleitung übernehmen konnte, musste jeder erwachte noch am ersten Tag seines Erwachens aufbrechen und die Akademie aufsuchen. Dort schloss man einen Vertrag bis zum Abschluss der Lehre. Anschließend mussten alle die zum Magier ernannt wurden eines eigenen Adepten übernehmen, um seinen Teil beizutragen. Außerdem agierte die Akademie als eine Art Gilde um die Kosten zu decken: Adepten und Lehrlinge hatten die verschiedensten Aufträge zu erfüllen. Dafür lebten sie Kost- und Logiefrei. Jeder wollte Magier werden. Jeder. Doch es war nicht jeder, der die Möglichkeit hatte. Nur jeder 5000te hatte überhaupt ein Erwachen. Und nicht jeder dann die Voraussetzungen mehr als seichten Wind, eine kühle Brise oder auch nur eine Kerze anzuzünden.
Arion stand also dar, mit geschlossenen Augen und im Kanal seiner Macht.
Ein Gespräch zwischen dem Willen eines Wesens und den Kräften der Welt.
Arion sprach die Worte ruhig. Nicht laut. Nicht panisch.
Sondern mit der Sicherheit eines Mannes, der genau wusste, was er tat.
"Des Flam, Sanct Ylem."
Ein kalter Hauch erfüllte den Raum. Keine Gewalt. Kein Sturm. Nur eine feuchte, unsichtbare Welle, die über die Flammen strich.
Die Feuer erloschen sofort.
Zurück blieb nur der Geruch von nassem Holz und verbranntem Pergament.
Eldrin saß auf dem Boden und atmete schwer. Er sah Arion an und dann auf die verkohlten Seiten, dann wieder auf Arion.
"Ich werde niemals verstehen", murmelte der alte Bibliothekar, "warum die größten Entdeckungen dieser Welt immer kurz davor stehen, die Bibliothek niederzubrennen."
Arion hörte ihn kaum und die Tatsache das er minimal lächelte, nur die Spur noch davon zeigte schien Eldrin schon zu faszinieren. Doch Arion hatte nur Augen für das Pergament das vor ihm lag, da war noch immer das Symbol und zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht nur, dass seine Theorie richtig sein könnte.
Er wusste: Irgendwo da draußen existierte eine Tür.
Eine Tür zwischen Welten.
Und irgendwann würde jemand sie öffnen.
Kapitel II
Die Tür zwischen den Welten
Arion bemerkte erst einige Augenblicke später, dass Eldrin ihn noch immer anstarrte.
Der alte Bibliothekar saß noch immer auf dem Boden zwischen verstreuten Pergamenten und einer kleinen Wolke aus verbranntem Papierstaub. Sein sonst immer ordentlich gekämmtes Haar stand in alle Richtungen ab, und auf seiner Robe hatten sich mehrere dunkle Flecken gebildet, die vermutlich von der erloschenen Flamme stammten. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas und die Große Bibliothek war wieder still. Nur das leise Knacken der alten Balken war zu hören und irgendwo weit entfernt, tief in den unzähligen Reihen der Archive, fiel ein einzelnes Buch zurück in seine Halterung.
Eldrin sah zuerst auf die verkohlten Pergamente und dann wieder auf die Kerze.
Als sein Blick zu Arion zurückweichte sagte er schließlich langsam aber gefasst:
"Ich möchte eine Vermutung äußern".
Arion blickte von den Aufzeichnungen auf.
"Welche?"
"Meine Vermutung ist, dass ich zu alt für Euch bin."
Arion blinzelte verwirrt.
"Was?"
Der alte Mann rappelte sich mühsam auf und klopfte den Staub von seiner Robe.
"Ich habe in dieser Bibliothek fast fünfzig Jahre gearbeitet. Ich habe Magier gesehen, die versucht haben, einen Berg zu bewegen. Ich habe Alchemisten erlebt, die ihre eigenen Experimente vergessen hatten und anschließend überrascht waren, wenn ihre Werkstatt explodierte. Ich habe sogar einen jungen Zauberer gesehen, der glaubte, er könne mit einem Spiegel eine zweite Version seiner selbst erschaffen."
Er deutete auf die verkohlten Seiten.
"Aber Ihr seid der Erste, der beinahe ein jahrhundertealtes Archiv niederbrennt, weil er eine Erkenntnis hatte."
Arion öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah kurz zu Boden.
"Ich habe es gelöscht“ rechtfertigte er sich nun ehrlich gerügt.
"Nachdem es gebrannt hat“ sagte der alte Stur und ohne seinen Hohn zu verbergen.
"Nur ein kleines Feuer“ murmelte Arion mehr zu sich selbst als zu dem Bibliothekar.
"Eure Definition von klein unterscheidet sich beunruhigend von meiner."
Für einen kurzen Moment herrschte wieder Stille.
Dann musste Arion schon zum zweiten Mal an einem Tag lächeln. Es war selten.
Sehr selten.
Die meisten Menschen, die ihn kannten, beschrieben ihn als freundlich, aber abwesend. Als jemanden, der zwar mit anderen sprach, aber häufig schon in Gedanken beim nächsten Problem war. Doch Eldrin kannte ihn mittlerweile besser. Die beiden verband die unzähligen Stunden in der, vor allem nachts, einsamen Stadtbibliothek. Im letzten Archiv, was die modernen Adepten kaum mehr aufsuchten. Zu modrig war ihnen der Geruch. Die Abschriften zu alt. Sie gingen mit der Zeit. Doch was ist Zeit im Arkanum schon wert?
Eldrin wusste, dass Arion nicht kalt war er war einfach nur jemand, der seine Gedanken manchmal so weit verfolgte, dass die Welt um ihn herum verschwand.
"Was habt Ihr gefunden?", fragte Eldrin schließlich.
Und sofort verschwand das Lächeln aus Arions Gesicht.
Er sah wieder auf die Schriftrollen.
Auf das Symbol.
Auf die Verbindung, die er gerade entdeckt hatte.
"Ich glaube..." begann er.
Dann stoppte er, denn zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er etwas, das er nicht gewohnt war.
Nicht Aufregung.
Nicht Neugier.
Angst.
Nicht vor der Entdeckung selbst sondern vor dem, was sie bedeutete.
"Eldrin", sagte er leise, "habt Ihr jemals darüber nachgedacht, warum alle alten Kulturen Geschichten über Orte erzählen, die nicht existieren?"
Der Bibliothekar runzelte die Stirn.
"Natürlich. Mythen entstehen aus dem Wunsch der Menschen heraus, Dinge zu erklären" sagte er vollkommen überzeugt von seiner Äußerung.
"Nein."
Arion schüttelte den Kopf.
"Nicht diese."
Er nahm eine der Schriftrollen vorsichtig in die Hand.
"Diese Geschichten sind zu ähnlich."
Er legte sie auf den Tisch.
"Die Elfen sprechen von einem Weg zwischen den Sternen."
Eine zweite Schriftrolle folgte dem Weg der Ersten und landete auf ihr.
"Die Zwerge sprechen von einer verborgenen Halle unter der Welt, in der alle Wege zusammenlaufen."
Eine dritte Rolle folgte der Zweiten sogleich.
"Die alten menschlichen Magier schreiben von einer Tür ohne Schloss."
Eldrin sagte nichts und blieb ausdruckslos.
Arion fuhr fort.
"Jahrtausende. Drei Völker und drei verschiedene Sprachen.
Das sind drei völlig unterschiedliche Vorstellungen."
Sein Finger berührte das Symbol.
"Und trotzdem taucht immer wieder dasselbe Zeichen auf. Da liegen EPOCHEN DAZWISCHEN" die letzten beiden Worte trug er so deutlich vor, wie selbst Eldrin ihn je kannte. Dann trat der alte Bibliothekar näher.
Sein Gesicht wurde noch ernster obwohl das eigentlich nicht möglich hätte sein dürfen:
"Arion..."
"Sie haben es nicht erfunden."
Die Worte kamen leise, fast wie ein Geständnis.
"Sie haben es gesehen."
Draußen über Elesmera begann langsam der Morgen.
Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg über die hohen Türme der Stadt und ließen die goldenen Verzierungen der Dächer aufleuchten.
Für die Bewohner begann ein gewöhnlicher Tag.
Bäcker öffneten ihre Türen.
Handwerker entzündeten ihre Feuer.
Kinder liefen durch die Straßen.
Niemand ahnte, dass tief unter ihren Füßen ein junger Magier gerade eine Entdeckung gemacht hatte, die eines Tages den Untergang ihrer Heimat verhindern sollte.
Oder vielleicht auslösen würde.
Denn Wissen war niemals gefährlich, solange niemand es missbrauchte.
Aber Wissen hatte eine Eigenschaft, die viele Menschen unterschätzten:
Es konnte Türen öffnen.
Auch jene, die besser verschlossen geblieben wären.
Arion verließ die Bibliothek erst, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand.
Das allein war schon mehr als ungewöhnlich und hätte einen aufmerksamen Beobachter zu zweifeln veranlasst. Normalerweise hätte er den Tag damit verbracht, weiter zu forschen, weitere Bücher zu öffnen. Weitere Hinweise zu suchen. Oder vielleicht auch nur im Badehaus abzuschalten und alles im Kopf durchzugehen.
Doch diesmal tat er etwas anderes.
Er ging nach draußen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wollte er die Stadt sehen.
Nicht die Archive und die alten Schriften und auch nicht die Vergangenheit.
Die Gegenwart.
Vielleicht, weil ihm plötzlich bewusst geworden war, dass all seine Forschungen immer nur eines gesucht hatten:
Eine Erklärung dafür, warum diese Welt so war, wie sie war.
Und vielleicht musste er dafür verstehen, was genau er zu schützen versuchte.
Die Straßen Elesmeras waren inzwischen voller Leben.
Arion ging langsam durch das Marktviertel. Ein ungewöhnliches Verhalten für ihn.
Normalerweise lief er schnell immer mit einem Ziel und den anderen drei Schritte voraus. Immer mit Gedanken, die bereits zehn Schritte weiter waren.
Heute blieb er stehen und sah einem zwergischen Schmied zu, der gemeinsam mit einem menschlichen Lehrling an einer Klinge arbeitete.
Er beobachtete eine elfische Heilerin, die einem alten Ork eine Wunde verband.
Er hörte Kinder lachen, während sie zwischen den Ständen spielten.
Früher hatte er diese Dinge gesehen, aber er hatte sie selten wirklich wahrgenommen.
Zum ersten Mal verstand er etwas.
Elesmera war nicht deshalb so besonders, weil verschiedene Völker hier lebten.
Das gab es auch an anderen Orten.
Elesmera war besonders, weil niemand mehr täglich darüber nachdachte.
Die Menschen hier mussten sich nicht jeden Morgen daran erinnern, dass sie tolerant sein wollten, sie waren es einfach.
Das war der eigentliche Zauber dieser Stadt.
Nicht ein Zauberspruch.
Nicht eine Rune.
Nicht eine magische Kraft.
Eine Gewohnheit.
Ein Leben.
Am späten Nachmittag erreichte Arion die Akademie.
Und dort wartete bereits jemand auf ihn. Lyra.
Kapitel III
Lyra – Die Frau, die Magie nicht beherrschen wollte
Die Halle der Akademie war am späten Nachmittag in jenes goldene Licht getaucht, das nur entsteht, wenn die Sonne tief genug steht, um durch die hohen Fenster in langen, schrägen Bahnen über Stein und Staub zu schneiden. In diesen Lichtstreifen schwebten winzige Partikel, Staub der alten Mauern, feine Spuren von Kreide und Magie, die sich wie unsichtbare Erinnerungen in der Luft hielten.
Lyra stand dort, wo sich zwei dieser Lichtbahnen kreuzten, als hätte sie diesen Ort nicht zufällig gewählt, sondern, als hätte sie ihn schon vor Stunden, vielleicht sogar vor Tagen betreten und genau dort gewartet, bis die Welt sie wieder an diesen Punkt zurückbrachte. Sie hatte die Hände locker vor sich verschränkt, nicht angespannt, nicht unruhig, eher in einer Haltung, die Ruhe nicht ausdrückte, sondern aus ihr bestand.
Als Arion die Halle betrat, hob sie nicht sofort den Blick. Sie wusste bereits, dass er da war. Nicht durch Magie, nicht durch ein Gefühl, das sich in Worte fassen ließ, sondern durch eine Vielzahl kleiner Dinge, die sich nur dann bemerkbar machten, wenn man gelernt hatte, Menschen nicht nach dem Offensichtlichen zu lesen.
Sein Schritt war anders als sonst, weniger Zielgerichtetheit, mehr Gewicht, als hätte er etwas Unsichtbares mit sich getragen, dass seine Haltung verändert hatte.
Lyra kannte diesen Zustand. Sie hatte ihn bei Gelehrten gesehen, bei Magiern, die etwas entdeckt hatten, das nicht in ihre bisherigen Kategorien passte, und bei Soldaten, die einen Kampf überlebt hatten, der innerlich weiterging, obwohl er äußerlich längst vorbei war.
Er blieb vor ihr stehen, und erst dann hob sie den Blick.
Sein Gesicht war ruhig, aber nicht ausgeglichen. Eher so, als würde etwas dahinter arbeiten, ununterbrochen, wie eine Maschine, die keine Pause kannte, weil sie gerade erst verstanden hatte, dass sie überhaupt existierte. Lyra sah ihn einen Moment lang nur an, ohne zu sprechen, ohne Druck, ohne Erwartung. Es war diese Art von Stille, die nicht leer war, sondern voll, als würde sie einen Raum zwischen zwei Gedanken offenhalten.
„Du hast diesen Blick“, sagte sie schließlich.
Arion reagierte nicht sofort. Er schien erst den Satz in sich selbst zu finden, bevor er ihn verstand.
„Welchen Blick?“
Lyra löste sich langsam aus dem Schatten der Säule und trat ein Stück in das Licht. Die Sonne zeichnete helle Linien über ihre Schultern, als würde sie sie nicht beleuchten, sondern markieren.
„Den Blick von jemandem, der etwas verstanden hat“, sagte sie ruhig, „aber noch nicht entschieden hat, ob er es hätte verstehen wollen.“
Das war keine Anschuldigung. Keine Bewertung. Nur eine Feststellung, die so präzise war, dass sie fast unangenehm hätte sein können, wenn sie nicht so selbstverständlich ausgesprochen worden wäre.
Arion schwieg einen Moment zu lange. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil er offenbar versuchte, die richtige Art zu finden, etwas Unfassbares in Sprache zu verwandeln.
„Ich glaube, ich habe etwas gefunden.“
Lyra neigte den Kopf minimal. Kein überraschtes Zucken, keine Reaktion, die man erwartet hätte. Nur ein langsames Verstehen, das sich nicht sofort zeigte, sondern erst in der Art, wie sich ihr Blick veränderte.
„Das sagst du oft“, antwortete sie schließlich.
„Diesmal ist es anders.“
Diese Antwort war der erste Moment, in dem Lyra nicht sofort eine Erwiderung fand. Nicht, weil sie sprachlos war, sondern weil sie seine Stimme kannte. Und sie wusste, wann sie etwas enthielt, das über gewöhnliche Überzeugung hinausging.
Sie wandte sich ab und ging ein paar Schritte durch die Halle, ihre Fingerspitzen streiften dabei fast unbewusst den kühlen Stein der Wand. Die Akademie war alt genug, dass jeder dieser Steine eine Geschichte hätte erzählen können, wenn man ihn lange genug betrachtet hätte. Lyra hatte gelernt, solche Orte nicht als Gebäude zu sehen, sondern als Ansammlungen von Entscheidungen. Jeder Stein hier war einmal gesetzt worden, weil jemand geglaubt hatte, dass Wissen einen Ort braucht, an dem es bleiben darf.
„Erzähl es mir“, sagte sie schließlich, ohne sich umzudrehen.
Und Arion tat es.
Er sprach, und während er sprach, veränderte sich der Raum zwischen ihnen. Nicht sichtbar, nicht messbar, aber spürbar für jemanden wie Lyra. Seine Worte waren nicht chaotisch, aber sie hatten diese besondere Qualität von Gedanken, die sich selbst noch nicht vollständig sortiert hatten. Symbole, alte Texte, Wiederholungen über Kulturen hinweg, Muster, die sich nicht verhalten hatten wie Zufall.
Lyra hörte nicht nur zu. Sie zerlegte jede Aussage, während sie sie hörte, nicht aus Skepsis, sondern aus Gewohnheit. Ihre Gedanken bauten parallel zu seinen Worten eine Struktur auf, in der sie alles einordnete: Wahrscheinlichkeit, historische Plausibilität, magische Konsistenz, kulturelle Überschneidung. Und je weiter er sprach, desto weniger fühlte es sich wie eine abstrakte Idee an.
Es fühlte sich an wie etwas, das schon immer existiert hatte, aber bisher nur niemand laut ausgesprochen hatte.
Als er endete, blieb die Stille nicht leer zurück. Sie füllte sich sofort mit Bedeutung.
Lyra blieb noch einige Sekunden reglos stehen, bevor sie sich langsam zum Fenster wandte. Draußen lag Elesmera in ihrem gewohnten Rhythmus, Händler, Schüler, Magier, Leben in all seinen kleinen, selbstverständlichen Bewegungen. Und für einen Moment wirkte diese Normalität nicht beruhigend, sondern fragil, als könnte sie bei zu genauer Betrachtung reißen.
„Wenn das stimmt“, sagte Lyra schließlich leise, „dann sprechen wir nicht über ein Symbol.“
Sie drehte sich wieder zu ihm um.
„Dann sprechen wir über etwas, das durch alle Kulturen hindurch gleichgeblieben ist, ohne dass sie sich je getroffen haben.“
Sie machte eine kurze Pause, als würde sie selbst prüfen, wie weit sie diesen Gedanken gehen wollte.
„Das ist entweder ein Mythos“, sagte sie dann, „oder eine Erinnerung.“
Das Wort blieb im Raum hängen. Erinnerung. Nicht Geschichte. Nicht Legende. Etwas, das älter klang als jede Erklärung.
Arion sah sie an, und Lyra bemerkte in seinem Blick etwas, das sie nicht ignorieren konnte. Nicht Vertrauen allein. Nicht nur Zustimmung. Sondern diese stille Form von Erleichterung, die entsteht, wenn man merkt, dass man mit etwas nicht mehr allein ist.
„Du glaubst mir also?“, fragte er.
Lyra schwieg einen Moment, nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie die Antwort nicht leichtfertig geben wollte.
„Ich glaube dir nicht blind“, sagte sie schließlich. „Das wäre gefährlich.“
Sie trat einen Schritt näher, nicht bedrohlich, eher so, als würde sie den Abstand zwischen ihnen nicht messen, sondern überprüfen.
„Aber ich glaube dir genug, um nicht wegzulachen.“
Ein kurzer Hauch von etwas, das fast ein Lächeln gewesen wäre, zog über ihre Lippen.
„Das ist bei dir mehr wert, als du denkst.“
Arion hätte etwas erwidern können, etwas Logisches, etwas Sicheres, etwas, das die Spannung auflöst. Aber er tat es nicht. Und genau die bemerkte Lyra deutlicher als alles andere.
Für einen Moment standen sie schlichtweg nur da, während die Akademie um sie herum weiterlebte, als wäre nichts geschehen. Stimmen aus der Ferne, Schritte auf Stein, das leise Summen von Magie in Ausbildung.
Dann brach Lyra den Moment bewusst.
„Wir brauchen Beweise“, sagte sie.
Ihre Stimme war wieder klar, strukturiert, ruhig.
„Und wir brauchen sie, bevor jemand anderes sie findet.“
Arion nickte.
„Ich weiß.“
Lyra wandte sich wieder dem Fenster zu, aber diesmal blieb ihr Blick nicht an der Stadt hängen, sondern ging darüber hinaus, als würde sie etwas sehen, das noch nicht existierte.
„Wenn du recht hast“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm, „dann wird diese Welt nicht mehr lange so aussehen wie jetzt.“
Eine kurze Pause.
„Und ich habe das Gefühl“, fügte sie hinzu, „dass die Welt schon weiß, dass du recht hast.“
Danach drehte sie sich wieder zum ihm um, ihre goldenen Augen trafen seine grauen. Ihr aschblondes Haar wehte in der Drehung mit und schlug ihr bis um den Mund, als sie abrupt in der Stellung verharrte. Arion schien einen Wimpernschlag zu fasziniert von ihr, um zu antworten….
Für einen Moment stand er einfach nur da, als hätte sein Kopf die Verbindung zwischen Gedanken und Sprache kurz verloren. Nicht weil ihm nichts einfiel, sondern weil zu viele Dinge gleichzeitig in ihm auftauchten, die er nicht sofort sortieren konnte. Das war ein Zustand, den er nicht kannte, zumindest nicht in dieser Form.
Normalerweise funktionierte sein Denken wie ein präzises System, das alles in klare Strukturen brachte, doch jetzt war da etwas, das sich dieser Struktur entzog und er merkte erst jetzt, dass Lyra ihn noch immer ansah. Ruhig, direkt, ohne Ungeduld, aber mit einer Aufmerksamkeit, die nicht nachließ.
„Was?“,
fragte sie schließlich, nicht scharf, eher ruhig, fast beiläufig, aber mit diesem Unterton, der zeigte, dass sie sehr genau registriert hatte, dass etwas gerade anders war als zuvor.
Arion blinzelte kurz, als würde er sich selbst wieder in den Moment zurückholen und hob leicht die Hand, als wolle er eine Antwort formen, die noch nicht ganz fertig war.
„Nichts“, sagte er schließlich, doch die Pause davor verriet mehr, als er beabsichtigt hatte.
Lyra nahm diese Antwort nicht auseinander, zumindest nicht sichtbar, aber sie ließ sie auch nicht einfach stehen, sondern betrachtete ihn einen Moment länger, als es für ein gewöhnliches Gespräch notwendig gewesen wäre, und in dieser Stille lag nichts Unangenehmes, aber etwas sehr Bewusstes, als würden beide registrieren, dass sich gerade eine kleine Verschiebung zwischen ihnen ergeben hatte, die keiner von beiden sofort benennen wollte.
Dann trat Lyra einen halben Schritt zur Seite und mit dieser Bewegung löste sie die Spannung nicht auf, sondern verteilte sie nur anders im Raum. Während das Licht der hohen Fenster erneut über sie glitt und Arion bemerkte, dass er sie nicht nur ansah, sondern dass sein Blick einen Moment zu lange bei ihr blieb, zwang er sich wieder zur Ordnung und zu seinen Gedanken zurückzukehren.
Lyra bemerkte das ebenfalls.
Natürlich tat sie das.
Sie bemerkte solche Dinge immer.
Doch sie kommentierte es nicht sofort, sondern ging stattdessen langsam ein paar Schritte durch die Halle, als würde sie den Raum selbst nutzen, um den Moment zu entlasten. Während sie sich bewegte, veränderte sich die Wahrnehmung der Umgebung erneut, nicht weil sich der Ort selbst änderte, sondern weil ihre Präsenz ihn anders erscheinen ließ, als würde sie nicht einfach durch den Raum gehen, sondern ihn auf eine Weise mitdefinieren, die schwer zu ignorieren war.
„Du bist heute anders“, sagte sie schließlich, ohne sich umzudrehen, und ihre Stimme klang dabei nicht wie eine Feststellung, die eine Antwort verlangte, sondern eher wie etwas, das sie bereits erkannt hatte und nur noch aussprach, um es greifbarer zu machen.
Arion folgte ihr mit dem Blick, bevor er antwortete, und diesmal kam die Antwort langsamer, nicht weil er sie nicht wusste, sondern weil er merkte, dass jede schnelle Erklärung zu oberflächlich gewesen wäre.
„Vielleicht sehe ich Dinge klarer als vorher“, sagte er schließlich.
Lyra blieb stehen.
Nicht abrupt, sondern so, als hätte sie genau diesen Satz erwartet, aber nicht in dieser Form. Sie drehte sich langsam zu ihm um, wobei das Licht der Halle sich erneut über ihre Gesichtszüge legte und ihre goldenen Augen für einen Moment stärker wirkten, als würde das Licht selbst in ihnen hängen bleiben.
Sie sagte nichts sofort.
Und genau diese Stille war schwerer als jedes Wort, das hätte folgen können.
Lyra trat schließlich einen Schritt näher, nicht fordernd, nicht aggressiv, sondern in einer Art kontrollierter Ruhe, die eher wie eine bewusste Annäherung wirkte als wie ein Zufall. Arion bemerkte zum ersten Mal nicht nur ihre Präsenz, sondern die Tatsache, dass er sie bewusst wahrnahm, auf eine Art, die nichts mehr mit reiner Analyse zu tun hatte.
„Du analysierst mich“, sagte sie schließlich, und diesmal war es keine Frage.
Arion wollte zuerst widersprechen, wie er es normalerweise getan hätte, reflexartig, logisch, kontrolliert, aber die Worte kamen nicht sofort, weil er wusste, dass sie recht hatte, und dieses Wissen war unangenehm präzise.
„Ich versuche zu verstehen“, sagte er schließlich.
Lyra hielt seinen Blick.
Nicht länger als nötig.
Aber lange genug, dass klar wurde, dass sie diese Antwort nicht als Abschluss betrachtete, sondern als Ausgangspunkt.
Und in diesem Moment wurde beiden bewusst, ohne dass es ausgesprochen werden musste, dass das, was zwischen ihnen entstand, nicht aus einem einzelnen Gespräch kam, sondern aus einer Reihe von unausgesprochenen Beobachtungen, kleinen Verschiebungen und Momenten, die sich jetzt erst zu etwas formten, das keiner von beiden noch benennen konnte.
Kapitel IV
Unter der Stadt, wo Licht nicht hinkommt
Während über den Türmen von Elesmera das Licht des späten Tages die Steinarchitektur der Akademie vergoldete und die Hallen von Wissen und Ordnung erfüllt waren, existierte unter dieser Stadt ein Ort, der in keinem offiziellen Plan wirklich vollständig eingezeichnet war, nicht weil er unbekannt gewesen wäre, sondern weil man sich in Elesmera darauf geeinigt hatte, ihn nicht als Teil derselben Welt zu betrachten, sondern als eine Art Schattenraum darunter, ein System aus alten Tunneln, halb natürlichen Höhlen und architektonischen Überresten früherer Bauphasen, die niemand vollständig entfernt hatte, weil sie zu tief lagen, zu alt waren oder schlicht zu kompliziert, um sie zu beseitigen.
Hier unten war das Licht anders.
Nicht schwach. Nicht künstlich. Sondern gebrochen.
Es fiel nicht in klaren Bahnen, sondern wurde von Steinstrukturen zerschnitten, von Rissen in der Erde verschluckt und von Feuchtigkeit reflektiert, die die Wände über Jahrhunderte gesammelt hatten. Die Luft war schwerer, kälter, aber nicht tot. Sie bewegte sich langsam, als würde selbst der Raum hier unten in einem anderen Rhythmus existieren.
Kaelor Vhar’Zuun stand am Rand einer dieser alten Steinplattformen, die einst Teil eines vergessenen Versorgungssystems gewesen sein mochten, und blickte hinauf in die Dunkelheit über ihm, wo irgendwo in unerreichbarer Höhe die Stadt begann. Für viele seiner Art war dieser Ort nicht Exil, sondern Heimat geworden, nicht weil sie ihn gewählt hatten, sondern weil er ihnen geblieben war, als andere Türen sich geschlossen hatten.
Kaelor war größer als ein Mensch.
Nicht in übertriebener, mythischer Weise, sondern auf eine natürliche, schwer zu ignorierende Art, die sich aus seiner Herkunft ergab. Die Haut seiner Arme und seines Rückens zeigte jene steinerne Struktur, die Gargoyles von den anderen Völkern unterschied, nicht vollständig Stein, nicht vollständig Fleisch, sondern etwas dazwischen, das sich je nach Licht und Zustand leicht veränderte, als würde der Körper selbst noch zwischen zwei Zuständen verhandeln.
Seine Flügel waren halb angelegt.
Nicht aus Ruhe.
Sondern aus Gewohnheit.
Hier unten waren sie selten vollständig entfaltet.
Zu eng war der Raum und zu niedrig die Decken.
Zu oft hatten sie gelernt, dass Größe in der Unterstadt nicht Stärke bedeutete, sondern Einschränkung.
Kaelor bewegte sich langsam durch den Gang, vorbei an anderen seiner Art, vorbei an alten Strukturen, die ursprünglich niemals für sie gebaut worden waren und nun doch ihr Leben trugen. Einige der Gargoyles schliefen in Nischen aus Stein, halb in ihre Ruheformen zurückgezogen, als wären sie Teil der Wände selbst. Andere arbeiteten, trugen Materialien, reparierten alte Stützen oder halfen dabei, die unteren Ebenen stabil zu halten, damit die Stadt darüber nicht eines Tages in sich zusammenfiel.
Es war ein stilles Gleichgewicht.
Kein friedliches.
Aber ein funktionierendes.
Kaelor blieb schließlich vor einer breiteren Öffnung stehen, durch die ein schwaches, rötliches Licht fiel. Dort unten, tiefer als die meisten Menschen jemals freiwillig gehen würden, lag ein Bereich, der älter war als die aktuelle Stadtstruktur. Dort sammelten sich Geschichten, die nicht in den Chroniken standen.
Und dort unten wartete etwas, das man in der Oberstadt längst vergessen hatte.
Nicht weil es unwichtig war.
Sondern weil es zu unbequem war, sich daran zu erinnern.
Kaelor atmete langsam aus.
Ein Geräusch, das mehr Gewicht hatte als bei Menschen, weil es tiefer aus dem Körper kam, als würde es nicht nur Luft bewegen, sondern auch Stein und Erinnerung.
Dann setzte er einen Schritt nach vorn und verschwand im Schatten der unteren Ebenen.
Kaelor trat aus dem schmalen Durchgang in eine deutlich größere Kammer, deren Decke von massiven, alten Stützpfeilern gehalten wurde, die offensichtlich noch aus einer Zeit stammten, in der niemand damit gerechnet hatte, dass sich dort unten einmal eine eigene Struktur entwickeln würde. Trotzdem war genau das geschehen. Die Unterstadt der Gargoyles war kein Zufallsprodukt mehr, sondern etwas Gewachsenes, mit klaren Grenzen, mit stillen Abmachungen und einer Ordnung, die nicht in Gesetzen geschrieben stand, sondern in Blicken, in Haltung und in dem, was man unausgesprochen verstand, wenn man lange genug hier lebte.
Die Luft war schwerer als oben, aber sie war erfüllt von Bewegung. Nicht hektisch, sondern beständig. Man hörte das leise Reiben von Stein auf Stein, wenn sich jemand aus seiner Ruheform löste, das dumpfe Aufsetzen schwerer Schritte und das gelegentliche, tiefe Schwingen von Flügeln, die sich in engen Räumen nur selten vollständig ausbreiten konnten. Es war kein Chaos, sondern eine Art geordnete Dauerexistenz, die sich wie ein eigener Herzschlag durch die unteren Ebenen zog.
Kaelor bemerkte die Blicke sofort.
Nicht auffällig, nicht direkt, sondern so, wie es hier unten üblich war. Ein kurzer Moment der Wahrnehmung, ein Abtasten, ein Einordnen. Fremd war er nicht, aber er war auch nicht unsichtbar. Und das war in der Unterstadt bereits ein Unterschied.
„Vhar’Zuun.“
Die Stimme kam von links, tief, rau, mit einer Schwere, die weniger aus Emotion als aus Alter entstand. Kaelor drehte den Kopf leicht und sah einen älteren Gargoyle, dessen Steinstruktur bereits deutlich stärker ausgeprägt war als bei den Jüngeren. Die Haut wirkte dort fast wie verwachsenes Gestein, die Linien im Gesicht tiefer, die Augen dunkler, aber klar.
„Du kommst spät zurück“, sagte der Alte.
Kaelor antwortete nicht sofort. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil er die Worte abwog, bevor er sie in diesen Raum setzte. Hier unten hatten Worte Gewicht. Mehr als oben.
„Ich war oben“, sagte er schließlich ruhig.
Ein leises, fast unmerkliches Knirschen ging durch die Gruppe in der Nähe. Nicht Überraschung. Eher Bestätigung eines ohnehin bekannten Umstands.
„Natürlich warst du oben“, antwortete der Alte trocken. „Du gehst immer zu oft nach oben.“
Kaelor ließ den Blick kurz über die Halle schweifen. Einige der jüngeren Gargoyles hatten ihre Haltung verändert, kaum sichtbar, aber bewusst genug, um Distanz zu zeigen. Es war kein Hass. Nicht direkt. Eher eine Mischung aus Misstrauen und alter, nie ganz verschwundener Erinnerung daran, dass die Welt oben nicht für sie gemacht war.
„Die Struktur der oberen Ebenen verändert sich“, sagte Kaelor schließlich. „Die Lastverteilung ist instabiler geworden. Wenn wir die Stützen nicht anpassen, wird der westliche Abschnitt in wenigen Monaten absinken.“
Ein kurzes Schweigen folgte.
Dann ein leises, hartes Ausatmen vom Alten.
„Wir sind keine Bauherren der Menschenstadt“, sagte er. „Wir sind das, was sie unter sich begraben haben.“
Ein paar der Umstehenden nickten kaum sichtbar.
Kaelor erwiderte nichts sofort. Nicht, weil er keine Antwort hatte, sondern weil er wusste, dass diese Haltung nicht neu war. Sie war alt. Älter als er. Älter als viele der Strukturen hier unten.
„Und trotzdem tragen wir sie“, sagte er schließlich ruhig. „Jeden Tag.“
Jetzt wurde es stiller.
Nicht gespannt. Aber fokussierter.
Der Alte trat einen Schritt näher. Nicht bedrohlich, aber bewusst. Seine Flügel waren leicht angelegt, als würde er sich auf ein Gespräch vorbereiten, das mehr Bedeutung hatte als es auf den ersten Blick schien.
„Du denkst zu sehr wie sie“, sagte er.
Kaelor sah ihn direkt an.
„Wie wer?“
Ein kurzes Zögern. Dann: „Wie die oben.“
Diese Worte hingen einen Moment in der Luft, schwer genug, dass selbst die Bewegung im Raum kurz leiser wirkte.
Kaelor verstand sofort, was wirklich gemeint war.
Nicht die Menschen. Nicht die Elfen. Nicht die Stadt.
Sondern die Idee, dass Ordnung etwas ist, das man verändern kann, statt etwas, das man akzeptiert.
„Vielleicht“, sagte Kaelor ruhig, „ist das der Grund, warum wir überhaupt noch existieren.“
Ein leises Murmeln ging durch die Gruppe. Kein Aufruhr, aber eine Reaktion.
Der Alte sah ihn lange an.
Sehr lange.
Dann wandte er sich ab, als hätte er das Gespräch nicht gewonnen, aber auch nicht verloren, sondern nur zur Kenntnis genommen.
„Die Versammlung beginnt bald“, sagte er schließlich über die Schulter. „Wenn du sprechen willst, Kaelor Vhar’Zuun… dann sprich dort.“
Kaelor blieb stehen, während der Alte sich entfernte und die anderen langsam wieder in ihre eigenen Tätigkeiten zurückkehrten. Das Gespräch war vorbei, aber seine Wirkung blieb im Raum hängen wie eine leichte Veränderung im Druck.
Er wusste, was das bedeutete.
Die Versammlung. Nicht nur Verwaltung. Nicht nur Ordnung. Sondern Entscheidung.
Und irgendwo tief in der Struktur dieser Unterstadt, weit unter dem, was die Menschen jemals sehen würden, begann sich etwas zu verschieben, das größer war als einzelne Stimmen.
Kaelor atmete langsam aus.
Und ging weiter.
Die Stimmen in der Halle verloren langsam ihre Schärfe, nicht weil eine Einigung entstanden war, sondern weil sich Erschöpfung über die Worte legte wie Staub über alten Stein, und Kaelor blieb stehen während die Diskussion um ihn herum in ein leiseres, unruhigeres Murmeln überging, das keinen klaren Anfang und kein klares Ende mehr hatte. Der Älteste hatte sich nicht bewegt seit seinen letzten Worten, aber Kaelor spürte, dass die Entscheidung nicht mehr in dessen Stimme lag sondern bereits in der Art wie die anderen darauf reagierten.
Kaelor wusste, dass solche Momente nicht mit einem einzigen Satz endeten. Sie hingen nach. Sie setzten sich fest. In Blicken. In kleinen Bewegungen. In dem was man nicht mehr sagte. Als er sich schließlich abwandte blieb kein formeller Abschluss zurück sondern nur das Gefühl, dass etwas begonnen hatte das sich nicht mehr vollständig zurücknehmen ließ.
Der Weg aus der Versammlung führte ihn durch die breiteren Korridore der Unterstadt, vorbei an Gruppen die noch diskutierten oder bereits wieder in ihre Aufgaben zurückkehrten. Einige sahen ihn an. Andere taten so als würden sie ihn nicht sehen. Doch Kaelor kannte diesen Blick. Es war kein offener Widerstand. Es war das langsame Einordnen eines Gedankens der sich noch nicht entschieden hatte ob er gefährlich war oder notwendig.
Als er die äußere Plattform erreichte auf der der Blick nach oben in die dunkle Masse der Stadt führte blieb er stehen. Über ihm lag Elesmera wie eine ferne zweite Welt. Lichter waren nur als schwache Reflexe sichtbar. Bewegung war nur zu erahnen. Und doch war dort oben alles das entstanden was hier unten immer nur getragen wurde ohne es laut auszusprechen.
Kaelor legte eine Hand an den kalten Stein der Brüstung. Er spürte die Struktur darunter. Die alten Schichten. Das Gewicht der Stadt das sich über Jahrhunderte aufgebaut hatte. Nicht als Mythos sondern als physische Realität die auf ihnen ruhte ohne je zu fragen ob sie bereit waren sie zu tragen.
In seinem Kopf formte sich kein Plan. Noch nicht. Es war eher ein Zustand der sich langsam von einer Idee in etwas Größeres verschob. Die Versammlung hatte etwas sichtbar gemacht das vorher nur als leiser Widerstand existiert hatte. Nicht alle wollten die Trennung aufrechterhalten. Nicht alle akzeptierten sie noch ohne Frage. Und genau darin lag die eigentliche Veränderung.
Hinter ihm hallten Schritte auf Stein. Kaelor musste sich nicht umdrehen um zu wissen wer es war. Der ältere Gargoyle trat neben ihn. Sein Blick blieb ebenfalls nach oben gerichtet. Eine Zeit lang sagte keiner von beiden etwas.
Dann sprach der Alte.
„Du hast sie bewegt“
Kaelor antwortete nicht sofort. Er ließ den Satz stehen weil er wusste dass er mehr bedeutete als er direkt sagte.
„Ich habe nur ausgesprochen was bereits da ist“
Der Alte atmete langsam aus. Ein Geräusch das schwerer klang als bei Menschen weil es tiefer aus dem Körper kam.
„Das ist oft gefährlicher als eine Lüge“
Kaelor löste den Blick nicht von der Stadt über ihnen.
„Vielleicht ist es Zeit dass wir aufhören uns hinter alten Grenzen zu verstecken“
Der Alte schwieg lange. Zu lange um noch Teil eines gewöhnlichen Gesprächs zu sein. Als er schließlich antwortete war seine Stimme ruhiger als zuvor aber nicht weicher.
„Du glaubst die Oberstadt würde uns verstehen“
Kaelor schüttelte leicht den Kopf
„Nein“ und hielt dann kurz inne ehe er weitersprach:
„Aber ich glaube sie würde uns sehen“
Wieder Stille. Diesmal anders. Weniger schwer. Eher gespannt.
Der Alte wandte den Blick nicht ab von der Stadt über ihnen.
„Und wenn sie uns nicht sehen will, Kaelor?“
Kaelor ließ die Frage einen Moment stehen, bevor er antwortete
„Dann werden wir sichtbar werden müssen“.
Der Wind bewegte sich durch die oberen Spalten der Unterstadt. Ein tiefer ferner Luftzug, der von irgendwo aus der Oberfläche kam und durch die alten Strukturen glitt als würde er etwas ankündigen das noch keinen Namen hatte.
Kaelor löste seine Hand von der Brüstung.
„Es wird sich etwas ändern“
Der Alte sah ihn jetzt direkt an
„Oder es wird brechen“ und grunzte seltsam.
Kaelor erwiderte den Blick ruhig
„Vielleicht ist das dasselbe“
Kapitel V
Auf Abwegen
Arion blieb noch einen Moment in der Halle stehen nachdem Lyra den Blick von ihm gelöst hatte, nicht weil er nicht wusste wohin er gehen sollte sondern weil sich etwas in seinem Inneren nicht mehr sauber in Bewegung setzen ließ wie sonst. Die Gedanken waren noch da klar und strukturiert aber sie folgten nicht mehr seinem gewohnten Rhythmus sondern kreisten um denselben Punkt ohne sich aufzulösen. Lyra hatte sich bereits abgewandt und war in Richtung der inneren Korridore der Akademie verschwunden und trotzdem blieb ihre Präsenz für einen kurzen Moment im Raum hängen als wäre sie nicht einfach gegangen sondern hätte etwas zurückgelassen das nicht sofort verschwinden wollte.
Arion zwang sich schließlich zur Bewegung. Erst langsam dann mit dem vertrauten Schritt eines Menschen der es gewohnt war seinen Körper der Logik seines Geistes folgen zu lassen. Doch diesmal funktionierte diese Ordnung nur teilweise. Während er durch die Korridore ging registrierte er die Umgebung wie immer präzise. Steinstruktur. Lichtwinkel. Geräuschquellen. Schüler die sich bewegten. Gespräche die geführt wurden. Alles war korrekt und vollständig aber nichts davon griff mehr wirklich ineinander.
Als er die Außenstufen der Akademie erreichte blieb er nicht stehen. Er ging weiter hinaus in die Stadt als würde etwas ihn ziehen ohne dass er es bewusst entschieden hatte. Die Luft draußen war anders als in den Hallen. Offener. Ungefilterter. Und genau das machte es schwieriger seine Gedanken zu ordnen statt einfacher.
Er merkte erst nach einer Weile dass er nicht mehr bewusst dachte sondern nur noch reagierte. Die Stadt um ihn herum wurde zum Hintergrund eines inneren Zustands der sich nicht mehr sauber in Worte fassen ließ. Händler riefen. Wagen rollten über Stein. Stimmen mischten sich in ein alltägliches Geräuschbild das normalerweise beruhigend war. Heute war es nur da ohne Wirkung.
Arion blieb irgendwann stehen ohne genau zu wissen warum. Vor ihm lag ein kleiner Platz am Rand eines weniger frequentierten Viertels der Stadt. Eine alte Trainingszone für Magier und Kämpfer die nicht mehr offiziell genutzt wurde aber noch immer offen war. Hier traf sich niemand zufällig. Hier kam man her wenn man etwas aus dem Kopf bekommen wollte das sich nicht mehr durch Denken lösen ließ.
Er trat in den offenen Bereich. Der Boden war aus abgetragenem Stein. Spuren früherer Übungen waren noch sichtbar. Kleine Einschläge. Verformte Linien im Material. Zeichen von Magie und Klinge gleichermaßen.
Arion hob die Hand nicht bewusst sondern eher instinktiv. Ein Teil von ihm suchte die Kontrolle zurück die er verloren hatte ohne es zu benennen. Die Energie reagierte sofort auf ihn wie sie es immer tat wenn er sie nicht drängte sondern nur zuließ.
„Des Flam, Sanct Ylem“
Der Effekt war wie gewohnt präzise. Kein Feuer. Keine Explosion. Nur ein sauberer kontrollierter Impuls der die Luft für einen Moment dichter machte und die alten Staubschichten vom Boden löste bevor sie wieder absanken. Doch selbst dieser kleine Akt brachte keine Klarheit. Im Gegenteil. Die Stille danach war noch schwerer als vorher.
Arion ließ die Hand sinken.
Für einen Moment stand er einfach da und sah auf den Boden als würde er dort eine Antwort erwarten die nicht kam.
Dann zog er das Schwert.
Nicht weil es notwendig war sondern weil sein Körper die Bewegung kannte. Das Gewicht in der Hand war vertraut. Ehrlich. Greifbar. Etwas das nicht interpretierte sondern einfach war.
Er begann zu trainieren.
Erste Bewegungen langsam. Kontrolliert. Dann schneller. Die Schritte auf dem Stein wurden rhythmischer. Klinge gegen Luft. Körper gegen Erinnerung. Jeder Schnitt war sauber. Jeder Übergang präzise. Doch je länger er sich bewegte desto weniger war es Training und desto mehr wurde es Flucht.
Gedanken an Lyra kamen nicht plötzlich sondern schoben sich zwischen die Bewegungen. Nicht als Bild sondern als Eindruck. Ihre Stimme. Ihr Blick. Die Art wie sie ihn gesehen hatte ohne ihn zu unterbrechen. Und genau das machte es schwerer nicht leichter.
Arion stoppte abrupt.
Die Klinge hing einen Moment in der Luft bevor er sie senkte.
Er atmete langsam aus.
„Das ist nicht sinnvoll“ sagte er leise zu sich selbst.
Doch der Satz funktionierte nicht.
Er wusste dass es nicht um Sinn ging.
Nicht mehr.
Und genau das war der Punkt an dem er verstand dass er nicht länger in der Lage war diese Gedanken allein zu lösen.
Er steckte das Schwert weg und sah kurz in Richtung der Stadt als würde er irgendwo darin eine Struktur suchen die ihm wieder Halt geben konnte.
Dann setzte er sich wieder in Bewegung.
Ohne Ziel.
Aber auch nicht mehr vollständig zufällig.
Und während er ging hatte er zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl dass etwas Größeres als seine eigenen Gedanken begonnen hatte ihn mitzuziehen.
Lyra hatte die Akademie erst verlassen als die Sonne bereits tiefer stand und das Licht der hohen Fenster nicht mehr in die Halle fiel sondern nur noch als verblassender Streifen auf dem Stein zurückblieb. Sie ging nicht schnell. Nicht langsam. In einem Tempo das keine Entscheidung verriet. Doch in ihrem Inneren war nichts so ruhig wie ihre Schritte es vorgaben.
Die Worte von Arion hatten sich nicht einfach eingeordnet. Sie hatten sich gesetzt wie ein Fremdkörper in einem System das sonst immer funktionierte. Lyra war es gewohnt Dinge sofort zu bewerten. Einzuordnen. Zu verwerfen oder weiterzudenken. Doch diesmal blieb etwas übrig das sich nicht abschließen ließ.
Sie trat durch das große Tor der Akademie und blieb einen Moment stehen ohne wirklich stehenzubleiben. Die Stadt vor ihr wirkte wie immer. Laut. Lebendig. Unverändert. Und genau das störte sie mehr als jede Bedrohung die offen sichtbar gewesen wäre.
Während sie durch die Straßen ging veränderte sich ihr Blick. Nicht die Stadt selbst. Sondern die Art wie sie sie wahrnahm. Gespräche die sie sonst nur als Hintergrundgeräusch registriert hätte wirkten plötzlich strukturiert. Muster. Wiederholungen. Kleine Unregelmäßigkeiten in einem sonst stabilen Ablauf.
Lyra bemerkte diesen Effekt sofort.
Und sie mochte ihn nicht.
Nicht weil er falsch war.
Sondern weil er neu war.
Sie bog in eine ruhigere Straße ein die leicht abwärts führte Richtung der älteren Viertel nahe der unteren Stadtbereiche. Orte an denen die Gebäude enger standen und das Licht früher verschwand. Hier wurde weniger gesprochen und mehr gearbeitet. Hier war die Welt einfacher und genau deshalb klarer.
Doch auch das half nicht.
Ihr Kopf arbeitete weiter.
Arion hatte nicht nur etwas gefunden. Er hatte etwas gesehen das sich nicht mehr ignorieren ließ. Und sie kannte ihn genug um zu wissen dass er nicht übertreiben würde. Nicht in dieser Art. Wenn er sagte dass etwas ein Muster war dann war es ein Muster.
Lyra blieb stehen als sie eine kleine Brücke über einen Kanal erreichte. Darunter floss das Wasser ruhig und gleichmäßig als hätte es keine Kenntnis von irgendetwas das darüber geschah.
Sie stützte sich kurz mit der Hand auf das Geländer.
Ihr Blick ging nicht ins Wasser sondern darüber hinweg.
„Du analysierst mich“
Seine Stimme kam ihr wieder in den Kopf als wäre sie noch nicht vergangen sondern nur verschoben worden.
Lyra schloss kurz die Augen.
Nicht weil sie müde war.
Sondern weil sie versuchte etwas zu greifen das sie nicht greifen konnte.
Dann öffnete sie sie wieder.
„Nein“, murmelte sie leise zu sich selbst.
Aber es klang nicht überzeugend.
Einige Sekunden später setzte sie sich wieder in Bewegung. Doch diesmal nicht mehr in Richtung ihres Quartiers. Nicht in Richtung Ruhe. Sondern in Richtung der Archive unterhalb der Stadt, wo alte Aufzeichnungen gelagert wurden die selten jemand freiwillig aufsuchte.
Wenn Arion recht hatte, dann würde sie dort etwas finden müssen.
Oder zumindest einen Fehler.
Etwas das das Ganze wieder in eine bekannte Form zurückdrücken konnte.
Doch je näher sie den unteren Ebenen kam, desto klarer wurde ihr, dass sie nicht mehr sicher war ob sie überhaupt noch an diese Form glaubte.
Lyra verließ die Lesetische nicht sofort. Sie blieb noch einen Moment stehen, während ihre Finger über das letzte Pergament glitten, als könnte sie durch bloßes Berühren mehr verstehen als durch Lesen. Der Staub der Archive lag schwer in der Luft und hatte sich in ihre Bewegungen gelegt, als sie sich schließlich langsam von den Dokumenten löste. In ihrem Kopf war nichts sortiert. Und genau das war das Problem.
Sie kannte dieses Gefühl nicht. Nicht in dieser Form. Informationen waren für sie normalerweise kein Nebel, sondern Struktur. Etwas, das sich zwangsläufig in Ordnung brachte, sobald man es lange genug betrachtete. Doch hier unten blieb diese Ordnung aus. Es war, als würde alles, was sie sah, immer wieder auf denselben Punkt zurückfallen, ohne jemals eine endgültige Erklärung zuzulassen.
Als sie sich schließlich vom Tisch entfernte, streifte ihr Blick noch einmal über die ausgelegten Seiten. Zwergische Aufzeichnungen neben elfischen Fragmenten neben menschlichen Chroniken. Keine dieser Kulturen hatte jemals in einem gemeinsamen Kontext gestanden, zumindest nicht in den bekannten historischen Linien. Und trotzdem lag dort etwas, das sie alle verband, ohne dass es je jemand bewusst zusammengeführt hatte.
Lyra spürte, wie sich etwas in ihr gegen diesen Gedanken wehrte. Nicht aus Angst. Sondern aus Gewohnheit. Ihr Verstand war darauf trainiert, Dinge zu entkräften bevor sie Gewicht bekamen. Doch diesmal funktionierte dieser Mechanismus nicht vollständig.
Sie atmete langsam aus und richtete sich auf.
„Das ist nicht möglich“, sagte sie leise in den leeren Raum hinein, aber ihre Stimme klang nicht mehr so sicher wie noch vor wenigen Minuten.
Dann blieb sie stehen.
Nicht abrupt. Eher so, als hätte ihr Körper eine Entscheidung getroffen bevor ihr Denken folgen konnte.
Wenn es nicht möglich war, dann bedeutete das nicht, dass es falsch war. Es bedeutete nur, dass das, was sie verstand, nicht ausreichte.
Lyra schloss die Augen kurz, nur für einen Moment, als würde sie versuchen, die Struktur hinter ihren Gedanken neu zu ordnen. Als sie sie wieder öffnete, war der Blick klarer geworden, aber nicht ruhiger.
Sie nahm die oberste Schriftrolle wieder in die Hand, betrachtete das Symbol erneut und diesmal wirkte es nicht mehr wie ein archäologisches Detail. Es wirkte wie ein Hinweis, der schon lange existierte, unabhängig davon, ob jemand ihn verstanden hatte oder nicht.
Und plötzlich war Arion nicht mehr nur jemand, der etwas entdeckt hatte.
Er war der Erste, der es ausgesprochen hatte.
Lyra legte die Rolle zurück und drehte sich langsam vom Tisch weg. Ihre Schritte hallten leise über den Steinboden, als sie die Archivreihe verließ und die Treppe nach oben nahm. Jeder Schritt fühlte sich gleich an und trotzdem anders, als würde sich etwas in der Art verschieben, wie sie selbst die Welt wahrnahm.
Oben angekommen war das Licht der Stadt bereits dunkler geworden. Der Übergang von der Tiefe der Archive in die lebendige Oberfläche wirkte beinahe fremd. Stimmen, Bewegung, Alltag. Alles lief weiter, als wäre nichts geschehen.
Aber Lyra wusste, dass das nicht stimmte.
Und während sie durch die Korridore der Akademie zurückging, war da ein Gedanke, der sich nicht mehr verdrängen ließ.
Sie musste ihn finden.
Nicht weil er sich irrte.
Sondern weil er vielleicht zum ersten Mal etwas gesehen hatte, das sie beide nicht mehr alleine tragen konnten.
Arion verließ Elesmera ohne genau zu wissen, wann aus Gedanken Bewegung geworden war. Noch am Nachmittag hatte er durch die Straßen der Stadt gegangen, hatte Gesichter gesehen, Stimmen gehört, Leben beobachtet, das ihm plötzlich wie eine fragile Oberfläche erschien, unter der etwas anderes lauerte. Und jetzt, Stunden später, stand er außerhalb der bekannten Wege, dort wo die Felder in wilde Übergänge aus Stein und Nebel übergingen.
Er sagte sich, er wolle nur klar denken. Nur Abstand gewinnen. Nur die Symbole in seinem Kopf entwirren, ohne die Stimmen der Akademie, ohne Lyra, ohne Eldrin, ohne die Sicherheit der Bibliothek.
Doch je weiter er ging, desto weniger wurde es Abstand und desto mehr wurde es Flucht vor einer Erkenntnis, die er nicht mehr kontrollieren konnte.
Die Luft wurde kälter, schwerer, als würde sie selbst nicht mehr genau wissen, zu welcher Welt sie gehörte. Arion bemerkte es, aber er ordnete es nicht ein. Noch nicht. Sein Fokus lag zu tief in seinem Inneren, dort wo die Symbole sich nicht mehr wie Zeichen verhielten, sondern wie eine Richtung.
Er blieb erst stehen, als er den ersten Schatten sah, der sich nicht wie ein Schatten verhielt.
Er bewegte sich.
Nicht natürlich. Nicht wie ein Tier. Eher wie etwas, das sich an Bewegung erinnerte, aber sie nicht mehr korrekt ausführte.
Arion hob den Blick langsam.
Über ihm kreiste etwas in der Luft, das Flügel hatte, aber keine Ruhe kannte. Harpyien. Oder das, was aus ihnen geworden war. Ihre Körper waren zu dünn, zu kantig, ihre Stimmen kein Ruf mehr, sondern ein verzerrtes Echo von Lauten, die einmal Sprache gewesen sein könnten.
Und sie waren nicht allein.
Zwischen den zerfallenen Steinstrukturen der alten Grenzruinen stand etwas, das nicht hätte stehen dürfen. Eine Gestalt, groß, gebrochen und doch stabil in einer Weise, die jeder Natur widersprach. Ein Lich. Alt. Sehr alt. Nicht die Art von Untod, die aus Instinkt entstand, sondern aus Erinnerung. Aus einem Willen, der sich geweigert hatte zu enden.
Arion wusste in dem Moment, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Nicht im Sinne von falscher Entscheidung.
Sondern im Sinne von zu weit gegangen.
Er drehte sich nicht sofort um. Nicht aus Mut. Sondern aus einem Reflex heraus, der sich weigerte, Panik als erste Reaktion zuzulassen. Seine Hand glitt instinktiv zur Seite, wo kein Schwert lag, sondern nur das, was er aus der Akademie mitgenommen hatte. Wissen. Theorie. Sprache.
„Des Flam Sanct Ylem“, begann er instinktiv, doch die Worte starben in der Luft.
Der Lich hob langsam den Kopf.
Und die Magie brach.
Nicht dramatisch. Nicht laut. Sie löste sich einfach auf, als hätte sie nie existiert.
Arion spürte es sofort. Diese Leere. Dieses absolute Fehlen von Reaktion, als würde die Welt selbst seine Verbindung verweigern.
Die Harpyien stürzten sich in diesem Moment.
Der erste Schlag riss ihn zu Boden. Nicht tödlich. Absichtlich nicht tödlich. Als würden sie ihn nicht vernichten wollen, sondern zurückbringen. Oder festhalten. Oder etwas mit ihm tun, das schlimmer war als Tod.
Arion versuchte aufzustehen, doch die Welt war bereits kein Raum mehr, der ihm gehörte. Krallen zogen über seinen Arm, der Geschmack von Metall lag in der Luft und irgendwo zwischen Instinkt und Schmerz begriff er, dass er hier nicht kämpfen sollte. Sondern verloren war.
Und dann kam das Bewusstsein.
Nicht aus ihm sondern in ihn hinein.
Lyra.
Es war kein Gedanke im klassischen Sinn. Kein Bild. Eher ein Riss in der Wahrnehmung, ein plötzliches Ziehen in einem Teil seines Bewusstseins, das er vorher nicht bemerkt hatte. Als würde etwas in ihm auf einen anderen Menschen reagieren, unabhängig von Entfernung oder Logik.
Lyra blieb abrupt stehen mitten in einem Gang der Akademie. Für einen Moment wusste sie nicht warum. Dann kam das Gefühl.
Nicht Angst und auch keine Sorge. Es war etwas Rohes, abgebrochen…
Arion.
„Nein“, sagte sie leise, bevor sie überhaupt wusste, dass sie es sagte.
Und dann war sie bereits in Bewegung.
Zur selben Zeit verlor Arion den Boden unter sich vollständig.
Die Harpyien zogen ihn in Richtung der Ruinen. Der Lich wartete nicht. Er bewegte sich nicht wie ein Jäger, sondern wie ein Besitzer, der sein Eigentum begutachtet. Arion spürte, wie seine Kräfte nicht nur blockiert waren, sondern irrelevant geworden waren.
Die Welt reagierte nicht mehr auf ihn.
Nur noch auf etwas anderes.
Und genau in diesem Moment wurde ihm klar, dass er sterben würde, wenn niemand kam, nicht irgendwann sondern jetzt.
Lyra rannte durch die Korridore der Akademie, ohne zu wissen warum jeder Schritt sich gleichzeitig richtig und falsch anfühlte. Erst als sie den Ausgang erreichte, verstand sie, dass sie nicht rannte, weil sie eine Entscheidung getroffen hatte, sondern weil etwas in ihr bereits entschieden hatte.
Die Verbindung war nicht Magie im klassischen Sinn. Sie war keine kontrollierte Struktur. Sie war ein Rest von etwas, das zwischen zwei Menschen entstanden war, ohne dass sie es benannt hatten und jetzt zog es sie genau dorthin, wo es reißt.
Als Lyra die Ruinen erreichte, sah sie zuerst die Harpyien.
Dann den Lich.
Dann Arion.
Und für einen kurzen Moment verstand sie nicht, warum sie nicht sofort handeln konnte. Das war keine Angst sondern schlicht die falsche Situation. Als würde Magie hier nicht nur gestört sein, sondern grundsätzlich anders funktionieren.
Sie hob die Hände.
Der Zauber kam nicht.
Der Lich drehte langsam den Kopf zu ihr und etwas in seiner Präsenz sagte ihr ohne Worte, dass er sie erwartet hatte.
Arion hob in diesem Moment den Blick und sah Lyra. Aber nicht als Rettung, sie war die letzte Möglichkeit das alles zu überleben
Und genau da brach etwas in ihm nicht geistig, sondern körperlich. Urkräfte die er von sich selbst nicht erwartet hätte und er.riss.sich.los.-
Nicht mit Magie.
Mit purer, roher Bewegung und Gewalt. Schmerz als Antrieb. Instinkt als Entscheidung. Seine Hand griff nach etwas am Boden, ein zerbrochenes Stück Metall aus den Ruinen, und als der Lich einen Schritt näherkam, war Arion bereits auf den Beinen.
Magie war hier bedeutungslos also blieb nur noch das, was immer bleibt.
Der Körper und die Klinge.
Der Wille, nicht zu fallen und zu schützen was er l…
Er verwarf den Gedanken noch bevor er Gestalt hätte annehmen können.
Er ging nicht elegant.
Er ging nicht geplant.
Er ging wie jemand, der begriffen hatte, dass er keine zweite Chance bekommt.
Lyra versuchte erneut Magie zu formen, doch diesmal war da nicht nur Widerstand sondern etwas das sich wie ein aktives Zurückstoßen anfühlte. Als würde die Umgebung selbst entscheiden, dass bestimmte Dinge hier nicht passieren durften.
Arion spürte das nicht mehr bewusst. Er war längst über den Punkt hinaus an der Analyse noch half. Sein Körper hatte übernommen, weil sein Verstand keine saubere Lösung mehr finden konnte. Der erste Angriff war roh und unperfekt. Der Lich hob kaum eine Hand und Arion wurde zurückgeschleudert, als würde er gegen eine Wand aus unsichtbarer Struktur prallen.
Für einen Moment lag er am Boden und hörte nur das eigene Blut in den Ohren. Dann sah er Lyra. Nicht weit entfernt. Nicht sicher. Und genau das veränderte etwas in ihm das nicht mehr mit Gedanken zu tun hatte.
Der Lich hob langsam den Kopf und diesmal war da etwas wie Interesse.
„Sterblich“ sagte er leise als wäre das Wort selbst eine Erinnerung, die ihn störte.
Die Luft um ihn herum verdichtete sich. Die Harpyien stießen gleichzeitig herab. Lyra bewegte sich in diesem Moment endlich. Nicht mit voller Magie, sondern mit einer Mischung aus Instinkt und Präzision die aus jahrelanger Kontrolle entstand. Ein kurzer Schritt zur Seite. Eine Bewegung der Hand. Kein großer Zauber, sondern eine gezielte Unterbrechung der Flugbahn eines der Wesen. Es reichte nicht um den Kampf zu gewinnen aber es reichte, um nicht sofort zu fallen.
Arion stand wieder auf.
Langsamer, aber diesmal etwas bewusster.
Er verstand plötzlich etwas das nichts mit Theorie zu tun hatte.
Dieser Gegner würde nicht auf Magie reagieren.
Also musste alles andere verschwinden.
Der Lich hob erneut die Hand und diesmal reagierte die Welt nicht mit Widerstand, sondern mit Vorbereitung. Etwas formte sich hinter ihm. Kein Zauber im klassischen Sinn. Es war eine Verdichtung von etwas das älter war als Sprache.
Arion sah die Lücke.
Nicht im Körper dafür im Moment und er lief.
Er lief, diesmal ohne Zauber. Ohne Worte. Nur Bewegung.
Der Lich drehte sich minimal zu spät.
Arion sprang.
Und in diesem Sprung war nichts Gelehrtes mehr. Kein Arion der Bücher gelesen hatte. Kein Arion der Symbole verstand. Nur ein Mensch, der entschieden hatte dass er nicht an diesem Ort sterben würde und dass die die gekommen war um ihm beizustehen kein Haar gekrümmt werden dürfe.
Die Klinge traf nicht zuerst den Körper, sondern den Raum darüber. Ein Reflex. Eine Korrektur. Dann der zweite Versuch. Und diesmal gab es keinen Widerstand mehr der bedeuteten Unverwundbarkeit.
Stahl fand Ziel.
Der Kopf des Lichs fiel nicht sofort. Einen Herzschlag lang blieb er noch in der Luft, als hätte selbst der Tod einen Moment gebraucht, um zu akzeptieren was geschehen war.
Dann brach er.
Und mit ihm die Präsenz die die Welt um sie herum verzerrt hatte.
Für einen kurzen Augenblick war es still.
Dann begann die Luft zu schreien.
Nicht hörbar im klassischen Sinn, wie ein Riss im Gefüge selbst. Der Körper des Lichs zerfiel nicht einfach, er löste etwas aus. Als hätte sein Ende einen Mechanismus aktiviert der lange vorbereitet gewesen war.
Aus dem Nichts entstanden sie.
Hunderte.
Keine Körper im eigentlichen Sinn. Eher Erinnerungen an Körper. Schatten die nicht vollständig existierten und trotzdem Gewicht hatten. Sie fielen gleichzeitig aus der Luft wie ein zerfallendes Versprechen.
Lyra erstarrte nur für den Bruchteil einer Sekunde.
„Arion!“ kreischte sie mit einer ihr nicht verwandten Hilflosigkeit.
Dann war sie bereits in Bewegung.
Arion drehte sich nicht um. Er verstand nur dass es keine Zeit mehr für Entscheidungen gab. Nur noch Reaktionen. Er griff nach Lyra im Vorbeilaufen und zog sie aus der direkten Linie der ersten Welle. Die Geister stürzten über sie hinweg und wo sie den Boden berührten, blieb keine Materie zurück, nur ein kurzes Flackern von Realität das sofort wieder verschwand.
Lyra hob beide Hände gleichzeitig und diesmal zwang sie die Magie nicht in eine Form: Sie ließ sie als reine Barriere entstehen. Kein Zauber im klassischen Sinn, ein Druck gegen das Unmögliche. Für Sekunden hielt es. Gerade genug.
Arion kämpfte nicht mehr wie ein Magier. Er bewegte sich wie jemand der gelernt hatte, dass alles was ihn retten konnte bereits in seinen Händen lag. Stein Stück Metall. Geschwindigkeit. Raum. Alles wurde Werkzeug.
Lyra bewegte sich neben ihm nicht weniger präzise, anders. Strukturierter. Ihre Magie kam in kurzen stabilen Impulsen, die nicht zerstören wollten sondern Wege öffneten.
Gemeinsam schafften sie es durch die Welle hindurch.
Sie besiegten sie nicht einfach, sie brachen durch sie hindurch und als der letzte der Geister sich endlich auflöste, blieb nicht als Stille zurück. Und der Geruch von etwas, dass nicht hätte existieren dürfen.
Arion stand schwer atmend neben Lyra. Seine Klinge noch in der Hand. Seine Haltung instabil aber aufrecht. Aufrecht wie ein Mann der grad ein Königreich zerschlagen hat.
Lyra blieb stumm und sie teilten die Stille.
Sie sahen nur auf den Ort an dem der Lich gestanden hatte.
Dort lag etwas. Ein Armband.
Schwarz. Metallisch. Nicht dekorativ, eher einfach, alt und angelaufen. Als wäre es kein Schmuck sondern ein Überrest von etwas anderem.
Lyra wollte es berühren doch Arion war schneller.
Er hob es auf.
Für einen Moment betrachtete er es nur.
Dann ging er ohne ein Wort zu Lyra hinüber und hielt es ihr hin.
Sie zögerte.
„Das könnte gefährlich sein“ sagte sie leise.
Arion nickte.
„Alles hier ist gefährlich“
Dann legte er es ihr trotzdem in die Hand.
Lyra schloss die Finger darum.
Und in diesem Moment verstanden beide ohne es auszusprechen dass dieser Kampf nicht das Ende war.
Sondern ein Anfang der bereits begonnen hatte bevor sie ihn bemerkt hatten.
Kapitel VI
Kaelor – Oberfläche und zurück
Die Welt unter Elesmera war kein Abbild der Oberfläche, aber ihr Gegenteil. Wo oben Licht in Straßen fiel und Stimmen sich mischten, lag hier unten ein System aus Stein, Druck und altem Schweigen. Kaelor bewegte sich durch die Unterstadt, als wäre er Teil eines Gedankens der nie zu Ende gedacht worden war. Die Gänge waren schmaler geworden je tiefer man kam und die Luft hatte jene Schwere die nicht nur vom Stein kam sondern von dem, was dieser Stein seit Jahrhunderten eingeschlossen hielt.
Die Gargoyles nannten diesen Ort nicht Unterstadt. Sie nannten ihn die Bewahrte Tiefe. Ein Name der nach Ordnung klang, aber in Wahrheit Kontrolle bedeutete. Jede Generation hatte hier unten Regeln hinterlassen, nicht auf Pergament, aber in der Architektur. Jede Brücke war ein Urteil. Jede Kante eine Entscheidung. Und jede Halle ein Stück Geschichte das man nicht mehr ändern konnte, ohne alles darüber zum Einsturz zu bringen.
Kaelor ging ohne Eskorte. Das war bereits ein Zeichen. Gargoyles bewegten sich selten allein in diesen Bereichen nicht weil es gefährlich war im klassischen Sinn, sondern weil alleinsein hier als politischer Zustand galt. Wer allein ging, stellte sich außerhalb der stillen Hierarchie.
Er wusste das.
Und er tat es trotzdem.
Die Halle der Ältesten lag tief im Kern der Unterstadt. Ein Raum der nicht gebaut worden war, um zu beeindrucken, sondern um zu überdauern. Die Decke verschwand in Schatten und nur an wenigen Stellen brach Licht durch Risse im oberen Gestein. Dort oben lag Elesmera. Eine Welt über einer anderen Welt.
Als Kaelor eintrat verstummten die Stimmen nicht sofort. Sie wurden nur leiser. Zwölf Älteste standen im Halbkreis. Ihre Körper waren schwerer geworden mit den Jahren oder vielleicht war es nur die Art wie sie sich weigerten sich noch zu bewegen, als müsste jede Bewegung gerechtfertigt werden.
„Du bist spät“ sagte einer von ihnen.
Kaelor blieb stehen.
„Ich bin genau dann gekommen, wenn ich entschieden habe dass es notwendig ist.“
Ein leises Knacken ging durch die Gruppe. Nicht hörbar wie ein Geräusch, eher wie ein kollektiver Widerstand.
„Notwendig“ wiederholte eine ältere Stimme. „Du sprichst dieses Wort, als wäre es frei.“
Kaelor sah sie an.
„Es ist freier als eure Angst.“
Stille. Nicht überrascht. Viel mehr angespannt.
Ein Gargoyle trat vor. Seine Flügel waren teilweise versteinert, wie bei vielen seines Alters die zu lange in ihren Positionen verharrt hatten die sie selbst nicht mehr verlassen konnten.
„Wir haben Berichte aus der Oberfläche“ sagte er schließlich.
Kaelor nickte langsam.
„Ich weiß.“
„Etwas hat sich dort verändert“ fuhr der Älteste fort. „Magische Signaturen. Risse im Gefüge. Bewegungen die nicht dokumentiert sind.“
Kaelor atmete aus.
„Dann habt ihr es also auch gespürt.“
Das war der Moment, in dem sich die Stimmung veränderte. Nicht weil er etwas zugab sondern weil er bestätigte, dass die Welt nicht mehr vollständig in ihrer Kontrolle lag.
„Du warst dort oben“ sagte eine Stimme schärfer.
Kaelor schwieg einen Moment.
Dann nickte er.
„Ja.“
Ein Murmeln ging durch die Halle.
„Und du hast nichts gemeldet“ sagte der Älteste.
Kaelor trat einen Schritt nach vorne.
„Weil ihr es nicht verstanden hättet.“
Ein kurzer Schlag von Spannung ging durch den Raum.
„Oder weil du entschieden hast, dass du es nicht teilen musst“ sagte der Älteste ruhig.
Kaelor sah ihn direkt an.
„Vielleicht beides.“
Das Wort hing schwer im Raum.
Draußen in der Tiefe vibrierte etwas.
Ganz leicht.
Kaum wahrnehmbar.
Aber Kaelor spürte es sofort.
Nicht als Magie.
Sondern als Veränderung der Struktur.
Als hätte irgendwo weit über ihnen jemand eine Tür nicht nur geöffnet sondern neu definiert.
Die Ältesten bemerkten es erst Sekunden später.
Ein leichtes Zittern im Stein.
Staub, der sich löste ohne Ursache.
Und dann Stille.
„Was war das“ fragte einer leise.
Kaelor schloss kurz die Augen.
„Das“ sagte er langsam „kommt von oben.“
Zur gleichen Zeit weit über dieser Tiefe lag Elesmera im Licht eines ganz normalen Tages. Und genau das machte den Unterschied unerträglich. Denn niemand dort oben wusste dass etwas geschehen war das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.
Kapitel VII
Ein wenig Frieden
Arion und Lyra hatten sich lieber außerhalb der Stadt zurückgezogen. Nicht weit genug um die Zivilisation zu verlassen aber weit genug um sie nicht sofort sehen zu müssen. Ein kleiner Hang oberhalb eines stillen Waldrandes, wo die Geräusche der Stadt nur noch wie ein fernes Atmen klangen.
Der Kampf lag Stunden zurück aber die Zeit hatte sich anders angefühlt seitdem. Nicht linear, eher gestaucht und beinah erdrückend. Jeder Moment war dichter als er sein sollte.
Arion saß auf einem Stein und reinigte seine Klinge langsam. Nicht weil sie schmutzig war sondern weil seine Hände etwas tun mussten, das keine Entscheidung erforderte.
Lyra stand etwas abseits. Sie hielt das Armband nicht mehr sichtbar in der Hand, sie hatte es in eine kleine Stoffhülle gelegt die sie aus ihrem Überkleid geschnitten hatte. Ihre Kleidung war ohnehin in Fetzen und voller Dreck. Sie würde alles entsorgen wenn sie zurück sind. Trotzdem war ihre Aufmerksamkeit ständig beim Artefakt. Als würde sie erwarten, dass es sich verändert, wenn sie es zu lange ignorierte.
„Du hast gezögert“ sagte sie schließlich leise.
Arion sah nicht auf.
„Im Kampf.. du hast gezögert.“
Er nickte.
„Nur einen Moment“
Lyra trat näher.
„Ein Moment reicht aber manchmal“
Arion hielt inne, dann legte er die Klinge langsam ab.
„Ich habe nicht gezögert, weil ich Angst hatte“ sagte er leise.
Lyra schwieg nur.
Er suchte nach den richtigen Worten und fand sie nicht sofort.
„Ich habe gezögert, weil ich in diesem Moment verstanden habe dass ich nicht mehr nur für mich kämpfe“
Lyra sah ihn an. Nicht überrascht, eher als hätte sie genau darauf gewartet, ohne es zu erwarten.
„Das ist verdammt gefährlich“ sagte sie.
„Ich weiß“ murmelte er.
„Nein“ sagte sie leise „du weißt es nicht wirklich. Sonst hättest du es nicht getan, ist doch so.“
Stille zwischen ihnen.
Nicht leer.
Voll.
Arion hob schließlich den Blick.
„Und du“
Lyra hielt ihn fest.
„Ich habe aufgehört Dinge nur als gefährlich oder sicher zu betrachten“
Ein kurzer Moment.
Dann näherte sie sich einen Schritt.
Nicht abrupt. Nicht wie zuvor im Kampf. Diesmal kontrollierter und bewusst.
„Wir haben etwas ausgelöst“ sagte sie leise.
Arion nickte.
„Ja, ich glaube auch“
„Und wir wissen nicht was es ist“
„Nein“ murmelte Lyra und atmete langsam aus. Dann fügte sie an;
„Gut“
Arion blinzelte.
„Wie Gut?“
„Das bedeutet nur dass wir noch Zeit haben es zu verstehen, bevor es uns versteht“
Arion musste fast lachen.
Nicht wirklich. Nur ein Ansatz davon ehe er wieder ernst wurde.
„Das Armband Lyra…“ es klang fast flehend.
Lyra berührte die Hülle und flüsterte: „Ich weiß nicht was es ist“
„Ich auch nicht“ hauchte er zurück.
„Aber es gehört nicht dorthin wo wir es gefunden haben“
Arion nickte langsam und hauchte ihr erneut zu:
„Dann nehmen wir es mit und finden heraus wo es hingehört“
Lyra sah ihn einen Moment an.
Dann nickte sie.
Und in dieser Entscheidung lag etwas das größer war als der Kampf selbst
Kapitel VIII.I
Kaelor – Die Halle der Ältesten
Zur selben Zeit tief unter Elesmera veränderte sich etwas in der Ordnung der Gargoyles.
Nicht laut und für die meisten Menschen auch nicht sichtbar.
Aber unumkehrbar.
Kaelor stand noch immer in der Halle der Ältesten.
Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wusste niemand im Raum mehr genau, wer hier eigentlich Kontrolle hatte.
Die Stille in der Halle der Ältesten hielt noch immer an, aber sie war nicht mehr stabil. Sie hatte Risse bekommen, wie altes Glas das unter zu viel Druck stand. Kaelor stand im Zentrum dieser Spannung und spürte etwas das keiner der anderen offen auszusprechen wagte. Nicht Angst im klassischen Sinn sondern ein Verlust von Sicherheit in der eigenen Ordnung.
„Du sagst also“ begann einer der Ältesten langsam „dass die Oberfläche sich verändert hat und dass du das nicht gemeldet hast weil du entschieden hast selbst zu handeln“
Kaelor ließ den Satz nicht sofort stehen, sondern wartete einen Moment als würde er prüfen ob er korrekt formuliert war.
„Ich sage, dass die Oberfläche sich verändert hat“ antwortete er schließlich mit einem deutlichen Unterton „und dass eure Systeme zu langsam sind um darauf zu reagieren“
Ein leises Knurren ging durch die Runde. Nicht tierisch, viel mehr politisch. Eine Reaktion aus Prinzip.
„Die Ordnung der Gargoyles basiert auf Stabilität“ sagte der Älteste.
Kaelor hob leicht den Kopf.
„Nein“ sagte er ruhig „sie basiert auf Angst vor Veränderung“
Das Wort hing schwer in der Luft.
Ein weiterer Gargoyle trat aus dem Halbkreis hervor. Seine Flügel waren breiter als die der anderen und mit dunkleren Steinschichten durchzogen, als wären sie über Jahrzehnte von Entscheidungen belastet worden die niemand mehr zurücknehmen konnte.
„Du stellst dich gegen unsere Tradition“ sagte er forsch.
Kaelor sah ihn an ohne zu blinzeln.
„Ich stelle mich gegen eure Trägheit“
Die Temperatur im Raum schien sich zu verändern wie ein System das beginnt sich selbst neu zu bewerten.
„Du vergisst woher wir kommen“ sagte eine Stimme hinter ihm.
Kaelor drehte sich nicht sofort um.
„Nein“ sagte er leise „ich erinnere mich besser als ihr“
Dann drehte er sich langsam.
„Wir wurden nicht erschaffen um zu bewahren was ist“ sagte er „sondern um zu verhindern dass es zerfällt“
Stille.
„Und genau das passiert gerade“
Niemand antwortete sofort.
Weil niemand sicher war ob er ihm widersprechen konnte ohne die Wahrheit selbst zu leugnen.
In diesem Moment vibrierte der Boden erneut.
Diesmal stärker.
Staub löste sich von der Decke.
Ein feiner Riss zog sich durch einen der alten Steinbögen als würde etwas auf der anderen Seite des Gefüges dagegen drücken.
Kaelor spürte es deutlicher als alle anderen.
Es war nicht nur Veränderung.
Es war Bewegung zwischen Welten.
Und irgendwo darin lag eine Verbindung die er noch nicht greifen konnte aber die sich anfühlte wie ein Name den man vergessen hatte.
„Ihr habt es jetzt auch gespürt“ sagte er ruhig.
Ein Ältester flüsterte.
„Was ist das“
Kaelor schloss kurz die Augen.
Als er sie wieder öffnete war seine Entscheidung gefallen.
„Etwas ist passiert“ sagte er „und es hat nichts mehr damit zu tun ob wir bereit sind“
Kapitel VIII.II
Zurück in Elesmera
Oberhalb der Unterstadt war die Welt noch immer im Gleichgewicht der Gewohnheit. Händler verkauften Waren, Kinder rannten durch Gassen, und niemand bemerkte, dass die Luft für einen Moment schwerer geworden war als sonst.
Arion saß inzwischen wieder in Bewegung. Nicht rastlos aber auch nicht ruhig. Er ging durch einen schmalen Waldpfad oberhalb der Stadt, während Lyra einige Schritte hinter ihm blieb. Nicht aus Distanz im emotionalen Sinn sondern aus einer Art unbewusster Synchronität die beide noch nicht bewusst vereinbart hatten.
Das Armband lag sicher verstaut in einer inneren Tasche seiner Kleidung. Und doch war es präsent. Wie ein Gedanke der nicht verschwindet, auch wenn man ihn nicht ansieht.
„Du spürst es auch“ sagte Lyra irgendwann viel mehr als sie fragen würde.
Arion blieb stehen und fragte „Was genau meinst du?“
Lyra trat neben ihn. „Dass sich irgendetwas verschiebt“
Er nickte langsam. „Seit dem Kampf ja“
Lyra sah in den Wald hinein und verfiel wieder in ein flüstern, beinah ängstlich: „Es ist nicht nur Nachwirkung“
Arion drehte sich leicht zu ihr.
„Du meinst das Armband“ und sah sie besorgt an, da wo sie es versteckte.
„Nein“ sagte sie leise „das ist nur ein Teil davon“
Stille folgte.
Der Wind bewegte die Blätter über ihnen und für einen Moment wirkte alles normal. Zu normal.
Arion senkte den Blick, doch nicht ohne sie ihm herabsehen zu mustern.
„Ich habe heute Nacht kaum geschlafen“ dann blickte er ihr einen Lidschlag direkt in die goldenen Augen. Lyra antwortete nicht sofort. Aber sie erwiderte den Blick mit einer Maske der Viskosität.
„Ich auch nicht“
Er sah sie nun direkt und eindringlich an.
„Woran denkst du“
Lyra zögerte einen Moment.
„Daran dass wir etwas gefunden haben das uns nicht zufällig gefunden hat“
Arion verstand sofort was sie meinte und genau das machte es schwerer.
„Dann bewegen wir uns nicht auf etwas zu“ sagte er langsam „sondern etwas bewegt sich auf uns zu“
Lyra nickte, schlug den Blick nieder und murmelte nur
„Ja“
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Er musterte sie einen wagen Augenblick und verfiel genauso lang in ein kaum wahrnehmbares Begehren. Er schien für einen Wimpernschlag abzuwägen und dann den Gendanken zu verwerfen.
Lyra schien das gleiche zu denken, folgte seinem Blick und verharrte mit dem Blick auf seinen Lippen. Dann schlug sie die Augen nieder. Sie wusste das war nicht der Moment dafür… *Moment* dachte sie *Wofür eigentlich?*
Dann setzte Arion sich wieder in Bewegung und sie warf den Gedanken beiseite. Vorerst.
„Wir sollten zurück nach Elesmera“
Seine Stimme klang fest und klar. Als hätte er in dem Kampf mit der Klinge zum Stahl gefunden und die Magie abgelegt.
Er faszinierte sie. Das tat er schon immer. Aber in solchen Moment war er ihr beinah fremd. Und das machte ihn unheimlich anziehend.
Lyra folgte ihm sofort.
„Ja“
Aber beide wussten, dass das kein Rückweg war.
Sondern ein Schritt in etwas hinein das längst begonnen hatte.
Kapitel IX
Was unter den Steinen liegt
Am Westtor blieb Arion stehen, weil er den Lederriemen nicht durch die Schnalle bekam.
Es war eine lächerlich kleine Schwierigkeit nach allem, was draußen geschehen war. Seine Finger hatten eine abgebrochene Klinge gehalten, während etwas Totes nach seinem Leben griff. Nun gehorchten sie ihm nicht einmal dabei, den zerrissenen Ärmel über einer Wunde zusammenzubinden. Bei jedem Versuch blieb die raue Innenseite des Leders an der aufgeschürften Haut hängen. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Er betrachtete es mit einer Verärgerung, die sich leichter ertragen ließ als das Zittern seiner Hand.
„Gib her“, sagte Lyra forsch.
Er wollte widersprechen, doch sie hatte den Riemen bereits genommen. Unter dem Torbogen war es kühl. Der Geruch nach Pferden, feuchtem Stroh und dem Abendessen der Wachen hing zwischen den Mauern. Irgendwo hinter ihnen stritt ein Fuhrmann darüber, ob drei Säcke Gerste wirklich verschwinden konnten, ohne dass jemand sie gestohlen hatte. Arion hörte jedes Wort. Gerade hatte er noch geglaubt, diese Stimmen nie wieder zu hören.
Lyra löste den Stoff vorsichtig von seiner Haut. Als er zusammenzuckte, hielt sie inne.
„Du hättest etwas sagen können.“ Sie blickte inmitten des Satzes für einen Wimpernschlag in seine Augen. Dieser kurze Blick hätte ihn beinah wahnsinnig gemacht. Er murmelte beinah bekümmert: „Ich dachte, es hört auf.“
Sie sah auf das Blut an ihrer Hand. „Eine bemerkenswerte Behandlung.“
Sein Mundwinkel zuckte unwillkürlich etwas auf: „Sie funktioniert bei vielen Dingen.“
Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Ein Lächeln, welches bessere Männer um den Verstand gebracht hätte, dachte er.
„Bei Gesprächen vielleicht.“
Das brachte dann auch ihn kurz zum Lächeln. Lyra bemerkte es, aber diesmal ließ sie ihm den Augenblick. Sie zog ein sauberes Stück Stoff aus der Innenseite ihres Ärmels und drückte es auf die Wunde. Ihre Finger waren kalt. Unter dem Schmutz an ihrer Schläfe verlief ein dünner Kratzer bis zum Haaransatz, den Arion bisher nicht gesehen hatte. Er hob die freie Hand, hielt jedoch kurz vor ihrem Gesicht an.
Lyra folgte seinem Blick. Er musste ihre Begierde fast schon greifen können, dachte sie. Bevor ihr noch etwas rausrutscht, dass sie später bereuen würde sagte sie rasch:
„Das ist nichts.“
„Eine bemerkenswerte Behandlung“, wiederholte er ihre Bemerkung.
Für einen Moment sahen sie einander an. Dann senkte sie den Kopf, und er konnte nicht erkennen, ob sie lächelte. Sie band den Verband fester, als nötig gewesen wäre.
Erst hinter dem Torbogen versuchte sie einen kleinen Heilzauber. Arion spürte Wärme unter dem Stoff und das vertraute Ziehen, mit dem sich verletztes Gewebe zusammenfügte. Es dauerte kaum länger als einen Atemzug. Dann erlosch der Schimmer zwischen ihren Fingern.
Lyra zog die Hand zurück.
„Was ist?“
Sie antwortete nicht sofort. Ihre Augen gingen zu seiner Brust, dorthin, wo die Stoffhülle mit dem Armband unter seinem Gewand lag. „Ich habe aufgehört.“
„Das habe ich gemerkt, aber warum?“ er runzelte die Stirn und starrte sie besorgt eindringlich an.
„Weil der Zauber weiter Kraft genommen hat, auch nachdem ich ihn beendet hatte.“
Arion berührte die Tasche. Durch Stoff und Futter fühlte er die schmale Wölbung des Metalls. Es war warm geworden.
Er griff sie eilig bei der Hand und sie gingen ohne weitere Versuche zur Bibliothek.
Sie konnte nicht anders als ihre verschränkten Finger anzublicken. Wenn er zurückgeblickt hätte, hätte er sie verliebt lächeln gesehen. Um die Fassung zurückzugewinnen, entriss sie ihm, sie fand im Nachhinein viel zu grob, die Hand, kurz bevor sie die Bibliothek erreichten. Sie hätte schwören können, seine Gesichtszüge wären ihm kurz entglitten als ihre Hände sich verließen.
Eldrin öffnete ihnen selbst. Er hatte die Lesesäle bereits schließen wollen und hielt noch den großen Schlüsselbund in der Hand. Sein Blick wanderte von Arions zerrissenem Gewand zu Lyras blutigem Ärmel. Dann trat er wortlos zur Seite. Diese wortlose Bewegung beunruhigte Arion mehr als jeder Vorwurf.
Im hinteren Arbeitsraum brannte eine einzelne Lampe. Auf Eldrins Tisch standen ein Becher kalter Tee und eine Schale mit Brot, dessen Ränder sich bereits aufrollten. Die vertrauten Dinge nahmen dem Geschehen draußen nichts von seinem Gewicht. Arion merkte erst, wie erschöpft er war, als er den Stuhl heranzog und beinahe daneben griff.
Eldrin stellte Wasser vor ihn.
„Erst sollten wir etwas trinken. Und danach müsst ihr mir alles erzählen.“
Arion trank und Lyra erzählte.
Sie ließ nichts aus, auch nicht, dass sie den Lich nach dem Versagen ihrer Magie nicht mehr verstanden hatten. Eldrin unterbrach sie nur einmal, um nach der Lage der Ruinen zu fragen. Danach hörte er mit beiden Händen auf dem Tisch zu. Als Arion die Hülle aus seiner Tasche zog, schob der Bibliothekar seinen Teebecher fort.
Das Armband lag zwischen ihnen auf dem fleckigen Stoff. Unter dem ruhigen Licht sah es ernüchternd gewöhnlich aus. Schwarzes Metall, angelaufen an den Kanten, mit einer schmalen Öffnung auf der Innenseite. Arion hatte etwas erwartet. Einen Schimmer vielleicht, oder wenigstens das Wiederkehren jener Kälte aus den Ruinen. Stattdessen roch er Tee und Lampenöl.
„Wir sollten es in einen Schutzkreis legen“, sagte er.
Lyra schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
Er sah sie an.
„Wir wissen nicht, was es mit der Magie macht. Einen Kreis darum zu ziehen könnte bedeuten, es zu sichern. Es könnte auch bedeuten, ihm genau das zu geben, was es braucht. Magie.“ Sie hob eine Augenbraue und zog eine nachdenkliche Schnute. Arion hätte sie am liebsten in die Wange geknifften.
Eldrin zog eine lange Messingzange aus der Schublade und riss Arion damit zurück in die Gegenwart. Sie war dafür gedacht, verkohlte Schriftstücke aus einem Feuer zu bergen. Arion erinnerte sich unwillkürlich an die umgestürzte Kerze.
„Diesmal“, sagte der Alte und legte die Zange neben das Armband, „möchte ich etwas besser vorbereitet sein.“
Mit dem Werkzeug drehte er das Metall langsam ins Licht. Auf der Innenseite erschienen flache Rillen. Einige waren beinahe vom Abrieb verschwunden, andere endeten so scharf, dass Arion sich vorbeugte. Sie folgten keiner Verzierung. In gleichmäßigen Abständen mündeten sie in winzige Vertiefungen am Rand.
„Dafür brauche ich eine bessere Lampe“, murmelte er.
„Dafür“, erwiderte Eldrin, „brauchen wir jemanden, der mehr von Metall versteht als wir drei zusammen.“
• • •
Kaelor fand die erste beschädigte Stütze noch vor dem westlichen Aufgang.
Drei Gargoyles hatten einen Holzbalken unter den geborstenen Querstein geschoben. Ein vierter kniete daneben und versuchte, Keile in einen Spalt zu treiben, der sich bei jedem Schlag wieder verengte. Weiter hinten wurden Kinder aus den Schlafnischen geführt. Eines hielt einen Becher mit beiden Händen fest, so vorsichtig, als wäre der Inhalt das Einzige, das bei der Erschütterung nicht verloren gehen durfte.
Kaelor legte die Schulter unter den Balken.
„Raus hier, sofort!“
Der Kniende sah auf. „Der Keil sitzt aber noch nicht.“
„Dann sitzt er eben später du Doof!“ grollte Kaelor ihn an.
Er wartete, bis der andere zurückgekrochen war, setzte die Füße weiter auseinander und hob. Der Druck ging durch seine Beine bis in den Rücken. Oberhalb seiner Schulter knirschte Gestein. Einen Augenblick lang geschah nichts, dann bewegte sich der Querstein um kaum mehr als eine Fingerbreite. Genug. Zwei Helfer schlugen die Keile ein. Kaelor hielt, bis beide zurückgetreten waren.
Als er sich löste, zitterten seine Arme. Kalkstaub lag auf seinen Händen. An der Stelle, wo der Balken auf seiner Schulter geruht hatte, war eine schmale Schuppe abgesprungen.
Der ältere Gargoyle aus der Versammlung stand am Eingang.
„Die oberen Lasten“, sagte er. Seine Stimme klang müde. „Du hattest recht damit verdammt.“
Kaelor strich den Staub von seinen Fingern und betrachtete die freigelegte Bruchfläche.
„Hier nicht.“
Zwischen den hellen Schichten des Steins verlief ein schwarzer Streifen. Er war schmaler als ein Fingernagel und an den Rändern so sauber eingefasst, dass er unmöglich dort gewachsen sein konnte. Kaelor kniete nieder. Der Streifen verschwand auf beiden Seiten im unbeschädigten Mauerwerk.
Er hatte in diesen Gängen gearbeitet, seit er schwer genug gewesen war, einen Stützbalken zu tragen. Er kannte Hohlräume, verschüttete Treppen und die Stellen, an denen alte Bauherren gespart hatten. Das hier hatte er noch nie gesehen.
„Eine Verstärkung, was ist das?“, fragte einer der Helfer.
Kaelor legte zwei Finger an das dunkle Material. Ein feines Beben lief hindurch, regelmäßiger als die Erschütterungen zuvor. Es kam aus Richtung der Oberstadt.
„Holt niemanden an diese Wand“, sagte er.
Mit einem Meißel löste er ein bereits abgebrochenes Stück aus dem Schutt. Es war kaum länger als sein Daumen. Trotzdem lag es schwer in seiner Hand.
Der Alte trat näher. „Wohin willst du?“
„Zu einem Schmied.“
Diesmal hielt ihn niemand auf und er rannte los.
• • •
Dargan Eisenherz war dabei, das Feuer abzudecken, als Eldrin in seiner Werkstatt erschien. Hinter dem Bibliothekar standen zwei Menschen, die aussahen, als hätten sie den Weg durch die Abwasserkanäle genommen und unterwegs einen Streit verloren.
Der Zwerg betrachtete sie. Dann stellte er den Eimer wieder ab.
„Wenn das eine Tür ist, die sich nicht öffnen lässt, kommt morgen wieder.“
Eldrin legte die eingewickelte Armspange auf den Arbeitstisch.
„Ich fürchte, dafür ist es zu spät.“
Dargan hörte ihre knappe Erklärung an, ohne das Metall anzufassen. Dann schob er eine breite Steinplatte über den Tisch, nahm eine Zange vom Haken und legte das Fundstück darauf. Er arbeitete mit einer Sorgfalt, die Arion sofort auffiel. Jeder Gegenstand hatte seinen Platz; selbst der feine Metallstaub war zu einer schmalen Linie zusammengefegt. An der Wand hingen neben Waffen Scharniere, Pflugscharen und der unfertige Rahmen eines kleinen Kinderbettes.
„Wem gehört das?“, fragte Dargan.
„Es lag bei dem Lich“, antwortete Arion.
„Das habe ich gehört. Ich frage, wer es gemacht hat.“
„Das wissen wir nicht.“ Zischte Arion ihn an.
Der Zwerg brummte und senkte eine geschliffene Linse vor sein rechtes Auge. Lange betrachtete er die Rillen, drehte das Werkstück und prüfte die schmale Öffnung.
„Keine Hammerschläge“, sagte er schließlich. „Keine Naht. Es wurde als ein Stück gefertigt. Aber die Spuren innen sind später hineingearbeitet worden.“
Arion beugte sich vor. „Runen?“
„Rillen.“ Dargan hob den Blick. „Wenn du ein Wort darauf lesen kannst, darfst du es eine Rune nennen.“ Er runzelte die runzlige Stirn. Etwas spöttisches lag darin.
Lyra lehnte neben der Tür am Mauerwerk. Seit sie die Werkstatt betreten hatten, war ihr zunehmend kalt geworden. Das Feuer brannte noch, Dargan hatte Schweiß am Hals, und trotzdem kroch ihr die Kälte unter das Gewand. Sie richtete sich auf.
„Arion. Bitte“
Er hörte die Veränderung in ihrer Stimme sofort.
Auf der Steinplatte bewegte sich das Armband.
Es war kaum mehr als ein leises Kratzen. Eine Kante hob sich, sank zurück und drehte sich um einen winzigen Winkel. Dargan nahm die Zange. Noch bevor er zugreifen konnte, schlug etwas gegen die Werkstatttür.
Alle fuhren herum.
Kaelor musste sich bücken, um einzutreten. An seiner Schulter haftete weißer Staub. In der rechten Hand hielt er ein Stück schwarzen Materials, und Arion spürte, wie das Armband über den Tisch schabte.
„Leg das weg“, sagte Lyra in einem Anflug von Hysterie.
Kaelor blieb stehen. Sein Blick ging von ihrem Gesicht zu der Steinplatte. Dann schloss er die Finger fester um den Splitter.
„Was habt ihr da?“
„Das wollten wir gerade herausfinden“, sagte Dargan. „Und jetzt möchte ich sehr gern wissen, was du da hast.“
Kaelor legte den Bruch auf die freie Ecke des Tisches. Die Armspange drehte sich weiter. Ein dünner Ton entstand, hoch und unangenehm, als führe ein nasser Finger über den Rand eines Glases.
„Es steckt unter der Stadt“, sagte er und lies die Köchel der linken Pranke knacken.
Eldrin sah ihn an und verfolgte mit dem Blick das Schauspiel der knackenden Knöchel. „Wo genau?“ fragte er derweil knapp, wie der Gargoyle selbst.
„In den Mauern.“ Grollte Kaelor zurück.
Der Ton wurde lauter.
Dargan schob den Splitter mit der Zange zurück. Das Geräusch sank. Er hielt inne, zog das Stück wieder eine Handbreit näher, und die Rillen auf der Innenseite der Spange begannen matt zu schimmern.
„Genug jetzt“, sagte Lyra.
Doch Arion hatte die Linien erkannt. Nicht alle. Nur eine Biegung, sieben kurze Unterbrechungen und jenen Winkel am Ende, über dem er in der Bibliothek so viele Nächte verbracht hatte. Er trat näher, bevor er darüber nachdachte.
In ihm öffnete sich der vertraute Zugang zur Magie.
Das Armband kippte auf die Seite.
Lyra stieß ihn mit beiden Händen zurück.
Arion prallte gegen einen Schrank. Hinter seinen Augen flammte ein weißer Schmerz auf. Er verlor die Verbindung, noch bevor er einen Zauber formen konnte. Auf dem Tisch sprang die Steinplatte entzwei.
Dargan fluchte und griff nach der Zange. Kaelor war schneller. Mit einem Schlag seines Unterarms fegte er den Splitter vom Tisch. Das Stück schlitterte über den Boden bis an die gegenüberliegende Wand. Gleichzeitig erlosch der matte Schein.
Für einige Atemzüge hörte man nur Arions mühsames Luftholen.
Lyra stand vor ihm. Eine Hand lag noch auf seiner Brust.
„Nicht noch einmal“, sagte sie.
Er wollte ihr erklären, dass er keinen Zauber gesprochen hatte. Dass es nur ein Reflex gewesen war. Doch ihre Hand zitterte, und plötzlich verstand er, wie wenig diese Unterscheidung bedeutete.
„Nein“, sagte er. „Nicht noch einmal.“
Sie ließ ihn los.
Dargan hob die Zange auf, die ihm beim Schlag aus der Hand gefallen war. Dann betrachtete er die geborstene Platte. Der Riss verlief genau unter der Öffnung der Spange. In der Bruchkante lag schwarzer Staub, obwohl der Stein vorher hell und sauber gewesen war.
„Das bleibt heute Nacht getrennt“, sagte er. „Und ihr erklärt mir jetzt alles. Langsam.“
• • •
Sie brauchten den Rest des Abends.
Dargan brachte Brot, Käse und einen Krug Wasser, den niemand sofort anrührte. Kaelor zeichnete den beschädigten Gang mit einem Kohlestück auf ein Abfallbrett. Er fügte die Stützen hinzu, den westlichen Aufgang und schließlich die Richtung, aus der das Beben gekommen war. Arion legte seine Abschrift des alten Zeichens daneben.
Eldrin holte einen Plan aus der Bibliothek.
Er war so alt, dass sie die gerollten Enden mit Werkzeugen beschweren mussten. Darauf fehlten ganze Viertel der heutigen Stadt. Wo inzwischen die Akademie stand, waren nur Gärten eingezeichnet. Die unteren Gänge erschienen als dünne Linien, von denen mehrere mitten im Pergament abbrachen.
Kaelor deutete auf eine davon.
„Hier.“
Eldrin rückte die Lampe näher. Neben dem Strich stand eine winzige Zahlenfolge. Er las sie zweimal, dann ging er mit dem Finger zum Rand des Plans.
„Das ist kein Versorgungsgang“, sagte er.
Kaelor sah auf. „Dort verlaufen die alten Wasserleitungen.“
„Heute.“
Am Rand des Pergaments war eine zweite Zeichnung angefügt, kaum größer als Arions Hand. Sie zeigte denselben Abschnitt ohne die späteren Mauern. Sieben schwarze Streifen liefen darin auf eine Kammer zu. In deren Mitte befand sich eine leere Fläche, sorgfältig freigelassen, während ringsum selbst die Abstände zwischen den Stützen vermerkt waren.
Dargan zog das Brett mit Kaelors Zeichnung heran. Er legte es neben den Plan und verglich die Richtungen.
Arion spürte wieder die Aufregung, die ihn in der Bibliothek beinahe um den Verstand gebracht hatte. Doch diesmal sah er zuerst zu Lyra. Sie stand ihm gegenüber, blass im Lampenlicht, und legte einen Finger auf den Rand des Pergaments.
Dort war etwas abgeschabt worden.
Unter der rauen Stelle blieb der untere Teil eines Buchstabens erhalten, daneben der Ansatz eines zweiten. Eldrin holte eine flache Schale, füllte sie mit Wasser und stellte sie so unter die Lampe, dass das Licht schräg über die Oberfläche des Plans fiel. Winzige Vertiefungen warfen Schatten.
Arion beugte sich darüber. Langsam setzte er die fehlenden Linien zusammen.
„Eine Ortsbezeichnung“, sagte er.
„Kannst du sie lesen?“, fragte Kaelor.
Es dauerte. Zwei Buchstaben waren fast ganz verschwunden. Der letzte ging in einem Wasserfleck unter. Arion nahm die Feder, die Eldrin ihm reichte, und schrieb auf ein loses Blatt, was er erkennen konnte. Dann ergänzte er die fehlenden Stellen, erst zögernd, schließlich mit einer Sicherheit, die ihm selbst unbehaglich war.
Sosaria.
Niemand sprach.
Aus dem Ofen kam ein trockenes Knacken. Dargan stand auf und schloss die Luftzufuhr, bevor er an den Tisch zurückkehrte. Die gewöhnliche Bewegung gab Arion etwas, woran er sich festhalten konnte.
„Wo liegt das?“, fragte der Zwerg.
„Ich weiß es nicht.“
Kaelor betrachtete den Plan. „Aber du kennst den Namen.“
Arion nickte. „Aus den Texten.“
Er erklärte ihnen, wo er ihn gefunden hatte: in Randbemerkungen, zwischen widersprüchlichen Reiseberichten, einmal in einer Abschrift, deren Verfasser selbst vermutet hatte, der ursprüngliche Schreiber sei einem Irrtum erlegen. Er hatte nach Entfernungen gesucht. Nach einer Küste, einem Gebirge, einem Sternbild, das eine Richtung verraten konnte.
Nun sah er auf die Kammer unter ihrer Stadt.
„Vielleicht habe ich an der falschen Stelle gesucht.“
Lyra setzte sich langsam. Die Erschöpfung hatte ihre Bewegungen schwer gemacht, aber ihr Blick blieb auf dem abgeschabten Namen.
„Jemand hat sich die Mühe gemacht, das zu entfernen.“
Eldrin fuhr mit dem Finger über den unbeschädigten Rand des Pergaments. „Und den Plan trotzdem aufbewahrt.“
Kaelor schob sein Brett fort. „Ich führe euch hin.“
„Heute nicht“, sagte Dargan.
Der Gargoyle hob den Kopf.
„Du hast eine Stütze auf der Schulter getragen. Er kann seinen Becher kaum halten. Und sie sieht aus, als würde sie euch beide tragen, wenn ihr umfallt.“ Der Zwerg nahm zwei schwere Kästen aus einem Regal und stellte sie weit voneinander entfernt auf den Boden. „Heute sichern wir diese Dinge. Morgen sehen wir nach, was unter meiner Werkstatt liegt.“
Arion blickte auf seine Hand. Tatsächlich hatte er den Becher mit beiden Händen umfasst.
Er widersprach nicht.
• • •
Als sie endlich auf die Straße traten, waren die meisten Fenster dunkel. Lyra ging dicht neben Arion. Ihre Schultern berührten sich gelegentlich, und keiner von beiden wich aus. An der nächsten Kreuzung blieb sie stehen.
„Du wirst heute schlafen.“
„Ich könnte die Abschriften—“
Sie unterbrach ihn verärgert: „Arion. Wenn du nicht willst, dass ich dir was untermische, dass dich schlafen lässt versprichst du mir dich auszuruhen!“
Er schwieg und starrte sie einen Moment lang angestrengt an.
Sie zog den Verband an seinem Arm vorsichtig zurecht. Unter ihren Fingern hatte sich ein dunkler Fleck gebildet. Diesmal versuchte sie nicht, die Wunde zu schließen.
„Morgen“, sagte er schließlich, geschlagen von ihrer Fürsorge.
Lyra sah zu ihm auf. „Ja.“ Ihre Augen funkeltes im abstrakten Licht der Gasse.
Ihre Hand blieb noch einen Moment auf seinem Arm. Dann gingen sie gemeinsam weiter, seine Hand lag wieder in der ihren.
In der Werkstatt löschte Dargan die letzte Lampe. Er hatte die Kästen auf trockene Holzklötze gestellt und ihre Deckel mit Draht gesichert. Die geborstene Steinplatte lag daneben. Morgen würde er sie genauer untersuchen. Bevor irgendjemand mit einer Tür zwischen Welten herumspielte, wollte er wenigstens wissen, welches Material unter ihren Händen zerbrach.
Er prüfte den Ofen, schob den Riegel vor und blieb stehen.
Unter der Werkbank hatte etwas gekratzt.
Dargan lauschte. Eine Ratte, dachte er. In einer Stadt wie dieser fand selbst die sauberste Werkstatt irgendwann eine Ratte.
Dann kam das Geräusch erneut.
Langsam kniete er nieder. Zwischen den Bodenplatten zog sich eine dunkle Linie durch den Mörtel. Er kannte jede Unebenheit dieses Bodens; erst im vergangenen Winter hatte er die abgesackten Steine neu gesetzt. Diese Linie war nicht dort gewesen.
Dargan legte die Hand daneben.
Der Stein war warm. Sehr warm.
Er nahm einen Meißel, schob die Spitze in die Fuge und brach ein Stück Mörtel heraus. Darunter lag schwarzes Metall.
Es summte noch immer.
Kapitel X
Die Namen an der Schwelle
Dargan nahm die Hand vom Boden und rieb die Finger an seiner Schürze ab.
Die Wärme blieb. Sie saß in den Kuppen, ein hartnäckiges Kribbeln, wie nach einem unvorsichtigen Griff an ein Werkstück, das längst hätte abgekühlt sein müssen. Er kniete noch immer zwischen Werkbank und Ofen. Unter seinen Stiefeln knirschte der herausgebrochene Mörtel. Im dunklen Spalt lag der schwarze Streifen, glatt und schmal, und führte unter dem Schrank mit den Beschlägen hindurch zur rückwärtigen Wand.
Dargan schaute zum Ofen. Die Glut war abgedeckt. Bis zu dieser Fuge waren es sechs Schritte, und dazwischen lagen zwei Reihen kalter Bodenplatten.
„Du wirst mir jetzt nicht erzählen, dass du schon den ganzen Winter hier liegst“, brummte er.
Das Summen wurde für einen Augenblick lauter.
Er stand auf, etwas zu schnell für seine Knie, und fluchte. Dann nahm er eine Kreide vom Tisch und zog einen Strich quer über die Fuge. Einen zweiten setzte er dort, wo das schwarze Metall unter dem Schrank verschwand. Falls sich etwas bewegte, wollte er am Morgen mehr vorweisen können als ein schlechtes Gefühl und einen beschädigten Fußboden.
Er wartete nicht bis zum Morgen.
• • •
Kaelor kam mit einer Laterne und der schlechten Laune eines Wesens, das man gerade erst zum Hinlegen überredet hatte. Seine Schulter war mit einer breiten Auflage aus weichem Leder geschützt. Darunter roch es nach Kräutersalbe. Der Botenjunge, den Dargan geschickt hatte, blieb vorsichtshalber auf der anderen Straßenseite.
„Wenn du mich wegen deines Bodens aus der Tiefe holen lässt, hoffe ich sehr, dass er inzwischen verschwunden ist“, sagte Kaelor beim Eintreten. „Unten schlafen Familien in Durchgängen, weil ihre Nischen nicht mehr sicher sind. Ich habe gerade zwei Stunden damit verbracht, ihnen zu erklären, weshalb sie trotzdem die Augen schließen können.“
Dargan führte ihn zur Werkbank.
„Dann wirst du verstehen, warum ich niemanden darüber schlafen lassen will, bevor du es gesehen hast.“
Kaelor ging in die Hocke. Seine Finger schwebten einen Moment über der Fuge, dann legte er die Hand flach auf eine benachbarte Platte. Dargan beobachtete, wie sich die kleinen Muskeln an seinem Kiefer spannten.
„Das ist derselbe Ton“, sagte Kaelor. „In der gebrochenen Stütze war er schwächer. Hier hört man ihn durch den ganzen Stein.“
„Die Kästen habe ich nicht angerührt. Es hat weitergemacht, obwohl keiner von uns mehr Magie benutzt hat.“
Kaelor sah zu den beiden Behältern hinüber.
„Wie weit ist der hintere von hier entfernt?“
Dargan folgte seinem Blick. Dann sah er wieder auf den schwarzen Streifen. Er verlief genau darunter.
Gemeinsam trugen sie den Kasten mit der Armspange hinaus auf die Straße. Dargan hatte den Draht durch Ösen im Deckel gezogen; er packte den Behälter am Boden, um die Sicherung nicht zu belasten. Kaelor blieb in der Werkstatt. Nach zehn Schritten hob er die Hand. Nach zwanzig ließ er sie langsam sinken.
Das Summen hatte aufgehört.
Dargan stellte den Kasten ab. Zwischen den Häusern ging ein Nachtwächter vorbei und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier.
„Wenn du wissen willst, was ich hier mache, musst du bis morgen warten“, sagte der Zwerg. „Bis dahin hätte ich gern, dass niemand dagegen tritt.“
• • •
Als Lyra am nächsten Morgen an Arions Tür klopfte, öffnete er mit einem Stück Brot im Mund und einem Buch unter dem Arm.
Sie betrachtete zuerst das Buch.
„Ich hatte gehofft, du würdest wenigstens so tun, als hättest du geschlafen.“
Arion kaute zu Ende. Sein Haar stand auf einer Seite ab, und an seiner Wange verlief die rote Kante eines Kissenbezugs.
„Ich habe geschlafen. Das Buch lag auf dem Tisch, und ich musste nur nachsehen, ob—“
„Wenn du jetzt sagst, dass dir etwas eingefallen ist, nehme ich es dir weg.“
Er schob es hinter seinen Rücken. Lyra hätte über die kindliche Bewegung lachen können, wenn er nicht so müde ausgesehen hätte. Immerhin war der Verband sauber. Sie hatte am Vorabend noch darauf bestanden, ihn zu wechseln, und war länger geblieben, als sie ursprünglich gewollt hatte. Das wusste er. Er hatte ihr zum Abschied die Hand gehalten, bis sie selbst nicht mehr gewusst hatte, wie sie gehen sollte, ohne dass es wie eine Entscheidung gegen ihn wirkte.
Nun standen sie wieder voreinander, und Arion schien sich an denselben Augenblick zu erinnern.
„Du hättest nicht schon so früh kommen müssen“, sagte er. „Ich wäre zu dir gegangen.“
„Dann hätten wir uns verpasst. Dargan hat nach uns geschickt.“
Er wurde sofort ernst. Lyra sah die Frage in seinem Gesicht entstehen und hob eine Hand.
„Niemand ist verletzt. Mehr weiß ich selbst noch nicht. Und bevor du an mir vorbeirennst, ziehst du dir bitte vernünftige Schuhe an.“
Arion sah an sich hinunter. Einer seiner Stiefel stand unter dem Tisch. Den anderen suchten sie gemeinsam.
Als sie schließlich hinausgingen, griff er nach ihrer Hand. Diesmal wartete Lyra nicht erst darauf, dass er es sich anders überlegte. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und ging dicht neben ihm die Treppe hinunter. Eine ältere Magierin kam ihnen entgegen, musterte ihre Hände und lächelte so unverschämt wissend, dass Lyra plötzlich sehr beschäftigt damit war, auf die Stufen zu achten.
Arion hielt sie trotzdem fest.
• • •
Vor Dargans Werkstatt stand ein schwerer Kasten in einem leeren Wassertrog. Darüber war eine Holzplatte gelegt, die jemand mit drei Pflastersteinen beschwert hatte.
Eldrin betrachtete die Anordnung.
„Ich sehe, die Forschung hat Fortschritte gemacht.“
„Sie steht jetzt wenigstens nicht mehr auf meinem Fußboden“, erwiderte Dargan. „Das ist seit gestern Abend die vernünftigste Verbesserung.“
Drinnen zeigte er ihnen die geöffneten Fugen. Kaelor hatte den Verlauf des dunklen Materials freigelegt, ohne die Bodenplatten anzuheben. Dargans Kreidestriche standen noch an derselben Stelle. Die Ränder waren unverändert. Nichts war gewachsen, nichts gewandert.
Arion kniete sich daneben und hielt die Hand darüber, ohne den Zugang zu seiner Magie zu öffnen.
„Es reagiert also auch durch Stein hindurch.“
„Auf zwanzig Schritte“, sagte Dargan. „Vielleicht weiter, wenn nicht drei Hauswände dazwischenstehen. Ich werde es nicht extra ausprobieren.“
Lyra hockte sich neben Arion.
„Dann war es gestern nicht sicher, nur weil wir die beiden Stücke auf verschiedene Seiten des Raumes gelegt haben.“
„Nein“, gab er zu. „Das haben wir falsch eingeschätzt.“
Dargan nickte einmal, zufrieden damit, dass niemand versuchte, aus dem Fehler eine weniger unangenehme Wahrheit zu machen.
Kaelor hatte den alten Plan auf der Werkbank ausgebreitet. Neben die ursprünglichen Linien hatte er eine neue Zeichnung gelegt, gröber und deutlich größer.
„Hier liegt deine Werkstatt. Darunter verläuft ein alter Abfluss. Weiter westlich trifft er auf den Gang mit der beschädigten Stütze.“ Seine Kralle fuhr über das Papier. „Die Kammer auf eurem Plan liegt hinter einer vermauerten Verzweigung. Ich kenne den Weg bis dorthin.“
Arion richtete sich auf.
„Dann müssen wir sie finden, bevor noch mehr von diesen Leitungen beschädigt werden. Wenn wir verstehen, wie sie verbunden sind, können wir vielleicht—“
Kaelor legte die Hand auf den Plan.
„Bevor wir irgendetwas vielleicht können, sehen wir nach den Stützen. Unten wohnen Leute. Wenn ihr dort etwas anfasst, fällt nicht bloß eine alte Mauer auf eure Köpfe.“
Arion hielt seinem Blick stand. Einen Augenblick lang war Lyra sicher, dass er widersprechen würde. Dann sah er auf die eingezeichneten Schlafnischen.
„Du führst uns“, sagte er. „Und wenn du sagst, dass wir umkehren, kehren wir um.“
Kaelor nahm die Hand vom Papier.
„Das möchte ich nachher nicht noch einmal mit dir ausdiskutieren müssen.“
• • •
Der Zugang lag hinter einem Lagerhaus, dessen Besitzer Dargan einen Schlüssel schuldete und nun offenbar bereute, ihn jemals bekommen zu haben. Er ließ sie durch einen Keller voller leerer Ölfässer und blieb an der Treppe stehen.
„Wenn euch da unten etwas entgegenkommt, macht die Tür wieder zu“, rief er ihnen nach. „Ich habe erst letzte Woche die Ratten losgekriegt.“
Dargan hob die Laterne.
„Sollte uns eine besonders große begegnen, schicken wir sie dir hoch.“
Die Treppe war für Menschen gebaut worden. Kaelor musste seitwärts gehen, die Flügel eng an den Körper gelegt. An einer niedrigen Stelle streifte die verletzte Schulter den Stein. Er zog scharf die Luft ein, sagte jedoch nichts. Lyra sah es trotzdem. Als sie den nächsten Absatz erreichten, bot sie ihm an, die Lederauflage zu richten.
„Du musst nichts daran heilen“, sagte er sofort.
„Das hatte ich nicht vor. Aber wenn sie verrutscht, scheuert dir die Kante bei jedem Schritt über die Wunde. Dreh dich ein Stück, dann sind wir beide schneller fertig.“
Er gehorchte mit einem Grollen, das sie großzügig als Zustimmung betrachtete.
Unterhalb des Kellers änderte sich die Luft. Es roch nach stehendem Wasser, nassem Kalk und dem Öl ihrer Lampen. Eine Rinne begleitete den Weg, stellenweise unter Platten verborgen, dann wieder offen. Von weit her kamen Hammerschläge. Dazwischen hörten sie Stimmen, das gedämpfte Weinen eines Kindes und jemanden, der mit großer Geduld dasselbe Lied immer wieder von vorn begann.
Arion verlangsamte seinen Schritt.
In einer verbreiterten Nische saß eine Gargoyle-Frau und kämmte einem Jungen Staub aus den kurzen Haaren. Neben ihr standen Bündel, ein zusammengerolltes Lager und jener Becher, den Kaelor am Abend zuvor gesehen hatte. Der Junge hielt still, bis er die Fremden bemerkte.
„Sind das die von oben?“
Die Frau legte ihm eine Hand auf die Schulter. Kaelor blieb stehen.
„Sie helfen uns, nach den Mauern zu sehen.“
Der Junge musterte Arions Robe. „Kannst du sie wieder ganz machen?“
Arion hätte beinahe ja gesagt. Die Antwort lag ihm bereits auf der Zunge, leicht und beruhigend. Er sah die Bündel an, den Staub im Haar des Kindes und die müden Augen der Frau.
„Ich weiß noch nicht, wie“, antwortete er. „Aber wir gehen jetzt nachsehen, was passiert ist.“
Der Junge schien davon wenig beeindruckt.
Seine Mutter nickte Arion zu.
Als sie weitergingen, berührte Lyra kurz seinen Handrücken. Er sah zu ihr. Sie sagte nichts, und diesmal brauchte es das auch nicht.
• • •
Hinter den bewohnten Gängen wurde der Boden uneben. Die Mauern bestanden aus unterschiedlichen Schichten: sauber gesetzte Quader über groben Bruchsteinen, dazwischen zugemauerte Bögen und die Reste alter Treppen. Eldrin blieb mehrfach stehen, um kleine Markierungen zu betrachten. Einige kannte er. Andere zeichnete er ab, ohne eine Erklärung zu versuchen.
An der beschädigten Stütze warteten zwei Helfer. Kaelor sprach eine Weile mit ihnen, prüfte die Keile und ließ sich zeigen, wie weit die Risse seit der Nacht gewandert waren. Dargan nahm einen Hammer und klopfte die benachbarten Steine ab. Erst danach gingen sie weiter.
Der vermauerte Durchgang lag hinter einem halb leeren Sammelbecken. In dem Wasser trieben Kalkschuppen. Auf dem Rand standen zwei Eimer.
Kaelor hob einen davon an.
„Die waren gestern noch nicht hier.“
Dargan ging neben ihm in die Hocke. Auf dem Boden lag ein kleiner Klumpen Mörtel. Er zerdrückte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Innen war er noch feucht.
„Hier hat jemand gearbeitet. Höchstens ein paar Tage her.“
Eldrin hielt die Laterne näher an die Wand. Zwischen den hellen, unregelmäßigen Steinen verlief ein schmaler Streifen grauen Putzes. Auf den ersten Blick wirkte er wie eine ausgebesserte Fuge. Doch er zog sich zu gleichmäßig nach oben und setzte sich in einem flachen Bogen fort.
„Das ist eine Tür“, sagte Arion.
Kaelor stemmte die Hände gegen den unteren Teil. Der Stein bewegte sich nicht. Dargan hielt ihn zurück, bevor er mehr Kraft aufwenden konnte.
„Wenn der Putz frisch ist, hat ihn jemand auf etwas gesetzt. Lass mich erst nachsehen, worauf.“
Er arbeitete mit einem schmalen Meißel. Kleine Stücke fielen ins Wasser. Unter dem Putz erschien kein weiterer Mörtel, sondern eine gerade Kante aus Bronze. Daneben kamen Vertiefungen zum Vorschein. Eldrin strich den Staub mit einem Tuch fort.
Buchstaben.
Sie standen dicht beieinander und waren an manchen Stellen so abgenutzt, dass die einzelnen Namen ineinanderliefen. Dazwischen fanden sich Zeichen, die Arion aus den zwergischen Aufzeichnungen kannte, daneben die schmaleren Linien alter elfischer Schrift.
Eldrin rückte näher.
„Das hier ist eine Aufzählung. Namen, Berufe, gelegentlich ein Herkunftsort.“ Er deutete auf eine verwitterte Zeile. „Ein Steinmetz. Dort eine Heilerin. Den nächsten kann ich nicht sicher lesen.“
Dargan zog den Meißel zurück.
„Baumeister schreiben ihre Namen gewöhnlich auf einen Grundstein. Nicht auf die Innenseite einer Tür.“
„Vielleicht war das einmal die Außenseite“, sagte Lyra.
Kaelor leuchtete auf das freigelegte Bronzerelief. Unter dem jüngeren Putz kam ein Griff zum Vorschein.
Er war blank.
In den Vertiefungen saß kaum Grünspan. An den Kanten waren die Spuren eines Tuchs zu erkennen; jemand hatte den Griff vor Kurzem gesäubert.
Arion griff nicht danach.
„Wir sollten wissen, wer hier unten arbeitet“, sagte er.
„Das werde ich sehr gern herausfinden“, antwortete Kaelor. „Vor allem, weshalb keiner von ihnen auf die Idee gekommen ist, uns von dem Metall in unseren Wänden zu erzählen.“
Dargan räumte sein Werkzeug beiseite. Dann nickte er ihm zu.
Kaelor drückte den Griff hinunter.
• • •
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt. Dahinter schabte etwas über den Boden.
Arion hörte das Geräusch, bevor er den Schatten sah. Er packte Lyras Arm und zog sie vom Durchgang fort. Gleichzeitig warf Kaelor sich gegen die Tür. Holz barst auf der anderen Seite. Etwas Schweres schlug gegen Bronze.
„Zurück aus dem Wasser!“, rief Dargan.
Arion sah hinunter. Das flache Becken bewegte sich.
Unter der Oberfläche löste sich eine dunkle Gestalt vom Grund. Lange Finger schlossen sich um den Rand. Ein Kopf hob sich aus dem trüben Wasser, kahl und mit Kalk verkrustet. Wo Augen hätten sein sollen, lagen zwei eingesunkene Vertiefungen. Der Mund öffnete sich, und ein dünner Strom Wasser lief über das Kinn.
Lyra zog Eldrin hinter sich. Ihre Hand ging hoch, doch sie hielt mitten in der Bewegung an.
Das Metall.
In den Mauern ringsum lag das Metall.
Das Wesen kletterte weiter aus dem Becken. Arion griff nach einer Eisenstange, die neben den Eimern lehnte. Als er sie hob, sah er den Rest des Körpers: zerrissene Arbeitskleidung, ein Gürtel mit leeren Werkzeugschlaufen und einen Fuß, der in die falsche Richtung zeigte.
Er hatte hier unten gearbeitet.
Der Gedanke kostete Arion einen Moment zu viel.
Die Hand schoss vor. Finger schlossen sich um sein Gewand und rissen ihn gegen den Beckenrand. Er spürte den Aufprall in den Rippen. Lyra griff von hinten in seinen Kragen und stemmte sich zurück.
„Lass ihn los, du verdammtes—“
Dargans Hammer traf das Handgelenk. Ein harter Knall, dann brachen die Finger auseinander. Arion taumelte zurück. Das Wesen fiel halb ins Becken und versuchte sofort, sich wieder hochzuziehen.
„Beine weg vom Rand!“, brüllte der Zwerg.
Arion ließ die Stange unter die Brust des Toten fahren und drückte mit seinem ganzen Gewicht. Zum ersten Mal spürte er die Wunde im Arm wieder richtig. Die Beine gaben beinahe nach. Lyra packte die Stange neben seiner Hand, und gemeinsam hielten sie das Wesen zurück.
Kaelor hatte die Tür inzwischen weit genug aufgestoßen. Dahinter lag eine zerbrochene Bank. Eine zweite Gestalt bewegte sich zwischen den Trümmern.
„Dargan, den hier!“
Der Zwerg trat an Arions Seite. Kaelor löste sich von der Tür, packte den Toten am nassen Gewand und zog ihn aus dem Becken. Für einen Herzschlag hing der Körper zwischen seinen Händen. Dann schlug er ihn gegen den Rand.
Das Geräusch ging Arion durch die Zähne.
Kaelor ließ ihn fallen und drehte sich um. Die zweite Gestalt hatte den Durchgang erreicht. Er rammte sie mit der Schulter zurück. Dargan folgte ihm, den Hammer in beiden Händen.
Lyra wollte hinterher, aber Arion hielt sie am Ärmel fest.
„Warte. Lass ihnen Platz.“
Sie blieb bei ihm. Arion merkte erst jetzt, dass auch ihre Hand zitterte.
Aus der Kammer kamen zwei dumpfe Schläge. Dann Dargans Stimme, rau vor Anstrengung.
„Der bleibt liegen. Komm nicht näher, bis ich dir sage, dass er liegen bleibt.“
• • •
Eldrin setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Er hielt die Lampe so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Lyra ging zu ihm, während Arion den Toten am Becken betrachtete.
Es war ein Mensch gewesen. Unter dem Kalk lag ein Gesicht, dessen Alter sich nicht mehr bestimmen ließ. Am Hals hing eine kleine, ovale Platte. Arion hob sie mit dem Ende der Eisenstange an.
Darauf stand ein Name.
Er löste die Platte vorsichtig vom Hals des Toten und legte sie neben Eldrins Lampe. Er drängte ihn nicht, sie zu lesen. Der Bibliothekar brauchte einen Augenblick. Sie alle brauchten ihn.
Kaelor kam aus der Kammer. Eine seiner Krallen war abgebrochen. Er wischte sie an einem alten Tuch ab, das er aus seinem Gürtel gezogen hatte, und sah auf den Körper.
„Den hat jemand hiergelassen.“
Arion nickte.
„Und wieder zugemauert“, sagte er.
Kaelors Blick ging zur frisch verputzten Tür. „Dann hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, damit wir ihn nicht finden.“
• • •
Die Kammer dahinter war kleiner, als Arion erwartet hatte.
Kein gewaltiges Tor füllte ihre Mitte. Keine schimmernde Fläche wartete zwischen uralten Säulen. An den Wänden standen steinerne Bänke, darüber schmale Fächer. Auf einem Tisch lagen zusammengefallene Reste von Leder, Scherben und ein verrostetes Messer. Durch den Boden liefen sieben dunkle Streifen zu einer runden Vertiefung, in der nur Staub lag.
An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein zweiter Durchgang.
Davor war eine schwere Steinplatte herabgelassen worden.
Dargan hielt die Laterne dicht an ihre Kante. Im unteren Spalt steckte ein verbogenes Werkzeug. Jemand hatte versucht, die Platte aufzuhebeln. Daneben lag ein Schuh.
Lyra blieb stehen.
„Wie lange waren sie hier drin?“
Eldrin antwortete nicht. Er betrachtete die Fächer über der Bank. Vor jedem befand sich eine kleine Einfassung aus Bronze.
Einige trugen noch beschriftete Platten.
Arion sah von den leeren Werkzeugschlaufen des Toten zu dem rostigen Messer auf dem Tisch. Hier hatte jemand gewartet. Gegessen. Vielleicht geschlafen. Die Namen an der Tür gehörten zu Menschen, die diesen Ort gekannt und genutzt hatten.
Dann war die Steinplatte gefallen.
Er ging nicht näher heran.
„Wir bringen die Namen nach oben“, sagte er. „Alle, die wir lesen können.“
Kaelor sah ihn an. Arion hielt seinem Blick stand.
„Danach sehen wir weiter.“
Der Gargoyle nickte langsam.
Während Eldrin begann, die Inschriften abzuschreiben, untersuchte Dargan den frischen Putz am Eingang von der anderen Seite. Arion half Lyra, die losen Trümmer von den Bänken zu räumen. Unter einem Brett fand sie eine kleine Blechdose, zerdrückt und leer. Sie stellte sie vorsichtig auf den Tisch.
Das tat ihm aus irgendeinem Grund mehr weh als der Körper draußen.
Lyra bemerkte seinen Blick.
„Du musst nicht so tun, als würde dir das nichts ausmachen“, sagte sie leise. „Wir sind hier unten gerade beinahe gestorben. Und ich weiß nicht einmal, was mit denen geschehen ist.“
„Ich versuche herauszufinden, was wir übersehen haben.“
„Dann versuch es mit uns zusammen. Du warst eben schon wieder so weit weg, dass ich dachte, ich müsste dich an der Robe zurückholen.“
Er sah auf den zerrissenen Kragen. „Das hast du bereits getan.“
„Und ich würde es wieder tun. Aber es wäre mir lieber, wenn ich nicht jedes Mal einen Toten davon überzeugen müsste, dich mir zurückzugeben.“
Arion lachte einmal auf. Es klang erschöpft und ging beinahe in einem Husten unter. Lyra legte eine Hand an seine Seite, dort, wo er gegen den Beckenrand geschlagen war. Als er die Luft einzog, wurde ihr Gesicht ernst.
„Du lässt dir das oben ansehen. Von jemandem, der nicht gleichzeitig damit beschäftigt ist, dich irgendwo herauszuziehen.“
„Aber nur wenn du mitkommst.“
Sie hob den Blick.
„Natürlich komme ich mit, du Idiot.“
Er war von der Beleidigung mehr überrascht als von seiner Reaktion auf sie. Vollkommen unwillkürlich und ohne darüber nachzudenken, küsste er sie.
Es war ein kurzer, unbeholfener Kuss. Arion hatte nicht gewusst, wohin mit der Hand, und Lyra war so überrascht, dass sie erst reagierte, als er sich bereits wieder ein Stück zurückgezogen hatte. Dann griff sie in sein Gewand und hielt ihn fest.
Für einen Augenblick waren die feuchten Steine und der Schmerz in seinen Rippen weit fort.
„Das“, flüsterte sie, als sie ihn schließlich losließ, „hättest du auch an einem schöneren Ort tun können.“
Arion strich mit dem Daumen über ihre Finger.
„Ich merke es mir fürs nächste Mal.“ Sie waren beide purpurrot um die Wangen und wäre die Situation nicht ohnehin schon so seltsam gewesen, wäre bei dem Anblick sogar Kaelor die Schamesröte ins Gesicht geschrieben worden, dachte der Gargoyle.
• • •
Dargan wartete, bis sie wieder zu den anderen kamen. Er hatte den letzten Rest Putz von einer der Türangeln gekratzt. In seiner Hand lag ein dünner Holzspan.
„Das hier ist frisch“, sagte er. „Nicht nur die Wand draußen. Die Angel ist geölt, und jemand hat einen Keil unter die Tür gesetzt, damit sie beim Verputzen nicht absackt.“
Kaelor trat neben ihn.
„Also waren sie in der Kammer.“
„Ja.“ Meinte Dargan erst knapp und fügte doch noch hinzu: „Und sie haben sie wieder verlassen.“
Arion sah zu dem verbogenen Werkzeug unter der Steinplatte. „Dann sind die beiden erst danach aufgestanden.“
„Vielleicht“, sagte Lyra. „Oder jemand wusste, wie man an ihnen vorbeikommt.“
Eldrin hob den Kopf. Er hatte die kleine Platte vom Hals des Toten neben seine Abschriften gelegt und verglich die Buchstaben mit seinen Notizen.
„Was ist?“, fragte Arion mit Blick auf den Alten.
Der Bibliothekar hob die ovale Platte an. Seine Hand war nicht ganz ruhig.
„Einer der beiden Männer am Becken. Ich glaube, ich weiß, wer er war.“
Kaelor sah zur offenen Tür.
„Du kennst ihn?“
„Nicht persönlich. Aber seine Schwester war in der Bibliothek. Sie wollte alte Leitungspläne einsehen, weil er unten nach einer undichten Zisterne suchen sollte.“
Dargan legte den Holzspan auf den Tisch.
„Wann soll das gewesen sein?“
Eldrin sah sie der Reihe nach an und sagte dann fest.
„Vor neun Tagen.“
Kapitel XI
Das Haus am Mühlkanal
Eldrin drehte die kleine Platte zwischen den Fingern, als ließe sich die Erinnerung dadurch deutlicher machen.
„Sie hatte die Gebühr für die Abschriften passend abgezählt“, sagte er. „Ich weiß noch, dass sie die Münzen zweimal gezählt hat, bevor sie sie auf den Tisch legte. Ich wollte ihr sagen, sie solle den Rest behalten. Aber sie sah mich dabei so an, dass ich den Mund gehalten habe.“
Kaelor betrachtete den Toten draußen am Becken. Im Licht der Laterne glänzte Wasser auf dessen zerrissenem Gewand.
„Und du weißt, wo sie wohnt?“
„Am Mühlkanal. Über einer Wäscherei. Den Hausnamen habe ich im Lesebuch notiert, weil sie einen der Pläne mitnehmen durfte.“
Arion blickte noch einmal auf die geschlossene Steinplatte am anderen Ende der Kammer. Die Versuchung war da. Hinter ihr lag möglicherweise die Erklärung für alles, was sie seit den Ruinen verfolgte. Und sie waren bereits hier. Mit Werkzeug, Licht und dem Wissen, dass jemand vor ihnen denselben Weg gegangen war.
Dann sah er den leeren Schuh.
„Wir holen die Wache“, sagte er. „Bevor wir noch irgendetwas öffnen.“
Kaelor wandte sich ihm zu. „Ich lasse den Gang nicht unbewacht. Wenn hier einer zurückkommt, möchte ich dabei sein.“
„Dann bleibe ich bei dir“, sagte Dargan. Er setzte sich auf die Bank und betrachtete seinen Hammer. In den feinen Rillen am Kopf hing dunkles Gewebe. Er zog ein Tuch aus der Schürze, hielt es einen Moment in der Hand und steckte es wieder weg. „Aber schick uns Leute mit einer Trage. Ich möchte die beiden hier nicht länger liegen lassen als nötig.“
Arion nickte. Erst als er sich umdrehte, merkte er, dass Lyra ihn beobachtete.
Sie legte eine Hand an seinen Rücken. „Und dich bringen wir zu einem Heiler. Darüber möchte ich diesmal wirklich nicht verhandeln.“
• • •
Hauptmann Tharon Val’Kesh ließ sich den Weg zweimal erklären.
Beim ersten Mal hörte er zu. Beim zweiten stellte er Fragen, die Arion zunächst kleinlich vorkamen: Wie breit war die Treppe? Gab es einen zweiten Zugang? Stand Wasser im Gang, und wenn ja, wie tief? Erst als der Hauptmann zwei seiner Leute zurückschickte, um kürzere Tragen und Seile zu holen, begriff Arion, weshalb er es so genau wissen wollte.
Tharon stand am Ende eines schlichten Wachraums. Auf dem Tisch lagen ein aufgeschnittener Geldbeutel, zwei Würfel und ein Stück Papier, auf dem jemand mit großer Wut eine Beschwerde verfasst hatte. Der Hauptmann schob alles beiseite.
„Ihr habt zwei Tote gefunden, die sich bewegt haben. Ihr seid sicher, dass beide jetzt liegen bleiben?“
„Nein“, antwortete Arion.
Tharon sah ihn an.
„Gut, dass Ihr das sagt. Dann behandeln wir es auch nicht wie einen gewöhnlichen Fund.“
Er gab seine Anweisungen ohne die Stimme zu heben. Niemand musste nachfragen. Zwei Wachen sollten bei Kaelor bleiben, zwei weitere die Zugänge oberhalb des beschädigten Ganges freihalten. Ein junger Soldat bekam den Auftrag, Decken und Wasser zu den Familien zu bringen, die ihre Schlafplätze verlassen hatten.
Eldrin hob den Kopf. „Davon haben wir Euch noch gar nicht—“
„Einer meiner Männer hat heute Nacht dort geholfen“, sagte Tharon. „Er hat berichtet, dass man Stützen braucht. Ich habe einen Wagen mit Holz angefordert.“
Er wandte sich wieder Arion zu.
„Ihr geht jetzt zu einem Heiler. Danach möchte ich Eure Aussage schriftlich. Keine Vermutungen zwischen die Beobachtungen mischen. Wenn Ihr etwas nicht wisst, schreibt Ihr genau das.“
Arion verspürte einen kurzen, unvernünftigen Widerstand. Es war seine Entdeckung gewesen, seine Forschung. Nun stand er hier wie ein Schüler, der einen Schaden erklären musste.
Tharon zog ein sauberes Blatt zu sich heran.
„Und bevor Ihr Euch darüber ärgert: Ich brauche Eure Hilfe. Aber ich muss nachlesen können, was tatsächlich geschehen ist, wenn Ihr gerade nicht neben mir steht.“
Das nahm Arion die Antwort aus dem Mund.
„Ich bringe Euch die Aussage dann noch heute.“
„Heute reicht. Blutet mir vorher nicht auf die einzige lesbare Abschrift.“
Lyra senkte rasch den Blick. Arion hörte trotzdem, wie sie sich ein Lachen verkniff.
• • •
Elian Mor’Thaels Behandlungsraum lag hinter einem Badehaus.
Arion hatte sich einen stillen Ort vorgestellt. Stattdessen stritt im Vorraum ein Ork mit einem kleinen Jungen darüber, wer von beiden zuerst an der Reihe gewesen sei. Aus einem Kessel stieg Dampf. Es roch nach Seife, gekochtem Leinen und zerstoßenen Kräutern. Eine Frau mit hochgebundenen Ärmeln nahm Lyra eine Schüssel ab, die sie ihr ohne weitere Erklärung in die Hände gedrückt hatte.
Elian kam aus dem hinteren Raum, wusch sich und sah Arion an.
„Setzt Euch bitte auf die Bank und zieht das Gewand bis über die Rippen hoch.“
Seine Stimme war tief, aber freundlich. Die Haut seiner Hände hatte einen feineren Schimmer als Kaelors, und an den Fingerkuppen saßen kleine Narben. Arion bemerkte sie erst, als der Heiler den Verband an seinem Arm löste.
„Das ist nicht beim Arbeiten passiert.“
„Bei einem Sturz.“
Elian hob den Blick.
Lyra verschränkte die Arme. „Bei mehreren. Außerdem hat etwas versucht, ihn in ein Wasserbecken zu ziehen.“
„Das erklärt mehr als der Sturz“, sagte Elian. „Atmet langsam ein. Wenn es wehtut, sagt Ihr es mir, bevor Ihr versucht, tapfer auszusehen.“
Es tat weh. Arion sagte es ihm.
Elian tastete die Rippen mit einer Geduld ab, die unangenehmer war als ein schneller Griff. Danach reinigte er die Wunde am Arm, untersuchte ihre Ränder und sah sich auch Lyras Hände an. Sie wollte abwinken, ließ es aber bleiben, als Arion sie ernst ansah.
„Über die Gefahr in den unteren Gängen werde ich informiert“, sagte Elian, während er einen frischen Verband anlegte. „Über das Ding, das Ihr gefunden habt, müsst Ihr mir genug sagen, damit ich weiß, ob ich Euch mit Magie behandeln darf.“
Arion erklärte ihm, was sie beobachtet hatten. Elian hörte zu, stellte zwei Fragen und verzichtete dann auf jeden Zauber.
„Ich werde keinen Versuch an Euch machen, solange wir nicht wissen, wie lange eine solche Wirkung anhält. Eure Rippen werden mit Ruhe ebenfalls heilen.“
„Wie viel Ruhe?“, fragte Arion.
Lyra lächelte so zufrieden, dass er sie am liebsten an ihrem Ärmel gezogen hätte.
Elian sah zwischen ihnen hin und her. „Offenbar eine Menge Überzeugungsarbeit. Für heute keine weitere Kletterei, keine Lasten und keine magischen Experimente. Morgen untersucht Euch jemand erneut.“
Draußen auf der Bank nahm Lyra seine Hand.
„Du brauchst mich gar nicht so anzusehen. Ich habe ihn nicht bestochen.“
„Das hatte ich auch nicht angenommen.“ Erwiderte sie in einem verzweifelten Versuch Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen. Er setzte noch eine Schippe drauf;
„Du hast darüber nachgedacht“ seufzte er gespielt entrüstet und lies einen Nasenflügel beben.
„Ganz kurz.“
Sie lachte. Es war das erste unbeschwerte Geräusch, das er seit der Kammer von ihr hörte, und er merkte, wie sehr es ihm gefehlt hatte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Durch die offene Tür kam der Duft frisch geschnittenen Brotes aus dem Hof. Arion betrachtete ihre Finger. Zwischen zwei Knöcheln verlief eine Schürfung, die Elian gereinigt hatte.
„Wegen vorhin“, begann er in die Stille hinein.
Lyra drehte den Kopf.
„Ich möchte nicht, dass du glaubst, ich hätte dich nur geküsst, weil wir gerade—“
„Beinahe gestorben sind?“
Er verzog das Gesicht. „Ich hatte eine bessere Formulierung gesucht.“
Sie rückte näher, bis ihre Schulter an seiner lag.
„Ich habe seit Tagen gehofft, dass du es einfach tust. Ich hätte mir allerdings weniger nasse Füße dabei gewünscht.“
Arion sah sie an. Ihre goldenen Augen hielten seinen Blick fest, und diesmal fand er darin keine Unsicherheit, hinter der er seine eigene hätte verstecken können.
„Ich wusste nicht, ob du das wolltest.“
„Dann hättest du fragen können.“
„Hättest du geantwortet?“
Lyra dachte einen Moment darüber nach. Dann lachte sie leise.
„Vermutlich hätte ich versucht, sehr vernünftig zu klingen, und mich hinterher furchtbar über mich selbst geärgert.“
Er hob ihre Hand an seine Lippen. Der Kuss auf ihre Finger war vorsichtig. Lyra sah ihm dabei zu, bis ihre Wangen warm wurden.
Als Eldrin in den Hof kam, ließ sie seine Hand nicht los.
• • •
Das Haus am Mühlkanal hatte einen schiefen Erker und Wäscheleinen vor fast jedem Fenster.
Unter dem Durchgang standen Bottiche mit dunklem Wasser. Zwei Frauen drehten ein schweres Laken aus, während ein Mann an einer Winde das nasse Leinen nach oben zog. Wasser lief in die Rinne und von dort in den Kanal. Über allem lag der scharfe Geruch nach Lauge.
Eldrin blieb vor einer schmalen Treppe stehen.
„Ich spreche zuerst mit ihr“, sagte er.
Arion nickte. Er war dankbar, dass jemand wusste, wie man anfangen sollte.
Mara öffnete, bevor der Bibliothekar ein zweites Mal klopfen konnte. Sie war jünger, als Arion erwartet hatte. Ihr Haar war mit einem Tuch zurückgebunden, auf dem helle Seifenflecken standen. Als sie Eldrin erkannte, wich die Anspannung aus ihrem Gesicht.
„Den Plan habe ich noch. Ich wollte ihn morgen zurückbringen. Joren hat ihn nicht mehr gebraucht, und ich dachte—“
Sie brach ab.
Ihr Blick war an den beiden Menschen hinter ihm hängen geblieben. An Arions Verband. An Lyras ernster Miene. Dann sah sie wieder Eldrin an.
„Was ist denn mit euch passiert?“
Der Bibliothekar nahm die Mütze ab, die er draußen gegen den Wind aufgesetzt hatte.
„Dürfen wir kurz zu Euch hereinkommen? Wir haben etwas gefunden, das Eurem Bruder gehört.“
Mara machte keinen Platz und antwortete forsch:
„Dann zeigt es mir.“
Eldrin öffnete seine Hand. Die kleine ovale Platte lag auf einem sauberen Tuch.
Lange sagte sie nichts. Dann nahm sie das Metall mit zwei Fingern auf. Sie drehte es um, strich mit dem Daumen über die Rückseite und hielt es so fest, dass die Kette zwischen ihren Fingern verschwand.
„Wo ist er?“
Eldrin antwortete ihr. Er sagte, dass sie einen Mann in den unteren Gängen gefunden hatten und dass er tot war. Er sagte, dass die Platte bei ihm gewesen sei. Er versprach ihr keine Gewissheit, die sie noch nicht hatten.
Mara hörte zu, ohne sich zu bewegen.
„An der linken Hand fehlt ihm die Spitze vom kleinen Finger“, sagte sie schließlich. „Seit er zwölf war. Er wollte unbedingt zeigen, dass er Holz genauso schnell spalten kann wie unser Vater.“
Arion erinnerte sich an die Hand am Beckenrand. Das Gelenk, Dargans Hammer, die zerbrochenen Finger.
„Das kann ich Euch nicht sicher sagen“, antwortete er. „Ich möchte Euch nichts Falsches erzählen.“
Mara sah ihn mit einer Härte an, die er verdient zu haben glaubte, obwohl er nicht wusste, weshalb.
Dann trat sie von der Tür zurück.
• • •
In der Küche standen zwei Stühle und ein dritter, auf dessen Sitzfläche ein Stapel sauberer Hemden lag.
Mara räumte die Hemden fort. Sie legte sie auf die Fensterbank, ordnete die Ärmel und schob den Stapel noch einmal zurecht. Lyra setzte sich erst, als die Frau selbst Platz genommen hatte.
Auf dem Herd stand ein Topf mit Graupen. Die oberste Schicht war trocken geworden.
„Wann habt Ihr ihn zuletzt gesehen?“, fragte Eldrin.
„Vor vier Tagen. Am Abend. Er hat hier gegessen und sich darüber beschwert, dass sie ihn für einen Klempner bezahlen und für einen Maulwurf halten.“
Ihre Lippen bewegten sich zu einem Lächeln, das nicht blieb.
„Er sollte eine Leitung suchen, die auf keinem vernünftigen Plan stand. Deshalb war ich bei Euch. Joren kann lesen, aber eure alten Maßangaben haben ihn wahnsinnig gemacht. Ich helfe unten bei den Rechnungen. Mit Zahlen kann ich besser.“
Arion sah zu dem Topf. Vier Tage. Er hatte sich den Toten schon als Teil der alten Kammer vorgestellt, von der Nässe und dem Kalk älter gemacht, als er gewesen war. Vor vier Tagen hatte dieser Mann an genau diesem Tisch gesessen.
„Wer hat ihm den Auftrag gegeben?“, fragte er.
„Hadrik. Er nimmt Arbeiten an den Zisternen und in den alten Kellern an. Joren hat öfter für ihn gearbeitet.“
„Hat er von der Kammer erzählt? Einer Tür aus Bronze?“
Mara hob den Kopf.
„Ihr wisst von der Tür?“
Lyra beugte sich etwas vor. „Was hat er darüber gesagt?“
„Dass sie sie nicht aufbrechen mussten. Einer hatte einen Schlüssel.“
Arion spürte, wie sich seine Finger um die Kante seines Stuhls legten.
Mara bemerkte es.
„Wer?“, fragte sie. „Wen sucht Ihr?“
„Das wissen wir noch nicht“, sagte Lyra. „Aber es ist wichtig, dass Ihr uns erzählt, woran Ihr Euch erinnert. Auch wenn es Euch unwichtig vorkommt.“
Mara stand auf und zog eine Holzlade unter dem Fenster hervor. Darin lagen Garn, gefaltete Papiere und ein einzelner Handschuh. Sie schob die Dinge beiseite, bis sie ein schmales Blatt fand.
„Das hat er hiergelassen, weil ich seine Stunden zusammenrechnen sollte.“
Auf dem Zettel standen drei Namen.
Joren. Berrik. Neral.
Neben dem letzten war die Bezahlung niedriger angesetzt.
„Der Junge ist noch in der Lehre“, erklärte Mara. „Joren hat gesagt, er soll die Lampen tragen und sich bloß von dem alten Zeug fernhalten. Er hat ihm sogar eine ordentliche Mahlzeit eingepackt, weil Neral immer nur diese harten Fladen mitbringt.“
Arion sah zu Lyra.
Sie hatten aber nur zwei Männer gefunden.
• • •
Tharon ließ sich von Mara selbst erzählen, was ihr Bruder gesagt hatte.
Er unterbrach sie kaum. Nur als sie den Mann mit dem Schlüssel erwähnte, bat er sie, Jorens Worte möglichst genau zu wiederholen. Danach schickte er eine Wache zu Hadriks Unterkunft und eine zweite zu dessen Lager.
„Neral ist siebzehn“, sagte er, nachdem er den Zettel gelesen hatte. „Sein Meister hat gestern nach ihm gefragt. Man hat ihm gesagt, die Arbeiten würden länger dauern und der Junge schlafe bei den anderen.“
Mara stand neben dem Tisch. Die Hände hatte sie tief in die Ärmel geschoben.
„Wer hat ihm das gesagt?“
„Das lasse ich herausfinden.“
„Findet lieber den Jungen“, erwiderte sie. Ihre Stimme war brüchig geworden. „Wenn Joren noch etwas hätte tun können, dann hätte er ihn nicht allein gelassen.“
Tharon legte den Zettel vorsichtig hin.
„Genau das werden wir jetzt versuchen.“
Arion hatte bereits den Mantel genommen, als Lyra die Hand auf seinen Unterarm legte.
Er blieb stehen. Für einen Augenblick hörte er wieder Elians Anweisungen. Dann sah er zu ihr.
„Ich weiß, was der Heiler gesagt hat.“
„Dann weißt du auch, dass du dort unten keine Steinplatte anheben wirst.“
„Ich kann ihnen sagen, worauf sie achten müssen.“
Lyra musterte ihn. Er wartete, obwohl alles in ihm auf die Tür drängte.
„Dann bleibst du bei mir“, sagte sie schließlich. „Und wenn dir schwindlig wird, sagst du es. Du musst mir wirklich nicht vorführen, wie lange du noch stehen kannst.“
Er nickte.
• • •
Inzwischen war der Gang voller Licht.
Die Wachen hatten zusätzliche Laternen aufgehängt und die beiden Körper auf Tragen gelegt. Kaelor stand neben der Kammer. Er sah Tharon entgegen, dann Arion und Lyra.
„Euer Junge ist nicht hier“, sagte er, nachdem der Hauptmann ihm die Namen genannt hatte. „Wir haben die Nischen und die hinteren Zugänge abgesucht.“
„Hinter der Platte?“, fragte Arion.
Kaelor sah zur gegenüberliegenden Wand.
„Da kommt Wasser heraus. Ganz wenig. Wir wollten erst wissen, wie viel dahintersteht, bevor wir sie bewegen.“
Dargan hatte bereits die Werkzeuge vom Spalt fortgeräumt. Das verbogene Eisen lag auf einem Tuch. Arion ging in die Hocke, vorsichtiger als am Morgen, und betrachtete den unteren Rand.
Der Spalt war schmal. Eine dünne Wasserlinie zog sich hindurch. Nichts bewegte sich dahinter.
„Neral?“, rief Tharon.
Die Stimme lief gegen den Stein und kam stumpf zurück.
Sie warteten.
Dargan kniete neben Arion. Mit einem kurzen Eisenstück schlug er zweimal gegen die Platte. Er hielt inne, wiederholte die Schläge und legte den Kopf schräg.
„Wenn du uns hörst, Junge, mach ein Geräusch. Irgendetwas. Wir sind direkt vor dir.“
Arion hörte seinen eigenen Atem.
Dann kam ein Kratzen.
Kaelor hob die Hand. Niemand bewegte sich mehr.
Das Geräusch kam erneut. Ein schwaches Schaben, tief unten an der anderen Seite. Dargan legte das Ohr an den Stein.
„Er ist da“, sagte er. „Bei allen Tiefen, er ist wirklich da.“
• • •
Sie konnten die Platte nicht einfach hochstemmen.
Dargan erklärte es, während er die schmalen Kanäle neben dem Durchgang freilegte. Der Stein lief in Führungen. Wenn sie ihn schief anhoben, würde er sich verkeilen oder an einer Kante ausbrechen. Dahinter konnte jemand liegen. Sie mussten ihn gerade bewegen.
Tharon schickte nach Balken, Keilen und einem Wagenheber aus dem Lagerhaus. Kaelor half den Wachen, Platz zu schaffen. Als einer von ihnen nach seinem verletzten Arm griff, um sich an ihm vorbeizuziehen, fuhr der Gargoyle so heftig zusammen, dass der Mann sofort zurückwich.
„Entschuldige. Ich habe nicht—“
„Dann sieh hin“, grollte Kaelor.
Einen Moment später nahm er dem Soldaten den Balken ab und trug dessen schwereres Ende.
Lyra kniete am Rand des Durchgangs. Sie rief Nerals Namen, sagte ihm, wer sie waren und dass sie die Platte anheben würden. Auf einige Sätze kam keine Antwort. Auf andere folgte das leise Kratzen.
Arion hielt die Lampe.
Es war zu wenig. Seine ganze Ausbildung, die Jahre zwischen Büchern und Übungsräumen, und nun saß er da und hielt eine Lampe, während ein Junge hinter einem Stein verdurstete.
Dann verlagerte Dargan den Meißel.
Arion sah im Licht einen schmalen Schatten verschwinden.
„Warte“, sagte er.
Der Zwerg hielt inne.
Arion senkte die Lampe. Neben der Führung verlief eine zweite Kerbe. Darin saß ein flaches Stück Metall, kaum sichtbar unter dem Kalk.
„Da steckt etwas zwischen der Platte und der Wand.“
Dargan beugte sich heran. Er tastete mit einer dünnen Klinge danach und fluchte leise.
„Ein Sperrkeil. Gut gesehen. Wenn wir jetzt gehoben hätten, hätten wir uns das Ding noch fester eingetrieben.“
Er löste den Keil in kleinen Bewegungen. Als er ihn herauszog, sah Arion die blanken Kanten. Auch dieses Stück war vor Kurzem bewegt worden.
Er sagte nichts. Der Junge war wichtiger.
• • •
Die Platte hob sich eine Fingerbreite.
Wasser strömte durch den Spalt, braun und kalt. Lyra wich zurück, bis es nur noch um ihre Sohlen lief. Kaelor hielt den langen Hebelbalken, während Dargan einen Keil unterschob.
„Langsam weiter. Nicht reißen.“
Eine zweite Fingerbreite.
Von drinnen kam ein Laut, heiser und so schwach, dass Arion zuerst glaubte, das Wasser habe ihn verursacht.
„Wir hören dich“, sagte Lyra sofort. „Du musst nicht sprechen. Geh von der Tür weg, wenn du kannst. Wir holen dich da heraus.“
Der Stein stieg weiter. Unter Kaelors Füßen knirschte der Boden. Einer der Wachen hielt den Balken mit ihm, beide so angespannt, dass ihre Arme zitterten.
Dargan setzte die nächste Sicherung.
Dann kniete Tharon nieder und leuchtete hindurch.
Arion sah einen schmalen Arm. Eine Hand mit aufgequollenen Fingern lag an der Schwelle, daneben ein Gesicht, das sich vom grauen Boden kaum abhob.
„Er liegt direkt dahinter“, sagte Tharon. „Wir brauchen noch eine Handbreit.“
„Die bekommst du“, presste Kaelor hervor. „Aber dann zieht ihn raus.“
Als der Spalt breit genug war, schob der Hauptmann die Laterne beiseite und legte sich auf den Bauch. Er kroch halb unter den Stein, fasste den Jungen unter den Armen und zog. Neral schrie auf. Ein dünner, erschöpfter Laut.
„Halt“, sagte Lyra. „Sein Fuß hängt fest.“
Tharon änderte den Griff. Arion lag inzwischen neben ihm, obwohl seine Rippen protestierten. Er schob den Arm durch den Spalt, tastete an Nerals Bein entlang und fand einen losen Riemen, der sich unter einem Stein verhakt hatte.
Er zog das Messer aus Tharons Gürtel, ohne zu fragen.
Ein Schnitt. Der Riemen gab nach.
Gemeinsam brachten sie den Jungen durch die Öffnung.
Kaelor ließ den Balken erst sinken, als Dargan beide Sicherungskeile geprüft hatte.
• • •
Neral war zu schwach, um den Kopf allein zu halten.
Lyra kniete hinter ihm und stützte seine Schultern, während eine Wache Elian holen ging. Tharon wickelte ihn in eine Decke. Als Dargan ihm Wasser an die Lippen hielt, versuchte der Junge den Becher mit beiden Händen zu greifen.
„Du bekommst mehr“, sagte der Zwerg und hielt ihn fest. „Aber langsam. Wir nehmen es dir nicht wieder weg.“
Neral schluckte. Wasser lief ihm über das Kinn. Er hustete und wollte sofort noch einmal trinken.
Arion saß neben ihm. Der Schmerz in seiner Seite pochte inzwischen bis in den Rücken, aber er war froh darüber, sitzen zu dürfen.
Die Augen des Jungen wanderten über ihre Gesichter.
„Joren“, flüsterte er.
Niemand antwortete sofort.
Neral sah zum Becken.
Lyra zog die Decke höher über seine Schultern.
„Du bist jetzt bei uns“, sagte sie. „Du musst im Moment nichts erzählen.“
Doch seine Finger schlossen sich um ihren Ärmel.
„Er hat mich reingeschoben. Hat gesagt, ich soll drinnen bleiben, bis er kommt.“
Tharon ging vor ihm in die Hocke.
„Wer war noch bei euch? Erinnerst du dich an einen Mann mit einem Schlüssel?“
Arion sah den Hauptmann an. Tharon bemerkte es und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Eine einzige Frage. Jetzt, bevor der Junge wieder das Bewusstsein verlor.
Neral nickte.
„Hadrik“, sagte er. „Er hatte ihn.“
Dargan stand langsam auf.
• • •
Als Elian kam, mussten sie zur Seite treten.
Er ließ Neral nicht weiterreden. Er prüfte seinen Atem, sah sich seine Augen an und ordnete an, die Trage mit Decken auszupolstern. Den verletzten Fuß band er so fest, dass er beim Transport nicht zur Seite kippen konnte.
Mara wartete am oberen Zugang.
Arion hatte nicht bemerkt, dass sie ihnen gefolgt war. Sie stand zwischen zwei Wachen und hielt eine Jacke über dem Arm. Als sie Neral sah, legte sie die Jacke sofort über seine Decke.
„Die gehört Joren“, sagte sie zu Elian. „Die ist warm. Ihr könnt sie ihm mitgeben.“
Neral hob den Kopf.
Mara ging neben ihm in die Hocke. Sie strich ihm das nasse Haar von der Stirn, und erst dabei begann sie zu weinen.
Der Junge versuchte etwas zu sagen.
„Später“, flüsterte sie. „Du kommst jetzt erst einmal hier raus.“
• • •
Hadriks Lager war leer.
Die Wache meldete es Tharon, als die Trage bereits die Straße hinaufgetragen wurde. Zwei Nachbarn hatten einen Wagen gesehen, früh am Morgen. Werkzeug, Kisten, ein zusammengerolltes Zelt. Nichts, worüber man sich bei einem Baumeister gewundert hätte.
Arion lehnte neben Lyra an der Hauswand. Sie hatte ihm den Arm um die Hüfte gelegt, offiziell, um ihn zu stützen. Er war nicht sicher, wie lange er ohne ihre Hilfe hätte stehen können.
„Er ist weg“, sagte er.
Tharon faltete den Bericht zusammen.
„Er hat einen Wagen. Er muss die Stadt durch ein Tor verlassen haben. Und jemand hat ihn fahren sehen.“
Er wandte sich an die Wache und gab ihr eine Nachricht für die Torposten.
Dann kam Dargan die Kellertreppe herauf.
In seiner Hand lag der Sperrkeil.
Der Zwerg blieb vor ihnen stehen und hielt das Metall ins Tageslicht. Auf einer Seite saß eine flache Vertiefung. Arion hatte sie unten für einen Hammerschlag gehalten. Nun erkannte er den Abdruck eines Werkzeugs, gleichmäßig und sauber.
Dargan drehte den Keil um.
„Das Ding war nicht dafür da, dass die Platte nicht herunterfällt“, sagte er. „Es hat sie unten gehalten.“
Lyra sah zum Kellerzugang. Dort unten hatten sie gehämmert, gerufen und einen Jungen unter dem Stein hervorgezogen. Es hatte so wenig gefehlt. Eine falsche Bewegung. Ein weiterer Tag.
Arion hörte wieder Nerals heisere Stimme. Er hatte auf Joren gewartet.
Dargan schloss die Finger um den Keil.
„Jemand hat ihn von unserer Seite aus hineingeschlagen.“
Kapitel XII
Unter fremdem Auftrag
Tharon nahm Dargan den Keil nicht sofort ab.
Er betrachtete zuerst die Hand des Zwerges. Der Daumen lag fest auf dem dunklen Metall, und an den Knöcheln spannte sich die Haut. Unter einem Fingernagel saß noch der helle Kalk aus der Kammer. Dargan hielt das Stück so, als müsste er sich davon abhalten, es gegen die nächste Mauer zu schleudern.
„Habt Ihr ihn so gefunden?“, fragte der Hauptmann.
Dargan hob den Blick. „Wenn du wissen willst, ob ich ihn selbst hineingeschlagen habe, formuliere die Frage ordentlich.“
„Ich möchte wissen, was Ihr daran verändert habt. Damit ich dem Mann, der ihn hineingeschlagen hat, keine Gelegenheit gebe, sich hinter unserer Arbeit zu verstecken.“
Der Zwerg atmete durch die Nase aus. Dann lockerte er den Griff.
„Ich habe ihn beim Herausziehen an der schmalen Seite gefasst. Die Spuren hier stammen nicht von mir.“
Er drehte das Metall, zeigte auf zwei kleine Kerben und legte es schließlich in das Tuch, das Tharon aus seiner Tasche gezogen hatte. Eine ganze Weile sah er zu, wie der Hauptmann die Ecken darüber zusammenschlug.
Um sie herum war die Straße wieder in Bewegung gekommen. Die Trage mit Neral verschwand zwischen den Menschen am Ende der Gasse. Eine Wache ging voraus und bat die Fuhrleute, ihre Wagen an die Seite zu ziehen. Elian blieb neben dem Kopf des Jungen, eine Hand am Trageholm. Mara folgte mit kurzen, hastigen Schritten. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, obwohl sie nicht fror.
Arion sah ihnen nach, bis ein beladener Karren die Sicht versperrte.
Die Räder liefen durch eine flache Pfütze. Schmutziges Wasser spritzte gegen die Mauer und hinterließ dunkle Punkte auf seinem Gewand. Der Fuhrmann hob entschuldigend die Hand, ohne anzuhalten. Hinter ihm trieb eine junge Elfe drei Ziegen durch dieselbe Lücke. Eine blieb stehen und begann an einem ausgefransten Sack zu kauen, der an der Ladefläche hing.
Arion hätte über das Geschimpfe lachen können. Stattdessen merkte er, wie schwer es war, den Blick von all dem gewöhnlichen Leben zu lösen. Es waren kaum zwanzig Schritte bis zum Kellerzugang. Darüber stritten Menschen um eine Durchfahrt. Darunter hatte ein Junge vier Tage lang auf Hilfe gewartet.
Lyra strich mit dem Handballen über seine Wange.
„Du bist sehr blass.“
Er wollte sagen, dass es ihm gut ging. Ihre Augen wurden schmaler, noch bevor er den Mund geöffnet hatte.
„Ich habe nichts gesagt.“
„Das wäre ausnahmsweise eine sehr kluge Entscheidung.“
Er ließ den Kopf einen Moment gegen die kühle Wand sinken. Lyra nahm seine Hand und zog sie unter ihren Arm, damit er sich auf sie stützen konnte, ohne es vor allen anderen eingestehen zu müssen.
Tharon beobachtete die Bewegung, sagte aber nichts dazu.
„Die Keller bleiben vorerst gesperrt“, erklärte er. „Ich lasse die Bewohner der betroffenen Gänge zählen und suche einen trockenen Raum, in dem sie die Nacht verbringen können. Kaelor, ich brauche jemanden, dem sie zuhören.“
Der Gargoyle stand noch immer auf der obersten Treppenstufe. Im Tageslicht sah seine Schulter schlimmer aus als unten. Die Lederauflage hatte sich verschoben, und am Rand des Verbandes lag eine feuchte, rötliche Spur.
„Wenn du sie einfach irgendwo nach oben schickst, gehen die meisten nicht mit“, sagte er. „Einige von ihnen haben seit Jahren keinen Fuß auf die Straße gesetzt. Und andere haben es versucht und wurden zurückgeschickt.“
„Dann kommt niemand, um sie zu vertreiben. Wir bieten ihnen einen anderen Schlafplatz an.“
Kaelor musterte den Hauptmann. Ein Karren rumpelte vorbei, das Geräusch füllte die Pause zwischen ihnen.
„Das müsstest du ihnen selbst sagen.“
Tharon nickte. „Dann tue ich das.“
• • •
Dargan brachte Arion in die Werkstatt zurück.
Er tat es auf eine Art, die jede Diskussion überflüssig machte. Er schob einen Stuhl unter das rückwärtige Fenster, legte ein zusammengerolltes Tuch auf die Lehne und deutete darauf. Als Arion zögerte, stellte der Zwerg einen zweiten Stuhl vor ihn.
„Da kommen deine Füße hin. Wenn du mir jetzt erklärst, dass du im Stehen besser denken kannst, lasse ich Lyra antworten.“
„Ihr habt Euch gegen mich abgesprochen.“
„Dafür brauchten wir nicht lange“ maulte Dargan zwar zurück doch eine Spur Besorgnis lag in seiner Stimme.
Die Werkstatt hatte sich verändert, seit sie sie am Morgen verlassen hatten. Die Werkzeuge hingen noch an ihren Haken, der Ofen war kalt, und trotzdem schien der Raum kleiner geworden zu sein. Zwischen den freigelegten Bodenfugen verliefen Kreidelinien. Ein umgedrehter Schemel markierte eine Stelle, auf die niemand treten sollte. Auf dem Tisch lagen der alte Stadtplan, Kaelors Zeichnung und die Bruchstücke der Steinplatte. Dargan hatte jedes Stück so hingelegt, dass die Kanten zusammenpassten, ohne sich zu berühren.
Vom offenen Fenster fiel spätes Licht auf die Werkbank. Es machte die feinen Späne in den Ritzen sichtbar und den staubigen Abdruck einer Hand auf einem Eisenwinkel. Draußen schlug irgendwo ein anderer Schmied auf einen Amboss. Die Schläge kamen in ungleichmäßigen Gruppen, dann herrschte für einige Atemzüge Ruhe, bevor das Hämmern erneut begann.
Arion setzte sich.
Lyra blieb neben ihm stehen und löste den Verschluss seines Mantels. Als er die Schultern zurückziehen wollte, verzog er das Gesicht.
„Lass mich das doch einfach machen“, sie ließ es klingen als hätte sie kein größeres Vergnügen mehr zu erwarten.
Ihre Finger waren geschickt, aber nicht unberührt von der Anstrengung des Tages. Zweimal rutschte ihr der kleine Haken zwischen den Fingerspitzen weg. Beim dritten Versuch hielt sie inne und schloss kurz die Augen.
Arion legte seine Hand über ihre.
„Du darfst dich auch setzen.“
Sie sah ihn an. Der Zorn, mit dem sie ihn bis hierher aufrecht gehalten hatte, verschwand einen Augenblick aus ihrem Gesicht. Darunter lag Müdigkeit.
„Sobald ich weiß, dass du nicht wieder aufstehst, während ich es tue.“
„Ich werde nicht aufstehen, solange du hier bist.“
„Auch nicht, wenn Eldrin etwas findet?“
Arion sah zur Tür, durch die der Bibliothekar gerade eintrat.
Dargan lachte trocken. „Das war ein gemeiner Zusatz.“
Lyra zog den Mantel vorsichtig von Arions Schultern und setzte sich auf die Bank an der Wand. Sie streckte die Beine aus, betrachtete ihre noch immer feuchten Stiefel und schüttelte den Kopf.
„Ich werde nie wieder über die Preise meines Schusters streiten.“
„Das halte ich für ein zu großes Versprechen“, sagte Arion.
Sie warf ihm das zusammengerollte Halstuch zu. Er fing es mit der gesunden Hand.
Für einen Augenblick war es beinahe ruhig.
Eldrin legte seine Tasche ab. Dann zog er das Lesebuch heraus, in dem Maras Name stand.
• • •
Die Seiten rochen nach Leder und dem säuerlichen Leim, mit dem einer von Eldrins Vorgängern den Rücken geflickt hatte.
Arion kannte das Buch. Es lag gewöhnlich neben dem Eingang zu den unteren Archiven, und er hatte seinen Namen oft genug hineingeschrieben, ohne die anderen Einträge zu beachten. Heute sah er, wie dicht die Zeilen standen. Handwerker, Lehrer, ein Händler, der alte Grenzsteine hatte prüfen lassen. Eine Frau hatte um Abschriften von Besitzurkunden gebeten. Zwischen zwei Namen klebte eine kleine, sauber gepresste Blüte.
„Die ist von meiner Gehilfin“, sagte Eldrin, als er Arions Blick bemerkte. „Ihr Sohn hat sie gebracht. Sie wollte sie nicht verlieren.“
Er blätterte weiter.
Mara hatte mit einer kleinen, festen Schrift unterschrieben. Ihre Buchstaben standen leicht nach rechts geneigt, die Zahlen waren besonders ordentlich. Hinter ihrem Namen fand sich Eldrins Vermerk zu den Leitungsplänen. Daneben die Anzahl der Abschriften.
Dargan beugte sich über den Tisch.
„Und Hadrik?“
„Hat sich nicht eingetragen. Jedenfalls nicht unter diesem Namen.“
„Vielleicht hat er lesen lassen“, sagte Lyra. „So wie Joren seine Schwester geschickt hat.“
Eldrin nickte langsam. „Deshalb möchte ich mir die früheren Anfragen ansehen.“
Sie gingen die Einträge der vergangenen Wochen durch. Lyra las die Namen vor, Eldrin erklärte die abgekürzten Vermerke, und Dargan rückte immer dann näher, wenn es um Bauarbeiten ging. Arion hörte zu. Es fiel ihm schwerer, als er erwartet hatte. Einzelne Zeilen verschwammen, wenn er zu lange darauf sah. Er blinzelte und verlagerte das Gewicht, bis seine Rippen nicht mehr gegen die Stuhlkante drückten.
„Hier“, sagte Dargan.
Eldrin hielt inne.
Der Eintrag lag zwölf Tage vor Maras Besuch. Ein Geselle hatte Pläne der westlichen Wasserläufe einsehen wollen. Als Grund war die Ausbesserung einer Zisterne genannt.
„Ein halber Tag für drei Blätter“, murmelte Dargan. „Das ist lange, wenn man nur wissen will, wo eine Leitung liegt.“
Arion beugte sich etwas vor.
Neben dem Vermerk stand ein Name, den er nicht kannte. Darunter hatte Eldrin mit anderer Tinte etwas ergänzt.
Abschrift der älteren Fassung nachgereicht.
„Welche ältere Fassung?“, fragte Arion.
Der Bibliothekar fuhr mit dem Finger an der Zeile entlang. Seine Stirn legte sich in Falten.
„Die Karte aus den Gründungsbeständen. Diejenige, die wir gestern in der Werkstatt hatten.“
Lyra setzte die Füße auf den Boden.
„Die mit der Kammer?“
Eldrin nickte.
Eine Weile hörten sie nur den Schmied auf der anderen Straßenseite. Drei Schläge, eine Pause, dann das dünne Klirren einer Klinge.
„Dann haben sie die Kammer nicht zufällig gefunden“, sagte Arion.
„Nein“, erwiderte Eldrin. „Jemand wusste, welche Fassung er brauchte.“
• • •
Kaelor hatte erwartet, dass Tharon einen Soldaten schicken würde.
Stattdessen kam der Hauptmann selbst in die Tiefe, ohne Helm und mit zwei Männern, die Decken trugen. Er ließ die Wachen am Eingang der größeren Halle stehen. Das war klug. Kaelor hätte es ihm sonst sagen müssen, und die Erklärung hätte allen Beteiligten weniger gefallen als die Geste.
In der Halle war die Luft warm und verbraucht. Zwischen den Stützen hingen Tücher, hinter denen Familien ihre wenigen Sachen ausgebreitet hatten. Ein Topf stand auf einem flachen Kohlebecken. Der Geruch von gekochten Wurzeln mischte sich mit dem Staub, der noch immer von den Arbeiten in den westlichen Gängen herüberzog.
Es gab hier unten kaum offene Flammen. Das Licht kam aus kleinen Nischen, aus ölgetränkten Dochten unter flachen Schalen und gelegentlich aus dem matten Leuchten eines Steins, den jemand neben seinem Lager aufgestellt hatte. Es reichte, um Wege zu finden. Für Gesichter musste man näher treten.
Kaelor sah die Haltung der Bewohner sich verändern, als sie Tharon bemerkten. Gespräche wurden leiser. Eine Frau zog ihr Bündel an sich. Zwei junge Gargoyles richteten sich vor einem Durchgang auf, breit genug, um deutlich zu machen, dass sie sich nicht für zufällige Zuschauer hielten.
Der ältere Gargoyle aus der Versammlung kam langsam von der gegenüberliegenden Seite heran. Er setzte die Füße mit Bedacht auf, als prüfte er bei jedem Schritt, ob der Stein noch trug.
„Du bringst jetzt die Stadtwache zu uns.“
Kaelor hielt seinem Blick stand.
„Ich bringe jemanden, der Platz für die Familien sucht. Der westliche Abschnitt ist noch nicht sicher.“
Der Alte wandte sich an Tharon. Er ließ sich Zeit dabei, ihn von den Stiefeln bis zum Gesicht zu betrachten.
„Und was wird aus unseren Sachen, wenn wir gehen?“
„Ihr nehmt mit, was Ihr braucht“, antwortete der Hauptmann. „Was hierbleibt, wird bewacht.“
„Von Euren Leuten.“
„Gemeinsam mit Euren, wenn Ihr das möchtet.“
Der Alte zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Kaelor kannte diese Bewegung. Sie bedeutete, dass ihm die Antwort nicht gefiel, weil er sie nicht ohne Weiteres angreifen konnte.
„Es gibt eine alte Tuchhalle am südlichen Aufgang“, fuhr Tharon fort. „Der Boden ist trocken. Ich habe nach dem Besitzer schicken lassen. Bis die Stützen geprüft sind, könnt Ihr dort schlafen.“
Eine der Frauen hinter dem Tuch trat hervor.
„Was kostet uns das?“
Tharon sah sie direkt an. „Nichts.“
Sie wartete. Er ließ ihr die Zeit.
„Auch nicht später?“, fragte sie schließlich.
„Auch nicht später.“
Kaelor bemerkte, wie der Junge mit dem Becher hinter seiner Mutter hervorlugte. Er betrachtete den Hauptmann mit demselben unverhohlenen Misstrauen, mit dem er am Morgen Arions Robe angesehen hatte.
Tharon ging etwas in die Hocke. Seine Knie knarrten leise.
„Ist das dein Becher?“
Der Junge nickte.
„Dann nimm ihn mit. Dort oben kann man ihn ebenfalls füllen.“
Die Mutter legte dem Kind die Hand auf den Kopf. Ihr Blick blieb auf Tharon, doch die Finger, mit denen sie das Tuch vor ihrer Nische festgehalten hatte, lockerten sich.
Es dauerte trotzdem fast eine Stunde, bevor die Ersten ihre Bündel nahmen.
Kaelor half einem alten Mann, dessen Flügel sich nicht mehr eng genug anlegen ließen, durch den schmalen Aufgang. Er musste seitwärts gehen und hielt dabei eine Hand unter dessen Ellbogen. An jeder zweiten Stufe blieben sie stehen. Hinter ihnen scharrten Füße, ein Kind beschwerte sich, und weiter unten stritt jemand darüber, ob ein halb gefüllter Sack Kohle unbedingt mitgenommen werden müsse.
Niemand zog aus wie in einer Heldengeschichte.
Sie waren müde, gereizt und hatten Angst um das, was sie zurückließen.
Als sie oben ankamen, blendete das späte Tageslicht den alten Mann so sehr, dass er die Augen schloss. Kaelor wartete mit ihm unter dem Vordach.
„Es riecht anders“, sagte der Alte nach einer Weile.
Kaelor sah auf die Straße. Ein Bäcker trug ein Blech nach hinten in seinen Hof. In einer Regentonne trieb gelber Blütenstaub. Irgendwo briet jemand Zwiebeln.
„Ja“, antwortete er. „Das tut es.“
• • •
Hadriks Wagen wurde am Nordtor aufgehalten.
Er war nicht weit gekommen. Ein gebrochener Radnagel hatte ihn gezwungen, in einem Hof hinter der inneren Mauer anzuhalten. Der Wagner dort hatte noch zwei andere Arbeiten vor sich gehabt, und Hadrik war laut genug geworden, dass sich später mehrere Menschen sehr genau an ihn erinnerten.
Tharon erhielt die Nachricht in der Tuchhalle.
Er stand auf einem niedrigen Podest und half gerade, einen verkeilten Fensterladen zu öffnen. Als die Wache ihn ansprach, ließ er sich erst den Nagel geben, mit dem der Laden gesichert werden sollte. Er schlug ihn ein, prüfte das Holz und stieg dann herunter.
Kaelor wartete neben dem Eingang.
„Ich komme mit.“
„Ihr kommt als Zeuge mit“, sagte Tharon. „Wenn er Euch beschimpft, lasst Ihr ihn reden.“
Der Gargoyle antwortete nicht.
Tharon zog seine Handschuhe an. Er tat es langsam, Finger für Finger, und sah Kaelor dabei an.
„Ich möchte, dass er erklärt, was passiert ist. Dafür brauche ich ihn bei Bewusstsein und ohne Ausrede, sich nur noch über seine Behandlung zu beschweren.“
Kaelor blickte an ihm vorbei in die Halle.
Ein Mädchen hatte sich auf dem Rand eines leeren Ballens niedergelassen und hielt die Nase ins Licht, das durch den geöffneten Laden fiel. Ihre Mutter zog ihr die Schuhe aus. Der eine war mit einer Schnur gebunden, die längst in die Haut am Knöchel geschnitten hatte.
„Dann sorg dafür, dass er redet“, sagte Kaelor.
Tharon nahm es vorerst als Zusage.
• • •
Der Hof des Wagners lag zwischen zwei hohen Mauern.
Hier roch es nach frisch gesägtem Holz, Pferdeschweiß und dem schmierigen Fett, mit dem man die Achsen behandelte. Unter einem Dach aus ungleichen Brettern standen Räder in allen Größen. Einige waren neu, ihre Speichen hell und glatt. Andere lehnten zerbrochen an der Wand, mit verrosteten Reifen und ausgebrochenen Naben. Zwischen ihnen wuchs ein schmaler Streifen Gras, den niemand absichtlich gepflanzt hatte.
Hadrik saß auf einem Hocker neben seinem Wagen.
Er war ein breiter Mann mit kurz geschnittenem Haar und einem Bart, der an den Mundwinkeln grau wurde. Einer seiner Stiefel hatte eine offene Naht. Er hatte sie mit Draht zusammengezogen. An seinem rechten Ärmel klebte Mörtel.
Als Tharon durch das Tor trat, stand er sofort auf.
Kaelor sah zuerst die Hände.
Sie bewegten sich nach beiden Seiten, suchten den Gürtel, die Kante des Wagens, irgendetwas, das dem Körper eine Beschäftigung gab. Hadrik bemerkte es selbst und verschränkte sie vor dem Bauch.
„Wenn es um den Zoll geht, habe ich schon bezahlt.“
Tharon blieb außerhalb seiner Reichweite stehen.
„Es geht um Joren, Berrik und Neral.“
Hadriks Blick glitt zur offenen Durchfahrt. Dort standen zwei Wachen. Der Wagner hatte seinen Hobel abgelegt und war einige Schritte von der Werkbank zurückgetreten.
„Ich weiß nicht, was man Euch erzählt hat.“
„Dann hört Ihr erst einmal zu.“
Tharon nannte die Kammer, die bronzene Tür und die Steinplatte. Er sprach ruhig. Hadrik wurde bei jedem Wort unbeweglicher.
Als der Hauptmann den Keil auswickelte, setzte der Mann sich wieder hin, obwohl ihn niemand dazu aufgefordert hatte.
Kaelor hätte ihn am liebsten hochgerissen.
Stattdessen legte er eine Hand an den Wagenholm. Das Holz gab unter seinen Fingern einen trockenen Laut von sich.
Hadrik sah dorthin.
Tharon trat einen halben Schritt zwischen sie.
„Neral lebt.“
Der Baumeister hob den Kopf.
Für einen kurzen Augenblick verlor sein Gesicht jede Form. Er öffnete den Mund, ohne einen Laut hervorzubringen. Dann fuhr er mit der Hand über den Bart und blieb mit den Fingern vor den Lippen hängen.
„Das kann nicht sein.“
„Wir haben ihn herausgeholt.“
Hadrik schloss die Augen.
Kaelor spürte, wie seine Hand den Holm fester umfasste.
„Sieh ihn an“, sagte Tharon zu Hadrik.
Der Mann öffnete die Augen wieder.
„Ihr werdet mir erklären, weshalb der Junge hinter einer von außen gesicherten Platte lag. Und Ihr fangt mit dem Auftrag an.“
• • •
Sie brachten ihn in den Wachraum am Tor.
Tharon ließ den Wagen durchsuchen, während eine Wache Hadriks Aussage niederschrieb. Kaelor blieb an der Wand stehen. Der Raum war zu klein für ihn, und das wusste jeder darin. Er hätte seine Flügel nicht ausbreiten können, ohne das Regal neben der Tür herunterzureißen.
Hadrik saß auf einer Bank. Er hatte die Mütze abgenommen und drehte sie zwischen den Händen. Unter seinen Nägeln verliefen dunkle Ränder. An einer Stelle war die Haut des Daumens aufgeplatzt.
„Ich sollte die Verschlüsse ausbessern“, sagte er. „Mehr nicht. Einen Zugang freilegen, die Führungen prüfen und die alte Sicherung wieder gangbar machen.“
„Wer hat Euch beauftragt?“
„Ein Schreiber. Er hat für jemanden gearbeitet. Das hat er jedenfalls gesagt.“
Tharon lehnte sich nicht zurück. Er ließ den Mann keinen Augenblick aus den Augen.
„Ein Name.“
Hadrik schüttelte den Kopf.
Kaelor stieß sich von der Wand ab.
„Du bist mit drei Leuten unter die Stadt gegangen und hast nicht einmal gefragt, für wen?“
„Ich habe ein Drittel vorher bekommen. Der Mann hatte Pläne, eine schriftliche Anweisung und mehr Ahnung von den alten Gängen als die meisten, die mich sonst schicken. Ich dachte, das kommt vom Rat. Oder von der Akademie. Woher soll ich das wissen?“
„Indem du fragst.“
Hadrik sah auf seine Mütze.
„Ja“, sagte er. „Das hätte ich tun sollen.“
Tharon hob eine Hand, bevor Kaelor antworten konnte.
„Beschreibt den Mann.“
Hadrik tat es. Mittlere Größe. Dunkler Reisemantel. Ein schmaler Bart, ordentlich geschnitten. An der linken Hand zwei Finger, die sich nicht vollständig strecken ließen. Kein auffälliger Akzent. Er hatte sich in einer Schenke mit ihm getroffen, wo Arbeiter morgens auf Aufträge warteten.
Alles daran war gewöhnlich genug, um wahr sein zu können.
„Und der Schlüssel?“
„Den hat er mir gegeben. Zusammen mit den Plänen.“
„Wo ist er jetzt?“
Hadrik deutete mit dem Kinn zur Tür. „In meiner Werkzeugkiste. In einem Lederbeutel unter dem Einsatz.“
Tharon schickte die Wache hinaus. Dann wartete er, bis die Tür wieder geschlossen war.
„Was geschah in der Kammer?“
Hadrik rieb mit dem Daumen über die offene Hautstelle. Als Blut hervortrat, wischte er es an der Mütze ab.
„Joren hat an den Führungen gearbeitet. Berrik war am Becken. Der Junge sollte die Lampen halten. Ich habe mir die Bodenrinne angesehen, weil dort etwas fehlte. Eine Einfassung. So stand es in der Anweisung.“
„Was für eine Einfassung?“
„Ein Ring oder ein Bügel. Ich habe das Ding nie gesehen. Nur die Zeichnung.“
Kaelor hob den Kopf.
„Dann?“
„Berrik hat gerufen, dass im Wasser einer steht.“
Im Raum wurde es still.
Draußen fuhr ein Wagen über die Torbrücke. Die Räder polterten über die Fugen, und das Geräusch lief durch den Boden bis in Kaelors Füße.
Hadrik schluckte.
„Ich dachte, er macht einen schlechten Scherz. Aber da war etwas. Ich konnte es nicht richtig sehen. Es war im Becken, nur das Wasser war nicht tief genug dafür. Berrik stand bis zu den Knöcheln drin. Trotzdem hat es ihn runtergezogen.“
Tharon rührte sich nicht.
„Joren hat nach ihm gegriffen. Dann hat er den Jungen nach hinten geschoben, durch den zweiten Durchgang. Die Platte war oben, als wir kamen.“
Hadrik sah zur Wand. Sein Blick fand an den Steinen keinen Halt.
„Es ging so schnell. Berrik war plötzlich wieder am Rand. Ich dachte, er wäre hochgekommen. Aber sein Gesicht—“
Er hob eine Hand vor die Augen.
Kaelor dachte an den Körper, den er gegen den Beckenrand geschlagen hatte. An die Kraft in den nassen Armen. Er zwang sich, die Hände offen zu lassen.
„Ich habe am Hebel gezogen“, sagte Hadrik. „Ich wollte die Platte runterlassen. Ich dachte, ich kriege das Ding dahinter zu.“
„Und Joren?“, fragte Tharon.
Hadrik schwieg.
„Wo war Joren?“
„Noch in der Kammer.“
„Auf Eurer Seite.“
Der Mann nickte kaum sichtbar.
Tharon ließ ihm keine Pause, in der die Antwort kleiner werden konnte.
„Ihr habt die Platte herabgelassen. Was habt Ihr dann getan?“
„Joren war nicht mehr— ich habe ihn gesehen, und er war nicht mehr er selbst. Ich wollte nur noch raus.“
„Und den Keil?“
Hadrik presste die Mütze gegen seine Knie.
„Den habe ich eingeschlagen. Dann bin ich durch die bronzene Tür hinaus und habe sie hinter mir zugezogen.“
Kaelor trat vor.
Tharon stand auf, bevor der Gargoyle ihn erreichte. Er fasste nicht nach seiner Waffe. Er stellte sich nur in den Weg.
„Er bleibt sitzen.“
Kaelor hörte seinen eigenen Atem. Er schmeckte Staub, obwohl die Luft hier oben sauber war.
„Der Junge war dahinter.“
Hadrik hob den Kopf. „Er hat nicht mehr geantwortet.“
„Wie lange hast du gewartet?“
Keine Antwort.
Kaelor beugte sich vor. Tharon legte ihm eine Hand gegen die Brust. Der Druck war gering. Er hätte ihn ohne Mühe beiseiteschieben können.
Er tat es nicht.
„Wie lange?“, wiederholte er.
Hadrik sah auf den Boden.
„Ich weiß es nicht.“
Tharon ließ die Feder der Wache auskratzen, bevor er weiterfragte. „Der Putz an der Tür war frisch. Wann seid Ihr zurückgegangen?“
„Gestern früh. Ich habe die Kanten verschlossen und die Eimer stehen lassen.“ Hadrik hob den Blick nicht. „Ich dachte, wenn niemand mehr da hineingeht—“
„Ihr hättet die Wache holen können.“
Der Mann knetete seine Mütze zwischen den Händen. „Ja.“
Kaelor trat zurück.
Nicht, weil die Antwort genügte.
Sondern weil er plötzlich Angst davor hatte, was er mit dem Mann tun würde, wenn er noch einen Schritt näher ging.
• • •
Als Tharon wenig später die beiden Magier holen ließ, war es beinahe Abend.
Lyra bestand auf einem Wagen. Arion begann gar nicht erst, zu widersprechen. Während der Fahrt saß er seitlich auf der Bank, damit ihn die Bewegung nicht bei jedem Schlagloch in die Rippen stieß. Sie hatte seinen Mantel zwischen ihn und das harte Holz geklemmt. Eine Hand lag auf seinem Knie und hielt ihn ruhig, wenn der Wagen über eine Kante rollte.
Elesmera zog langsam an ihnen vorbei.
Die oberen Stockwerke der Häuser fingen noch das letzte warme Licht, während unten zwischen den Fassaden bereits die Schatten lagen. Vor einem Brunnen standen Menschen mit Eimern. Ein Zwerg hielt einem Ork den Platz frei, der gleichzeitig versuchte, zwei Kinder von der Wasserfassung fernzuhalten. Über einer Bäckertür wurde das Schild hereingeholt. Aus einem offenen Fenster fiel der Klang einer schlecht gestimmten Laute, gefolgt von der geduldigen Stimme einer Lehrerin, die dieselben drei Töne noch einmal verlangte.
Arion lehnte den Kopf gegen das Holz.
„Ich bin heute Morgen durch dieselben Straßen gegangen.“
Lyra strich mit dem Daumen über die Naht an seinem Hosenbein.
„Du siehst sie nur gerade anders.“
Er sah zu ihr. Ihr Haar hatte sich aus dem Band gelöst und lag ihr an der Schläfe. Ein dünner Staubstreifen verlief über ihren Hals, dort, wo der Kragen das Waschen am Mittag verhindert hatte.
Er hob die Hand und strich ihn vorsichtig fort.
Lyra hielt ganz still.
„Das macht es nicht besser“, sagte er leise.
„Was?“
„Zu wissen, wie viel man verlieren könnte.“
Sie sah ihn lange an. Der Wagen bog in eine engere Straße, und ihr Knie drückte für einen Moment gegen seines.
„Nein“, antwortete sie schließlich. „Aber ich möchte deshalb nicht weniger davon haben.“
Arion ließ seine Hand an ihrer Wange liegen.
Dann rumpelte das Rad durch eine Rinne, und er zog scharf die Luft ein.
Lyra griff sofort nach seinem Arm.
„Und ich möchte dich wirklich gern einmal küssen können, ohne dass du dabei ein Geräusch machst wie ein kaputter Blasebalg.“
Er lachte, bereute es augenblicklich und lachte trotzdem noch einmal.
• • •
Im Torhaus roch es nach Staub, Leder und dem Eintopf der Wachmannschaft.
Hadrik war in einen Nebenraum gebracht worden. Arion sah nur seinen Rücken durch die halb offene Tür. Der Mann saß auf einer Bank und starrte auf seine Hände. Eine Wache hielt davor Posten.
Tharon führte sie zum Tisch.
Darauf lagen ein Schlüssel, mehrere gefaltete Blätter und eine längliche Lederhülle. Dargan stand bereits daneben. Kaelor hielt sich am Fenster auf, den Rücken allen anderen zugewandt.
Arion bemerkte die Splitter an seiner Hand.
Er fragte nicht sofort danach.
Tharon zeigte auf die Papiere.
„Das ist der Auftrag. Hadrik sagt, er habe die genaue Lage der Kammer und den Schlüssel von einem Schreiber erhalten. Dessen Namen kennt er nicht.“
Eldrin setzte seine Brille auf.
Der Auftrag war ordentlich verfasst. Keine gehetzte Notiz, keine unklare Skizze. Jemand hatte Maße ergänzt, Arbeitsschritte beschrieben und neben der Zeichnung der Steinplatte eine Reihe kleiner Zahlen vermerkt.
Dargan tippte auf den unteren Rand.
„Da steht sogar, wie man den Sperrkeil löst. Hadrik wusste, was er da eingeschlagen hat.“
Lyra betrachtete die Zeichnung. Dann schob sie das oberste Blatt zur Seite.
Arion hielt den Atem an.
Auf dem zweiten war die Armspange abgebildet.
Die breite Außenseite, die flacheren Kanten, die sieben Vertiefungen innen. Eine kleine Beschädigung am Rand war mit einem zusätzlichen Strich markiert. Er hatte sie am Abend zuvor selbst unter Eldrins Lampe gesehen.
„Wo ist Hadrik dem Schreiber begegnet?“, fragte er.
Tharon nannte die Schenke.
„Und die Zeichnung hatte er schon vor Beginn der Arbeiten?“
„Das sagt er.“
Arion setzte sich auf die Tischkante. Lyra schob ihm wortlos den Stuhl hin.
„Das ist unser Fundstück“, sagte er. „Bis auf die Scharte.“
Eldrin nahm das Blatt näher an die Lampe. Das Licht fiel flach über die Tinte und machte die feinen Unterschiede zwischen den Strichen sichtbar.
„Die Zeichnung ist älter als die Beschriftung“, murmelte er.
Dargan beugte sich vor. „Wie alt?“
„Das kann ich hier nicht sagen. Aber die Linien wurden abgepaust. Seht die kleinen Einstiche an den Ecken. Jemand hat eine vorhandene Vorlage übertragen und danach die Anweisungen ergänzt.“
Arion betrachtete die Worte unter der Abbildung.
Die Schrift war eng, die Buchstaben sauber verbunden. Einige Begriffe kannte er aus den alten Texten. Andere waren in einer neueren Hand darübergesetzt.
Er las langsam.
„Die Aufnahme darf nicht geschlossen werden, solange die zweite Seite unbestätigt ist.“
Lyra sah ihn an.
„Welche zweite Seite?“
Arion schüttelte den Kopf.
Tharon trat an den Tisch. „Hat Hadrik das gelesen?“
„Er hat es als Hinweis auf die Führung verstanden“, sagte Dargan. „Zwei Seiten. Zwei Rinnen. Ein Werkstück dazwischen. Für einen, der Türen und Schleusen repariert, klingt das nicht nach einer anderen Welt.“
Eldrin hatte die Lederhülle geöffnet. Darin lag ein schmaler Streifen Pergament, so oft gefaltet, dass die Kanten weich und dunkel geworden waren. Er breitete ihn vorsichtig neben der Zeichnung aus.
Oben stand dieselbe gebogene Linie mit den sieben Unterbrechungen.
Darunter verliefen zwei Reihen von Zeichen.
Arion erkannte die obere. Sie war unvollständig, aber ihre Anordnung entsprach den Abbildungen in den elfischen Reiseberichten. Die untere war in einer anderen Schrift verfasst.
Eldrin zog hörbar die Luft ein.
„Was ist?“, fragte Lyra.
Der Bibliothekar fuhr mit dem Finger über den Rand, ohne das Pergament zu berühren.
„Das ist keine Bauanweisung.“
Er drehte es zu Arion.
Unter den beiden Zeichenreihen stand ein kurzer Satz in der Sprache der Menschen. Die Tinte war blasser als die Ergänzungen auf dem Auftrag, aber deutlich genug, um jedes Wort zu lesen.
Wenn der Rückruf ausbleibt, ist der Durchgang zu schließen.
Arion sah auf die sieben Vertiefungen der gezeichneten Spange.
Rückruf.
Zum ersten Mal stellte er sich die Tür zwischen den Welten nicht als etwas vor, das man einfach aufstieß. Er dachte an die kleinen Versuche in den Übungsräumen der Akademie, an einen gesprochenen Laut, der im nächsten Raum gehört werden sollte. An die Wartezeit, während man lauschte, ob jemand antwortete.
Lyra legte die Hand neben seine.
„Sie haben gewusst, wie man prüft, ob auf der anderen Seite jemand ist.“
Er nickte langsam.
Tharon betrachtete beide. „Und was bedeutet es, wenn niemand antwortet?“
Arion hob den Blick.
„Dass man nicht einfach hineingehen sollte.“
• • •
Kaelor löste sich vom Fenster.
Seine Hand war inzwischen mit einem Streifen Leinen umwickelt. Er hatte ihn zu fest angezogen. Zwischen den Knoten schimmerte dunkles Blut.
„Der Junge hat geantwortet“, sagte er.
Niemand sprach.
Kaelor sah auf die Blätter, auf den sorgfältig gezeichneten Verschluss und die kleinen Maße daneben. Dann wandte er sich Tharon zu.
„Hadrik hat nur nicht lange genug zugehört.“
Der Hauptmann nickte, ohne die Augen abzuwenden.
„Das wird Teil seiner Aussage.“
Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte Kaelor etwas entgegnen. Stattdessen zog er den Verband ein Stück lockerer. Dargan ging zu ihm, nahm ihm das lose Ende ab und band es neu. Keiner von beiden kommentierte die Bewegung.
Arion blickte zur Tür des Nebenraums.
Hadrik war kein Schatten aus einem uralten Buch. Kein Dämon, den man mit einem Namen versehen und dadurch auf Abstand halten konnte. Er hatte mit Männern gearbeitet, ihren Lohn berechnet und gewusst, wo sie wohnten. Er hatte einen Keil genommen und ihn eingeschlagen.
Und jemand hatte ihn an einen Ort geschickt, dessen Bedeutung weit über das hinausging, was er verstanden hatte.
Arion zog das Blatt mit der Armspange zu sich heran.
„Wir müssen den Schreiber finden.“
Tharon nahm den Auftrag vom Tisch, bevor Arion ihn unbewusst zusammenknicken konnte.
„Ja“, sagte er. „Aber heute Nacht schlaft Ihr.“
Lyra öffnete den Mund.
Der Hauptmann hob eine Hand.
„Ihr auch.“
Dargan schnaubte.
Zum ersten Mal an diesem Abend zuckte etwas wie ein Lächeln um Tharons Mund.
• • •
In der Werkstatt war es dunkel, als sie zurückkehrten.
Die Wache beim Wassertrog stand auf, sobald Dargan durch die Gasse kam. Der Zwerg ließ sich berichten, dass niemand den Kasten berührt hatte, und kontrollierte den Draht trotzdem selbst. Danach ging er hinein, zündete die Lampe an und blieb vor der Werkbank stehen.
Arion war in der Tür geblieben.
Lyra hatte seinen Mantel über dem Arm. Sie wartete, ohne ihn zu drängen.
„Was ist?“, fragte sie nach einer Weile.
Er sah auf die Zeichnung, die Eldrin ihm als Abschrift mitgegeben hatte. Die sieben Vertiefungen waren nur mit wenigen Strichen angedeutet. Trotzdem konnte er sie vor sich sehen, als läge das Metall wieder unter seinen Händen.
„In der Ruine hat der Lich unsere Magie unterbrochen“, sagte er. „Wir haben gedacht, er hätte sie uns genommen.“
Lyra trat neben ihn.
„Vielleicht hat er das auch.“
„Vielleicht.“
Er faltete das Blatt zusammen.
Dargan stellte die Lampe auf die Werkbank. Hinter ihm blieben die geöffneten Fugen schwarz.
Arion blickte zu der gebrochenen Steinplatte. Dann hinaus in die Gasse, zu dem Kasten unter den Pflastersteinen.
„Aber diese Schatten sind erst gekommen, nachdem er gefallen war.“
Lyra sah ihn an.
Sie erinnerte sich an die Luft nach seinem Fall. An die Schatten, die erst gekommen waren, als die Klinge ihr Ziel gefunden hatte. An das Gefühl, dass sich etwas gelöst hatte, das bis dahin festgehalten worden war.
Ihre Finger schlossen sich langsam um den Mantel.
„Du glaubst, er hat etwas verschlossen gehalten.“
Arion antwortete nicht gleich.
Draußen rief der Nachtwächter die Stunde. Seine Schritte entfernten sich, und in den Häusern ringsum wurden die letzten Läden geschlossen.
„Ich glaube“, sagte Arion schließlich, „dass wir morgen noch einmal sehr genau aufschreiben müssen, was wir getan haben.“
Kapitel XIII
Das Wort ihres Hauses
In dieser Nacht blieb Lyra bei ihm.
Sie sagte es nicht wie eine Entscheidung, über die noch gesprochen werden musste. Als sie Arions Zimmer erreichten, stellte sie den Krug Wasser neben sein Bett, schob die Abschriften auf dem Tisch zusammen und zog den zweiten Stuhl ans Fenster. Dann begann sie, die Schnürung ihrer Stiefel zu lösen.
Arion stand noch in der Tür.
„Du musst nicht auf mich aufpassen, während ich schlafe.“
„Das hatte ich auch nicht vor.“
Sie zog den ersten Stiefel aus und betrachtete mit unverhohlener Abneigung den feuchten Strumpf. Dann sah sie zu ihm auf.
„Ich hatte gehofft, selbst damit anzufangen. Vorzugsweise, bevor Eldrin uns ein weiteres Buch vorbeibringt.“
Das Zimmer war kaum groß genug für zwei Menschen, die sich nicht ständig ausweichen wollten. Zwischen Bett und Tisch blieb ein schmaler Durchgang. Unter dem Fenster standen ein niedriger Schrank und eine Waschschüssel, deren Glasur an der Innenseite einen feinen Sprung hatte. In den Fächern darüber lagen Bücher in zwei Reihen. Ein einzelner Zweig mit vertrockneten Blättern steckte zwischen den Bänden, offenbar irgendwann als Lesezeichen benutzt und dann vergessen.
Die Akademie war zur Ruhe gekommen. Aus dem Hof drang das gelegentliche Schlagen einer Tür. Jemand trug mit langsamen Schritten einen Eimer über den Gang. In der Ferne lief noch Wasser in die Becken des Badehauses.
Arion zog die Tür hinter sich zu.
Lyra hatte beide Stiefel neben den Stuhl gestellt. Sie hielt die Füße dicht über den Boden, als traute sie auch den Dielen nicht ganz, und wickelte die nassen Strümpfe in ein altes Tuch.
„Es gibt eine Decke im Schrank“, sagte er. „Die obere ist sauber. Die andere habe ich—“
„Arion.“
Er hielt inne.
Sie lächelte, müde und mit einer Zärtlichkeit, die ihn für einen Augenblick ratlos machte.
„Ich finde eine Decke.“
Später saß sie neben ihm auf der Bettkante und löste vorsichtig den Verschluss an seiner Schulter. Er konnte den gesunden Arm allein aus dem Ärmel ziehen. Bei der anderen Seite ließ er sich helfen. Lyra tat es ohne die Bemerkungen, mit denen sie ihm tagsüber den Stolz gerettet hatte. Als der Stoff über die frisch verbundene Wunde glitt, spürte er den warmen Atem an seinem Hals.
Er drehte den Kopf.
Sie war ihm so nah, dass sie sich kaum bewegen musste.
Der Kuss dauerte länger als der erste. Arion legte die Hand in ihren Nacken und spürte die feinen Härchen unter seinen Fingern. Lyra schloss die Augen. Für eine Weile gab es keinen Grund, sich voneinander zu lösen, außer dem schmerzhaften Ziehen, das ihn schließlich leise fluchen ließ.
Sie hielt sofort inne.
„Ich fange langsam an, diese Rippen persönlich zu nehmen.“
Arion lehnte die Stirn an ihre.
„Das beruht vermutlich auf Gegenseitigkeit.“
Sie lachte leise. Dann half sie ihm, sich hinzulegen, und schob das Kissen so unter seinen Rücken, dass er freier atmen konnte.
Das Licht der Lampe war inzwischen klein geworden. Es legte einen warmen Schein über Lyras Hände, über den Rand ihrer Wange und den abgetragenen Stoff an ihrem Ärmel. Als sie sich noch einmal zu ihm beugte, rutschte etwas aus der Innentasche ihres Gewandes.
Ein Brief.
Sie fing ihn auf, bevor er den Boden erreichte.
Arion hatte das Siegel kaum gesehen: helles Wachs, darin ein Baum mit tief reichenden Wurzeln. Lyra hielt den Brief einen Augenblick fest. Ihr Daumen lag auf der gebrochenen Stelle.
„Schlechte Nachrichten?“, fragte er.
Sie strich die Kante des Papiers glatt.
„Von zu Hause.“
Er wartete. Lyra sah zum Fenster, hinter dem die Nacht über dem Hof lag.
„Nicht heute“, sagte sie schließlich. „Ich möchte heute nicht darüber nachdenken.“
Arion zog die Decke ein Stück zur Seite.
Sie legte den Brief auf den Schrank.
Als sie sich neben ihn legte, tat sie es so vorsichtig, als könnte schon das Gewicht ihres Arms ihm wehtun. Arion nahm ihre Hand und legte sie selbst auf seine Brust.
„So ist gut.“
Lyra schob das Gesicht an seine Schulter.
Er schlief ein, während sie noch den gleichmäßigen Schlag unter ihrer Hand zählte.
• • •
Sechs Tage lang blieb er von den unteren Gängen fern.
Es waren keine ruhigen Tage.
Tharon ließ die Zugänge sichern und Hadriks Angaben prüfen. Die Schenke, in der die Arbeiter angeworben worden waren, hieß Zum Grauen Widder. Ihr Wirt erinnerte sich an den Schreiber, allerdings vor allem deshalb, weil der Mann sein Frühstück stets bezahlt hatte, bevor er zu essen begann. Den Namen, den er angegeben hatte, kannte niemand in der Stadt.
Dargan untersuchte den Schlüssel. Er war alt, aber an zwei Stellen nachgearbeitet worden. Jemand hatte die Zähne angepasst und die frischen Spuren anschließend dunkel gebeizt. Es war eine sorgfältige Arbeit. Der Zwerg schickte die Wachen zu drei Schlossern, die dazu imstande gewesen wären.
Kaelor half beim Abstützen der westlichen Gänge. Abends kam er manchmal in die Werkstatt, ließ sich auf die Bank sinken und hörte den anderen zu. Er sagte wenig über die Tuchhalle. Doch wenn Tharon berichtete, dass ein fehlender Sack gefunden oder eine Familie wieder in ihre Nische zurückgekehrt war, verschwand für einen Moment jene harte Falte zwischen seinen Augen.
Neral schlief viel. Elian ließ nur kurze Besuche zu. Der Junge bestätigte, dass Hadrik die Platte herabgelassen hatte, aber seine Erinnerung an die Minuten davor blieb bruchstückhaft. Manchmal begann er einen Satz und konnte ihn nicht beenden. Mara brachte ihm Essen und saß dann am Fenster, ohne ihn zum Reden zu drängen.
Arion schrieb.
Er legte den Kampf in den Ruinen so genau dar, dass es ihm nach der dritten Seite vorkam, als habe jemand anders ihn erlebt. Lyra ergänzte, was sie gesehen hatte. Sie stritten über die Reihenfolge zweier Bewegungen, über die Dauer der Barriere und darüber, ob die Schatten aus dem Körper des Lichs gekommen waren oder aus der Luft dahinter.
Eldrin zog eine Linie zwischen ihre beiden Fassungen.
„Dann bleibt es unklar“, sagte er. „Die Welt wird es überleben, wenn wir ihr einmal keine Gewissheit vorsetzen.“
Sie ließen die Stelle offen.
Am fünften Tag erlaubte Elian Arion wieder einfache Bewegungsübungen. Die Wunde am Arm hatte sich sauber geschlossen. Bei den Rippen bestand er darauf, dass Arion ihm vorführte, wie er tief einatmete, den Oberkörper drehte und beide Arme hob.
„Es ist besser“, sagte Arion.
„Das sehe ich. Ich möchte nur verhindern, dass Ihr daraus macht, es sei vorbei.“
Am sechsten Morgen übte Arion im rückwärtigen Hof der Akademie mit einem Holzstab.
Lyra sah ihm durch die offene Tür eine Weile zu.
Der Hof lag zwischen der alten Übungshalle und einer Mauer, an der sich wilder Wein festhielt. Unter den Fenstern standen steinerne Tröge, deren Erde nach dem Regen dunkel glänzte. Ein Diener hatte die Pfützen vom Pflaster gefegt; feine Wasserlinien liefen noch zwischen den Steinen zu einem Gitter in der Ecke.
Arion bewegte sich langsam. Er ließ die Spitze des Stabes sinken, verlagerte das Gewicht und führte sie auf einer anderen Linie wieder nach vorn. Das wirkte unscheinbar. Keine der Bewegungen endete weit von der nächsten entfernt.
„Sollte das nicht eine Übung für die Schultern sein?“, fragte Lyra.
Er drehte sich zu ihr.
„Ist es.“
„Und zufällig sieht es aus, als würdest du jemanden aufspießen.“
„Dann mache ich sie wohl richtig.“
Sie trat hinaus. Der Morgen war frisch genug, dass sie die Hände in den Ärmeln verbarg. Als Arion den Stab an die Wand lehnte, bemerkte sie, dass er weniger vorsichtig ging als noch am Vortag.
Sie wollte es gerade sagen, als hinter ihr Schritte erklangen.
Keine hastigen Schritte. Kein Student, der zu spät zu einer Vorlesung kam.
Der Mann blieb auf der Schwelle zum Hof stehen und nahm die Handschuhe ab.
Lyra erkannte ihn sofort.
• • •
Leander Varent war niemals jemand gewesen, den man übersah.
Er war nicht besonders groß, aber er stand so aufrecht, dass die Menschen um ihn herum unwillkürlich ihre eigene Haltung bemerkten. Sein dunkler Mantel war an der Schulter mit einer schlichten Silberspange geschlossen. Darunter trug er einen sorgfältig sitzenden Waffenrock, dessen Stoff an den Ellbogen leicht abgewetzt war. Das Schwert an seiner Seite hatte einen schmucklosen Griff. Die Scheide war gut gepflegt, das Leder dort dunkler, wo seine Hand sie beim Gehen berührte.
Er hatte sich seit ihrem letzten Treffen einen kurzen Bart wachsen lassen.
Lyra fand es ärgerlich, dass sie das als Erstes bemerkte.
Leander sah sie an, und etwas in seinem Gesicht entspannte sich.
„Deine Mutter hat geschrieben, du würdest nicht antworten. Ich hatte gehofft, sie übertreibt.“
Lyra nahm die Hände aus den Ärmeln.
„Sie übertreibt häufig. In diesem Fall allerdings nicht.“
Sein Blick ging kurz zu Arion. Zu dem Stab an der Wand, dann wieder zu ihr.
„Ich würde gern mit dir sprechen.“
„Dann sprich mit mir.“
Leander ließ die Handschuhe durch die Finger gleiten. Das weiche Leder schlug einmal gegen seine Handfläche.
„Vielleicht nicht hier.“
Lyra spürte, wie eine alte, unangenehme Gewohnheit in ihr erwachte: die Bereitschaft, mitzugehen, bevor sie entschieden hatte, ob sie wollte. Sie sah hinter ihm den Gang, die blanken Steine, einen Schüler, der eine Schriftrolle an die Brust gedrückt hielt und viel zu langsam vorbeiging.
Dann trat sie neben Arion.
„Hier ist gut.“
Leander betrachtete die Bewegung. Er war klug genug, sie zu verstehen.
„Dann sollte ich mich zunächst vorstellen.“
Arion neigte den Kopf. „Arion Val’Thar.“
„Leander Varent.“
Der Name sagte Arion etwas. Er hatte ihn an der Übungshalle gehört, in Gesprächen über die Schwertschulen der Stadt. Ein Meister, der seine Schüler nicht nach dem Geldbeutel ihres Vaters aussuchte. Ein Mann, dessen Urteil bei Waffenprüfungen Gewicht hatte.
Leander sah wieder Lyra an.
„Ich hatte nicht beabsichtigt, dir unangenehm zu werden.“
„Dann sollten wir gleich am Anfang klären, dass ich nicht nach Hause zurückkehre, um einen Hochzeitstermin festlegen zu lassen.“
Arion bewegte sich nicht.
Nur seine Hand, die eben noch locker an der Seite gelegen hatte, schloss sich langsam.
Leander bemerkte es.
„Man hat Euch offenbar nicht alles erzählt.“
Lyra drehte den Kopf zu Arion. Sein Gesicht war still geworden.
Das tat mehr weh als ein Vorwurf.
• • •
Im Haus Avenor hatte man selten laut gesprochen.
Lyra erinnerte sich an Teppiche, die jeden Schritt verschluckten, an helle Vorhänge und den Geruch nach poliertem Holz im Arbeitszimmer ihres Vaters. In den hohen Räumen waren Stimmen schon deshalb leise geworden, weil immer jemand hätte zuhören können: ein Bediensteter im Türrahmen, ein Schreiber hinter dem halb offenen Vorhang, ein Besucher, der auf ein Gespräch wartete.
Ihr Vater besaß Lagerhäuser am Fluss, Anteile an zwei Färbereien und genügend offene Forderungen, um bei Tisch häufig von Vorsicht zu sprechen. Die Familie wurde respektiert. Man kannte ihre Spenden an die Akademie, die bezahlten Lehrstellen und den Wagen mit Mehl, der in einem schlechten Winter vor dem Armenhaus gehalten hatte.
Lyra hatte ihren Vater geliebt, lange bevor sie verstand, weshalb andere Menschen aufstanden, wenn er einen Raum betrat.
An dem Abend, an dem er ihr von der Verbindung mit den Varents erzählte, hatte er gewartet, bis das Essen abgetragen war.
Ihre Mutter saß neben dem Fenster und drehte einen Ring an ihrem Finger. Das tat sie immer, wenn sie etwas bereits entschieden hatte und hoffte, niemand werde es zu einer Auseinandersetzung machen.
„Leander ist ein guter Mann“, hatte ihr Vater gesagt.
Das stimmte. Es war das Unangenehme daran gewesen.
Leander hatte einmal einen Stallknecht vor den Augen eines Gastes verteidigt, der ihn schlagen wollte. Er grüßte Bedienstete mit Namen. Er konnte zuhören und hielt Versprechen ein.
Lyra hatte ihn nie heiraten wollen.
„Ich kenne ihn kaum“, hatte sie geantwortet.
Ihr Vater hatte sich zurückgelehnt.
„Das lässt sich ändern.“
Danach hatte er über die Lager am nördlichen Flussarm gesprochen. Über die Lasten, die durch eine Ehe innerhalb der Familie aufgefangen würden. Über Anteile, die nicht an entfernte Erben fallen sollten. Die Varents besaßen Land, sichere Einnahmen und die Verbindungen, die man brauchte, wenn Handelswege unruhig wurden. Die Avenors verfügten über Geld, das dort gebunden werden konnte.
Ihre Zukunft war zwischen zwei Bilanzen aufgetaucht.
Damals hatte sie das Wort noch nicht dafür gehabt.
„Und wenn ich es nicht möchte?“
Ihre Mutter hatte den Ring losgelassen.
„Du möchtest doch auch, dass dein Haus bestehen bleibt.“
Später, nach ihrem Erwachen, war die Akademie zu einer Frist geworden. Die Ausbildung müsse Vorrang haben, hatte Lyra gesagt. Ihr Vater hatte es zugelassen, weil eine ausgebildete Magierin dem Ansehen der Familie nur nutzen konnte.
Sie hatte aus der Frist Jahre gemacht.
Der Brief auf Arions Schrank hatte sie daran erinnert, dass ihr Vater sie weiterhin zählte.
• • •
„Wir wurden von unseren Familien einander versprochen“, sagte Lyra.
Es war still im Hof.
Arion sah sie an. Sie hätte lieber eine Frage gehört, irgendetwas, das ihr erlaubte, zuerst darauf zu antworten.
„Bevor ich an die Akademie kam“, fügte sie hinzu. „Ich habe es hinausgeschoben. Immer wieder. Ich dachte, wenn ich weit genug davon entfernt lebe, verliert es irgendwann seine Bedeutung.“
Leander hob leicht den Kopf.
„Für dich vielleicht.“
Sie wandte sich ihm zu.
„Ich habe dich nie darum gebeten, auf mich zu warten.“
„Nein. Du hast mich allerdings auch nie darum gebeten, damit aufzuhören.“
Lyra hielt dem Satz nicht stand. Er traf eine Stelle, die sie selbst kannte.
Sie senkte kurz den Blick und hob ihn wieder.
„Dann tue ich es jetzt.“
Leander zog langsam die Schultern zurück.
Arion hätte darin auf den ersten Blick Stolz sehen können. Beim zweiten erkannte er, dass der Mann versuchte, etwas zu verbergen, das schmerzte.
„Ich will dich nicht heiraten“, sagte Lyra. „Das hätte ich früher aussprechen müssen. Dafür schulde ich dir eine Entschuldigung. Aber keine Ehe.“
Leander sah sie lange an.
„Das habe ich auch nicht verlangt.“
„Mein Vater verlangt es.“
„Dein Vater verlangt, dass wir die Verbindung bestätigen. Er hat Vorbereitungen getroffen. Meine Familie ebenfalls. Es gibt Verpflichtungen, die ich nicht durch Schweigen auflösen kann.“
Arion atmete hörbar aus.
Leander wandte sich ihm zu.
„Ich begreife, dass Euch das missfällt. Aber ich habe ihr nichts getan.“
„Dann müsst Ihr ihren Entschluss nur akzeptieren.“
„Das werde ich mit ihr besprechen.“
Lyra trat zwischen die beiden Blickrichtungen.
„Ihr besprecht es bereits mit mir. Ich stehe hier.“
Beide sahen sie an.
Sie wartete, bis sie sicher war, dass keiner von ihnen den Satz übergehen würde.
„Leander, ich komme nicht nach Hause, damit mein Vater mich so lange vor seine Schreiber setzt, bis ich wieder nur nachgebe. Ich schreibe ihm selbst. Heute.“
„Ein Brief wird ihm nicht genügen.“
„Dann wird er lernen müssen, mit einem ungenügenden Brief zu leben.“
Für einen Moment sah es aus, als hätte Leander beinahe gelächelt. Dann fiel sein Blick auf Arions Hand, die sich nach ihrer ausgestreckt hatte.
Lyra nahm sie.
Leander schaute weg.
Arion bemerkte es und verstand zu spät, dass seine eigene Erleichterung für den anderen wie eine Vorführung aussehen musste.
„Es gibt nichts mehr zu entscheiden“, sagte er.
Leander wandte den Kopf zurück.
„Das habe ich gehört. Mehrfach.“
Seine Stimme blieb ruhig. Arion hätte aufhören können.
Er tat es nicht.
„Dann solltet Ihr aufhören, die Wünsche ihres Vaters vor ihre eigenen zu stellen.“
Leanders Kiefer spannte sich.
„Ich habe meinem Vater ein Wort gegeben. Ihrem ebenfalls. Ihr mögt es für bequem halten, dass ich daran nicht leichtfertig vorbeigehe. Bequem ist es nicht.“
Arion spürte Lyras Finger an seiner Hand.
Und trotzdem sagte er den Satz.
„Vielleicht fällt es Euch leichter, einem anderen Mann entgegenzutreten als denen, die Euch sagen, was Ihr zu tun habt.“
Leander wurde blass.
Nicht vor Angst.
Lyra ließ Arions Hand los.
„Das war unnötig.“
Arion wusste es bereits.
Leander legte die Handschuhe auf die niedrige Mauer neben der Tür. Als er wieder sprach, war seine Stimme leiser geworden.
„Ihr kennt mich seit wenigen Minuten. Ihr wisst nichts darüber, wem ich widersprochen habe und was es mich gekostet hat. Ihr werdet diesen Satz zurücknehmen.“
Arion sah ihn an.
Er dachte an Lyras Brief, an die Art, wie sie ihn gestern auf den Schrank gelegt hatte. An ihren Vater, dessen Gesicht er nicht kannte und dessen Wille trotzdem bis in diesen Hof reichte.
Er hätte den eigenen Ärger von dem Mann vor ihm trennen müssen.
„Ich nehme zurück, dass ich Eure Beweggründe kenne“, sagte er. „Nicht, dass Ihr sie selbst prüfen solltet.“
Leander nickte einmal. Es war keine Zustimmung.
„Dann prüfen wir zunächst, ob Ihr Eure Worte ebenso sicher führt wie Eure Hand.“
Sein Blick ging zum Holzstab an der Wand.
Arion folgte ihm.
„Die Übungshalle ist frei“, sagte er.
• • •
Lyra war schneller an der Tür als beide Männer.
Sie stellte sich unter den Bogen und sah Arion so an, dass er stehen blieb.
„Du hast verletzte Rippen.“
„Die sind—“
„Sag nicht verheilt. Ich war bei der Untersuchung.“
Leander sah zwischen ihnen hin und her.
„Ihr seid verletzt?“
„Eine Prellung“, antwortete Arion. „Und ein Schnitt, der geschlossen ist.“
Leander nahm die Hand vom Schwertgehänge.
„Dann war das ein unpassender Vorschlag.“
Arion schüttelte den Kopf.
„Stumpfe Waffen. Drei saubere Treffer. Ohne Magie.“
Lyra schloss einen Moment die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, hatte sich ihr Ausdruck verändert. Der Zorn blieb, aber er war klarer geworden.
„Ihr dürft Euch meinetwegen gegenseitig zeigen, weshalb Männer bei einfachen Gesprächen irgendwann Möbel beiseiteräumen müssen. Aber hört mir vorher zu: Keine Klinge hier entscheidet darüber, wen ich heirate.“
Leander sah sie direkt an.
„Darum geht es mir nicht.“
„Dann soll es hinterher auch niemand so erzählen.“
Arion nickte.
Lyra trat von der Tür zurück.
„Und wenn ich sage, dass es aufhört, hört es auf.“
• • •
Die alte Übungshalle war am Morgen kühl.
Ihre hohen Fenster lagen nach Norden. Das Licht fiel gleichmäßig über die Dielen, auf denen jahrelanges Training dunkle Wege hinterlassen hatte. In der Mitte war der Boden mit feinem Sand bestreut, damit verschwitzte Sohlen nicht glitten. An den Wänden hingen Übungsklingen, Stangen und Schilde mit gesprungenen Rändern. Einige waren geflickt. Andere trugen Namen, von Schülern eingeritzt, die inzwischen selbst Unterricht gaben.
Unter den Balken roch es nach trockenem Holz, Leder und dem Staub, den jede Bewegung vom Boden hob.
Ein älterer Waffenlehrer stand am anderen Ende der Halle und prüfte die Befestigung eines Sandsacks. Er drehte sich um, als Leander eintrat, und begrüßte ihn mit jenem knappen Respekt, den Männer einander erwiesen, die bereits gegeneinander gestanden hatten.
Als er Arion sah, hob er die Brauen.
„Val’Thar. Ich dachte, Eure Rippen hätten Euch endlich Vernunft beigebracht.“
„Sie arbeiten daran.“
Lyra sah zu ihm.
Endlich, dachte sie, eine Frage, auf die sie noch zurückkommen würde.
Der Lehrer hörte die Bedingungen an. Drei klare Treffer. Kopf und Hals ausgenommen. Keine schweren Hiebe auf den Rumpf. Sobald einer die Kontrolle verlor oder die Verletzung Arion behinderte, war Schluss.
Er ließ sich von Lyra zeigen, wo der Verband saß, und blickte Arion unfreundlich an.
„Wenn Ihr mir hier zusammenbrecht, trage ich Euch nicht. Dafür seid Ihr seit Eurem letzten Unterricht zu schwer geworden.“
Arion legte den äußeren Waffenrock ab.
Darunter trug er ein schlichtes Hemd, am Oberarm noch vom Verband leicht angehoben. Er wählte eine stumpfe Übungsklinge, prüfte das Gewicht und nahm dann eine zweite. Die erste stellte er zurück.
Leander beobachtete ihn.
Lyra bemerkte, wie dessen Blick auf Arions Fingern verweilte. Auf dem Daumen, der sich anders an den Griff legte, als sie es erwartet hatte. Auf dem kleinen Schritt, mit dem er den Abstand zum Waffenständer veränderte, ohne nach unten zu sehen.
Leander löste sein eigenes Schwert und legte es beiseite. Die Übungsklinge, die er wählte, war etwas länger.
Sie traten in den Sand.
• • •
Arion bewegte sich nicht wie in der Ruine.
Dort hatte Lyra Verzweiflung gesehen, Schmerz und einen Willen, der sich geweigert hatte, nachzugeben. Hier stand er beinahe entspannt. Die Spitze seiner Klinge zeigte nicht auf Leanders Brust, sondern leicht daneben. Seine Schultern blieben locker. Er hielt den verletzten Arm nah genug am Körper, um ihn zu schonen, ohne die Bewegung darin ganz zu vermeiden.
Leander nahm die erste Distanz.
Sein Schritt war sauber. Er tastete mit der Spitze an Arions Klinge, suchte den Widerstand und veränderte den Winkel.
Arion gab ihm keinen.
Das Metall berührte sich mit einem leisen Laut. Dann war die Stelle, an der Leander Druck hatte aufbauen wollen, leer.
Arions Spitze lag an seinem Ärmel.
Knapp oberhalb des Handgelenks.
Der Waffenlehrer hob die Hand.
„Einer.“
Lyra hatte kaum verstanden, was geschehen war.
Leander trat zurück. Er sah auf die Berührung am Stoff, dann zu Arion.
Kein Zorn. Konzentration.
Arion senkte die Klinge.
„Noch einmal?“
„Dafür stehen wir hier.“
Beim zweiten Mal wartete Leander.
Lyra erkannte jetzt, dass er Arion nicht unterschätzt hatte. Er prüfte ihn. Er zeigte eine Öffnung auf der linken Seite, schloss sie wieder und verlagerte die Spitze, um einen Angriff auf den Unterarm abzufangen.
Arion ging nicht darauf ein.
Er machte einen halben Schritt.
Mehr war es nicht.
Leander musste reagieren, weil sich die Entfernung verändert hatte, und in genau diesem Augenblick schob Arion seine Klinge an dessen vorbei. Leander fing die Bewegung ab, schnell genug, dass Lyra das Metall scharf aufeinanderklirren hörte.
Doch Arion hatte längst aufgehört, dagegenzuhalten.
Seine Spitze glitt unter der anderen Klinge hindurch und berührte Leanders Schulter.
„Zwei.“
Leander blieb diesmal einen Augenblick stehen.
Er drehte das Handgelenk, als prüfe er etwas an sich selbst. Dann hob er die Augen.
„Wer hat Euch unterrichtet?“
„Mehrere.“
„Das sehe ich.“
Zum ersten Mal lag etwas anderes in seiner Stimme als die Kränkung aus dem Hof.
Er trat wieder in Position.
Lyra spürte, wie ihre Finger sich um den eigenen Ärmel schlossen.
Sie kannte Arions Hände vom Umblättern, vom Schreiben, von den vorsichtigen Berührungen der letzten Tage. Nun sah sie dieselben Hände ein Schwert führen, ohne dass eine einzige Bewegung überflüssig wirkte. Er brauchte keine Gewalt, um Leander zu verdrängen. Er stand dort, wo Leander den nächsten Schritt erst setzen wollte.
Der dritte Gang dauerte länger.
Leander griff zweimal an. Der erste Angriff war eine Frage, der zweite ernst genug, dass Arion aus der Linie gehen musste. Für einen Augenblick hörte Lyra ihn schärfer einatmen.
Sie richtete sich auf.
Arion sah es.
Er versuchte nicht, den Schmerz vor ihr zu verbergen. Er veränderte die Haltung, verkürzte den Schritt und ließ Leanders nächste Klingenbindung an sich vorbeilaufen.
Dann stand er seitlich von ihm.
Die stumpfe Spitze ruhte an Leanders Hüfte.
Sie war einfach dort.
Der Lehrer hob die Hand.
„Drei. Genug.“
Die Halle war still geworden.
Zwei Schüler standen in der geöffneten Tür. Einer hielt einen Eimer, den er offenbar bereits eine ganze Weile hätte abstellen wollen.
Arion senkte das Schwert sofort.
Leander blickte einen Moment auf die Stelle an seiner Hüfte. Dann ließ er seine eigene Klinge sinken.
„Ihr hättet den dritten früher setzen können“, sagte er.
Arion schwieg.
Leander nickte langsam, als hätte das bereits genügt.
• • •
Er verbeugte sich zuerst.
Nicht tief und nicht mit einer Geste, die für Zuschauer gedacht war. Er senkte den Kopf so weit, wie es in den Schwertschulen üblich war, wenn man eine saubere Niederlage anerkannte.
Arion erwiderte die Bewegung.
Lyra kam zu ihm, bevor einer von beiden wieder sprechen konnte.
Sie legte ihm eine Hand an die Seite.
„Atmen.“
Er gehorchte.
Sie wartete auf den zweiten Atemzug, den er nicht absichtlich kontrollierte. Erst dann nahm sie die Hand fort.
„Du bist ein entsetzlicher Mensch.“
Arion sah sie an.
Sie hatte Tränen in den Augen und war selbst so ärgerlich darüber, dass er beinahe lächelte.
„Ich habe gewonnen.“
„Das habe ich gesehen. Ich überlege gerade, ob es mich beruhigt oder noch wütender macht.“
Leander stellte die Übungsklinge zurück in den Ständer. Als er nach seinem eigenen Schwert griff, hielt er kurz inne.
„Ich hätte früher nach der Verletzung fragen müssen.“
„Er hätte früher an sie denken müssen“, erwiderte Lyra.
Leander ließ das gelten.
Arion reichte dem Lehrer die Klinge. Dann wandte er sich an den Mann, den er besiegt hatte.
„Der Satz im Hof war ungerecht.“
Leander sah ihn an.
„Ja.“
Arion nickte. „Ich bitte Euch dafür um Verzeihung.“
Der andere zog den Riemen seines Schwertgehänges durch die Schnalle. Er tat es langsam, ohne den Blick zu senken.
„Die gewähre ich Euch.“
Er sah zu Lyra.
Diesmal wartete er, bis sie ihm von selbst entgegenkam.
• • •
Sie gingen in den kleinen Kreuzgang neben der Halle.
Die Steine dort waren noch feucht. Unter dem Dach hatte sich eine Schwalbe ein Nest gebaut, und aus der dunklen Schale drang das ungeduldige Fiepen ihrer Jungen. Weiter hinten saß ein Gärtner auf den Fersen und zog vorsichtig ein Büschel Gras zwischen zwei Platten hervor.
Leander blieb an einer Säule stehen.
„Ich habe deinen Vater mehrfach gebeten, den Termin aufzuschieben“, sagte er. „Nicht, weil ich dich nicht heiraten wollte. Sondern weil ich gehofft habe, dass du irgendwann von selbst nach Hause kommst.“
Lyra senkte den Blick.
„Das wusste ich nicht.“
„Ich hatte mich damit getröstet, dass du es dir anders überlegst, wenn man dich nicht drängt.“
Er strich mit dem Daumen über den abgenutzten Rand seines Handschuhs.
„Das war wohl meine Art, nicht genau hinzusehen.“
Lyra lehnte sich an die andere Seite der Säule. Der Stein war kalt durch den Stoff.
„Du warst nie jemand, vor dem ich Angst hatte.“
„Aber vor dem Leben, das man dir mit mir angeboten hat.“
Sie nickte.
Leander sah hinaus in den Hof.
„Dein Vater wird behaupten, ich hätte mich von einem Magier vorführen lassen und deshalb den Mut verloren.“
„Dann wird er lügen.“
„Er wird es eine andere Auslegung nennen.“
Das klang so sehr nach ihrem Vater, dass Lyra unwillkürlich lächelte. Dann verschwand das Lächeln wieder.
„Ich hätte es dir sagen müssen.“
Leander ließ sich Zeit mit der Antwort.
„Ja. Das hättest du.“
Sie nahm den Vorwurf an, ohne sich dahinter zu verstecken, was ihre Eltern getan hatten.
Er zog einen kleinen, gefalteten Bogen aus dem Mantel. Das Siegel ihres Hauses hing noch an einem Faden.
„Dein Vater hat mich gebeten, deine Zustimmung einzuholen. Es wäre gut gewesen, wenn er selbst darauf gekommen wäre, dass man sie nicht voraussetzen kann.“
Leander faltete das Schreiben wieder zusammen.
„Ich werde ihm mitteilen, dass ich die Verbindung nicht eingehe.“
Lyra sah auf.
„Weil du verloren hast?“
Er schüttelte den Kopf.
„Weil du mich nicht willst. Das hätte auch gegolten, wenn Val’Thar mir dreimal in die Klinge gelaufen wäre.“
Sie atmete langsam aus.
Leander nahm ihre Hand.
Es war eine vertraute Geste, die zwischen ihnen nie vertraut geworden war. Diesmal hielt er sie nur lange genug, um sich zu verabschieden.
„Deine Familie wird nicht sofort nachgeben. Was von ihrer Seite an Forderungen kommt, musst du nicht allein beantworten.“
Lyra drückte seine Finger.
„Danke.“
Als er ging, sah sie ihm nach.
Sie war erleichtert.
Und sie war traurig darüber, dass ein guter Mann Teil von etwas gewesen war, aus dem sie hatte fliehen müssen.
Beides durfte nebeneinander bestehen.
• • •
Arion wartete im Hof.
Er saß auf der niedrigen Mauer und hatte den Kopf leicht zurückgelegt. Als Lyra näherkam, richtete er sich auf, doch sie schüttelte den Kopf.
„Bleib sitzen. Ich möchte nicht noch einen Grund haben, dich anzuschreien.“
Sie setzte sich neben ihn.
Eine Weile betrachteten sie den Wein an der Mauer. Zwischen den jungen Blättern hingen dunkle Tropfen. Einer fiel auf Arions Hand.
„Ich habe dir nicht erzählt, dass ich verlobt bin“, sagte Lyra.
„Nein.“
„Du darfst darüber wütend sein.“
Er drehte die Hand und ließ das Wasser ablaufen.
„Ich bin darüber wütend, dass du geglaubt hast, du müsstest es allein loswerden.“
Sie sah zu ihm.
„Ein bisschen auch darüber, dass du es mir nicht gesagt hast“, fügte er hinzu.
Lyra nickte.
Arion betrachtete die offene Tür zur Halle.
„Ich habe mich heute Morgen nicht besonders vernünftig verhalten.“
„Das ist eine außerordentlich freundliche Beschreibung.“
Er lächelte kurz. Dann wurde er ernst.
„Als er von Verpflichtungen sprach, habe ich nur noch gehört, dass jemand dich mitnehmen will. Ich habe ihm Dinge unterstellt, die er nicht gesagt hatte.“
Lyra legte ihre Hand über seine und suchte nach seinem Blick.
„Er wollte mich tatsächlich mitnehmen. Aber nicht so, wie du es befürchtet hast.“
Sie wartete, bis er sie ansah und vergaß dabei zu atmen.
„Ich habe ihn nicht zurückgewiesen, weil du besser kämpfst.“ Ihr Blick war eindringlich und ernst und Arions Finger schlossen sich um ihre.
„Das weiß ich.“ Versprach er mit fester Stimme.
„Gut. Sonst hätte ich dich möglicherweise selbst noch in die Halle gezerrt.“
„Mit welcher Waffe?“ fragte er mit einem frech angehauchten Zucken seines Mundwinkels.
„Einem sehr schweren Buch. Du wärst aus Respekt davor nicht ausgewichen.“
Er lachte leise und bereute auch zeitgleich.
Sie rückten etwas näher zueinander und Lyra strich mit den Fingerspitzen über eine alte, feine Narbe an seinem Handrücken, die sie bisher kaum beachtet hatte.
„Du hast mir ebenfalls etwas nicht erzählt“ hauchte sie mit gesenktem Blick.
„Das ist lange her“ verriet er in nostalgischem Tonfall.
„Die Halle scheint dich aber trotzdem noch zu kennen“ und leises, schwach vernehmbar fügte sie noch hinzu; „und ich wusste auch überhaupt nichts davon“.
Arion sah auf ihre Hand und lächelte kurz und gezwungen. Geschlagen verriet er;
„Ich habe vor meinem Erwachen schon trainiert. Danach weiter, wenn ich konnte. Meister Rovan hielt es für eine gute Idee, dass ich einmal am Tag aufhöre, mit dem Kopf zu kämpfen. Und nun ja, er schien irgendein Talent in mir zu sehen, wenn ich zum Schwert griff.“
„Offenbar hat er nicht nur auf Bewegung bestanden.“
„Nein. Nicht wirklich.“
Lyra dachte an die drei Gänge. An Leanders Gesicht nach dem zweiten. An die Art, wie Arion im letzten Augenblick die Kraft aus der Bewegung genommen hatte und wie leicht es ausgesehen hatte. So leicht, einen Meister seines Gebiets in seinem Gebiet zu schlagen, erschien ihr kurz sogar beängstigend.
„Du warst ihm weit überlegen.“ Ihre Erkenntnis offen auszusprechen, klang wie ein Vorwurf an ihn, obwohl sie nur ihren Respekt vermitteln wollte.
Arion antwortete nicht sofort. Er hielt bedächtig und nachdenklich inne.
„Heute. Mit diesen Waffen und unter diesen Regeln.“ Er wollte Bescheidenheit vermitteln. Er war ein Magier, kein Krieger. Die Zeit für die Schwertschwingenden Arion war noch nicht gekommen und er wollte auch keine Zweifel daran erwecken.
Sie hörte die Einschränkung, doch sie hatte zu viel gesehen, um sie für die ganze Wahrheit zu halten, also setzte sie eindringlich nach
„Und das verschweigst du sonst einfach?“
Er hob die Schultern und bereute auch diese Bewegung sofort. Er stöhnte die Worte gepresst hervor und Lyra hielt es für eine Scharade, um seine Verletzlichkeit zu demonstrieren.
„Ich musste es selten erklären.“
Sie lächelte ihm wissend zu und spielte mit. Dann legte die Hand an seinen Nacken und zog ihn vorsichtig zu sich. Ihr Augen waren sich so nah, dass sie unweigerlich leicht schielen musste. Sie schlug die Lider etwas nieder, bis sie sich ganz schlossen und wisperte;
„Dann erklär es mir irgendwann. An einem Tag, an dem niemand versucht, dich durch eine Wand zu werfen oder mich zu heiraten.“
Sie küsste ihn.
Diesmal ließ er sich Zeit.
• • •
Als sie am Nachmittag in Dargans Werkstatt kamen, lag dort bereits eine Nachricht der Wache.
Der Zwerg las sie ihnen vor, während Eldrin die Abschrift des alten Pergaments mit kleinen Gewichten beschwerte.
Einer der Schlosser hatte den Schlüssel wiedererkannt.
Er erinnerte sich nicht an den Namen des Auftraggebers. Wohl aber an die Hand, mit der der Mann das Geld abgezählt hatte: zwei steife Finger, die bei jeder Münze gegen den Daumen gedrückt werden mussten.
„Er hat nicht nur einen Schlüssel nacharbeiten lassen“, sagte Dargan. „Er hat einen zweiten in Auftrag gegeben. Gleiche Zähne. Andere Länge.“ Maulte er mit gerunzelter Stirn.
Arion zog einen Stuhl heran und fragte tonlos;
„Hat er ihn abgeholt?“ dann rieb er sich die Stirn während Dargan knapp antwortete;
„Vor drei Tagen.“
Lyra legte währenddessen den Mantel ab. Sie merkte, wie der Morgen langsam von ihr abfiel, ohne unwichtig zu werden. Leanders Schreiben steckte nicht mehr zwischen ihren Sachen. Ihr eigener Brief an die Eltern lag versiegelt in der Tasche für den Boten.
Zum ersten Mal seit Jahren enthielt er keine Bitte um Aufschub.
Eldrin nahm die Brille ab.
„Tharon lässt den Schlosser zum Torhaus bringen. Vielleicht erinnert er sich an mehr, wenn er Hadriks Zeichnung sieht.“
Arion betrachtete den alten Plan der unteren Gänge. Zwei Schlüssel. Gleiche Zähne. Andere Länge. Er drehte die Abschrift so, dass die Zeichnung der bronzenen Tür neben dem eingezeichneten Wasserlauf lag.
„Vielleicht musste der zweite durch etwas hindurchreichen.“
Dargan beugte sich darüber und studierte die Zeichnung eindringlicher.
„Eine dickere Tür?“
Arion gestikulierte leicht dazu „Oder eine Verkleidung.“
Lyra trat an die andere Seite des Tisches.
Die sieben dunklen Linien liefen noch immer zur Kammer. Sie hatte sie inzwischen so oft gesehen, dass ihr Blick fast von selbst darüberglitt. Diesmal blieb sie an einem der kurzen Querstriche hängen.
Sie legte den Finger an die Ziffern an der Seite „Dargan, was ist das?“
Der Zwerg folgte ihrem Finger.
„Eine Maßangabe.“
Sie zog eine Schnute und fragte gespielt verwirrt; „Warum steht die Einheit auf der falschen Seite?“
Eldrin setzte die Brille wieder auf, rückte die Lampe näher und hielt einen dünnen Streifen Papier an die Zeichnung, um die übrigen Linien abzudecken.
Der Querstrich war eine Zahl.
Aber er gehörte nicht zum Abstand zwischen den Mauern. Daneben lag ein kleiner, fast ganz von einer späteren Ergänzung verdeckter Bogen. Dargan richtete sich langsam auf.
„Das ist ein Stockwerk.“
Arion sah ihn an, sagte aber kein Wort.
Der Zwerg tippte mit einem dicken Finger auf die Kammer, in der sie die Namen gefunden hatten.
„Wir haben den Plan gelesen, als wäre alles auf derselben Höhe. Der Wasserlauf, die Leitungen, die beiden Durchgänge.“
Er zog die Zeichnung der nachgearbeiteten Schlüssel heran. Die zweite Länge war unterstrichen und Lyra spürte, wie die Haut an ihren Armen kühl wurde.
„Es gibt noch einen Zugang.“
Dargan nickte dazu und bestätigte.
„Ja natürlich, aber unter dem Becken.“
• • •
Tharon kam vor Einbruch der Dunkelheit.
Er brachte den Schlosser mit, einen älteren Mann, dessen Lederschürze nach dem feinen Öl roch, das man für kleine Federn und Schlösser verwendete. Der Mann hielt die Hände vor sich, als fürchte er, in der Werkstatt etwas Unersetzliches umzustoßen.
Dargan räumte ihm extra einen Platz frei. Es dauerte nicht lange.
Der Schlosser erkannte die Zeichnung, erklärte die Veränderung am Schlüsselbart und beschrieb eine Stelle am Schaft, an der sein Kunde auf einer zusätzlichen Kerbe bestanden hatte.
„Damit man die Tiefe fühlen kann“, sagte er. „Wenn das Schloss nicht zu sehen ist.“
Tharon sah zum Plan und erkannte es.
„Unter Wasser.“
Der Mann hob hilflos die Schultern. „Das hat er nicht gesagt.“
Arion betrachtete die sieben Linien neu.
Sie endeten nicht in der Kammer, wie er geglaubt hatte. Sie trafen dort aufeinander und liefen darunter weiter, verborgen hinter den späteren Einzeichnungen.
Die Arbeiter hatten einen Verschluss freigelegt aber der Auftraggeber hatte einen anderen gesucht.
Lyra trat neben ihn. Ihr Ärmel streifte seinen, und er spürte die Wärme ihres Arms an sich herabkriechen. Sie hatte so etwas an sich, dass ihn sich gleich besser fühlen ließ.
„Dann hatte Hadrik recht“, sagte sie leise in die kurze Stille hinein.
Tharon wandte sich ihr zu und hob die Augenbrauen, was die Furchen auf seiner Stirn nur Wülste schlagen ließ.
„Womit?“ fragte er schließlich.
„Im Wasser war nicht genug Platz für das, was Berrik gesehen hat.“
Arion dachte an den Kopf, der aus dem flachen Becken gestiegen war. An den Fuß, der gegen jede natürliche Richtung gestanden hatte. An die Kälte, die ihnen in der Kammer entgegengekommen war.
Dargan zog den Plan zu sich heran und strich ihn wieder glatt.
„Bevor irgendjemand wieder da hinuntergeht, sehen wir uns an, wo das Wasser abgelassen werden kann.“
Tharon nickte und im gleichen Moment wurde draußen wurde an die Werkstatttür geklopft.
Eine Wache stand im letzten Licht der Gasse. Sie hielt den Helm unter dem Arm und brauchte einen Augenblick, um nach dem Weg hierher wieder ruhig zu atmen.
„Hauptmann. Aus den unteren Gängen…“
Tharon ging ihr entgegen und unterbrach ihn wissend.
„Ist jemand verletzt?“
„Nein. Aber das Wasser im Becken ist weg.“
Niemand am Tisch bewegte sich, stumm blickt sie sich nur mit den Augen an.
Die Wache fuhr sich mit der freien Hand über den feuchten Haaransatz.
„Es wurde nicht abgelassen. Die Männer sagen, es ist vor ihren Augen gesunken.“
Dargan sah auf die zweite Schlüssellänge.
„Und der Boden?“, fragte er.
Die Wache blickte ihn skeptisch, ob dessen man ihm glauben mag, an. Sagte aber mit beängstigend fester Stimme,
„Da ist jetzt eine Treppe.“
Kapitel XIV
Die Stufen im Wasser
Der Schlosser sah als Erster zur Tür.
Er hatte den Blick eines Mannes, der sich eben noch über eine zusätzliche Kerbe in einem Schlüssel unterhalten hatte und nun feststellen musste, dass seine Arbeit etwas geöffnet hatte, von dessen Existenz er lieber nichts gewusst hätte. Seine Finger strichen über den Saum der Lederschürze. Dort saßen kleine, blank geriebene Stellen, an denen er sich vermutlich seit Jahren die Hände abwischte.
„Ich habe nur den Schlüssel gemacht“, sagte er.
Tharon wandte sich von der Wache ab. „Das habt Ihr uns bereits erzählt. Niemand hier hält Euch für den Mann, der ihn benutzt hat.“ Er griff nach dem Mantel über der Stuhllehne, zog ihn aber noch nicht an. „Bleibt trotzdem bitte hier, bis einer meiner Leute Euch nach Hause bringt. Falls Euch noch etwas einfällt, sagt es ihm. Auch wenn es Euch unbedeutend vorkommt.“
Der Mann nickte erleichtert. Dargan schob ihm den Hocker näher an den Ofen und stellte einen Becher auf die Werkbank, als gehörte der Umgang mit erschrockenen Schlossern ebenso zu seinem Handwerk wie das Richten verbogener Angeln.
Arion hatte sich inzwischen erhoben. Die Bewegung zog unter seinem Verband, schwächer als am Morgen, aber deutlich genug, dass Lyra zu ihm hinübersah. Sie sagte nichts. Ihr Blick blieb einen Augenblick auf seiner Hand liegen, die er gegen die Tischkante gestützt hatte, und wanderte dann zu seinem Gesicht.
„Ich kann gehen“, sagte er, bevor sie fragen konnte.
„Das habe ich heute schon festgestellt.“ Sie nahm ihren Mantel vom Haken. „Beim Treppensteigen wäre mir allerdings eine weniger eindrucksvolle Vorführung recht.“
Er lächelte schmal. Sie erwiderte es nicht ganz, trat aber nahe genug an ihn heran, um ihm den umgeschlagenen Kragen zu richten. Ihre Finger verweilten kurz an seinem Hals. Von draußen drang der Ruf eines Karrenführers herein; ein Rad schlug gegen einen lockeren Pflasterstein, und für einen Augenblick erschien es Arion sonderbar, dass die Gasse ihren gewöhnlichen Abend fortsetzte.
Tharon ließ sich von der jungen Wache erklären, wer am Becken stand. Er hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und stellte erst danach die Fragen, bei denen sie länger überlegen musste: ob das Wasser einen Strudel gebildet hatte, ob ein Luftzug zu spüren gewesen war, ob jemand etwas gehört hatte, bevor der Pegel sank.
„Ein Schaben“, antwortete sie schließlich. „Wie ein schwerer Gegenstand, den jemand über Stein zieht. Der Posten am inneren Durchgang hat es zuerst gehört. Danach fing das Wasser an, sich von den Rändern zu lösen.“
Dargan, der bereits zwei Ledertaschen mit Werkzeug füllte, hielt mitten in der Bewegung inne.
„Von allen Rändern gleichzeitig?“
Die Wache nickte. „So hat er es beschrieben.“
Der Zwerg legte den kurzen Hammer, den er in der Hand hielt, langsam in die Tasche. „Dann hat sich wahrscheinlich etwas unter dem Wasser bewegt. Ein Becken läuft nicht so ab.“
Eldrin nahm seine Brille ab und verstaute sie in einem harten Futteral. Auf dem Tisch blieb der alte Plan liegen, über den sie sich seit Tagen gebeugt hatten. Er betrachtete ihn noch einmal, als hätte die Zeichnung ihm eine Auskunft absichtlich vorenthalten.
„Ich hätte die Höhenangabe früher erkennen müssen“, murmelte er.
Lyra zog die Verschlüsse ihres Mantels zu. „Dann hätten wir vor sechs Tagen gewusst, dass wir auf etwas stehen, das wir nicht verstehen. Das wussten wir auch so.“ Ihre Stimme wurde weicher, als sie sah, wie müde er plötzlich wirkte. „Ihr habt uns bis hierher gebracht. Jetzt nehmen wir den Plan mit und sehen nach, was er sonst noch verschweigt.“
Eldrin stieß ein leises Schnauben aus, rollte das Blatt zusammen und reichte es ihr. „Wenn Ihr damit fertig seid, mir Trost zu spenden, könntet Ihr darauf achten, dass der rechte Rand nicht noch einmal einreißt.“
Diesmal lächelte sie.
• • •
Über Elesmera lag der letzte blaue Rest des Tages.
Die oberen Fenster spiegelten noch Licht, während sich in den Gassen bereits die Schatten sammelten. Vor einer Bäckerei wurden die hölzernen Auslagen hereingetragen. Ein Junge saß auf der Schwelle und kratzte mit einem Messer Teigreste von einem Brett; er hielt in seiner Arbeit inne, als die bewaffneten Wachen vorbeigingen. Weiter unten, wo die Straße zwischen den älteren Häusern schmaler wurde, roch es nach gekochten Zwiebeln und dem Wasser der offenen Rinnen.
Kaelor erwartete sie am Zugang zur Bewahrten Tiefe.
Er hatte offenbar mit jemandem gestritten. Zwei ältere Gargoyles standen noch bei der Mauer, und einer von ihnen zog die Flügel so eng an den Rücken, dass die Kanten im schrägen Lampenlicht wie gefaltetes Leder wirkten. Kaelor wandte sich von ihnen ab, sobald er Tharon erkannte. Seine verletzte Schulter lag unter einem frisch gebundenen Tuch. Die andere Hand hielt einen langen, eisenbeschlagenen Stab.
„Die Halle bleibt für die Nacht offen“, sagte er ohne Begrüßung. „Die Familien gehen nicht zurück, solange wir nicht wissen, was sich da unten bewegt.“
Tharon sah an ihm vorbei zu den beiden Älteren. „Meine Leute werden niemanden in die Wohnungen schicken.“
„Das habe ich ihnen gesagt.“ Kaelor schob den Stab in die gesunde Hand. „Es klingt offenbar überzeugender, wenn ein Mensch es wiederholt.“
Der ältere Gargoyle hob den Kopf, als wolle er darauf antworten. Dann bemerkte er Lyras Blick und schwieg. Sie ließ ihm einen Augenblick, ehe sie sich Kaelor zuwandte.
„Kommst du mit?“
„Ich zeige euch den Weg.“ Er sah zu Arion, dann zu Dargans Taschen. „Und bevor irgendjemand widerspricht: Die Schulter ist verletzt. Mein Verstand funktioniert noch.“
Dargan ging an ihm vorbei und drückte ihm eine der leichteren Taschen gegen die Brust. „Gut. Dann benutzt ihn und tragt das mit links.“
Kaelor fing die Tasche auf. Sein Mundwinkel bewegte sich kaum sichtbar, doch der harte Zug um seine Augen ließ ein wenig nach.
Unter der Stadt war es wärmer als draußen. In den ersten Gängen standen Türen offen, hinter denen niemand mehr saß. Eine kleine Schale mit getrockneten Beeren war auf einem Fenstersims zurückgeblieben; daneben lag eine Holzfigur, ein Vogel mit einem abgebrochenen Flügel. Lyra sah hin, während sie vorbeiging, und musste an die Menschen in der Tuchhalle denken, die nun zwischen fremden Bündeln nach ihren eigenen Sachen suchten.
Kaelor folgte ihrem Blick.
„Ich bringe ihn nachher mit“, sagte er leise.
Sie wusste nicht, ob er den Vogel oder dessen Besitzer meinte. Bevor sie fragen konnte, bog er in den tieferen Gang ein, und der Geruch veränderte sich. Feuchter Kalk trat an die Stelle des Essensdunstes. Irgendwo tropfte Wasser mit langen Abständen auf Stein.
An der bronzenen Tür standen zwei Wachen. Eine hatte ihre Laterne auf den Boden gestellt und hielt die Hände darüber, obwohl die Flamme hinter Glas saß. Tharon blieb bei ihr stehen, ließ sich den Bericht noch einmal geben und schickte dann die junge Frau, die sie geholt hatte, zum äußeren Zugang zurück.
„Niemand kommt hinter uns her. Wenn Ihr uns ruft, bleibt Ihr an der Tür. Ihr geht nicht suchen.“
Sie nickte, diesmal ohne nachzufragen.
Im Inneren lag das Becken schwarz und leer.
Arion blieb auf der Schwelle stehen. Er hatte sich auf den Anblick vorbereitet und war trotzdem nicht darauf gefasst. Der glatte Wasserspiegel, den er erinnerte, hatte einer schrägen Folge breiter Stufen Platz gemacht. An den Seiten glänzten nasse Ablagerungen. Ein dünner Faden Wasser rann über die obere Kante und verlor sich weiter unten im Dunkeln.
Die Stufen waren nicht unter einem abgehobenen Deckel zum Vorschein gekommen. Sie bildeten selbst den Boden des Beckens, als hätte jemand eine ebene Platte an ihren Fugen auseinandergezogen und nach unten gefaltet.
Dargan kniete sich an den Rand. Er fuhr mit dem Daumen über eine der sauberen Kanten und rieb den feinen dunklen Schlamm zwischen den Fingern.
„Gelenke im Stein“, sagte er. „Oder etwas, das dieselbe Arbeit macht.“ Er lehnte sich vor, ohne die erste Stufe zu betreten. „Hört auf zu tropfen, damit ich etwas hören kann.“
Kaelor stellte die Tasche ab. „Ich werde es dem Wasser ausrichten.“
Der Zwerg warf ihm einen kurzen Blick zu, dann hielt er die flache Hand über die Öffnung. Eine Weile sagte niemand etwas. Lyra hörte Dargans Atem, das Knistern einer Laterne und, tief unter ihnen, ein gleichmäßiges leises Rauschen.
„Luft kommt hoch“, stellte Dargan schließlich fest. „Das ist gut. Wie gut, erfahren wir, wenn wir sehen, wo sie herkommt.“
Er nahm eine kleine Kerze aus der Tasche, befestigte sie in einer eisernen Schale und ließ sie an einer Schnur hinab. Die Flamme neigte sich. Sie brannte weiter.
Tharon wartete neben ihm, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Erst als der Zwerg die Schale wieder hochzog, fragte er: „Kann es sich wieder schließen?“
„Bestimmt.“ Dargan stand mit einem leisen Ächzen auf. „Die bessere Frage ist, ob wir es daran hindern können.“
Er ließ sich die schweren Keile geben.
• • •
Sie brauchten länger, um die Treppe zu sichern, als Arion erwartet hatte.
Dargan prüfte jede Fuge, bevor er Eisen hineintrieb. Kaelor hielt die Lampe und wies auf die Stellen, an denen das dunkle Material durch den Stein lief. Es ähnelte den Leitungen hinter den Mauern, war hier jedoch breiter und bildete flache Bögen unter den Stufenkanten. Als Dargan den Hammer zum ersten Mal hob, legte Kaelor ihm die Hand aufs Handgelenk.
„Nicht dort. Wenn es wie die Strebe in unserem Gang gebaut ist, sitzt darunter ein Hohlraum.“
Dargan betrachtete die Stelle, beugte sich tiefer und versetzte den Keil um eine Handbreit.
„Gut gesehen.“ Er wartete, bis Kaelor die Finger zurückgenommen hatte, und schlug zu. Der Laut lief weit in die Tiefe. „Bleibt neben mir. Und sagt es, bevor ich etwas zerbreche.“
Arion und Lyra standen währenddessen an der Wand mit den Namen. Im Laternenlicht wirkten die eingeritzten Zeichen weniger fremd als beim ersten Besuch. Es waren Namen von Menschen gewesen, bevor sie für sie beide zum Teil eines Rätsels geworden waren. Jemand hatte die Buchstaben mit einer gewissen Sorgfalt gesetzt. Einer war verbessert worden, ein anderer am Ende zusammengedrängt, weil der Platz nicht gereicht hatte.
Lyra strich mit dem Blick darüber, ohne den Stein zu berühren.
„Glaubst du, sie wussten, was sie hier gebaut haben?“
Arion folgte ihrem Blick. „Die Namen sind älter als die Ausbesserungen. Vielleicht gehört die Wand zu einer Zeit, in der man noch wusste, wozu diese Kammer da war.“
„Ich meinte die Arbeiter.“ Sie sah ihn von der Seite an. Das Gold ihrer Augen fing einen warmen Reflex der Flamme auf. „Ob jemand es ihnen erklärt hat. Oder ob sie genauso wie Joren nur wussten, an welchem Tag sie kommen sollten.“
Er antwortete nicht sofort. Hinter ihnen schlug Dargans Hammer zweimal kurz hintereinander an, dann bat der Zwerg Kaelor um ein anderes Werkzeug.
„Ich hoffe, man hat es ihnen erklärt“, sagte Arion schließlich.
Lyra nickte, aber der Wunsch tröstete sie offensichtlich wenig. Sie zog den Mantel enger um sich und ließ den Blick ein letztes Mal über die Namen wandern, bevor sie sich umdrehte.
Tharon hatte inzwischen zwei Wachen für die Kammer bestimmt. Die übrigen würden mit hinabgehen. Als Eldrin sich neben Arion stellte, musterte der Hauptmann ihn mit schlecht verborgener Sorge.
„Ihr könnt die Abschriften auch hier oben lesen.“
Eldrin rückte den Riemen seiner Tasche zurecht. „Gewiss. Sobald Ihr jemanden gefunden habt, der sie unten richtig abschreibt.“
Tharon sah zu Lyra. Sie hob entschuldigend die Schultern.
„Ich werde ihn nicht tragen“, warnte Dargan vom Beckenrand her.
„Damit habt Ihr nun für jeden von uns vorgesorgt“, erwiderte Eldrin und ging zur Treppe.
Unter dem ersten Absatz wurde die Luft kühl.
Arion ließ die Finger über das Seil gleiten, das Tharon an einem Pfeiler befestigt hatte. Die Stufen waren flacher, als sie von oben ausgesehen hatten. In den Vertiefungen stand noch Wasser, klar genug, um das körnige Gestein darunter zu erkennen. Es gab kein Geländer. Stattdessen verlief eine schmale Rinne in der rechten Wand, glatt von Händen oder von etwas, das oft dort entlangbewegt worden war.
Lyra ging vor ihm. Einmal hielt sie inne, hob den Saum ihres Mantels über eine vorstehende Ecke und drehte sich nach ihm um. Sie sah nicht auf seinen Verband. Das bemerkte er ebenso deutlich, als hätte sie es getan.
„Noch alles gut“, sagte er leise.
„Ich weiß.“ Sie streckte ihm die Hand hin, bis er den unebenen Absatz überwunden hatte. „Du atmest nur so vorsichtig, wenn du hoffst, dass ich nicht darauf achte.“
Weiter unten endete die Treppe in einem niedrigen Vorraum.
Hier hatte das Wasser nicht gestanden. Staub lag in den Winkeln, und die Luft roch nach altem Metall und erloschenem Talg. Entlang einer Wand führte ein schmaler Wartungssteg über einen offenen Schacht. Auf der anderen Seite hing ein schwerer bronzener Bügel in zwei Lagern. Seine Unterseite war nass.
Dargan trat davor und hob die Laterne.
„Da ist unser Ablauf.“ Er zeigte auf eine Reihe senkrechter Schlitze. „Das Wasser verschwindet darunter. Der Bügel bewegt vermutlich die Stufen.“
Kaelor kniete auf der trockenen Seite nieder. Er hielt sich dabei so steif, dass Lyra einen Schritt auf ihn zumachte; mit einer kleinen Bewegung seiner gesunden Hand gab er ihr zu verstehen, dass es ging. Dann zeigte er auf den Boden.
Zwischen Staub und Wand verlief eine frische Schleifspur.
Daneben war der deutliche Abdruck einer Stiefelsohle zu sehen.
Tharon hob die Hand. Die Gruppe blieb stehen, und in der plötzlich entstandenen Ruhe hörte Arion von jenseits des Vorraums ein leises Klirren.
Metall gegen Metall.
Jemand arbeitete dort unten.
• • •
Der Hauptmann ging als Erster über den Steg.
Er zog sein Schwert erst, als er die andere Seite erreicht hatte. Der schmale Weg über dem Schacht ließ kaum Platz für zwei Personen nebeneinander; die Klinge hätte ihn beim Balancieren eher behindert. Eine der Wachen blieb am Anfang zurück, während die zweite ihm folgte. Dargan hob unwillig die Brauen, als Tharon ihm bedeutete zu warten, doch er widersprach nicht.
Durch die Öffnung hinter dem Steg fiel ein gelblicher Lichtstreifen auf den Boden.
Das Klirren verstummte.
Arion sah, wie Tharons Schultern sich anspannten. Der Hauptmann hielt kurz inne, dann trat er durch die Öffnung.
„Lasst das Werkzeug liegen und nehmt die Hände vom Verschluss.“
Die Worte klangen in dem niedrigen Raum lauter, als er sie gesprochen hatte.
Eine Männerstimme antwortete. „Wenn ich das tue, bekommt Ihr ein größeres Problem als einen Mann mit einer Zange.“
Arion überquerte den Steg hinter Dargan. Er musste den Kopf einziehen, um durch den niedrigen Durchgang zu sehen. Dahinter lag eine längliche Kammer, in deren Mitte ein mannshoher Rahmen aus dunklem Metall stand. Sieben schmale Platten schlossen seine Öffnung. Zwischen den mittleren blieb ein Spalt, nicht breiter als Arions Hand.
Vor dem Rahmen kniete ein Mann in einem grauen Arbeitsmantel.
Sein Haar war am Hinterkopf dünn geworden. Die Laterne neben seinem Knie beleuchtete eine eingefallene Wange und die sorgsam geschlossene Schnalle an seinem Hals. Er hielt eine lange Zange am Fuß des Rahmens. Die linke Hand umklammerte den Griff in einem merkwürdigen Winkel; zwei Finger standen steif davon ab.
Lyra war neben Arion getreten. Er spürte, wie sie bei diesem Anblick den Atem anhielt.
Der Mann sah es. Sein Blick ging von ihrem Gesicht zu Arion, blieb dort hängen und veränderte sich.
„Ihr“, sagte er.
Tharon stellte sich so, dass der Mann ihn ansehen musste. „Ihr werdet uns Euren Namen nennen. Danach erklärt Ihr, was Ihr hier macht.“
Der Mann richtete sich ein wenig auf. Ein feuchter Fleck saß an seinem rechten Ärmel, und als er die Zange anders fasste, bemerkte Arion das Blut an seinen Knöcheln.
„Teren Voss. Ich arbeite für das Amt für alte Bauwerke.“ Er sprach rasch, mit jener geduldigen Schärfe, die Menschen annahmen, wenn sie sich von Unkundigen aufgehalten fühlten. „Meine Unterlagen liegen in der Tasche. Ihr könnt sie prüfen, sobald dieser Verschluss wieder sitzt.“
Tharon gab der Wache hinter ihm ein Zeichen. „Legt die Zange ab, Voss.“
„Seht Euch den Spalt an.“ Voss löste die gesunde Hand vom Werkzeug und deutete auf die Mitte des Rahmens. Erst jetzt bemerkte Arion, dass hinter dem dünnen Zwischenraum kein Schatten lag. Etwas Helles schimmerte dort, blass und grünlich. „Die mittlere Platte steht offen. Ich halte die Sperre unten, damit sie nicht weiter zurückläuft. Wenn Ihr mich wegzieht, bevor sie gesichert ist, müsst Ihr die Folgen selbst tragen.“
Dargan schob sich an Arion vorbei. Er nahm Tharon nicht die Entscheidung ab, aber er beugte sich so weit zur Seite, bis er das untere Lager sehen konnte.
„Die Zange hält tatsächlich etwas“, sagte er. „Wobei ich noch nicht sehe, warum.“ Er blickte Voss an. „Nehmt die Finger ein Stück zurück. Langsam. Ich will die Kante sehen.“
Voss zögerte. Dann folgte er der Anweisung.
Eine flache Metallzunge ragte unter dem Rahmen hervor. Auf ihrer Oberseite verliefen sieben Rillen. Die Zange hielt sie gegen eine Kerbe gedrückt, aus der sie offenbar immer wieder herauszugleiten versuchte.
Arion kannte die Abstände dieser Rillen.
Er hatte sie auf schwarzem Metall gesehen, an der Innenseite einer Armspange.
Voss beobachtete sein Gesicht. „Ihr versteht es endlich.“
„Ich erkenne etwas wieder“, erwiderte Arion. Er zwang sich, den Blick vom Rahmen zu lösen. „Das ist noch nicht dasselbe.“
Lyra trat einen halben Schritt näher. „Ihr habt Hadrik die Zeichnungen gegeben. Ihr habt ihn und die anderen hierhergeschickt.“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch die Hand an ihrem Mantelverschluss schloss sich so fest, dass der Stoff darunter Falten warf. „Wusstet Ihr, dass sie nicht allein sein würden?“
Voss schaute zum Hauptmann. Erst als Tharon keine Anstalten machte, die Frage zu übergehen, antwortete er.
„Die erste Kammer galt als leer. Hadrik sollte den oberen Zugang freilegen und die Aufnahme darunter prüfen. Er hatte Anweisung, nichts aus dem Sitz zu nehmen.“
„Zwei Männer sind tot“, sagte Tharon. „Ein Junge hat unter einer Steinplatte auf Hilfe gewartet, während Euer Vorarbeiter davonfuhr. Ich hoffe, Ihr habt für uns etwas mehr als eine Arbeitsanweisung.“
An Voss’ Kiefer bewegte sich ein Muskel. Er senkte den Kopf zur Zange, als könnte er dort die Antwort finden, die ihm im Gesicht des Hauptmanns fehlte.
„Ich habe ihn nicht angewiesen, jemanden einzuschließen.“
Kaelor stand noch unter dem Durchgang. Die Decke war so niedrig, dass er leicht gebeugt bleiben musste. Er hatte den Stab quer vor sich genommen, beide Hände daran, und der Druck ließ die verletzte Schulter sichtbar höher stehen.
„Aber gestern und heute habt Ihr gewusst, dass dort Menschen fehlen“, sagte er. „Ihr seid trotzdem durch einen anderen Gang hier hereingekrochen, statt jemanden zu holen.“
Voss öffnete den Mund. In diesem Augenblick gab das Metall unter seiner Zange ein langes, dünnes Knirschen von sich.
Dargan fluchte und ging in die Hocke.
„Die Fragen müssen warten. Wenn Ihr mit der Zange abrutscht, nehmt Ihr Euch die Hand ab.“ Er zog ein kurzes Eisen aus seiner Tasche. „Tharon, haltet ihn fest, wenn Ihr müsst. Aber lasst ihn vorerst da knien.“
Der Hauptmann blieb unmittelbar hinter Voss stehen. Seine Klinge zeigte nach unten, doch seine freie Hand lag jetzt auf der Schulter des Mannes.
„Ihr habt gehört, was er gesagt hat. Ihr bewegt Euch erst, wenn er es erlaubt.“
Voss nickte. Schweiß glänzte über seiner Oberlippe.
• • •
Arion bemerkte das Licht, als Lyra sich neben ihm bewegte.
Ihr Schatten glitt über den Boden. Für einen Augenblick nahm er an, die Laterne einer Wache stehe hinter ihnen. Dann sah er, dass der Schatten in die falsche Richtung fiel.
Er beugte sich vor.
Durch den schmalen Spalt sah er Grün.
Kein Schimmer auf Metall. Blätter. Kleine, längliche Blätter, die sich an einem dünnen Zweig bewegten. Dahinter lag etwas Helles, verschwommen wie ein Weg in großer Entfernung. Arion trat unwillkürlich näher und hielt erst inne, als Lyras Hand seinen Ärmel fasste.
„Nicht anfassen“, sagte sie leise.
Er hatte die Hand bereits gehoben. Jetzt ließ er sie sinken.
Es roch nach Gras.
Der Geruch war schwach, fast verloren zwischen Talg und feuchtem Stein, aber er ließ sich nicht mit etwas anderem verwechseln. Arion kannte ihn aus Sommermorgen außerhalb der Stadt: sonnenwarme Halme, die unter den Schuhen nachgaben, Erde, die seit einigen Stunden trocknete. Hier unten berührte dieser Geruch sein Gesicht zusammen mit einem Luftzug, der nicht kühl war.
„Da draußen ist Tag“, sagte Lyra.
Sie hatte sich neben ihn gestellt, ohne seinen Ärmel loszulassen. Im fremden Licht wirkten ihre Augen heller. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und für einen Moment sah er dieselbe staunende Aufmerksamkeit in ihrem Gesicht, mit der sie früher seltene Pflanzen zwischen den Steinen der Akademiemauer betrachtet hatte.
Dann erinnerte sie sich offenbar daran, wo sie standen. Sie zog ihn behutsam einen Schritt zurück.
„Wie weit reicht dieser Durchgang?“
Voss sah nicht zu ihr auf. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Dargans Hand, die das Eisen unter die Metallzunge schob.
„Weiter, als Ihr denkt.“
Eldrin, der bisher am Rand der Kammer gewartet hatte, ging an Arion vorbei. Er beachtete den Spalt kaum. Sein Blick war auf die linke Seite des Rahmens gefallen, wo mehrere Zeilen in das dunkle Material eingelassen waren. Staub und eine dünne Kalkschicht füllten die Vertiefungen. Er nahm ein Tuch aus seiner Tasche und wischte vorsichtig darüber.
Arion sah, wie die Hand des alten Mannes still wurde.
„Was steht dort?“, fragte er.
Eldrin musste sich räuspern, bevor er antworten konnte. „Eine Bezeichnung für die Verbindung. Darunter zwei Ortsangaben.“ Er rückte die Lampe näher, so weit, dass ihr Glas beinahe den Rahmen berührte. „Die eine ist Elesmera.“
Lyra wandte sich ganz zu ihm. Eldrin hob den Kopf, und Arion wusste die Antwort, bevor er sie hörte.
„Die andere ist Sosaria.“
Niemand sprach. Das leise Schaben von Dargans Eisen klang plötzlich aufdringlich laut.
Sosaria. Bisher war es ein ausgelöschtes Wort auf altem Papier gewesen, eine Spur, der jemand mit großer Sorgfalt die Bedeutung genommen hatte. Arion hatte darüber gestritten, ob es einen Ort, ein Reich oder eine längst aufgegebene Siedlung bezeichnete. Nun bewegte sich hinter sieben Metallplatten ein Zweig im Sonnenlicht, während über ihnen Elesmera in die Nacht sank.
Er wollte näher hinsehen. Er wollte wissen, welcher Baum dort stand, wie der Himmel darüber aussah und ob es auf der anderen Seite jemanden gab, der gerade ebenso ungläubig gegen eine schwarze Öffnung blickte.
Zugleich erinnerte er sich an die Gestalt, die im flachen Wasser gestanden hatte.
Er trat zurück.
Lyra sah ihn an. Sie schien seine Bewegung zu verstehen, denn ihre Finger schlossen sich einen Augenblick fester um seinen Ärmel, bevor sie ihn losließ.
„Könnt Ihr das schließen?“, fragte sie Dargan.
Der Zwerg antwortete nicht sofort. Er hatte ein Knie auf den Boden gesetzt und drückte mit beiden Händen gegen das Eisen. An seiner Schläfe glänzte Schweiß.
„Ich kann verhindern, dass es weiter aufgeht. Schließen wäre leichter, wenn mir jemand erklärt, wo die Kraft dafür herkommen soll.“
Voss blickte zu Arion hinauf. „Aus dem Teil, das Ihr aus den Ruinen mitgebracht habt.“
Lyra stellte sich ein wenig vor Arion, ohne es ganz zu verbergen. „Woher wisst Ihr, was wir dort gefunden haben?“
„Weil ich seit Jahren nach diesem Teil suche.“ Voss sprach jetzt mit hörbarer Anstrengung. „Vor drei Wochen begann die alte Messleiste im Amt wieder auszuschlagen. Zum ersten Mal seit ich sie kenne. Zwei Tage später erhielt die Akademie Euren Fundbericht über die Runen in den Grenzruinen.“
Arion spürte, wie die Erinnerung sich mit dem Raum vor ihm verband. Sein Bericht. Die Abschrift der Zeichen. Das sorgfältig gewählte Wort Übereinstimmung, mit dem er vermieden hatte, mehr zu behaupten, als er beweisen konnte.
„Und Ihr habt keinen von uns aufgesucht?“
Voss hob den Kopf. „Ich habe drei Anträge gestellt, bevor Ihr überhaupt zu diesen Ruinen aufgebrochen seid. Alle drei kamen mit dem Vermerk zurück, dass eine Reaktion alter Messgeräte keinen Eingriff in bewohnte Fundamente rechtfertigt.“ Er verzog das Gesicht, als Dargan das Eisen tiefer schob. „Dann las ich Euren Bericht. Die Zeichen waren dieselben. Ich wusste, dass ich nicht mehr auf einen vierten warten konnte.“
„Darum habt Ihr Arbeiter unter fremdem Auftrag geholt.“ Tharon sprach so leise, dass Voss zu ihm aufsehen musste. „Und darum habt Ihr nach ihrem Verschwinden geschwiegen.“
„Danach hätte mich niemand mehr hier heruntergelassen.“
Kaelor atmete scharf durch die Nase aus. Er senkte den Blick auf seine gesunde Hand und löste sie langsam vom Stab, Finger für Finger.
„Ja“, sagte er. „Das wäre tatsächlich geschehen.“
Voss wandte den Kopf von ihm ab.
Dargans Eisen rutschte ein Stück vor.
Ein harter Schlag lief durch den Rahmen. Die Zange sprang aus der Kerbe, Voss zuckte zurück, und Tharon packte ihn am Kragen. Arion sah die Metallzunge nach oben fahren. Gleichzeitig bewegte sich die mittlere Platte.
Lyra rief seinen Namen.
Er war bereits zurückgewichen, noch bevor er verstand, weshalb sie gerufen hatte. An der Stelle, an der eben sein Gesicht gewesen war, strich etwas Kaltes durch den Raum. Die Flamme von Voss’ Laterne wurde klein und blau.
Hinter dem Rahmen verdunkelte sich das Grün.
Es geschah zu rasch, um eine Wolke zu sein. Etwas schob sich zwischen die Blätter und den Spalt. Arion sah eine matte Fläche, darin einen Riss, der sich öffnete. Seine Haut spannte sich vor Kälte. Der vertraute Zug tief unter dem Brustbein setzte ein, derselbe, den die Armspange ausgelöst hatte, als er ihr unvorsichtig Kraft gegeben hatte.
„Keinen Zauber!“, rief er.
Lyra hatte die Hand gehoben, die Finger bereits in jener Haltung, die er kannte. Sie brach die Bewegung ab. Stattdessen griff sie nach der Laterne am Boden und zog sie an ihrem Bügel vom Rahmen weg.
Tharon riss Voss aus Dargans Arbeitsbereich. Der Mann stolperte, verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Schulter gegen einen Pfeiler. Sein Aufschrei ging unter dem Knirschen des Verschlusses beinahe verloren.
„Kaelor, den Bügel!“, brüllte Dargan.
Der Gargoyle hatte sich schon bewegt. Er legte den Stab quer in die untere Öffnung und stemmte sich mit der gesunden Schulter dagegen. Das Holz ächzte. Zwischen den Platten erschien etwas Schmales, Dunkles, das sich gegen den Rand drückte. Arion konnte nicht erkennen, ob es eine Hand war. Er wollte es auch nicht lange genug betrachten, um sicherzugehen.
Neben Dargans Knie lag der Hammer.
Arion nahm ihn, aber der Zwerg schüttelte heftig den Kopf.
„Nicht auf die Zunge! Den Keil dahinter. Den hellen!“
Zwei Eisen lagen übereinander. Arion sah das frisch bearbeitete Ende, setzte den Hammer an und spürte im selben Augenblick, wie Lyra sich neben ihn kniete. Sie hielt die Lampe hoch, dicht an seine Hand, und mit der anderen schob sie den herumliegenden Riemen einer Werkzeugtasche fort.
„Ich sehe ihn“, sagte er.
Sein erster Schlag war zu schwach.
Der Keil bewegte sich kaum. Arion änderte den Winkel, zog den Ellenbogen näher an den Körper und schlug noch einmal. Schmerz fuhr von seinen Rippen bis in die Achsel. Er biss die Zähne zusammen und ließ den Hammer ein drittes Mal fallen.
Das helle Eisen verschwand bis zur Hälfte in der Kerbe.
Kaelors Stab bog sich. Der Gargoyle gab einen Laut von sich, der Arion mehr beunruhigte als das Knacken des Holzes.
Dargan packte Arions Handgelenk. „Reicht. Weg da.“
Er zog das lange Eisen mit einer jähen Bewegung herum. Für einen Atemzug hielt die ganze Kammer still. Dann fuhr die Metallzunge nach unten, und der Rahmen schlug zu.
Die Dunkelheit zwischen den Platten war fort.
Mit ihr verschwanden der kalte Luftzug und der Geruch nach Gras.
Arion saß auf den Fersen. Er merkte erst, dass er den Hammer noch festhielt, als Lyra ihm vorsichtig die Finger vom Stiel löste.
„Lass los“, sagte sie dicht an seinem Ohr. „Es ist zu.“
Er sah sie an und nickte. Sie wartete, bis seine Hand sich öffnete, dann legte sie den Hammer so weit weg, dass keiner darüberstolpern konnte.
Auf der anderen Seite des Raumes hustete Voss.
Tharon hatte ihn gegen die Wand gesetzt und hielt ihn mit einer Hand dort. Seine Klinge lag griffbereit auf dem Boden. Voss’ Augen waren weit geöffnet, und der dünne Streifen Blut an seinem Mund wirkte im Laternenlicht beinahe schwarz.
„Ihr wusstet nicht, was da wartet“, sagte der Hauptmann.
Voss sah zum geschlossenen Rahmen. Er antwortete nicht.
• • •
Es dauerte eine Weile, bis sie wieder in ganzen Sätzen miteinander sprechen konnten.
Dargan bestand darauf, dass niemand aufstand, der nicht unbedingt stehen musste. Er prüfte den Keil, schob einen zweiten dahinter und ließ sich von Kaelor zeigen, an welcher Stelle der Stab gerissen war. Der Gargoyle hielt den Arm eng am Leib. Als Lyra ihn bat, die Schulter zu bewegen, schloss er kurz die Augen.
„Nicht besonders weit“, gab er zu.
Sie sah unter den Rand seines Verbandes. Die Haut darunter war heiß, aber das Tuch zeigte kein frisches Blut. „Dann versuchen wir heute auch nicht mehr herauszufinden, wie weit es trotzdem geht.“ Sie zog den Stoff vorsichtig wieder an seinen Platz. „Elian wird sich freuen, uns zu sehen.“
Kaelor schaute zu Arion, der auf einer niedrigen Steinkante saß und sich bemühte, seine Atemzüge weniger sichtbar werden zu lassen.
„Uns beide?“
„Ich glaube, bei dir wird er zunächst nur seufzen.“ Lyra ging zu Arion hinüber und hockte sich vor ihn. Ihre Hand legte sich leicht auf sein Knie. „Bei dir warte ich noch ab.“
Arion wollte lächeln. Es gelang ihm nur halb.
„Ich habe nicht nachgedacht“, sagte er.
„Du hast auf Dargan gehört. Das war in diesem Fall nützlicher.“ Ihr Blick ging über sein Gesicht, suchte etwas und wurde ruhiger, als sie es offenbar fand. „Sag mir nur, wenn dir schwindlig wird. Ich möchte dich nicht erst vom Steg holen müssen.“
Er legte seine Hand auf ihre. Hinter ihr hatte das Metall des Rahmens noch immer einen matten, fremden Glanz, obwohl kein Licht mehr hindurchfiel. Arion sah daran vorbei zur Wand. Er wollte für einen Augenblick etwas betrachten, das einfach dort blieb, wo es hingehörte.
Eldrin stand vor den Schriftzeilen und fertigte eine Abschrift an. Die Feder kratzte langsam über das Papier. Er hatte sich den Rand seines Mantels über den Arm gelegt, damit er nicht an den nassen Boden kam. Diese vertraute kleine Sorgfalt beruhigte Arion mehr als jedes Wort.
Tharon ließ Voss inzwischen die Tasche öffnen.
Die Wache neben ihm nahm jeden Gegenstand einzeln entgegen und legte ihn auf ein ausgebreitetes Tuch. Ein Stück Brot in einem Wachspapier. Zwei lange Schlüssel. Ein Futteral mit Messnadeln. Mehrere gefaltete Blätter, deren Ränder von häufigem Gebrauch weich geworden waren. Zuletzt kam eine flache Dose zum Vorschein. Darin lag, sorgfältig auf Leinen gebettet, ein schwarzer Metallsplitter.
Kaelor richtete sich auf.
Tharon bemerkte die Bewegung. Er nahm die Dose selbst und hielt sie unter die Lampe. „Woher stammt das?“
Voss fuhr mit der Zunge über die aufgeplatzte Lippe. „Aus der ersten Sondierung unter dem östlichen Wohnbogen.“
„Dem beschädigten Träger“, sagte Kaelor.
Es war keine Frage. Voss blickte zu ihm hinüber und senkte dann die Augen.
Kaelor blieb einige Schritte von ihm entfernt stehen. In seinem Gesicht arbeitete etwas; Arion sah, wie er den Unterkiefer vorschob und wieder entspannte. Schließlich wandte er sich an Tharon.
„Schreibt das auf. Die genaue Stelle. Dort schlafen zwölf Familien.“
Der Hauptmann nickte der Wache zu, die bereits ihr kleines Buch hervorgezogen hatte. Erst danach sah Kaelor Voss wieder an.
„Ihr kommt morgen mit und zeigt uns jedes Loch, das Ihr dort habt schlagen lassen.“
Voss wollte etwas sagen. Kaelor hob die gesunde Hand, ohne sie zu ballen.
„Nicht jetzt. Ich kann Euch gerade nicht zuhören.“
Er ging zu Dargan zurück. Der Zwerg tat, als hätte er den Wortwechsel nicht bemerkt, und reichte ihm wortlos eine Lederschlaufe, in die er den verletzten Arm legen konnte.
Tharon nahm eines der Blätter auf. Ein amtliches Siegel saß am unteren Rand, daneben eine Unterschrift in schmalen, steilen Buchstaben.
„Gilt dieser Auftrag noch?“
Voss sah auf das Blatt. Sein Blick blieb daran haften.
„Er wurde zurückgezogen.“
„Vor oder nach Hadriks Arbeit?“
Der Mann presste das blutige Tuch, das die Wache ihm gegeben hatte, gegen den Mund. Als er es wieder herunternahm, war seine Stimme kaum mehr als ein raues Murmeln.
„Davor.“
Tharon faltete das Blatt an den vorhandenen Kanten zusammen. Er tat es langsam, ohne Voss aus den Augen zu lassen. „Dann sorgen wir dafür, dass die Familien das erfahren. Und die Angehörigen der Männer, die unter Eurem Siegel gearbeitet haben.“
Voss lehnte den Kopf gegen den Stein. Zum ersten Mal wirkte er nicht mehr wie jemand, der auf eine Gelegenheit wartete, den anderen seinen Vorsprung im Denken zu erklären.
„Ich dachte, wenn es erst geschlossen ist, kann ich alles andere in Ordnung bringen.“
Tharon schob das Blatt in seine eigene Tasche. „Ihr werdet Gelegenheit bekommen, uns bei der Reparatur zu helfen. Was sich sonst noch in Ordnung bringen lässt, entscheiden die Betroffenen.“
Er wandte sich ab und half Dargan, eine zweite Strebe vor dem Rahmen auszurichten.
• • •
Der andere Zugang lag hinter einer schmalen Tür am Ende der Kammer.
Voss öffnete sie unter Aufsicht. Der längere Schlüssel verschwand fast vollständig im Beschlag, bis seine zusätzliche Kerbe am Rand zu fühlen war. Dahinter führte ein gewundener Gang zu einem stillgelegten Wasserverteiler. Es war der Weg, durch den Voss gekommen war, nachdem er von Hadriks Verhaftung erfahren hatte.
Er hatte einen Tag gebraucht, um die verschüttete obere Hälfte freizuräumen. Die verschwundenen Eimer und der frische Mörtel aus der ersten Kammer hatten zu seiner früheren Arbeit gehört. Den bronzenen Bügel hatte er an diesem Abend selbst bewegt. Damit war das Becken leer geworden und die Treppe aufgefaltet worden, ohne dass er den Posten oben hatte begegnen müssen.
„Und dann habt Ihr unten am Rahmen weitergemacht“, sagte Dargan.
Voss nickte. Er saß wieder auf der Steinkante, die Hände vor sich. Die Wache hatte sie ihm gebunden, locker genug, dass die verletzten Finger nicht gegeneinander gedrückt wurden.
„Die Sicherung war nicht mehr vollständig eingerastet. Ich wollte sie in den Sitz zurückbringen.“
„Mit einer Zange.“ Dargan betrachtete das Werkzeug, dessen Backen nun schief zueinanderstanden. Er legte es neben die Papiere. „In meiner Werkstatt lässt sich damit manches richten. Hier hättet Ihr wenigstens jemanden fragen sollen, der weiß, wie Metall bricht.“
Voss schwieg.
Eldrin kam mit seiner Abschrift zu Arion und Lyra. Er hielt das Blatt so, dass beide es im Licht lesen konnten. Neben den Ortsnamen standen schmale Zeichenreihen; einige hatte er nur als Umrisse wiedergegeben.
„Ich werde das oben mit den älteren Texten vergleichen“, sagte er. „Aber diese Zeile ist eindeutig. Es ist eine Warnung vor dem Betrieb ohne bestätigte Antwort.“
Arion dachte an das Pergament in Dargans Werkstatt. Die zweite Seite. Den Rückruf, der ausgeblieben war.
„Dann hat dieser Rahmen auf jemanden gewartet.“
Eldrin drehte das Blatt ein wenig, bis eine der Falten im Licht verschwand. „Oder auf etwas, das eine bestimmte Antwort geben konnte. Eine Vorrichtung auf der anderen Seite, vielleicht. Wir sollten das Wort nicht enger verstehen, als es gemeint sein muss.“
Lyra sah zum geschlossenen Spalt. „Was immer dazwischengetreten ist, hat nicht auf eine Einladung gewartet.“
Eldrin ließ das Papier sinken. Für einen Moment sah er sehr alt aus.
„Nein“, sagte er. „Das hat es nicht.“
Dargan unterbrach sie, bevor Arion die nächste Frage stellen konnte. Er hatte den Rahmen mit zwei gegeneinander verspannten Streben gesichert und strich sich den Staub aus dem Bart.
„Für heute bleibt das so. Keiner dreht etwas, keiner steckt etwas hinein, und das schwarze Ding aus den Ruinen holen wir erst recht nicht hier herunter.“ Er blickte Voss an, dann Arion. „Ich möchte wissen, was wir damit bewegen, bevor ich es an eine Vorrichtung setze, die mich eben fressen wollte.“
Arion nickte. Die Armspange lag noch immer in der beschwerten Kiste außerhalb der Schmiede, weit genug von den Leitungen entfernt, dass sie nicht aufeinander reagierten. Zum ersten Mal war er froh, ihre Bedeutung nur zum Teil zu verstehen. Es hielt ihn davon ab, eine vermeintlich passende Lösung mit einer sicheren zu verwechseln.
Tharon ließ den Wartungsgang bis zum Wasserverteiler prüfen und beide Zugänge bewachen. Erst als die Meldung kam, dass dort niemand mehr wartete, führte er Voss zur Treppe.
Beim Vorbeigehen blieb der Mann vor Arion stehen. Die Wache an seinem Arm wollte ihn weiterziehen, aber Tharon gab ihr ein Zeichen.
„Der Bericht“, sagte Voss. Seine Stimme klang heiser. „Ihr habt damals geschrieben, dieselben Zeichen könnten an Orten auftauchen, die nie miteinander in Verbindung standen.“
Arion erinnerte sich an den Satz. Er hatte ihn mehrmals umgestellt, weil er wusste, wie leicht seine Kollegen darin eine Behauptung sehen würden, die er nicht belegen konnte.
„Ich weiß, was ich geschrieben habe.“
Voss sah über seine Schulter zum Rahmen. Dort standen Kaelor und Dargan und kontrollierten ein letztes Mal die Streben.
„Falls Ihr noch einmal darüber schreibt, schickt es nicht nur an die Akademie.“
Tharon führte ihn weiter. Arion blieb mit dem Satz zurück, ohne zu wissen, ob er darin eine Warnung oder den letzten Versuch einer Rechtfertigung hören sollte.
• • •
Als sie wieder in der oberen Kammer standen, schmerzten Arion die Beine.
Er hatte nicht bemerkt, wie lange er unten in derselben Haltung gesessen hatte. Beim letzten Absatz musste er stehen bleiben, und Lyra wartete neben ihm, ohne so zu tun, als betrachte sie nur die Wand. Sie hielt das Seil für ihn straff, bis er den Rand des Beckens erreicht hatte.
Hinter ihnen half Dargan Eldrin über die Kante.
„Wenn Ihr jemandem erzählt, ich hätte Euch getragen, bestreite ich es“, sagte der Zwerg und ließ den Arm des alten Mannes erst los, als beide Füße auf ebenem Stein standen.
Eldrin richtete mit großer Würde seinen Mantel. „Ich werde von einer unaufgeforderten Störung meines Aufstiegs sprechen.“
Kaelor lachte kurz auf und verzog gleich darauf das Gesicht. Lyra sah zu ihm hinüber, worauf er die gesunde Hand hob.
„Ich gehe zu Elian. Ihr müsst nicht alle so aussehen.“
Er warf einen Blick auf Arion, und diesmal ließ sich dessen Lächeln nicht vermeiden.
Tharon wartete an der bronzenen Tür. Voss stand bereits im Gang zwischen zwei Wachen. Ohne die Tasche mit den Zeichnungen und Werkzeugen wirkte sein Arbeitsmantel zu weit. Er betrachtete die Schrift an der Wand, bis der Hauptmann ihn zum Weitergehen aufforderte.
Lyra trat zu Tharon. „Mara sollte nicht bis morgen warten müssen, bevor sie von ihm erfährt.“
Der Hauptmann sah sie an und nickte. „Ich werde selbst mit ihr sprechen.“ Er strich mit dem Daumen über eine Schramme im Leder seines Schwertgurts. „Neral soll ihn vorerst nicht sehen müssen. Aber seine Aussage werden wir brauchen, sobald er sich dazu imstande fühlt.“
„Fragt ihn“, sagte Lyra. „Er hat lange genug erlebt, dass andere entscheiden, was er aushalten muss.“
Tharon nahm die Hand vom Gurt. „Das werde ich.“
Sie ging zu Arion zurück. Er wartete bei den Namen, und für einen Moment hatte sie den Eindruck, dass er sie zum ersten Mal wirklich las.
„Was ist?“, fragte sie.
Er zeigte auf eine der kurzen Zeilen. „Da steht, wer den Stein gesetzt hat. Wer die Lager gegossen hat. Wer den Durchgang geprüft hat.“ Sein Finger blieb eine Handbreit vor der Wand stehen. „Sie haben gewollt, dass man es weiß.“
Lyra betrachtete die eingeritzten Buchstaben. „Dann sorgen wir dafür, dass Joren und Berrik auch nicht nur in einer Vernehmung vorkommen.“
Arion ließ die Hand sinken. Er sah sie an, lange genug, dass sie die unausgesprochene Zustimmung in seinem Gesicht fand, und nahm dann ihre Finger in seine.
Gemeinsam gingen sie hinaus.
Im oberen Gang holte Kaelor den hölzernen Vogel vom Fenstersims.
Arion sah ihm dabei zu. Der Gargoyle musste die Figur mit der gesunden Hand aufnehmen und konnte sie anschließend nicht in seine Tasche stecken, weil der Mantel auf der verletzten Seite darüber hing. Ohne ein Wort zu sagen, trat Dargan zu ihm, hob den Stoff an und hielt die Tasche auf. Kaelor ließ den Vogel vorsichtig hineingleiten. Der abgebrochene Flügel blieb kurz am Rand hängen; er löste ihn mit dem Daumen und strich die Tasche glatt.
Über ihnen schlug eine der Abendglocken.
Arion hob den Kopf. Es war tief in der Nacht, und doch hatte er das Gefühl, eben erst aus hellem Tageslicht getreten zu sein. Er erinnerte sich an die Blätter hinter dem Rahmen und an die Bewegung, die ihnen das Licht genommen hatte. Der eine Anblick machte den anderen nicht unwirklich.
Lyra blieb neben ihm stehen, bis die übrigen ein paar Schritte voraus waren.
„Du wirst heute nicht mehr darüber schreiben“, sagte sie.
Er sah zu ihr hinüber. „Eldrin wird sonst behaupten, ich hätte die Hälfte vergessen.“
„Dann erinnert er dich morgen daran. Ich bringe dich jetzt zum Heiler, und danach finden wir etwas Warmes zu essen.“ Sie schob ihre Hand in seine Armbeuge und achtete dabei auf die verletzte Seite. „Du kannst mir dabei erzählen, welcher Baum das gewesen sein könnte.“
Arion betrachtete sie. Ein feiner Streifen Staub lag auf ihrer Wange, dort, wo sie sich unten mit dem Handrücken über das Gesicht gefahren war. Er hob die Finger und wischte ihn fort. Lyra hielt still, bis er fertig war.
„Ich habe die Blätter nicht lange genug gesehen“, gab er zu.
Sie zog ihn behutsam mit sich. „Gut. Dann müssen wir darüber wenigstens nicht streiten.“
Er lachte leise, und diesmal schmerzte es weniger.
Hinter ihnen blieb die bronzene Tür offen. Wachen stellten neue Lampen auf, prüften die Keile an der Treppe und wechselten gedämpft die ersten Anweisungen für die Nacht. Die Schritte der Gefährten entfernten sich, bis nur das Tropfen in der Kammer zurückblieb.
Tief darunter stand Dargans Strebe fest im Rahmen.
Zwischen den geschlossenen Platten sickerte ein einzelner Tropfen hervor. Er lief über das dunkle Metall, sammelte sich an der unteren Kante und fiel auf den Stein.
In der kühlen Luft der Kammer stieg für einen Augenblick der Geruch nach warmer Erde auf.
Kapitel XV
Was wieder in uns brennt
Im Haus des Heilers brannte noch Licht.
Es fiel durch die kleinen Scheiben neben der Tür und legte zwei unregelmäßige Rechtecke auf die Stufen. Unter einem der Fenster hing ein Bündel getrockneter Kräuter. Der Wind bewegte die Stängel kaum merklich gegeneinander und trug ihren bitteren Duft bis zu dem Wasserbecken am Eingang, in dem jemand vor kurzer Zeit ein blutiges Tuch ausgewaschen hatte. Die letzte rötliche Schlierenbildung löste sich gerade am Rand der Schale auf.
Lyra blieb davor stehen. Ihre Hand lag noch in Arions Armbeuge. Seit sie die unteren Gänge verlassen hatten, hatte sie seine Schritte unwillkürlich mitgezählt, hatte bemerkt, wann er den Atem anhielt und wann er ihn vorsichtig wieder ausließ. Jetzt lockerte sie den Griff, weil sie nicht wollte, dass er auch noch das Gewicht ihrer Sorge tragen musste.
Die Tür ging auf, bevor einer von ihnen klopfen konnte.
Eine Menschenfrau stand auf der Schwelle. Sie hatte die Ärmel bis über die Ellenbogen zurückgeschlagen. An ihrem Handgelenk klebte ein Faden, den sie offenbar beim Zuschneiden von Verbandsstoff übersehen hatte. Ihr Blick wanderte über Arions Gesicht, blieb an Kaelors Armschlinge hängen und ging dann zu Lyra zurück.
„Ihr seid die Leute aus den unteren Gängen“, sagte sie. Es klang weniger wie eine Frage als wie das Ende einer Vermutung. „Elian hat gehofft, dass Ihr von selbst kommt. Wenn nicht, hätte er nach Euch schicken lassen.“
„Das ist ungewöhnlich freundlich von ihm“, erwiderte Arion.
„Ich habe nicht gesagt, was er ausrichten wollte.“ Die Frau trat zur Seite und hielt ihnen die Tür auf. „Kommt herein. Ich bin Elara. Wenn einer von Euch unterwegs beschlossen hat, seine Verletzung für unwichtig zu halten, kann er sich die Erklärung sparen; die habe ich heute schon dreimal gehört.“
Kaelor duckte sich unter dem Türsturz hindurch. Auf der anderen Seite blieb er stehen, weil seine Flügel beinahe einen Stapel gefalteter Tücher vom Regal gestrichen hätten. Er drehte sich vorsichtig, suchte Platz für den Stab und bemerkte erst dann, dass Elara bereits die Hand danach ausgestreckt hatte.
„Darf ich?“
Er gab ihn ihr. Sie stellte ihn in die Ecke neben die Tür, ohne die gerissene Stelle anzufassen.
„Der hat seinen Dienst offenbar getan.“
„Für heute“, sagte Kaelor.
Elara betrachtete das gesplitterte Holz und dann seinen Verband. „Dann wäre es vernünftig, wenn sein Besitzer das ebenfalls behaupten könnte.“
Kaelor fand keine Antwort, die ihm gefiel. Er folgte ihr in den Behandlungsraum, während Arion hinter ihm ein Lachen unterdrückte und dafür von Lyra einen Blick bekam, der zwischen Belustigung und Warnung lag.
Elian erwartete sie an einem breiten Tisch. Zwei Lampen standen zu beiden Seiten einer flachen Schale. Neben ihr lagen Nadeln, ein zusammengerolltes Lederband und ein Messer mit so schmaler Klinge, dass Lyra lieber die Regale dahinter betrachtete. Dort standen Töpfe und Flaschen in ordentlichen Reihen, jeder mit einer handgeschriebenen Beschriftung. Die Luft roch nach heißem Wasser, Seife und dem scharfen Harz, mit dem Elian seine Instrumente reinigte.
Der Gargoyle-Heiler sah sie nacheinander an. Als sein Blick Arion erreichte, stützte er die Hände auf die Tischkante.
„Ich nehme an, Ihr habt Euch ausgeruht.“
Arion öffnete den Mund. Lyra legte ihm eine Hand auf den Unterarm.
„Nein“, sagte sie. „Wir haben etwas gefunden, das nicht warten konnte. Kaelor hat eine Sperre gehalten und Arion hat Dargan geholfen, sie zu schließen. Bevor Ihr sie beide zurechtweist, solltet Ihr wissen, dass wir sonst vermutlich jemanden hätten zurücklassen müssen.“
Elian betrachtete sie einen Augenblick. Dann deutete er auf die Stühle.
„Das erklärt, weshalb sie hier sitzen sollten. Es erklärt mir noch nicht, warum wir morgen wieder denselben Verband brauchen.“
Lyra zog die Hand von Arions Arm zurück.
Der Satz hatte eine Stelle getroffen, an der ihre Gedanken seit dem ersten Heilversuch am Westtor immer wieder vorbeigekommen waren, ohne dass sie lange genug dort geblieben wäre. Sie sah auf ihre Finger. Im fernen Schein der Lampe wirkten sie fast durchsichtig. Diese Hände hatten früher Wunden geschlossen, einem fiebernden Kind Erleichterung gebracht und gelegentlich einen viel zu schweren Krug von einem hohen Regal geholt, wenn sie keine Lust gehabt hatte, einen Stuhl zu holen.
In den letzten Tagen hatte sie vor allem darauf geachtet, mit ihnen nichts mehr zu beginnen.
„Das möchte ich auch wissen“, sagte sie.
Elian schob den Stuhl neben Arion mit dem Fuß ein Stück zurück, damit sie sich setzen konnte.
• • •
Während Elara Kaelors alten Verband löste, erzählte Lyra von dem Zauber unter dem Torbogen.
Diesmal ließ sie nichts aus. Sie beschrieb die Wärme in Arions Haut, das sichere Gefühl, den verletzten Stellen nahe zu sein, und dann den Augenblick, in dem etwas weiter Kraft gezogen hatte, obwohl sie den Zauber längst beenden wollte. Während sie sprach, presste sie die Fingerspitzen gegen die Handflächen. Erst als Elian ihren Blick dorthin folgte, bemerkte sie es und legte die Hände offen auf die Knie.
„Danach ist es manchmal wiedergekommen“, fuhr sie fort. „Wenigstens so weit, dass ich dachte, ich könnte einen kleinen Zauber halten. Aber sobald ich versuchte, mehr zu geben, war diese Bewegung wieder da. Vielleicht nur die Erinnerung daran. Ich konnte den Unterschied irgendwann nicht mehr sicher erkennen.“
Arion saß still neben ihr. Sie hatte ihm davon erzählt, aber nie so. Er erinnerte sich an die Hand, die sie vor dem Rahmen gehoben und sofort wieder gesenkt hatte, an die Abende, an denen sie ihre Finger am warmen Becher gewärmt hatte, während alle anderen über Zeichnungen sprachen.
„Du hättest nicht allein damit bleiben müssen“, sagte er leise.
Lyra drehte den Kopf zu ihm. „Ich war nicht allein. Wir waren ständig zusammen, meistens in einem Raum mit etwas, das bei jedem unvorsichtigen Versuch zu reagieren begann. Und wenn du dich gerade wieder so hingesetzt hattest, dass es nicht mehr wehtat, wollte ich nicht ausgerechnet an dir prüfen, ob meine Hand inzwischen ruhig genug war.“
Er sah zu Elian hinüber. „Bei Eurem ersten Versuch war es ähnlich.“
Der Heiler nickte. Er strich mit dem Daumen einen Tropfen Wasser vom Rand der Schale, als suche er beim Sprechen nach einer genauen Reihenfolge.
„Die Wunde ließ sich schließen. Als ich tiefer an die Prellung ging, veränderte sich der Zug. Ich habe aufgehört, weil ich nicht wusste, wohin die zusätzliche Kraft abfloss. Danach hat sich das Gewebe gewöhnlich erholt, nur langsamer, als ich nach der ersten Behandlung erwartet hatte.“ Er sah Lyra an. „Das war ein Grund zur Vorsicht. Es ist keiner, auf Dauer nicht mehr hinzusehen.“
Sie atmete aus. Ihre Schultern sanken ein wenig, ohne dass die Anspannung ganz aus ihnen wich.
„Dann möchte ich, dass wir hinsehen.“
Elian stand auf und zog den Fensterladen einen Spalt weiter zu. Draußen gingen zwei Männer mit einer Handkarre vorbei; ihre Stimmen wurden leiser, als er das Holz wieder an den Rahmen legte. Dann kam er an den Tisch zurück und bat Lyra, eine Hand über die Wasserschale zu halten.
„Keine Heilung. Wärmt nur das Wasser. So wenig, dass Ihr sicher seid, den Anfang und das Ende selbst zu bestimmen.“
Ihre Finger zögerten über der Oberfläche.
Arion spürte, wie sie nach der vertrauten Verbindung suchte. Es war kein Zauber, den er sehen konnte. Eher eine Veränderung in der Art, wie ihre Hand still wurde und ihr Atem sich verlangsamte. Für einen Augenblick schien etwas zwischen ihnen anzuklingen; dann zuckte Lyra zusammen und zog die Hand zurück.
Keiner sprach.
Elian berührte mit einem Finger das Wasser. „Ein wenig wärmer“, stellte er fest. „Und jetzt ist es vorbei. Ihr habt aufgehört.“
Lyra schaute ihn an. Die schlichte Feststellung traf sie offenbar unvorbereitet.
Er schob die Schale ein Stück näher. „Noch einmal. Diesmal wartet Ihr nach dem Ende, bevor Ihr die Hand wegnehmt. Ihr müsst nicht vor Eurer eigenen Magie zurückweichen.“
Beim zweiten Mal dauerte es länger. Elara arbeitete weiter an Kaelors Schulter, aber langsamer als zuvor. Als der Gargoyle sich nach Lyra umdrehen wollte, legte sie ihm die flache Hand zwischen die Schulterblätter.
„Wenn Ihr jetzt den Kopf so weit dreht, dürft Ihr mir hinterher nicht erzählen, der Verband ziehe.“
Er blieb sitzen. Über den Rand der Schale hinweg sah er, wie Lyra die Augen öffnete.
Das Wasser dampfte nicht. Es schimmerte nicht einmal. Elian prüfte es, nickte und nahm seine Hand zurück.
Lyra hielt ihre noch immer darüber.
„Es bleibt bei mir“, flüsterte sie.
Arion musste schlucken. Er hatte erst jetzt begriffen, wie sehr sie damit gerechnet hatte, dass es nicht so sein würde.
• • •
Tharon kam, bevor sie den dritten Versuch beendeten.
Er blieb an der Tür stehen, bis Elian ihn hereinwinkte, und legte den Mantel ab, dessen Saum noch den feuchten Staub der unteren Gänge trug. Voss war im Gewahrsam. Mara wusste von seiner Festnahme. Die Zugänge unter der Stadt blieben bewacht, die geräumten Wohnungen für die Nacht geschlossen.
„Dargan kommt ebenfalls“, fügte er hinzu. „Er wollte nur noch nach der Kiste sehen.“
Elian ließ Lyra die Hände ruhen und bat Tharon, ihm genau zu zeigen, auf welchem Weg sie aus der Kammer zurückgekehrt waren. Der Hauptmann sah zunächst verwundert aus, nahm aber das angebotene Blatt und zeichnete die Abzweigungen ein. Lyra beugte sich vor. Die Straße zur Schmiede lag über den alten Leitungen, ebenso ein Teil des Weges, den sie täglich zwischen Werkstatt und Akademie gingen.
„Das bedeutet nicht, dass jede Leitung unter jedem Haus wirkt“, sagte Elian, als er ihren Blick bemerkte. „Aber es bedeutet, dass Ihr bisher kaum einen ruhigen Ort für einen vernünftigen Versuch hattet. Hier oben gibt es keine der freigelegten Strukturen. Wir bleiben heute in diesem Zimmer und prüfen, was tatsächlich geschieht.“
Als Dargan eintraf, breitete Tharon die Zeichnung vor ihm aus. Der Zwerg hörte mit einer Geduld zu, die Arion bei ihm inzwischen zu schätzen wusste. Er unterbrach nur, um nach Entfernungen und nach den Stellen zu fragen, an denen die Kälte am deutlichsten gewesen war. Dann schob er das Blatt fort und setzte sich schwer auf den letzten freien Stuhl.
„Die Spange liegt noch immer draußen. Sie ist kalt. Der Splitter ist getrennt davon untergebracht und Voss’ Fund ebenfalls.“ Er rieb sich die Bartspitze zwischen den Fingern. „Mehr kann ich für heute ohne weitere Versuche nicht tun. Falls Ihr mich fragen wollt, ob ich hundert Schritt Erde für eine sichere Mauer zwischen zwei Zaubern halte: nein. Falls Ihr mich fragt, ob wir deshalb alle Magier der Stadt bis zum Ende ihres Lebens mit Salbe behandeln sollen, lautet die Antwort ebenfalls nein.“
Tharon stand mit verschränkten Armen am Fenster. Er hatte lange zugehört. Jetzt löste er die Arme voneinander und trat an den Tisch.
„Wir haben heute gesehen, was hinter einer geöffneten Handbreit dieses Rahmens wartet. Ich werde Leute an die Zugänge stellen und weitere Wachen holen. Wenn dort wieder etwas herauskommt, brauche ich jemanden, der mehr tun kann, als auf eine Strebe zu schlagen.“ Sein Blick ging zu Arion, blieb aber nicht auf dem Verband liegen. „Ich brauche Euch mit Eurem Können. Wenn wir Euch behandeln können, sollten wir es tun.“
„Mich auch“, sagte Kaelor von seinem Stuhl aus. Elara hatte die letzte Binde beiseitegelegt. Die Schulter darunter war geschwollen, aber die Wunde sauber. „Ich habe keine Lust, morgen wieder von links nach Werkzeug zu greifen, während rechts etwas einstürzt.“
Elian lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. „Daran lässt sich vermutlich leichter etwas ändern, als an Eurer Gewohnheit, Euch darunterzustellen.“
Lyra sah von einem zum anderen. Niemand erklärte ihr, dass sie die Magie wieder benutzen dürfe. Es war eher, als hätten sie alle bemerkt, wie lange sie um dieselbe Angst herumgegangen waren, jeder aus einem anderen guten Grund, bis die Vorsicht selbst zu etwas geworden war, das sie schwächte.
Sie legte die Hände auf den Tisch.
„Ich möchte Arion heilen“, sagte sie. „Aber ich will vorher verstehen, wo der Zug ansetzt. Elian, wenn Ihr mir helft, ihn zu verfolgen, ohne ihn zu verstärken, kann ich vielleicht dort weitermachen, wo ich am Tor aufgehört habe.“
Der Heiler setzte sich ihr gegenüber. „Dann beginnen wir damit. Niemand muss heute etwas beweisen. Wir nehmen uns die Zeit, die der Versuch braucht.“
Arion sah sie an. Unter der Müdigkeit war etwas in ihr zurückgekehrt, das er seit den Ruinen vermisst hatte. Als sie ihm die Hand hinhielt, nahm er sie und rückte seinen Stuhl näher.
• • •
Später erinnerte Arion sich vor allem an die Geräusche.
Wasser, das Elara in einen Krug goss. Das Scharren von Dargans Stiefel, als der Zwerg aufstand, um die Lampe nachzufüllen. Ein Pferd in der Straße, dessen Hufe eine Weile auf dem Pflaster klapperten, bevor sein Reiter abstieg. Dazwischen lag immer wieder das leise Gespräch der beiden Heiler, das nur dann verstummte, wenn sie etwas genauer prüfen mussten.
Lyra hatte den Verband geöffnet. Ihr Haar fiel nach vorn, während sie sich über seine Seite beugte. Sie schob es hinter ein Ohr und legte zwei Finger neben die dunkle Verfärbung unter seinen Rippen. Ihre Berührung war zunächst kühl. Arion sah auf ihre gesenkte Stirn, auf die kleine Falte zwischen den Brauen und dann zu Elian, der seine Hand an Arions Rücken gelegt hatte.
„Sagt es, sobald Ihr den Zug spürt“, bat der Heiler.
Die Wärme begann behutsam. Sie breitete sich um Lyras Fingerspitzen aus und erreichte die tieferen Stellen, an denen jede falsche Bewegung bisher einen scharfen Schmerz ausgelöst hatte. Arion atmete ein. Ein vertrautes Ziehen setzte ein, und schon spannte er sich an, als müsse er sich auf den nächsten Schlag vorbereiten.
Lyras Hand wurde augenblicklich still.
„Da“, sagte sie. „Genau dort.“
Elian nickte, ohne seine Hand wegzunehmen. „Ich spüre es. Bleibt bei dem kleinen Ansatz. Ihr müsst nicht mehr Kraft geben, nur weil ein Teil davon abweicht.“
Lyra hob den Blick zu Arion. Er sah in ihren Augen die Erinnerung an den Torbogen und begriff, weshalb sie nach jedem Versuch so rasch aufgehört hatte. Sie hatte fürchten müssen, ihn zu verletzen, während er ihr vertraute.
„Es ist nicht wie bei der Spange“, sagte er nach einer Weile. „Damals ging es weiter. Jetzt zieht es nur an derselben Stelle.“
Elian bat ihn, sich auf den eigenen Zugang zur Magie zu besinnen. Arion tat es widerwillig. Seit den Ruinen hatte er den Gedanken daran oft beiseitegeschoben; ein schmerzender Atemzug genügte, um jede Form aus seiner Vorstellung zu drängen. Jetzt fand er die vertraute Kraft, kam ihr nahe und bemerkte, wie er schon vor der nächsten Bewegung davor zurückwich.
„Ich unterbreche es selbst“, sagte er langsam.
„Einen Teil davon“, antwortete Elian. „Und an der Stelle, an der Lyras Heilung abgebrochen wurde, reagiert Euer Körper noch immer, als müsse er die Kraft festhalten. Ich kann sie dort hineinführen. Aber solange Ihr Euch beide auf denselben Widerstand vorbereitet, verstärkt jeder von Euch die Vorsicht des anderen.“ Er nahm Arions Hand und legte sie flach auf dessen Brust, oberhalb des Verbandes. „Versucht nicht, ihren Zauber zu unterstützen. Haltet nur Euren eigenen Zugang offen. Lyra entscheidet, was sie gibt und wann sie aufhört.“
Es gelang nicht beim ersten Mal.
Auch beim zweiten Versuch musste Lyra die Hand zurücknehmen. Sie saß eine Weile mit geschlossenen Augen da, trank einen Schluck Wasser und bat Elian, ihr noch einmal zu beschreiben, wo seine Wahrnehmung von ihrer abwich. Er tat es ohne Hast. Als Arion etwas sagen wollte, sah sie zu ihm auf und strich mit dem Daumen über seine Finger.
„Ich weiß, dass du warten kannst“, sagte sie. „Du darfst jetzt nur nicht anfangen, mir leidzutun. Das macht es erheblich schwieriger, mich auf deine Rippen zu konzentrieren.“
Er musste lächeln. Die Anspannung in seinem Brustkorb gab ein wenig nach.
Beim dritten Versuch blieb die Wärme.
Sie lief nicht mehr in jene unbestimmte Richtung ab, vor der Lyra sich gefürchtet hatte. Arion spürte, wie sich etwas tief in seinem Körper löste, das er bisher mit der Verletzung für eines gehalten hatte. Der Schmerz wurde für einen Augenblick deutlicher. Er schloss die Augen, hielt die Hand auf seiner Brust und ließ Lyra weiterarbeiten.
Ihre Stimme erreichte ihn aus geringer Entfernung. Sie fragte, ob er sie noch spüre, und er antwortete mit einem Nicken, bevor er begriff, dass sie damit nicht ihre Hand meinte.
„Ja“, sagte er. „Ich bin noch hier.“
Elian zog seine Hand von Arions Rücken zurück.
Die Wärme blieb trotzdem.
Lyra atmete hörbar aus. Arion öffnete die Augen und sah, dass sie lächelte, vorsichtig zunächst, dann mit einer Erleichterung, die sie gar nicht mehr zu verbergen versuchte. Unter ihren Fingern verblasste die dunkle Stelle. Die Muskeln, die er tagelang unbewusst gegen den Schmerz festgehalten hatte, entspannten sich. Er holte Luft, tiefer als zuvor, wartete auf das Stechen und atmete weiter, als es ausblieb.
Lyra sah es. Ihre Lippen bewegten sich, als wolle sie etwas sagen, doch diesmal fand sie die Worte nicht sofort.
Arion hob ihre freie Hand an den Mund und küsste die Fingerknöchel.
„Das“, sagte er leise, „habe ich vermisst.“
Sie lachte mit einem kleinen, ungläubigen Laut und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, ehe jemand ihr ein Tuch anbieten konnte.
Elian ließ ihnen den Augenblick. Dann bat er Arion aufzustehen.
Er prüfte die Bewegung seiner Arme, ließ ihn den Oberkörper drehen und hörte ihm zu, als er mehrere tiefe Atemzüge nahm. Anschließend legte er selbst noch einmal eine Hand auf die behandelte Stelle. Arion spürte den Zauber des Heilers, klar und fremd, ohne dass etwas daran zog.
Elian nahm die Hand fort.
„Jetzt heilt Ihr auch nicht mehr gegen Euch selbst an. Es ist geschlossen. Das Gewebe ist wieder belastbar.“ Sein Blick wanderte zu dem alten Verband auf dem Tisch. „Ihr werdet heute schlafen und morgen frühstücken. Danach dürft Ihr Euch gern wieder nützlich machen.“
Dargan, der in der Nähe der Tür gewartet hatte, stieß erleichtert den Atem aus. „Gut. Dann können wir wenigstens aufhören, bei jeder Treppe dieselbe Unterhaltung zu führen.“
Kaelor streckte vorsichtig den Arm aus, dessen Schulter Elian inzwischen mit einer Hand berührt hatte. Er führte die Bewegung weiter, erst langsam, dann überrascht bis über den Kopf. Elara fing die leere Schlaufe auf, die ihm dabei vom Hals rutschte.
„Die braucht Ihr offenbar nicht mehr“, stellte sie fest.
Kaelor nahm ihr das Tuch ab. Für einen Moment lagen ihre Finger an derselben Stelle. Sie ließ los und wandte sich zum Tisch, während er noch auf den Stoff in seiner Hand sah.
Er hatte die Schmerzen fast vergessen, als ihm auffiel, dass sie fort waren.
• • •
Am nächsten Morgen stand Lyra im Hof hinter dem Heilerhaus und hielt eine kleine Flamme über ihrer Handfläche.
Sie hatte sie dreimal erlöschen lassen und wieder hervorgebracht, bevor Arion zu ihr trat. Der frühe Wind bewegte die Blätter des schmalen Birnbaums an der Mauer. Jemand hatte die Beete frisch gegossen. In der feuchten Erde lagen die Abdrücke kleiner Schuhe, die zwischen den Kräutern bis zu einem abgestellten Korb führten.
Lyra schloss die Hand. Die Flamme verschwand.
„Und?“, fragte Arion.
Sie sah ihm ins Gesicht, als wüsste sie nicht, ob seine Frage ihr oder ihm selbst galt. Dann legte sie die Hand an seine Seite, genau dorthin, wo der Verband gesessen hatte.
„Du atmest anders.“
Er holte demonstrativ Luft. Der Morgen schmeckte nach nasser Erde und dem Brot, das Elara in der Küche aufschnitt. „Ich habe heute beim Anziehen nicht einmal darüber nachgedacht, wie ich den Arm hebe.“
Lyra nickte langsam. Ihr Daumen strich über den Stoff seines Hemdes. „Ich hatte vergessen, wie selbstverständlich sich manches anfühlt, bis man ständig darauf achten muss.“
Er nahm ihre Hand und löste sie von seiner Seite, hielt sie jedoch zwischen seinen. „Du musst nicht bei jedem Zauber darauf warten, dass wieder etwas schiefgeht.“
„Das werde ich vermutlich trotzdem noch eine Weile tun.“ Sie betrachtete ihre Finger, dann sah sie ihn wieder an. „Aber ich möchte nicht mehr deshalb darauf verzichten.“
Arion ließ eine dünne Linie aus Licht zwischen seinen Händen entstehen. Sie legte sich um ihre verschränkten Finger, veränderte sich und wurde zu einem kleinen, ungleichmäßigen Ring, den der Wind nicht berührte. Lyra lächelte. Er hatte diesen Zauber früher geübt, während Eldrin behauptet hatte, seine Bücher ließen sich auch ohne fliegende Lesezeichen öffnen.
Arion hielt das Licht, zog einen zweiten Faden daraus und führte ihn zwischen die Zweige des Birnbaums. Dort löste er sich in mehrere helle Punkte auf. Einen Augenblick sah es aus, als hätte sich Tau in der Luft verfangen.
Es kostete ihn kaum Anstrengung.
Er sah den Punkten nach, bis sie verblassten. Hinter ihm klirrte Geschirr, und als er sich umdrehte, stand Elara in der Tür. Sie trug einen Krug und zwei Becher. Ihr Blick folgte dem letzten Licht im Baum.
„Das solltet Ihr den Kindern später noch einmal zeigen“, sagte sie. „In der Tuchhalle gibt es einige, die seit Tagen bei jedem Geräusch zur Decke sehen.“
Arion nickte. „Wenn sie mich dort haben wollen.“
„Ich werde sie fragen.“ Elara stellte die Becher auf die kleine Bank an der Mauer. „Mein Mann bringt heute Decken hinüber. Er kann Euch sagen, wann die meisten wach sind und wann Ihr besser nicht mitten in ein endlich eingeschlafenes Zimmer kommt.“
Kaelor war unter dem Vordach stehen geblieben. Er hatte sich gerade nach seinem Stab gebückt, den Dargan am Morgen genauer hatte ansehen wollen. Bei Elaras Worten richtete er sich auf. Erst dann bemerkte Arion den schmalen Ring an ihrer Hand.
Sie sah Kaelor und deutete auf den Krug. „Für Euch ist auch etwas da. Ihr müsst Euch nicht vor jeder Tür so aufstellen, als wartetet Ihr auf eine Prüfung.“
Kaelor trat in den Hof. „Manche Türen lassen einem nicht besonders viel Wahl.“
Elara schaute zum niedrigen Sturz zurück und dann zu seinen Flügeln. „Dann nehmen wir Euch beim nächsten Mal durch den Hof herein. Den Weg hätte ich Euch gestern schon zeigen können.“
Sie sagte es mit einer Selbstverständlichkeit, die ihm für einen Moment die passende Antwort nahm. Er setzte den Stab an die Wand, nahm den Becher entgegen und hörte ihr zu, während sie erklärte, welche der Familien aus der Tiefe noch Kleidung brauchten. Als sie einen der Namen nicht richtig aussprechen konnte, verbesserte er sie. Sie wiederholte ihn, sah Kaelor fragend an und versuchte es ein zweites Mal, bis er nickte.
Später, als er sich längst mit Dargan auf den Weg zur Werkstatt gemacht hatte, ertappte er sich dabei, dass er sich an genau diesen Augenblick erinnerte.
Den gerissenen Stab behielt Dargan in der Schmiede. Er strich mit dem Daumen über den Bruch, erklärte Kaelor, weshalb er dem Holz keinen zweiten solchen Dienst zutraute, und gab ihm einen anderen aus dem Gestell neben der Tür. Kaelor prüfte das Gewicht, ließ die Schultern kreisen und stellte überrascht fest, dass er nicht mehr darüber nachdachte, welche Hand er benutzte.
• • •
Der erste Bericht von draußen kam gegen Mittag.
Tharon traf die Botin am Westtor. Sie war zu Fuß gekommen. Schlamm saß bis zu den Knien an ihren Hosen, ein Dorn hatte einen langen Faden aus dem Saum ihres Mantels gezogen und an ihrem linken Ärmel klebte etwas Dunkles, das nicht vollständig getrocknet war. Trotzdem trat sie erst zur Seite, um einem Wagen die Durchfahrt freizumachen, bevor sie den Hauptmann ansprach.
„Seraya Windläufer. Ich komme von den Weiden hinter dem westlichen Wasserlauf.“ Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hielt ihre Hand danach einen Augenblick offen vor sich, als wundere sie sich über das Zittern. „Dort hat sich etwas geöffnet. Auf dem Weg zwischen den beiden Hecken, kurz vor der Furt. Es sah zuerst aus, als stünde Luft über heißem Stein. Dann kam etwas hindurch.“
Tharon führte sie aus dem Lärm der Wagen in die Tornische. Er ließ Wasser bringen, wartete, bis sie getrunken hatte, und fragte erst dann: „Was für etwas?“
Seraya lehnte den Rücken nicht an die Wand. Sie blieb mit leicht gespreizten Füßen stehen, als rechne sie damit, jeden Augenblick wieder aufbrechen zu müssen.
„Zwei Wesen. Das erste ungefähr so groß wie ein Mann, aber die Gelenke saßen anders. Das zweite lief auf vier Gliedern. Beide griffen die Leute auf der Straße an.“ Sie sah an Tharon vorbei zum offenen Tor. „Es sind noch Menschen dort. Ein Wagen liegt quer, und die Frau, die daruntergeraten ist, konnte nicht mehr laufen. Ich habe die anderen hinter die Weidenböschung gebracht. Ein Mann ist bei ihnen geblieben.“
Tharon gab einem Wachmann Anweisungen. Dann bat er Seraya um die genaue Stelle und ließ sie den Weg in den Staub auf der niedrigen Steinbank zeichnen. Als sie mit zwei Fingern die Lage der Hecken andeutete, sah er den zerrissenen Handschuh.
„Ihr seid getroffen worden.“
„Der Ärmel hat mehr abbekommen als ich.“ Sie zog ihn ein wenig zurück. Darunter lag ein flacher, langer Schnitt. „Ich wäre früher hier gewesen, wenn das Pferd nicht durchgegangen wäre. Den letzten Teil musste ich laufen.“
Tharon betrachtete die Wunde und dann ihr Gesicht. „Ihr geht jetzt zu unserem Heiler.“
Seraya schüttelte den Kopf. „Nachdem ich Euch gezeigt habe, wo die Leute liegen. Die Böschung teilt sich hinter der Furt. Wenn Ihr den falschen Weg nehmt, stehen sie vielleicht lange genug auf, um Euch zu rufen.“
Der Hauptmann schwieg einen Moment. Dann nickte er und rief nach einem zweiten Pferd.
• • •
Der Weg nach Westen lag im gewöhnlichen Licht eines kühlen Nachmittags.
Arion konnte später nicht sagen, weshalb ihn gerade das so verstört hatte. Die Felder waren nicht verdorrt. Über den niedrigen Weiden zogen Vögel ihre Kreise. An einem Zaun hing ein umgestülpter Eimer, den jemand zum Trocknen auf einen Pfahl gesetzt hatte, und weiter hinten standen die Bienenkörbe eines Hofes in einer sorgfältigen Reihe. Nichts kündigte an, dass ein Stück der Straße aufgehört hatte, verlässlich zu sein.
Seraya ritt neben Tharon. Sie hielt die Zügel locker, sprach aber bei jeder Weggabelung mit jener Genauigkeit, die Arion zuvor an Dargan beobachtet hatte, wenn der Zwerg erklärte, welche Mauer sich auf welchen Bogen stützte. Sie zeigte auf einen Abfluss zwischen zwei Feldern, auf den Abstand zwischen der Hecke und dem Wasserlauf, auf einen niedrigen Durchlass, durch den die Kinder gekrochen waren.
Lyra lenkte ihr Pferd näher an Arions.
„Wenn es wieder zieht, sagst du es mir.“ Sie wartete, bis er sie ansah. „Nicht erst hinterher, wenn du entschieden hast, dass es vermutlich unwichtig war.“
Arion nickte. Er hatte das Schwert am Sattel befestigt. Der Griff lag nahe genug, dass er ihn mit einer kurzen Bewegung erreichen konnte, aber seine Aufmerksamkeit galt etwas anderem. Seit sie die Häuser hinter sich gelassen hatten, spürte er seine Magie mit einer Klarheit, die ihn beinahe unvorsichtig werden ließ. Er musste sich nicht mehr an den Schmerzen vorbeiarbeiten. Die Kraft war da, bereit, sich formen zu lassen, sobald er es wollte.
„Du auch“, sagte er.
Lyra lächelte nur kurz. Dann sah sie wieder auf den Weg.
Hinter ihnen kam Kaelor mit Dargan und den übrigen Wachen. Der Gargoyle hatte auf ein Pferd verzichtet; auf dem schmalen, stellenweise aufgeweichten Weg hätte ihm die Rücksicht auf seine Flügel mehr Mühe gemacht, als er durch das Reiten sparte. Er hielt mit langen Schritten Schritt, während Dargan auf einem breiten, missmutigen Tier saß und jede Vertiefung der Straße persönlich zu nehmen schien.
„Wenn hier draußen ein Durchgang entsteht“, hatte er am Tor zu Tharon gesagt, „will ich sehen, ob er auf denselben Steinen steht wie der unter der Stadt.“
Jetzt sagte er nichts mehr. Er betrachtete die Landschaft, als suche er darin bereits nach einer Fuge, die nicht dorthingehörte.
Sie fanden die ersten Spuren vor der Furt.
Ein Stück gebrochenes Geschirr lag am Straßenrand. Daneben steckten zwei tiefe Kerben im Holz eines Zaunpfahls. Das Gras dahinter war niedergedrückt, aber nicht von Rädern oder menschlichen Füßen. Arion stieg ab und kniete sich kurz daneben. Wo die Halme geknickt waren, glänzte ein dunkler Belag. Er hielt die Hand darüber, ohne ihn zu berühren, und fühlte eine schwache Wärme, obwohl der Boden ringsum kühl war.
Seraya stellte sich neben ihn.
„Das Vierbeinige“, sagte sie. „Es ist dort hinüber. Das andere blieb beim Wagen.“
„Sind sie zusammen vorgegangen?“
Sie überlegte. „Sie haben einander nicht angegriffen. Mehr kann ich Euch nicht sagen.“ Ihr Blick ging zur Hecke. „Als ich den Jungen unter den Zweigen durchgeschoben habe, hat das kleinere Wesen ihn bemerkt. Das andere drehte sich erst um, als er schrie.“
Arion stand auf. Die Nüchternheit ihrer Antwort half ihm, sich auf das zu konzentrieren, was sie wussten, statt auf alles, was dahinterliegen mochte.
Tharon ließ die Pferde hinter einem Erdwall zurück. Zwei Wachen blieben bei ihnen, die anderen gingen zu Fuß weiter. Er gab Seraya ein Zeichen, als sie ihren Bogen vom Rücken nahm. Sie nickte und schob sich dicht an der Hecke entlang voraus.
Der Wagen lag dort, wo sie ihn beschrieben hatte.
Ein Rad war ausgebrochen. Die Ladefläche hatte sich zur Seite gedreht und war halb auf die Böschung gerutscht. Säcke mit Getreide lagen in einer aufgerissenen Spur bis zum Wasser hinunter. Auf der Straße dazwischen stand eine Gestalt, deren Rücken Arion zuerst für eine zerrissene Lederrüstung hielt.
Dann bewegten sich die dunklen Platten gegeneinander.
Der Kopf hob sich. Er war schmal, beinahe keilförmig, und saß ohne erkennbaren Hals zwischen den hochgezogenen Schultern. Unter dem Brustkorb hing ein Arm tiefer als der andere. Als das Wesen sich drehte, glitt seine Hand über die Wagenwand und hinterließ vier helle Rillen im Holz.
Arion hörte unterhalb der Böschung ein Kind weinen.
Tharon fasste ihn kurz am Oberarm und zeigte auf die Wagenachse. Darunter lag die Frau. Ihr Oberkörper war frei, aber ein Bein steckte zwischen Erdreich und Holz. Ein Mann kniete bei ihr und hielt ihr die Hand vor den Mund. Nicht fest. Nur so, dass sie seinen Finger packen konnte, wenn der Schmerz zu groß wurde.
Seraya sah Arion an, folgte seinem Blick zu der Eingeklemmten und nickte einmal. Dann trat sie aus der Deckung.
Ihr erster Pfeil traf das Wesen seitlich unter dem Schulterblatt.
Es fuhr herum. Der Laut, den es ausstieß, war tief und heiser, beinahe ein Husten. Als es auf Seraya zulief, erkannte Arion die gewaltige Länge seiner Schritte. Die Späherin schoss noch einmal und wich erst dann hinter den Zaun zurück.
Tharon ging ihm entgegen.
Er hob den Schild im richtigen Augenblick. Der Schlag trieb ihn einen Schritt zurück und schlug so hart gegen den Rand, dass Arion das Zittern des Holzes bis zu sich zu spüren meinte. Eine Wache trat von der Seite heran. Die Speerspitze glitt an einer dunklen Platte ab und riss einen schmalen Spalt in die weichere Haut darunter.
Arion hob die Hand.
Der Zauber stand klar vor ihm, einfach genug, dass er sich nicht in Einzelheiten verlor: Abstand schaffen, die Bewegung auffangen, den Menschen hinter dem Schild Zeit geben. Er formte die Kraft und ließ sie in einem breiten Stoß zwischen Tharon und das Wesen fahren.
Luft schlug gegen Metall und Haut.
Das Wesen wurde vom Schild gerissen. Es stolperte über einen Getreidesack, fing sich auf einer Hand und fuhr mit den Krallen durch den Boden. Tharon nutzte den gewonnenen Raum, um seitlich an ihm vorbeizukommen.
„Zum Wagen!“, rief er.
Kaelor war bereits an der Böschung. Er riss eine lose Planke fort, warf sie zur Seite und kniete neben die eingeklemmte Frau. Als sie seinen Schatten sah, wich ihr Kopf unwillkürlich zurück. Er bemerkte es, blieb aber dort, wo sie ihn sehen konnte.
„Ich hebe die Achse“, sagte er. „Ihr zieht das Bein erst weg, wenn sie frei ist. Nicht vorher.“
Die Frau sah zu dem Mann neben sich. Der nickte, doch Kaelor wartete, bis sie selbst ihn wieder ansah und zustimmte.
Dargan warf seine Werkzeugtasche auf den Boden und griff nach einem losen Balken. Arion trat zu ihnen. Der Wagen bewegte sich, als Kaelor die Schulter daruntersetzte, aber das gebrochene Rad drückte ihn seitlich gegen die Erde.
„Wenn wir ihn so heben, rutscht er“, sagte Dargan. Er deutete auf die abgesackte Kante. „Da muss Gewicht weg.“
Arion legte die Hand gegen das Holz.
Er ließ die Kraft zunächst an der Fläche entlanglaufen, spürte die Spannung in den Brettern und verteilte den Druck, bis das lose Ende nicht mehr so schwer nach unten zog. Das war kein großer Zauber. Doch als Kaelor erneut anhob, kam die Achse ohne seitliches Reißen aus dem Boden.
Lyra kniete sich zur Frau.
„Jetzt langsam zu mir. Ich halte das Knie.“ Ihre Stimme blieb so ruhig, dass Arion sie deutlicher hörte als das Kampfgeschrei auf der Straße. „Gut. Noch ein Stück. Ihr müsst nicht darauf treten, wir tragen Euch.“
Der Mann half ihr. Das Bein kam frei. Kaelor hielt den Wagen, bis Dargan den Balken daruntergeschoben hatte, dann ließ er ihn vorsichtig darauf sinken. Holz knarrte, Erde bröckelte. Die Frau lag im Gras, das Gesicht schweißnass, und Lyra hatte bereits die Hand auf ihre Verletzung gelegt.
Arion hörte Seraya rufen.
Er drehte sich um und sah das kleinere Wesen aus dem Durchlass schießen.
Es war unter der Hecke entlanggekrochen. Sein Körper lag flach über dem Boden, die Vorderglieder waren lang genug, dass es sie beim Laufen seitlich abwinkeln musste. Unter dem zahnlosen Oberkiefer öffnete sich ein zweites, kleineres Maul. Arion sah es nur einen Augenblick lang. Dann war es schon an den ersten Getreidesäcken vorbei und lief auf Lyra zu.
Er trat vor sie.
Diesmal hielt er die Kraft fest, statt sie hinauszustoßen. Der Schutz entstand schräg vor ihm, kaum sichtbar, bis der Angreifer dagegenprallte. Ein heller Schimmer lief über die Fläche. Arion spürte den Aufschlag in beiden Armen und verlagerte das Gewicht, ohne den Zauber abreißen zu lassen.
Das Wesen wand sich. Seine Krallen fuhren über den Schutz, suchten einen Rand und fanden ihn. Es drehte den Kopf, als wolle es an Arions Seite vorbeistoßen.
„Bleib hinter mir“, sagte er zu Lyra.
„Die Frau kann noch nicht laufen.“
„Dann bleiben wir hier.“
Er hörte, wie sie die Verletzte beruhigte. Ihre Hand berührte kurz seinen Rücken. Der Schutz hielt. Zum ersten Mal seit dem Lichkampf musste er nicht entscheiden, welchen Teil seines Körpers er für die nächste Bewegung schonte. Er atmete ruhig weiter und ließ die Kraft dort bleiben, wo sie gebraucht wurde.
Serayas Pfeil traf das kleinere Wesen am Hinterlauf.
Es riss sich herum. Arion ließ den Schutz an einer Seite los, führte die freigewordene Kraft unter den Brustkorb des Angreifers und schleuderte ihn von der Böschung fort. Der Körper schlug auf die Straße. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, traf Kaelors Stab ihn hinter dem Kopf.
Der Schlag hielt ihn unten. Eine der Wachen setzte nach.
Arion sah nicht länger hin. Auf der anderen Seite hatte das größere Wesen Tharon bis an den Zaun gedrängt. Zwei Pfeile steckten in seiner Seite, die Speerwunde lief dunkel über den Oberschenkel, aber es bewegte sich noch immer mit einer Kraft, gegen die jeder einzelne Mensch zu leicht wirkte.
Arion rief Tharons Namen.
Der Hauptmann sah ihn, ging hinter dem Schild in die Knie und drehte sich seitlich weg.
Feuer traf die offene Flanke des Angreifers.
Arion hielt den Strahl eng. Er ließ ihn nicht in den trockenen Zaun springen, nicht über Tharons Schulter fahren, sondern führte ihn in die bereits offene Wunde. Das Wesen schrie. Es wandte sich gegen ihn, und für einen Augenblick sah er in den Augen etwas, das ihn erkannte und hasste.
Dann traf Serayas nächster Pfeil unter den gehobenen Arm.
Tharon kam hoch. Seine Klinge drang zwischen die Platten am Hals, und der Körper brach gegen den Zaun.
Arion beendete den Zauber.
Das Feuer erlosch. Rauch stieg auf. Er stand im Gras und hörte seinen eigenen Atem, die Stimmen hinter ihm und das viel zu laute Plätschern der Furt.
Seine Hände zitterten.
Sie waren trotzdem noch seine Hände.
• • •
Der Riss hing zwischen den Hecken.
Er war schmaler, als Arion ihn erwartet hatte. Von der Seite aus war er beinahe unsichtbar, nur eine unruhige Linie, die das Bild der dahinterliegenden Wiese versetzte. Als er einen Schritt weiterging, öffnete sich darin eine dunkle Tiefe, deren Entfernung sich nicht abschätzen ließ. An den Rändern bewegten sich feine helle Fäden, als würde etwas ständig neu zusammengefügt und im selben Augenblick wieder auseinandergezogen.
Er blieb weit genug entfernt, dass er seine Hand nicht nach ihm ausstrecken konnte.
Dargan untersuchte den Boden. Es gab keinen Metallrahmen, keine bearbeiteten Steine und keine sichtbare Leitung unter der Straße. Die Hufe der Pferde hatten dort gewöhnliche Spuren hinterlassen. Ein abgebrochener Zweig lag zur Hälfte im Gras und zur anderen in der Verzerrung, ohne dass Arion erkennen konnte, wo sein Ende geblieben war.
„Hier hat niemand etwas gebaut“, sagte Dargan. Er richtete sich auf und sah zu Arion. „Jedenfalls nichts, wofür ich einen Hammer gebraucht hätte.“
Lyra kam zu ihnen. Die Frau war auf eine Trage gelegt worden. Ihr Bein war behandelt, aber sie musste sich ausruhen und die Schürfwunden reinigen lassen, sobald sie in der Stadt waren. Lyra strich die feuchten Hände an einem Tuch ab und betrachtete den Riss.
„Er wird kleiner.“
Arion sah genauer hin. Sie hatte recht. Die helle Linie zog sich zusammen, langsam genug, dass er die Veränderung kaum bemerkte, solange er direkt daraufblickte. Als er einen Zaunpfahl dahinter als Maß nahm, konnte er es sehen.
„Könnt Ihr ihn schließen?“, fragte Tharon.
Arion ließ sich Zeit mit der Antwort. Er spürte seine Magie noch immer deutlich. Nach dem Kampf wäre es leicht gewesen, darin mehr Sicherheit zu finden, als sie ihm geben konnte.
„Ich kann versuchen, ihn zusammenzudrücken. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn damit schließe oder ob ich Kraft in etwas gebe, das gerade von selbst nachlässt.“ Er sah den Hauptmann an. „Ich möchte es nicht neben Euren Leuten herausfinden.“
Tharon nickte. Er schickte die Wachen mit den Geretteten zum Erdwall zurück und ließ den Weg auf beiden Seiten sperren. Seraya ging selbst zu den Menschen hinter der Weidenböschung. Als sie mit den beiden Kindern zurückkam, hielt das kleinere sie am Mantelsaum fest.
Eine Weile später war der Zweig wieder vollständig zu sehen.
Die Linie flackerte noch einmal auf. Dann lag zwischen den Hecken nur die Straße.
Arion wartete. Er hörte die Insekten im Gras und den Wind, der durch die Zweige strich. Erst als Lyra neben ihm die Schultern sinken ließ, begriff er, dass auch sie den Atem angehalten hatte.
„Es hat keinen Rahmen gebraucht“, sagte sie leise.
Er schüttelte den Kopf.
Hinter ihnen wurden die Trage und die verbliebenen Säcke auf die Pferde verteilt. Tharon ließ eine Wache beim gesperrten Weg zurück, eine zweite würde vom Tor aus dazukommen. Die Angreifer blieben unter Planen liegen, mit Steinen an den Rändern, damit der Wind sie nicht aufdeckte. Dargan wollte sie später im Beisein des Heilers untersuchen lassen.
Arion betrachtete die Stelle noch einmal, bevor sie aufbrachen.
Er hatte gewusst, dass die alte Kammer gefährlich war. Jetzt wusste er, wie wenig diese Gefahr an Mauern gebunden blieb.
• • •
Bei ihrer Rückkehr war das Westtor noch immer geöffnet.
Ein Ochsenkarren stand vor dem Wachhaus. Der Besitzer stritt mit einem Schreiber darüber, ob seine Waren nun noch vor Einbruch der Dunkelheit gewogen werden konnten. Das Gespräch brach ab, als die Trage durch das Tor kam. Der Mann nahm die Hand vom Kragen des Schreibers, trat zur Seite und fragte, ob jemand helfen müsse.
Tharon gab ihm eine Aufgabe. Er tat es so selbstverständlich, dass der Mann sofort nach den Zügeln seiner Tiere griff und den Karren aus dem Weg lenkte.
Seraya blieb bei den Geretteten. Erst als die Kinder mit dem Mann, der bei ihnen ausgeharrt hatte, in den Hof des Heilerhauses gingen, ließ sie sich selbst auf der Bank neben der Tür nieder. Sie legte den Bogen quer über die Knie und begann den Handschuh auszuziehen. Der Stoff klebte an der Wunde. Nach einem vergeblichen Versuch hielt sie still und starrte darauf, als wäre das die erste Schwierigkeit dieses Tages, für die ihr keine brauchbare Lösung einfiel.
Elian kam heraus. Er kniete sich vor sie, stellte eine Schale warmes Wasser auf die Stufe und nahm ihre Hand, bevor sie einen weiteren Versuch machen konnte.
„Weicht es erst auf“, sagte er. „Der Stoff läuft Euch nicht davon.“
Seraya sah auf ihn hinunter. Ihre Lippen zuckten, aber als der Heiler den Ärmel vorsichtig zurückschlug, wurde ihr Gesicht blass.
„Wie geht es der Frau?“
„Sie schläft. Das Bein ist gut versorgt. Lyra hat Euch einen erheblichen Teil meiner Arbeit erspart.“ Er prüfte den Schnitt an Serayas Arm und hob dann den Blick. „Und jetzt seid Ihr an der Reihe.“
Sie lehnte sich endlich gegen die Wand.
Arion stand am Wasserbecken und wusch sich Ruß von den Fingern. Als er aufsah, bemerkte er Kaelor auf der anderen Seite des Hofs. Der Gargoyle half einem Elf, mehrere zusammengeschnürte Decken von einer Handkarre zu heben. Der Elf war schlank, trug einen verschlissenen Mantel und hatte offenbar den ganzen Tag Gegenstände von einem Ort zum anderen gebracht. Er zog ein Bündel zu sich heran, Kaelor nahm das schwerere und gemeinsam trugen sie beides unter das Vordach.
Elara kam aus dem Haus. Sie berührte den Elf beim Vorbeigehen am Rücken und fragte leise, ob er etwas gegessen habe. Er schüttelte den Kopf, worauf sie aus der Tasche ihrer Schürze ein Stück Brot zog und es ihm in die Hand drückte. Er sagte etwas, das Arion nicht verstand. Elara lächelte, müde und vertraut, bevor sie sich wieder den Decken zuwandte.
Kaelor hatte den Blick auf sein Bündel gesenkt.
Als Elara ihn bat, es im hinteren Zimmer abzulegen, hob er den Kopf und nickte. Er blieb auch danach noch, half ihrem Mann beim Abladen der letzten Sachen und hörte zu, als dieser erklärte, welche Wege zur Tuchhalle für die Handkarre zu schmal waren.
Lyra trat neben Arion. Sie folgte seinem Blick nur kurz, dann sah sie auf seine Hände.
„Du kannst aufhören. Das Schwarze ist aus dem Wasser inzwischen deutlicher herauszusehen als von deinen Fingern.“
Er zog die Hände aus der Schale. Sie reichte ihm ein Tuch. Eine Weile standen sie nebeneinander und hörten Seraya zu, die Elian noch einmal den Angriff beschrieb. Mit jedem Satz wurde ihre Stimme ruhiger.
„Sie ist geblieben“, sagte Arion leise.
Lyra sah zu ihr hinüber. „Sie hätte schon nach dem ersten Pfeil laufen können.“
„Das meine ich nicht.“ Er trocknete sorgfältig die Zwischenräume seiner Finger. „Sie war zurück auf dem Weg nach draußen, bevor jemand sie darum gebeten hatte.“
Lyra lehnte sich mit der Hüfte an den Beckenrand. „Vielleicht wusste sie, wie lange man an einer Böschung wartet, wenn man jemanden um Hilfe geschickt hat.“
Arion sah sie an. Er musste an Neral denken, an den hölzernen Vogel und an Kaelor, der Elara eben zum zweiten Mal erklären musste, wie ein Name aus der Tiefe ausgesprochen wurde. Sie waren in den vergangenen Tagen oft zusammen gewesen, aber erst jetzt begann er zu verstehen, wie viel davon bleiben konnte, auch wenn die unmittelbare Aufgabe erledigt war.
Tharon kam mit Dargan durch den Hof.
Der Hauptmann blieb bei Seraya stehen und fragte, wo er sie finden könne, falls die Wachen weitere Fragen zu den westlichen Wegen hätten. Sie zog den inzwischen gelösten Handschuh von der Hand und betrachtete die zerrissene Naht.
„Für die nächste Zeit hier, wenn Elian mir einen Platz für die Nacht lässt. Danach dort, wo Ihr jemanden braucht, der die Wege kennt.“ Sie hob den Blick. „Ich möchte nur, dass Eure Leute mir zuhören, bevor sie aufbrechen. Manche Abkürzung ist mit fünf Verwundeten keine mehr.“
Tharon nahm die Antwort ernst genug, um nicht sofort darauf zu erwidern. Dann sagte er: „Dann besprechen wir die Wege morgen gemeinsam.“
Noch vor dem Abend wurden die Patrouillen außerhalb der Mauern neu eingeteilt.
Arion blieb mit Eldrin über den Berichten sitzen, die Tharon aus dem Torhaus bringen ließ. Diesmal lagen keine jahrhundertealten Blätter zwischen ihnen. Die Tinte war frisch, manche Zeile unruhig geschrieben, und an einem Rand hatte ein Schreiber einen dunklen Fingerabdruck hinterlassen. Lyra las über Arions Schulter, stellte Fragen und ging dann zu Elian zurück, der ihre Hilfe bei einem weiteren Patienten brauchte.
Dargan bat darum, jede künftige Fundstelle genau einzeichnen zu lassen. Er wollte wissen, ob der Boden sich vor dem Öffnen verändert hatte und wie lange die Stelle danach warm blieb. Kaelor ergänzte die unterirdischen Wasserläufe auf der Karte. Tharon schickte weitere Männer zu den westlichen Höfen, diesmal mit leeren Tragen und der ausdrücklichen Anweisung, die Menschen zu informieren, bevor sie Tiere oder Vorräte zusammentrieben.
Arion schrieb an die Akademie.
Er berichtete von dem Rahmen unter der Stadt, von der Verbindung mit dem Namen Sosaria und von den Angreifern auf der westlichen Straße. Das Wort Dämonen stand zunächst nur in einer der Zeugenaussagen. Er betrachtete es lange, ehe er es selbst verwendete und genau beschrieb, was sie gesehen hatten. Dann bat er um Magier, die an den Toren helfen konnten, um Heiler für die geräumten Hallen und um eine gemeinsame Prüfung der alten Aufzeichnungen.
Den letzten Satz schrieb er ohne zu zögern.
Sie mussten herausfinden, wie sich ein solcher Riss schließen ließ, bevor der nächste an einem Ort entstand, an dem niemand die Menschen warnen konnte.
Als er die Feder ablegte, trat ein Bote in die Tür.
Er brachte eine Meldung von den Obstgärten östlich der Stadt. Zwei Arbeiter hatten dort am Nachmittag eine helle Spalte zwischen den Bäumen gesehen. Sie war wieder verschwunden, bevor die gerufene Wache eintraf. Ein Hund war nicht zurückgekommen.
Tharon nahm das Blatt entgegen. Niemand im Raum fragte, ob die Männer sich geirrt haben könnten.
Arion zog die Karte näher zu sich und setzte ein zweites Zeichen außerhalb der Mauern.
Seine Hand blieb dabei ruhig.
Kapitel XVI
Der Preis des Friedens
Als Arion am nächsten Morgen aus dem Haus des Heilers trat, hatte jemand den Hof bereits gewaschen.
In den Fugen zwischen den weißen Platten stand noch Wasser. Ein schmaler Streifen Sonnenlicht lag darauf und verlor sich unter dem Vordach, wo am Abend zuvor die Decken gestapelt gewesen waren. Jetzt hingen dort frische Tücher. Aus einem geöffneten Fenster drangen das Schaben eines Stuhls und Elaras Stimme, die jemanden daran erinnerte, dass eine geheilte Wunde noch kein versäumtes Abendessen ersetzte. Arion blieb auf der obersten Stufe stehen und atmete ein. Er tat es noch immer mit einer Aufmerksamkeit, die vor wenigen Tagen lächerlich gewesen wäre. Die Luft ging tief in seine Brust, ohne dass sich unter den Rippen etwas dagegen zusammenzog. Er konnte den Arm heben, den Mantel über die Schulter ziehen und sich nach dem Geräusch eines vorbeifahrenden Wagens umdrehen, ohne vorher überlegen zu müssen, welche Bewegung er seinem Körper zumuten wollte. Die Selbstverständlichkeit war zurückgekehrt. Noch traute er ihr nicht genug, um sie zu vergessen.
Tharon wartete am Wasserbecken. Er trug die gleiche schlichte Rüstung wie am Vortag, doch die beschädigte Schildkante war geglättet und der Riemen an seinem Unterarm ersetzt worden. Auf dem Beckenrand lag eine versiegelte Mappe. Der Hauptmann betrachtete die abtropfende Schnauze eines kleinen steinernen Tiers, dessen Gestalt unter den vielen Jahren des Wassers weich geworden war.
„Die Meldungen aus den Obstgärten?“, fragte Arion und kam die Stufen herunter.
Tharon hob den Blick. „Keine neue Spalte seit gestern. Die Arbeiter bleiben vorläufig von dem Teil der Pflanzung fern. Soraya ist bereits mit zwei meiner Leute unterwegs.“ Er atmete tief aus, ehe er fortfuhr: „Sie wollte den Weg sehen, bevor wir dort einen schweren Wagen hinschicken.“ Er nahm die Mappe an sich. „Euer Schreiben ist in der Akademie angekommen. Für die Beratung im Palast brauchen sie eine Abschrift der Karte und jemanden, der erklären kann, welche Stellen wir tatsächlich gesehen haben.“
Arion sah zum Tor des Hofes. Über den Dächern war die obere Hälfte des weißen Turms sichtbar, so weit entfernt, dass die dünnen Wolken dahinter sich schneller zu bewegen schienen als der Morgen darunter.
„Wann?“
„Zur zweiten Mittagsglocke. Vorher gehe ich in die geräumten Hallen. Die Bewohner sollen heute hören, was wir wissen, und nicht erst von einem Nachbarn erfahren, weshalb ihre Tür bewacht wird.“ Tharon betrachtete ihn einen Augenblick länger. „Wenn Ihr mitkommt, könnt Ihr mir unterwegs helfen, den Bericht von den Vermutungen zu trennen.“
Arion nickte. Er wollte noch einmal hinein, um Lyra Bescheid zu sagen, doch sie erschien bereits in der Tür. Ihr Haar war nur nachlässig zurückgebunden. Sie hielt eine Schale und einen sauberen Löffel in der Hand, als habe sie beides für einen Augenblick vergessen, als sie ihn sah.
„Elian lässt mich heute unter Aufsicht arbeiten“, sagte sie. In ihrem Lächeln lag noch immer jene vorsichtige Freude, die Arion gestern während der Heilung gesehen hatte. „Das heißt offenbar vor allem, dass ich ihm zuerst erklären muss, weshalb ich etwas tun möchte, bevor er mich tun lässt, was er ohnehin erwartet.“
„Eine entsetzliche Form des Unterrichts.“ Arion trat zu ihr. „Tharon nimmt mich mit zur Unterstadt und später zum Palast. Ich komme zurück, sobald wir dort fertig sind.“
Lyra musterte kurz die Rüstung des Hauptmanns, dann Arions leere Hände. Sie stellte die Schale auf die Fensterbank und zog seinen Mantelkragen gerade, obwohl daran nichts auszusetzen gewesen war.
„Dann hör ihm zu“, sagte sie. „Auch bei den Dingen, bei denen du glaubst, sie schon zu kennen.“
Er wollte erwidern, dass er durch diese Straßen lange genug gegangen sei. Stattdessen berührte er ihre Hand, ehe sie sie zurücknahm, und küsste sie kurz. Tharon wandte den Blick mit einer so deutlichen Sorgfalt dem Wasserbecken zu, dass Lyra lächeln musste.
Erst an der nächsten Straßenecke, als das Heilerhaus hinter ihnen verschwunden war, sprach der Hauptmann wieder.
„Sie hat recht.“
Arion sah ihn von der Seite an. „Ihr wisst noch gar nicht, was ich sagen wollte.“
„Ich kenne den Blick von Leuten, die eine Straße für verstanden halten, weil sie wissen, wohin sie führt.“ Tharon rückte die Mappe unter seinem Arm zurecht. „Ich habe ihn selbst lange genug gehabt.“
• • •
Der Zugang zur Unterstadt lag zwischen einer Werkstatt für Wagenachsen und einem schmalen Gebäude, in dessen offenem Erdgeschoss Körbe geflochten wurden.
Wer nicht wusste, wonach er suchte, konnte ihn für einen Liefergang halten. Zwei niedrige Mauern fassten eine abwärtsführende Rampe ein. Ihre Ränder waren vom Berühren glatt geworden, und unterhalb des ersten Bogens änderte sich das Geräusch ihrer Schritte. Das helle Klacken des Pflasters verlor seine Schärfe. Stimmen kamen ihnen entgegen, tiefer und länger im Nachhall, während sich der Geruch von frischem Holz mit kühlem Stein und dem Dampf einer fernen Küche mischte.
Arion war oft hinabgestiegen. Meistens hatte er dabei auf eine Zeichnung gesehen, einen Gedanken verfolgt oder sich beeilt, rechtzeitig an einem Ort zu sein, dessen Lage er erst an der nächsten Abzweigung erfragen musste. Heute sah er über die Köpfe der Entgegenkommenden hinweg und bemerkte, wie hoch der Gang bereits hinter dem unscheinbaren Eingang anstieg. Der äußere Bogen war kaum breit genug, dass zwei schwer beladene Leute nebeneinander hindurchkamen. Dahinter öffnete sich das Gewölbe bis weit über die Reichweite eines ausgestreckten Arms. Rippen aus dunklerem Gestein liefen über die Decke und verschwanden in den Wandflächen, die an manchen Stellen noch die Spuren der ursprünglichen Werkzeuge trugen. Eine Lampe hing dort, wo die Rampe in eine Treppe überging. Ihr Licht erreichte den Boden, aber nicht den höchsten Punkt des Bogens.
„Von oben hält man das für einen Keller“, sagte Arion.
Tharon wich einer Zwergin aus, die einen Korb voller Beschläge auf der Hüfte trug. „Von oben sieht man meistens nur, was oben gebraucht wird. Ein Eingang muss durch die Häuser passen. Die Leute dahinter brauchen mehr Platz.“
Ein Gargoyle kam ihnen entgegen. Arion trat beinahe zu spät zur Seite.
Er war größer als Kaelor, erheblich größer. Selbst mit angelegten Flügeln nahm sein Oberkörper so viel Raum ein, dass der daneben gehende Zwerg unter seinem Ellbogen hätte hindurchgehen können, ohne den Kopf zu senken. Die Muskeln an Hals und Schultern lagen breit unter hellgrauer Haut. Sie wirkte im Lampenschein beinahe wie ungeglätteter Stein, bis sich beim Drehen seines Kopfes feine Falten neben den Augen bildeten. Über den Schläfen setzten kräftige Hörner an, dunkel an den Spitzen, heller dort, wo sie aus der rauen Haut wuchsen. Ein kurzer Lederriemen hielt den Verschluss seiner Arbeitsweste zusammen.
Er trug einen Balken auf der Schulter, der für vier Menschen eine unhandliche Last gewesen wäre. Trotzdem verlangsamte er den Schritt, als hinter Tharon ein Kind aus einer Seitennische lief. Die breite Hand unter dem Holz blieb ruhig.
„Links“, sagte er zu dem Jungen.
Der blieb stehen, blickte hoch und drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Der Gargoyle wartete, bis auch dessen kleine Schwester nachgekommen war, dann ging er weiter. Einer der gefalteten Flügel strich mit einem trockenen Geräusch am Balken entlang.
Arion sah ihm nach.
„Wie groß ist er?“
„Knapp unter drei Metern, würde ich sagen. Für seine Leute gehört er damit zu den Größten.“ Tharon blieb vor der nächsten Biegung stehen, um einen Handkarren durchzulassen. „Die meisten sind über zwei Meter groß. Kaelor ist mit seinen zwei Metern und einer Handbreit eher einer, neben dem ich ein Gespräch noch führen kann, ohne hinterher einen steifen Nacken zu haben.“
Arion erinnerte sich daran, wie Kaelor in Elians Behandlungsraum zwischen Tisch und Regal gestanden hatte, den verletzten Arm dicht am Körper, damit wenigstens der unverletzte Flügel niemandem im Weg war. Unter dieser Decke wäre er nicht aufgefallen. Hier waren Türöffnungen breit genug für seine Schultern, Bankflächen tief genug für seinen Körper und Wandhaken so hoch gesetzt, dass ein Mensch die unteren benutzen musste.
Weiter unten begegneten ihnen zwei Gargoyles mit einer Trage. Der eine hatte dieselbe helle, beinahe silbrige Haut wie der Balkenträger. Die des anderen war dunkelgrau, an den Armen fast schwarz. Wo eine Lampe ihn von der Seite traf, wurden schmale hellere Linien entlang der Knöchel sichtbar. Er bemerkte Arions Blick, hob fragend eine Braue und sah dann wieder nach vorn, weil die Trage um eine Ecke musste.
„Dunklere Familien sind seltener“, sagte Tharon erst, als sie außer Hörweite waren. „Ebenso die wirklich Kleinen. Es gibt sie, und wer sich angewöhnt hat, beim Reden immer nach oben zu sehen, übersieht dann ausgerechnet die, denen er auf Augenhöhe begegnen könnte.“
Am Ende der Treppe öffnete sich die Unterstadt. Arion blieb stehen, nicht weil er den Ort zum ersten Mal sah, sondern weil er ihn zum ersten Mal ohne Eile in seiner ganzen Tiefe wahrnahm. Gassen gingen von einer langen Halle ab, verloren sich hinter Pfeilern und tauchten auf einer erhöhten Galerie wieder auf. Zwischen zwei Stützen hing frisch gewaschene Kleidung. Ein offener Wasserlauf zog sich unter einem Gitter hindurch, dessen Streben so weit auseinanderlagen, dass man das dunkle Wasser sehen konnte. Auf der anderen Seite saßen drei Zwerge vor einer Werkstatt und stritten über die richtige Krümmung eines Werkzeuggriffs. Über allem lag Grau.
Es gab das kühle Grau der geschliffenen Pfeiler, das warme der von Händen berührten Türpfosten, den feinen hellen Staub auf einem noch nicht abgeschlossenen Mauerstück. Eisen dunkelte an den Geländern. Feuchtigkeit zog eine schmale Spur unter einer Wasserleitung entlang. Die Farben der Menschen und Gegenstände darin schienen stärker, gerade weil der Stein ihnen nichts entgegensetzte: ein rotes Tuch über einem Korb, grünes Gemüse in einer flachen Schütte, das stumpfe Gelb einer Kerze neben einer Schüssel mit Salz.
Die Gassen waren nicht alle breit. Manche liefen zwischen Hauswänden und altem Fels so eng hindurch, dass zwei Gargoyles aneinander vorbeimussten, indem einer die Flügel noch fester anlegte und der andere sich seitlich stellte. Doch über ihren Köpfen blieb Raum. Selbst dort, wo die Wände nahe zusammenrückten, stieg die Decke hoch genug an, dass die Körper darunter nicht gedrückt wirkten. Größere Durchgänge verbanden die Hallen, und an deren Kreuzungen konnten mehrere Wagen wenden.
Eine Unterstadt aus niedrigen Löchern hätte für diese Bewohner keinen Sinn ergeben. Hier unten war eine zweite Stadt gewachsen, mit eigenen Abständen, eigenen Gewohnheiten und den Spuren vieler Generationen, die den Stein so lange bearbeitet hatten, bis er zu ihren Körpern passte.
„Manchmal sprechen die Leute oben von den engen Gängen“, sagte Arion. „Als lebten hier alle übereinander.“
Tharon strich mit dem Daumen über eine Kerbe im Geländer. „Die meisten meinen den Weg, den sie selbst hinuntergenommen haben. Danach gehen sie in die erste Werkstatt, holen ihre Bestellung und erzählen beim Abendessen, wie wenig Platz es unter Elesmera gibt.“ Er blickte zur Galerie hinauf. „Ein paar meiner Männer haben bei ihrem ersten Rundgang eine halbe Glocke gebraucht, um zu begreifen, dass der Schatten über ihnen noch ein Stockwerk war.“
Aus einer Seitengasse trat Kaelor.
Er sprach mit einer älteren Gargoylefrau, deren gefaltete Flügel an den unteren Kanten helle Narben trugen. In ihrer Hand lag ein kleiner Schlüssel. Sie hob ihn bei jedem ihrer Sätze ein wenig, als sei er der Beweis für etwas, das ihr Gegenüber noch nicht ausreichend gewürdigt hatte. „Heute?“, fragte sie.
Kaelor schüttelte den Kopf. „Die Stützen müssen vorher geprüft werden. Ich weiß, dass Ihr nur nach Euren Sachen sehen wollt, aber wenn wir jeden einzeln hineinlassen, bevor Dargan den Übergang freigegeben hat, habe ich hinterher mehr Leute unter der falschen Decke, als gestern überhaupt dort gewohnt haben.“
„Mein Topf steht auf dem Herd“, maulte sie zurück.
„Das Feuer ist aus.“
„Meine Decken sind aber noch drin.“
Er sah sie an. Einen Moment lang wirkte er, als müsse er sich zwischen einer ausführlichen Erklärung und einer Antwort entscheiden, die ihr beiden Zeit ersparen würde.
„Nein“, sagte er schließlich.
Die Frau zog die Brauen zusammen. Dann sah sie Tharon, steckte den Schlüssel weg und wies mit dem Kinn auf Kaelor. „Wenn er ärgerlich wird, fehlen ihm die Wörter. Sonst hat er zu viele.“
„Ich werde nach Eurem Topf sehen lassen“, versprach Tharon. „Und nach der Decke. In dieser Reihenfolge kann ich es allerdings nicht versprechen.“
Sie betrachtete ihn prüfend. Schließlich nickte sie, mit jener widerwilligen Zustimmung, die mehr aus Erschöpfung als aus Überzeugung kam, und ging die Gasse hinunter. Kaelor wartete, bis sie um die Ecke war. Erst dann ließ er die Luft aus den Lungen und bewegte vorsichtig die geheilte Schulter. „Sie hat in dem Zimmer ihre Kinder großgezogen“, sagte er. „Und ihren Mann gepflegt. Wenn ich ihr noch einmal erkläre, dass wir nur das Beste für sie wollen, schlägt sie mich vermutlich mit dem Schlüssel.“
„Dann erklärt es ihr anders“, erwiderte Tharon. Er sagte es ohne Schärfe und betrachtete die provisorische Absperrung vor dem hinteren Gang. „Wir sind hier, um zuzuhören. Wie viele warten noch auf einen Platz?“
Kaelor zeigte auf die erhöhte Galerie. „Niemand muss draußen bleiben. Die oberen Wohnhallen haben aufgenommen, was sie konnten. Für sechs Familien sind Zimmer bei den Tuchmachern frei, bis wir wissen, wie lange es dauert. Zwei wollen lieber zu Verwandten. Ich habe die Namen aufgeschrieben.“ Er reichte Tharon ein Blatt. Beim Öffnen der Tasche blieb ein rauer Hautrand an einer eingerissenen Naht hängen. Kaelor zog die Hand zurück. Auf der Außenseite seines Fingers stand ein kleiner blauer Tropfen. Arion sah ihn an, bevor er sich dagegen entscheiden konnte.
Kaelor bemerkte es und hob die Hand ein wenig. „Ja. Es ist Blut.“
„Das weiß ich.“
„Ihr seht aus, als hättet Ihr für einen Augenblick etwas anderes erwartet.“ Kaelor wischte den Tropfen mit einem Tuch fort, das augenscheinlich schon häufig für diesen Zweck benutzt worden war. „Die Haut ist rau. Sie ist nicht aus Fels. Wenn man sie aufschneidet, bleibt sie nicht höflich geschlossen, bis jemand das richtige Werkzeug findet.“
Arion lächelte, doch die Bemerkung blieb bei ihm, als sie schon weitergingen. Kaelors Körper hatte unter der Wagenachse gewirkt wie etwas, auf das man eine gebrochene Last legen konnte. Dabei hatte auch er gestern eine geheilte Wunde gehabt. Auch er konnte erschöpfen, bluten und unter einem Gewicht zusammenbrechen, das zu groß wurde.
Hinter ihnen fragte Tharon nach den Wasservorräten der geräumten Wohnungen. Kaelor antwortete ausführlich, wies auf eine seitliche Treppe und erklärte, warum der kurze Weg für die Tragen ungeeignet gewesen war. Zwei Nachbarn ergänzten ihn. Ihre Sätze waren knapper, ihre Beschreibungen unmittelbar: welche Tür klemmte, welcher Absatz rutschig war, bei wem ein altes Knie auf den letzten Stufen versagte. Keiner von ihnen verwechselte wenige Wörter mit wenig Verstand.
Arion hörte zu. Zum ersten Mal an diesem Morgen musste er sich nicht daran erinnern.
• • •
Sie kehrten durch einen anderen Aufgang an die Oberfläche zurück. Kaelor blieb unten. Dargan würde ihn an der abgesperrten Halle treffen, und für den Weg zwischen der Werkstatt und den geräumten Wohnungen gab es noch immer mehr zu tragen, als sich durch eine Unterhaltung erledigen ließ. Als Tharon sich verabschiedete, legte der Gargoyle ihm kurz die Hand auf den Oberarm. Die Geste war vorsichtig, beinahe unauffällig. Arion bemerkte trotzdem, dass sie mehr bedeutete als ein Dank für freie Zimmer. Der neue Aufgang wand sich in langen, flachen Stufen um einen Belüftungsschacht. Von oben kam Luft herab, wärmer als die in den Hallen und erfüllt vom Geruch aufgebackenen Brots. Je höher sie stiegen, desto heller wurden die Wandflächen. Zuerst sah Arion nur einen matten Streifen auf dem gegenüberliegenden Stein, dann die Kante eines offenen Bogens, und schließlich musste er die Augen zusammenkneifen, weil der Vormittag ihm mit einer beinahe körperlichen Helligkeit entgegenkam.
Elesmera lag weiß vor ihnen.
Der Platz, auf den sie hinaustraten, stieg in breiten Terrassen gegen das Zentrum der Stadt an. Zwischen den einzelnen Ebenen standen niedrige Mauern, deren Oberflächen so fein bearbeitet waren, dass das Sonnenlicht über sie hinwegglitt. Wasser fiel aus flachen Schalen in längliche Becken. Dahinter gingen Straßen auseinander, weiß gepflastert, an ihren Rändern von schmalen dunkleren Linien gefasst, die den Verlauf der Rinnen markierten. Häuser erhoben sich in mehreren Geschossen, mit zurückgesetzten Balkonen und Laubengängen, unter denen Läden geöffnet waren. Das Weiß war nicht überall dasselbe. Arion sah nun den warmen Ton alter Fassaden, die kühleren neuen Platten vor einem Treppenhaus, den beinahe gelblichen Rand eines Brunnens, auf dem das Wasser seit Jahrzehnten Kalk hinterließ. Manche Wände trugen Ranken. Andere waren glatt bis auf den Schatten eines Fensterladens. Wo die Sonne direkt auf die Straße fiel, musste man den Blick senken, um die Einzelheiten der gegenüberliegenden Seite zu erkennen. Darüber stand der Palast.
Aus den unteren Gebäuden, den Höfen und verbundenen Hallen wuchs der große Turm im Zentrum Elesmeras empor. Er war so hoch, dass Arion ihn aus vielen Straßen nur in Teilen sah: ein Stück Schaft über einer Dachkante, eine Folge schmaler Fenster zwischen zwei Mauerzügen, die oberen Streben, die gegen den Himmel beinahe zu fein wirkten, um noch aus Stein zu bestehen. Von hier aus war er ganz zu sehen. Seine breiteren unteren Geschosse ruhten auf einer erhöhten Anlage; darüber verjüngte er sich in mehreren Absätzen, ohne an irgendeiner Stelle leicht oder zerbrechlich zu erscheinen.
An seiner Spitze leuchtete der Astral-Brilliant.
Azurblau stand er in der offenen Fassung zwischen den höchsten Streben. Das Licht verschwand auch dort nicht, wo die Sonne die weißen Flächen ringsum fast farblos machte. Es war tief genug, dass Arion unwillkürlich genauer hinsah, als könne man durch die äußeren Kanten bis in einen ferneren Himmel blicken. Wenn Wolken vorüberzogen, änderte sich der Glanz des Turms. Das Blau darüber blieb. Ein Wagen rumpelte hinter ihnen aus der Seitenstraße. Tharon führte Arion mit einer Handbewegung vom Ausgang fort, ohne ihn zu berühren.
„So sieht jemand aus, der lange nicht mehr hinaufgesehen hat.“
Arion nahm die Augen nur widerwillig von der Spitze. „In der Bibliothek ist er schlecht zu sehen.“
„Dort ist fast alles schlecht zu sehen, was nicht auf einem Tisch liegt.“ Der Hauptmann wartete, bis der Wagen vorbei war. „An diesem Platz stelle ich meine neuen Leute auf, bevor ich ihnen ihre Bezirke gebe. Sie sollen einmal begreifen, wie viel zwischen dem Tor und dem Turm liegt.“ Er deutete auf die nördlichen Dächer. Hinter einer Folge heller Kuppeln standen weitere Häuser, dahinter ansteigende Viertel, Brücken zwischen Gebäuden und die dunkleren Streifen bepflanzter Höfe. Arion kannte die Namen der Bezirke. Trotzdem konnte er von hier aus nicht sagen, welche der sichtbaren Straßen zu welcher gehörte. Zu viele Mauern, Dächer und Galerien schoben sich dazwischen. Erst weit hinten stand eine äußere Befestigung im Licht, und selbst diese markierte nur einen Teil des Randes. „Man kann sein Leben in einem Viertel verbringen und Elesmera trotzdem nicht kennen“, sagte Tharon. „Ein Bäcker im Norden hat manchmal weniger Anlass, zum südlichen Tor zu gehen, als ein Händler, der nur dreimal im Jahr hierherkommt. Wir halten die Wege offen. Das ist nicht dasselbe, wie sie alle selbst zu benutzen.“ Sie gingen eine breite Straße hinauf. Zwischen den Platten lag fast kein Schmutz. Vor einem Gemüseladen war ein Blatt zu Boden gefallen; eine Frau trat aus der Tür, hob es auf und legte es zu den übrigen in einen Korb. Weiter vorn schob ein Mann eine schmale Bürste an einer Rinne entlang, während seine Kollegin prüfte, ob das Wasser unter dem Gitter ungehindert ablief. Beide trugen das Zeichen des Ordnungsdienstes an der Schulter. Arion hatte dieses Zeichen schon unzählige Male gesehen. Auf einmal fiel ihm auf, wie selten er sich das Gesicht darunter gemerkt hatte. Der Mann stellte die Bürste ab, als Tharon bei ihm stehen blieb, und zeigte auf eine leicht abgesunkene Platte. Zwischen ihr und der nächsten hatte sich eine Kante gebildet, gerade hoch genug, dass jemand mit einem schweren Korb daran hängenbleiben konnte. Die Frau markierte sie mit Kreide. Dann berichtete sie von einem Geländer, das an der unteren Terrasse nachgab, und von einem Lieferanten, dessen Wagen regelmäßig den Zugang zu einem Wasserhaus verstellte. Tharon hörte zu, fragte nach dem Namen und schrieb ihn an den Rand eines Blatts. Niemand salutierte. Als sie weitergingen, nahm der Mann seine Bürste wieder auf, und die Frau ging in die Hocke, um die Fuge der lockeren Platte zu prüfen. „Ich hätte den Ordnungsdienst eher bei den Toren gesucht“, sagte Arion.
„Dort ist er auch. Er geht Kontrollgänge, meldet Schäden und hält uns manchen Streit vom Hals, bevor dafür ein Schwert am Gürtel nötig wird.“ Tharon blickte zur Kreidemarkierung zurück. „Dass hier wenig Dreck liegt, geschieht nicht von allein. Jemand sieht ihn, jemand räumt ihn weg, und jemand sorgt dafür, dass der Erste davon leben kann.“
Ein Kind sprang von einer niedrigen Mauer. Seine Mutter fing es am Ärmel auf und schimpfte, zunächst erschrocken, dann mit einer wachsenden Beredsamkeit, während der Junge betreten die Schuhe betrachtete. Zwei Elfen gingen daran vorbei. Einer von ihnen trug einen Strauß schmalblättriger Zweige, der andere einen Sack Mehl, dessen Gewicht seine sonst so aufrechte Haltung ein wenig zur Seite zog. Vor einer Schmiede unterhielt sich ein Ork mit einem menschlichen Fuhrmann. Er hatte die Hände in die Hüften gestützt und lachte, als der andere mit übertriebener Mühe die Höhe eines widerspenstigen Pferdes vormachte.
Es gab wenige Orks in Elesmera, doch niemand blieb stehen, um diesen anzusehen. Arion bemerkte hinter dem Fenster einer Schreiberstube ein pelzbesetztes Gesicht und zwei spitze Ohren, die sich kurz nach dem Geräusch des Wagens drehten. Ein Tiermensch, einer der wenigen, die hier dauerhaft lebten. Draußen vor der Stadt begegnete man ihren Clans häufiger als in den Straßen, in kleinen Siedlungen an Waldrändern oder auf den offeneren Höhen, wo sie ihre Häuser nach den eigenen Bedürfnissen bauten.
„Die meisten wollen unter sich bleiben“, sagte Tharon, als er Arions Blick folgte. „Sie kommen zum Handeln, für die Heiler oder um jemanden zu besuchen. Danach fahren sie wieder hinaus. Manche schicken ihre Kinder eine Zeit lang hierher. Manche bleiben. Es ist ihnen überlassen.“
„Und wenn jemand versucht, ihnen diese Entscheidung schwerzumachen?“
Der Hauptmann zog die Brauen zusammen. „Dann frage ich zuerst, wer versucht hat, wem etwas vorzuschreiben. Ein Clan ist kein einzelner Mensch, nur weil seine Ältesten zusammen reden. Ebenso wenig wie diese Stadt.“
Auf einer Treppe saßen zwei alte Frauen und schälten Wurzelgemüse in dieselbe Schüssel. Die eine hatte runde menschliche Ohren, die andere trug die silbernen Haare hinter schmale elfische Spitzen gestrichen. Sie schwiegen mit einer Vertrautheit, die Arion an lange gemeinsam verbrachte Nachmittage denken ließ. Erst als ein Mann mit einem zerbrochenen Krug vorbeikam, sahen beide gleichzeitig auf und begannen zu reden. Tharon lächelte kurz. „Wenn Ihr an ihnen vorbeikommt, nachdem Ihr Euch mit jemandem gestritten habt, wissen sie vor Euch, wer angefangen hat.“
Arion sah ihn an. „Das klingt nach Erfahrung.“
„Ich war auch einmal jung genug, um zu glauben, man könne in einer Stadt dieser Größe unbemerkt dumm sein.“ Sie gingen weiter. In einer geöffneten Tür stand ein junger Mensch, der einer Elfin einen Brief übergab. Seine Hand blieb einen Augenblick zu lange unter dem Umschlag, und als sie lächelte, vergaß er offenbar den Satz, den er sich vorgenommen hatte. Die Elfin nahm den Brief an sich, sagte etwas leise und zog die Tür nicht sofort zu.
„Das dürfte schwieriger werden als die Übergabe“, murmelte Tharon.
Arion musste unwillkürlich lächeln. Der Hauptmann sah es und ließ ihm Zeit, bevor er fortfuhr.
„Miteinander leben geht leichter, als miteinander alt werden zu wollen. Die Elfen wissen, wie viel von einem Menschenleben vergeht, während sie selbst sich kaum verändert fühlen. Manche lassen sich trotzdem darauf ein. Viele nicht. Bei den Zwergen kommen andere Gewohnheiten dazu, Familie, Nähe, die Art, einen gemeinsamen Haushalt überhaupt zu denken. Und die Gargoyles bleiben bei der Partnerwahl fast immer unter ihresgleichen.“ Er wich einem Korb aus, den jemand neben der Tür abgestellt hatte, und sah zu den hohen Fenstern darüber. „Menschen haben erstaunlich oft eine Schwäche für Elfen. Sie denken dann manchmal, der Rest müsse sich schon ergeben, wenn die Gefühle groß genug sind. Ich kenne einige, bei denen es so gekommen ist. Andere haben schmerzlich gelernt, dass Bewunderung noch nicht bedeutet, jemanden zu verstehen.“
Arion dachte an Kaelor im Hof, an Elaras Hand auf dem Rücken ihres Mannes und an den Blick, den der Gargoyle daraufhin gesenkt hatte. Er sagte nichts darüber. Es war nicht seine Geschichte, die er dem Hauptmann erzählen konnte. Stattdessen sah er über die Straße hinweg in einen Hof, dessen Mitte ein einzelner Baum füllte. Darunter saß ein Mann allein an einem gedeckten Tisch. Ein zweiter Becher stand ihm gegenüber. Niemand kam.
Die Stadt war voller Menschen. Trotzdem gab es in ihrer Weite Stellen, an denen man sich so allein fühlen konnte, als sei jedes beleuchtete Fenster Teil eines Lebens, zu dem man keinen Zugang fand. Arion kannte dieses Gefühl. Es hatte ihn manchmal nach einer langen Nacht in der Bibliothek eingeholt, wenn er durch belebte Straßen gegangen war und niemand seinen Namen ausgesprochen hatte.
„Man kann hier gut aufgehoben sein und trotzdem niemanden haben, der abends auf einen wartet“, sagte er. Tharon folgte seinem Blick. Er antwortete nicht sofort. Aus dem Hof kam das leise Kratzen eines Löffels über eine Schale. „Ja“, sagte er schließlich. „Wir können jemandem ein Zimmer geben. Eine Aufgabe, wenn er eine braucht. Wir können versuchen, ihn nicht durch jedes Netz fallen zu lassen, das andere um sich haben. Aber wir können niemanden dazu bestimmen, ihn zu vermissen.“ Er strich über den Rand seiner Mappe. „Ein paar Dinge lassen sich selbst hier nicht anordnen.“
• • •
Die Taverne lag an einer Straßenecke, an der zwei Lieferwege zusammentrafen. Durch die geöffneten Fenster zog der Duft einer warmen Mahlzeit. Jemand hatte frische Kräuter über den Eintopf gestreut; darunter lagen der schwere Geruch gekochter Wurzeln und eine Spur gebräunter Zwiebeln. Auf dem Sims kühlten runde Brote aus. Ein Mann am Nebentisch brach eines auf, und Dampf stieg zwischen seinen Händen hervor. Tharon nahm draußen Platz, wo er den Weg zum Palast sehen konnte. Die Wirtin brachte zwei Schalen und stellte einen Krug Wasser zwischen sie, ohne erst nach einer Bestellung zu fragen.
„Ihr seht aus, als hättet Ihr seit dem frühen Dienst nichts gegessen“, sagte sie zum Hauptmann. Dann musterte sie Arion. „Und Ihr seht aus, als wüsstet Ihr nicht mehr, ob das heute schon gewesen ist.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie kehrt.
„Sie kennt Euch“, stellte Tharon trocken fest, als sie wieder im Haus verschwunden war.
Arion zog einen Löffel zu sich. „Offenbar kennt sie eine bestimmte Art Gast.“
Das Essen kostete kaum fünfzig Kupferstücke. An der offenen Tür hing eine kleine Tafel; ein guter Humpen Bier stand mit zwölf Kupfern darunter. Arion betrachtete die Zahlen länger als nötig. Neben der Tafel hatte jemand mit Kreide eine Zimmerempfehlung angeschrieben: ein schlichtes Haus zwei Straßen weiter, saubere Betten, eine Feuerstelle, Gemeinschaftsbad, Frühstück und Abendessen für ein Silber die Nacht. „Die Familien aus den Hallen könnten dort wohnen“, sagte er nachdenklich.
„Einige tun es.“ Tharon brach sein Brot und legte die Hälfte neben die Schale. „Andere brauchen breitere Betten oder Türen, durch die sie mit ihren Sachen kommen. Dafür gibt es passende Häuser. Wer mehr Ruhe möchte, ein eigenes Bad oder eine Aussicht, für die man nicht aufstehen muss, zahlt entsprechend mehr. Aber vorläufig sollen die Leute vor allem irgendwo schlafen können, ohne sich vor der nächsten Rechnung zu fürchten.“
Arion zog ein Silberstück aus dem Beutel und drehte es zwischen den Fingern. Das Relief war an der höchsten Stelle glatt gerieben. Hundert Kupfer machten eines davon, hundert Silber ein Gold, und tausend Goldstücke wurden zu einem Eles gerechnet. Er hatte diese Folge als Kind gelernt, lange bevor er wusste, wie sich ein Haushalt aus vielen kleinen Ausgaben zusammensetzte. Jetzt lag die Münze in seiner Hand, und auf der Tafel daneben stand, dass sie für eine Nacht mit Essen, Wärme und einem sauberen Bett genügte. „Ich habe mich selten gefragt, wie wenig davon die Leute für das Nötigste ausgeben müssen“, sagte er, während er die abgenutzte Prägung mit dem Daumen nachfuhr.
Tharon sah ihn über den Rand seines Bechers hinweg an. „Und ich frage mich, wie oft Ihr Euer Essen kalt habt werden lassen, weil Ihr es genau in dem Augenblick verstehen wolltet, in dem jemand es Euch hingestellt hat.“
Arion legte die Münze weg und nahm den ersten Löffel. Der Eintopf war heiß genug, dass er warten musste, bevor er schlucken konnte. Tharon nahm ihm die kleine Niederlage mit einer Höflichkeit ab, die fast schlimmer war als ein Lachen. Am Nachbartisch sprach ein Hufschmied über eine Lieferung, die sich verspätete. Er hatte breite Hände, dunkle Ränder unter den Fingernägeln und eine saubere Jacke, auf deren Ärmel noch ein einzelner Faden hing. Sein Gegenüber trug das Zeichen des Ordnungsdienstes, das Arion eben auf der Straße gesehen hatte. Beide stritten darüber, wer in dieser Woche den größeren Grund hatte, sich ein zweites Bier zu bestellen.
„Der Schmied verdient ungefähr drei Eles in der Woche“, sagte Tharon leise, als die beiden sich für zwei weitere Humpen entschieden. „Der andere gut drei Eles und siebzig Gold. Dafür steht er bei Wetter draußen, bei dem der Erste längst das Werkstatttor geschlossen hat, und holt sich Beschwerden ab, wenn er eine Gasse für Arbeiten sperren muss.“
Arion blickte zu der Türtafel zurück. „Und die Wirtin?“
„Hat ein eigenes Haus, Angestellte, Vorräte und ein Schankzimmer, das auch dann gefüllt sein will, wenn sie selbst krank ist. Ihr Einkommen schwankt stärker, als diese Tafel vermuten lässt. Ihre Schwester führt den Haushalt bei einer vermögenden Familie im westlichen Viertel. Je nachdem, welche Verantwortung sie übernimmt, sind das zwischen zwei und fünf Eles die Woche.“ Tharon schob die leere Schale ein Stück von sich. Er sprach ohne den Stolz eines Mannes, der Arion eine Errungenschaft vorführen wollte. Es waren Zahlen, die zu den Menschen ringsum gehörten, so wie die Werkzeugspuren an den Händen des Schmieds.
„Die am schlechtesten bezahlten regelmäßigen Arbeiten bringen noch immer einen Eles in der Woche“, fuhr er fort. „Niemand sollte einen vollen Tag für diese Stadt arbeiten und danach überlegen müssen, ob er warm isst. Darauf können wir uns schlecht etwas einbilden, nachdem so viele vor uns dafür gesorgt haben, dass hier genug vorhanden ist.“
Arion sah an den Tischen vorbei zum Warenweg. Ein Wagen voller Mehl passierte die Ecke. Hinter ihm trug eine Frau frische Tücher in ein Haus. Ein Knecht führte zwei Pferde zum Schmied, und über einem gegenüberliegenden Balkon schüttelte jemand eine Decke aus, nachdem er sich vergewissert hatte, dass darunter niemand ging.
Das Leben war üppig, ohne dass seine Bewohner jeden Gegenstand zur Schau stellen mussten. Es steckte in einem zweiten Laib Brot, den man noch nicht angeschnitten hatte, in heißem Wasser, das verfügbar war, bevor jemand krank wurde, und in den offenen Türen, hinter denen ein müder Mensch nicht erst erklären musste, weshalb er keinen Platz zum Schlafen hatte. Arion kannte keine Ecke Elesmeras, an der sich Menschen dauerhaft unter Mänteln zusammenkauerten, weil niemand sie hereinließ. Wenn jemand auf einer Bank einschlief, kam früher oder später jemand, der fragte, ob er nach Hause gebracht werden müsse.
„Es wächst deshalb weiter“, sagte er. „Weil die Leute wissen, dass sie hier nicht allein gelassen werden.“
„Unter anderem.“ Tharon legte die Münzen auf den Tisch. „Aber das Mehl da draußen kommt nicht aus dem Pflaster, und kein Haus wird allein dadurch bewohnbar, dass wir sein Dach schön finden. Wir brauchen die Höfe, die Bergwerke und die Wege. Wir brauchen auch Menschen, die nicht hier leben wollen. Solange wir ihnen nur erklären, wie gut es ihnen innerhalb unserer Mauern ginge, helfen wir ihnen wenig.“
Während Arion den letzten Rest seines Brots durch die Schale zog, sah er noch einmal zum Nachbartisch hinüber. Drei Eles für eine Woche Arbeit. Er hatte den Betrag gehört, ohne ihn zunächst mit irgendetwas aus seinem eigenen Leben zu verbinden. Jetzt fiel ihm auf, dass er manchmal mehr bei sich trug, wenn er nur seine Räume im Palast verließ, um in die Bibliothek zu gehen. Der Zahlmeister hielt ihm jede Woche fünfzig Eles bereit.
Oft holte er sie nicht einmal ab. In seinem Beutel lagen gewöhnlich einige Goldstücke und fünf bis acht Eles, genug für alles, woran er unterwegs überhaupt dachte. Für Aufträge außerhalb der Mauern bekam er zusätzlich Spesengeld. Er brachte meistens einen beträchtlichen Teil davon zurück, worauf der Zahlmeister die Lippen zusammenpresste und die Münzen mit einer Sorgfalt zählte, als seien sie eine persönliche Kränkung.
„Du bist wirklich der Einzige, der mir regelmäßig Geld wieder hinlegt“, hatte er beim letzten Mal gesagt. „Du brauchst das nicht zurückzubringen, Arion. Es ist dir zugeteilt worden.“
Arion hatte gewartet, bis er mit dem Zählen fertig war. „Ich brauche es aber auch nicht auszugeben, nur damit es hinterher fehlt.“
Der Mann hatte den Kopf geschüttelt. Zum Schluss hatte er trotzdem gelächelt.
Hier, vor der kleinen Taverne, kam Arion der Unterschied zwischen ihnen deutlicher vor als damals am Tisch des Zahlmeisters. Die Versorgung Elesmeras bewahrte die Menschen vor Not. Seine eigene Stellung ging weit darüber hinaus. Seit seiner Kindheit hatte kaum jemand von ihm Geld verlangt, wenn er etwas brauchte. Essen, Kleidung, Räume zum Lernen, Werkzeuge, die andere erst bestellen mussten: Man hatte es ihm gegeben, häufig noch bevor er überhaupt darum gebeten hatte. Lange hatte er geglaubt, das bedeute vor allem, dass er niemandem zur Last falle.
Er betrachtete die Hand des Schmieds auf dem Nachbartisch. Zwischen zwei Fingern lag eine alte Brandnarbe. Arion musste nicht dessen Leben führen wollen, um zu begreifen, wie wenig er bisher darüber nachgedacht hatte, was die eigene Freiheit anderen abverlangte.
„Ihr habt aufgehört zu essen“, bemerkte Tharon.
Arion nahm den Löffel wieder auf. „Ich habe gerade verstanden, weshalb Ihr vorhin gefragt habt, ob ich die Straße überhaupt ansehe.“
Der Hauptmann lehnte sich zurück. Er drängte ihn nicht, den Gedanken sofort zu erklären.
Als Kind war Arion das Wunderkind gewesen. Später hatte man ihn einen jungen Weisen genannt, gelegentlich ein Genie, und immer hatte jemand bereitgestanden, aus einem gelungenen Versuch eine Erwartung für den nächsten zu machen. Er sollte lernen, die Kraft zu beherrschen, im Unterricht der anderen voraus sein, bei den Übungen mit Faust und Waffe nicht nachlassen und auch dann meditieren, wenn er lieber gelaufen wäre, bis seine Beine zu müde für weitere Aufgaben waren. Er hatte diese Erwartungen angenommen. Manchmal hatte er sie sogar gebraucht, um an sich selbst zu wachsen. Besser zu werden war eine Aufgabe, deren Ende er selbst noch ein Stück weiter fortschieben konnte, wenn ihm der erreichte Abstand nicht genügte. Andere Kinder wollten gewinnen. Arion hatte früh gelernt, einen Sieg noch während des Beifalls auf die Fehler darin zu prüfen. Nach seiner Abschlussprüfung an der Akademie waren selbst die hartnäckigsten Zweifler eine Zeit lang still gewesen. Fünf hochadlige Elfenmagier hatten ein gemeinsames Geflecht gegen ihn aufgebaut. Er hatte es zerbrochen, ohne ein Wort der Alten Sprache zu sprechen und ohne jene Erschöpfung zu zeigen, auf die die Beobachter gewartet hatten. Über den Versuch wurde noch gesprochen, als die Prüfer längst neue Schüler vor sich hatten.
Was daraus über ihn erzählt wurde, lag bald nicht mehr in seiner Hand. Aus ungewöhnlicher Begabung wurde in manchen Mündern ein Versprechen, das er angeblich schon gegeben hatte. Ein Held. Der Hüter Elesmeras. Einer hatte sogar begonnen, über eine künftige Nachfolge im Königshaus zu reden, als ließe sich eine Stadt einem begabten Jungen übergeben, sobald der groß genug war, auf dem Thron nicht mehr mit den Beinen zu schaukeln.
Andere hatten von Schaustellungen gesprochen, von bevorzugter Behandlung und Prüfungen, deren Ausgang vorher festgestanden habe. Auch daran erinnerte Arion sich. Neid klang selten so ehrlich, dass man ihm ohne Weiteres antworten konnte.
Tharon folgte seinem Blick zu der Münze neben der Schale. „Ein ungewöhnlich stiller Hexamon-Sieger“, sagte er. „Die meisten Eurer Bewunderer würden jetzt gern erfahren, worüber Ihr nachdenkt.“
Arion zog einen Mundwinkel hoch. „Sie wären vermutlich enttäuscht.“
„Dann würdet Ihr ihnen wenigstens eine neue Erfahrung ermöglichen.“ Der Hauptmann sah zur Straße hinaus. „Dreimal, wenn ich richtig zähle. Und in einem halben Jahr wollt Ihr wieder antreten?“
„Ja.“ Diesmal kam die Antwort ohne Zögern. „Solange jemand da ist, der mich schlagen könnte, möchte ich wissen, ob er es tut.“
Das Hexamon wurde alle vier Jahre in der Großen Arena von Elesmera ausgetragen. Es war das größte Zauberturnier, das die Stadt veranstaltete, und weit über ihre Mauern hinaus kamen Magier, um daran teilzunehmen oder wenigstens zu sehen, was die Besten vermochten. Im selben Turnierjahr fand dort das Turnier der Klingen statt. Für einige Wochen lebte die Stadt von Namen, Ergebnissen und den unerschütterlichen Behauptungen derer, die schon vorher gewusst haben wollten, wer am Ende siegen würde.
Arion hatte das Hexamon mit sechzehn zum ersten Mal gewonnen. Mit zwanzig hatte er den Titel verteidigt, mit vierundzwanzig erneut. Jetzt war er achtundzwanzig. Wieder waren vier Jahre vergangen, obwohl er beim Gedanken an die ersten Ränge der Arena noch immer den Jungen sah, der sich dort viel älter hatte vorkommen wollen, als er gewesen war.
Am Turnier der Klingen hatte er nur in jenem ersten Jahr teilgenommen. Er war bis ins Finale gekommen. Sein Gegner war neunzehn gewesen, drei Jahre älter, und hatte etwas besessen, das Arion damals erst im Verlieren wirklich begriffen hatte: die Geduld, eine gute Bewegung nicht schon deshalb auszuführen, weil man sie ausführen konnte. Am Ende war ihm das Schwert aus der Hand geschlagen worden. Für einen Augenblick hatte die andere Spitze ruhig unter seinem Kinn gestanden. Dann hatte sein Gegner gegrinst, erschöpft und erleichtert, und ihm die freie Hand hingehalten.
Arion hatte das Grinsen zwölf Jahre lang für spöttischer gehalten, als es vielleicht gewesen war.
Der Mann gewann seitdem jedes Turnier der Klingen. Inzwischen war er einunddreißig und galt als einer der mächtigsten Schwertkämpfer seiner Zeit. Er beherrschte auch etwas Magie, doch darin hätte Arion ihn schon damals deutlich übertroffen. Für das verlorene Finale hatte ihm das nichts genützt. Auf dem Ehrenrang hatte ein zehnjähriges Mädchen seinen Gegner angefeuert und Arion erinnerte sich an die Bewegung ihrer Hände, an die helle Stimme, die den Namen ihres Bruders gerufen hatte. Dass dieses Mädchen Lyra gewesen war, hatte er erst viel später mit dem Bild verbunden. Heute war sie zweiundzwanzig. Wenn sie von ihrem Bruder sprach, war der Sieger dieser Turniere so selbstverständlich Teil ihres Lebens, dass sie selten einzelne Gegner aufzählte. An den sechzehnjährigen Jungen, den er einmal im Finale geschlagen hatte, schien sie sich nicht zu erinnern. Seit dem Duell mit Leander dachte Arion häufiger daran.
Es wurmte ihn mehr, als er bereitwillig zugegeben hätte. Er wollte nicht bloß, dass sie wusste, wie gut er kämpfen konnte. Er wollte noch einmal dort stehen und herausfinden, was von der damaligen Niederlage blieb, wenn er sich nicht mehr hinter seiner Jugend verstecken konnte.
„Vielleicht melde ich mich auch für die Klingen an“, sagte er.
Tharon wandte ruckartig den Kopf. „Das würde jemanden freuen.“
Arion sah ihn fragend an, doch der Hauptmann nahm nur einen Schluck Wasser. „Ich nehme an, Ihr wisst selbst, wen.“
Er nickte langsam. Lyras Bruder war keiner, der einen schwachen Gegner brauchte, um sich für stark zu halten.
Eine Frau blieb vor der Taverne stehen, erkannte Arion und grüßte ihn mit einer Freundlichkeit, die beim Abschied noch einen Augenblick zu lange auf ihrem Gesicht blieb. Er erwiderte den Gruß, senkte den Blick und schob die Münze neben die übrigen.
Auch das gehörte zu seinem Leben. Familien sprachen von Verbindungen, wenn sie Töchter meinten, oder von Teilhaberschaften, wenn sie vor allem wollten, dass sein Name künftig neben ihrem stand. Wohlhabende Witwen fanden Gründe, ihm näherzukommen, und Menschen, die ihn kaum kannten, erzählten ihm mit großer Sicherheit, wie gut er zu jemandem passen würde. Er empfand die Aufmerksamkeiten meistens als Belastung. Gegenstände reizten ihn selten, Bücher und magische Konstrukte ausgenommen; dasselbe galt für Versprechungen über Besitz, den er weder selbst nutzen noch verwalten wollte. Bei Frauen hatte seine Abwehr einen älteren Grund.
Vor Lyra war Norelle der Mensch gewesen, nachdem er in einem Raum zuerst gesucht hatte. Sie war die Tochter der Obermagd des Königs und im selben Jahr geboren wie er. Als Kinder hatten sie die Wege im Palast benutzt, die Besucher nicht kannten, und sich dort versteckt, wo jemand mit einem Titel viel zu unbequem hätte nachsehen müssen. Norelles schwarzes Haar hatte schon damals selten einen unordentlichen Tag gehabt. Ihre eisblauen Augen waren dagegen nie so ruhig gewesen, wie die Bediensteten es gern gesehen hätten. Wenn sie Arion etwas übel nahm, formte sie mit ein paar Worten der Alten Sprache kleine Wasserkugeln und ließ sie genau dann gegen seinen Nacken platzen, wenn er glaubte, sie habe den Streit vergessen.
Später hatte sie kürzere Kleider getragen als die meisten anderen jungen Frauen im Palast. Sie mochte es, bemerkt zu werden, und noch mehr mochte sie es, nicht zuerst um Erlaubnis dafür zu bitten. Arion hatte gerade das an ihr geliebt. Sie schien einen Teil jener Freiheit zu besitzen, die man ihm ständig versprach, während man die nächste Stunde seines Tages verplante.
Zu ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte er sie zu einem Picknick außerhalb der Stadt mitgenommen. Er erinnerte sich an ein Tuch, das im Wind nicht liegenbleiben wollte, und daran, wie schlecht die Sätze geklungen hatten, die er sich vorher zurechtgelegt hatte. Als er schließlich aufgehört hatte, besonders klug sein zu wollen, hatte sie ihm zugehört. Danach hatte sie ihn geküsst. Vier Jahre waren sie zusammen gewesen.
Nach seinem frühen Abschluss hatten sie davon gesprochen, den Adelshof zu verlassen und sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Daraus war zunächst ein Aufschub geworden, dann eine Folge von Tagen, an denen Arion noch etwas hatte nachsehen müssen. Er hatte weitergeforscht. Norelle hatte gewartet, immer seltener ohne eine scharfe Bemerkung, und schließlich begonnen, selbst anders über die kommenden Jahre zu sprechen.
Am Hof hatte man ihre Verbindung freundlich genug belächelt, um sie beide spüren zu lassen, wie wenig man sie für endgültig hielt. Arion werde sich schon noch richtig binden, hieß es. Norelle hatte derweil die Arbeit ihrer Mutter gelernt, hatte Aufgaben übernommen und Menschen kennengelernt, die Zeit für sie fanden, während er sich einredete, dass sie seine Abwesenheit verstand. Als sie ging, erklärte sie wenig. Die Hochzeit mit dem vierten Sohn des Königs kam für Arion so plötzlich, dass er zuerst nach einer Nachricht suchte, die er übersehen haben musste. Es gab keine. Es gab nur eine Entscheidung, die sie offenbar länger mit sich getragen hatte, als er hatte bemerken wollen. Er erwägte es dem Prinzen übel zu nehmen und ihm zum Duell zu fordern. Arions Stellung hätte es sogar dem Prinzen abgefordert anzunehmen. Aber dieses leere Gefühl, obwohl er es schon hundertmal in Gedanken durchlebt hatte, was er tun würde, wenn Noerelle einen anderen hätte, ließ ihn zögern. Ihn darüber nachdenken und schließlich zu dem Entschluss kommen, den beiden alles Glück der Welt zu wünschen.
Drei Monate später begegnete er ihr im Palast wieder.
Sie sah glücklich aus. Unter dem Kleid zeichnete sich bereits die Rundung ihres Bauchs ab. Arion hatte ihr auch hier einfach nur Glück gewünscht, weil jeder andere Satz ihren Anblick zu etwas gemacht hätte, das sie ihm schuldete. Danach war er in die Bibliothek gegangen und hatte bis zum Morgen kaum ein Wort von dem verstanden, was er las.
Seitdem hatte er Nähe meist vermieden. Gelegentliche Nächte im roten Viertel waren überschaubarer gewesen als eine Zukunft, die man gemeinsam hätte aussprechen müssen. Die Frauen dort gehörten zu den wohlhabendsten nichtadligen Frauen Elesmeras; eine besondere Nacht kostete mindestens einen Eles. Er hatte auch diesen Betrag bezahlt, ohne lange darüber nachzudenken. Heute kam ihm selbst diese Erinnerung wie ein weiterer Beweis dafür vor, wie wenig er gelernt hatte, Geld nach etwas anderem zu bemessen als danach, ob es ihm fehlte.
Dann war Lyra in sein Leben getreten, erst mit Fragen, denen er nicht ausweichen konnte, und später mit einer Hand, die an seiner blieb, obwohl sie seine Schwächen längst kannte. Er wusste nicht, ob sie begriff, wie sehr sie ihn damit veränderte.
Tharon wartete noch immer. Auf Arions Teller lag nur ein kleiner Rest Brot. Er aß ihn auf, legte den Löffel hin und stand auf. „Ihr wolltet mir noch einen Platz zeigen.“
Der Hauptmann nahm die Mappe. „Ja. Vor dem Palast gibt es einen, an dem die meisten lieber vorbeigehen.“
• • •
Der Platz des Urteils lag still, obwohl die Straßen um ihn herum belebt waren.
Eine niedrige Säulenreihe trennte ihn von den Häusern. Zwischen ihren Öffnungen konnte man hindurchsehen, bis zu der freien Fläche in der Mitte, wo der Stein heller wirkte als unter den Arkaden. Es gab keine erhöhte Bühne, keine Balken, an denen Seile befestigt wurden, und keine Rinne, deren Zweck jemand hätte erraten müssen. An den Rändern standen Bänke. Auf einer lag ein einzelnes Blatt, das der Wind dorthin getragen hatte und nun immer wieder gegen das hintere Bein schob.
In der Mitte waberte der Energiemantel.
Er war selbst im Tageslicht zu erkennen, eine aufrechte, schwach schimmernde Fläche, die einen geschlossenen Raum umgab. Man konnte die Pflasterlinien dahinter sehen, doch sie verschoben sich leicht, sobald der Blick an einer anderen Stelle hindurchging. Ein Teil des Himmels spiegelte sich darin und zerfloss über einer Kante, die nicht fest genug erschien, um eine Kante zu heißen.
Arion hatte den Platz gekannt, wie er die Türen des Kerkers unter dem Gerichtsgebäude kannte: als einen Ort, dessen Zweck ihm früh erklärt worden war und zu dem er selten einen Grund gehabt hatte, selbst zu gehen. Jetzt stand er neben Tharon unter der ersten Säule und sah auf den freien Stein innerhalb des Mantels.
Dort ruhte der Henkerskristall auf seiner Fassung. Er war kleiner, als die Entfernung zu den Bänken vermuten ließ. Eine dunkle Fläche lag zwischen seinen schmalen Seiten, ohne den hellen Widerschein des Astral-Brillanten weit über ihnen. Arion konnte nicht erkennen, ob das Licht darin verschwand oder ob der Stein es nur anders zurückgab. Er hatte kein Bedürfnis, näher heranzutreten.
„Auch heute bleibt er geschlossen“, sagte er.
Tharon stellte sich so neben ihn, dass sie beide den Platz überblicken konnten. „Der Mantel wird nie aufgehoben. Nicht nach einer Vollstreckung und nicht für die Reinigung. Die Berechtigten gehen hindurch. Alle anderen bleiben außerhalb.“
Arion sah auf den glatten Boden hinter dem Schimmer. Nichts deutete darauf hin, dass dort jemand gestorben war. Keine Beschädigung, kein zurückgelassener Gegenstand, kein Fleck, an dem sein Blick hätte hängenbleiben können. „Wer gilt als berechtigt?“
„Die Würdenträger, die das Verfahren verantworten, und die für dieses Urteil bestimmten Entscheidungsbringer. Sie betreten den Mantel gemeinsam mit dem Verurteilten. Niemand soll dort allein mit einem Menschen verschwinden und hinterher erklären dürfen, es sei alles rechtmäßig gewesen.“ Der Hauptmann strich langsam mit dem Daumen über den Rand seines Handschuhs. Hinter den Säulen rief ein Händler den Namen eines Kunden. Der alltägliche Laut wirkte hier unpassend, obwohl der Platz keine andere Welt war als die Straße, auf der eben noch zwei Männer über Bier gesprochen hatten. „Im letzten Monat waren es zwei“, sagte Tharon. „Meist sind es ein bis drei. Für eine Stadt dieser Größe ist das wenig. Für die, die hierherkommen müssen, ist diese Rechnung belanglos.“
„Und für die Zuschauer?“
Tharon sah zu den leeren Bänken. „Zeugen“, berichtigte er, ohne Arion anzusehen. „Die Leute kommen nicht, um sich zu freuen. Wer einen Grund sucht, den Tod eines Menschen zu feiern, hat den Sinn dieses Ortes nicht verstanden.“
Arion erinnerte sich an einen Morgen seiner Kindheit. Erwachsene waren schweigend durch eine Straße gegangen, die er sonst voller Rufe und Wagen kannte. Eine Frau hatte einen dunklen Mantel getragen, obwohl der Tag warm gewesen war. Er hatte gefragt, ob ein Fest stattfinde, und jemand hatte seine Hand fester genommen. An die Antwort erinnerte er sich nicht mehr. Nur daran, wie sorgfältig die Erwachsenen auf dem Rückweg darauf geachtet hatten, normal miteinander zu reden. „Ich bin nie bei einer Vollstreckung gewesen“, sagte er.
„Vielleicht müsst Ihr es auch nie.“ Der Hauptmann ließ den Blick noch einen Augenblick auf den Bänken ruhen. „Aber wenn Ihr zu einer Entscheidung gerufen werdet, dürft Ihr sie nicht anderen überlassen, nur weil Ihr lieber nicht wissen wollt, was dort geschehen ist.“
Arion wandte sich ihm zu. „Tausend Bürger.“
Tharon nickte. „Zufällig gerufen, für das einzelne Verfahren. Aus der Oberstadt und der Unterstadt. Niemand darf sich die passenden Stimmen zusammensuchen. Jeder Elesmeraner hat bei einem entsprechenden Aufruf die Pflicht, sich mit der Sache zu befassen und seine Entscheidung zu verkünden.“
„Eine ganze Stadt lässt sich nicht in diesen Platz setzen.“
„Deshalb werden tausend gerufen. Die Pflicht gilt für alle. Die konkrete Aufgabe trifft nicht jedes Mal dieselben.“ Er löste den Handschuh und schob ihn ein Stück von der Hand, als störe ihn die enge Naht am Gelenk. „Man fasst einen Beschuldigten und bringt ihn in Gewahrsam. Dann wird untersucht. Ein Name, den jemand mit genügend Zorn ausspricht, macht noch keinen Schuldigen. Für die Fälle, über die hier entschieden wird, müssen die Taten eindeutig bewiesen sein. Mord, Schändung, vorsätzliche Angriffe auf viele Menschen. Nicht ein gestohlenes Brot und kein Streit, bei dem jemand die Beherrschung verloren hat.“
Arion hörte Voss’ Namen beinahe schon zwischen ihnen, obwohl keiner ihn ausgesprochen hatte. Der Mann saß seit gestern im Gewahrsam. Was sie von ihm wussten, war viel und zugleich noch immer nicht genug, um jeden seiner Schritte zu erklären.
„Voss bekommt kein Urteil, bevor wir wissen, was er getan hat“, sagte Tharon, als habe er Arions Gedanken an dessen Gesicht abgelesen. „Auch nicht, wenn jemand draußen vor einer der bewachten Türen die Geduld verliert. Wir müssen beweisen, welchen Anteil er hatte. Nicht nur, dass wir ihn fürchten.“ Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Dann fragte Arion: „Und wenn die tausend sich gegen die Vollstreckung entscheiden?“
„Dann wird sie nicht vollzogen. Die Mehrheit muss zustimmen. Das geregelte Verfahren, die Feststellung der Schuld und die Verantwortung der Amtsträger verschwinden durch die Abstimmung nicht. Aber niemand hier darf aus eigenem Willen einen anderen zum Kristall führen. Auch der König nicht.“ Tharon zog den Handschuh wieder an. Diesmal achtete er auf die Naht, bis sie richtig saß. „Viele halten es für eine Erleichterung, dass so viele die Entscheidung tragen. Bei meiner ersten Berufung habe ich vor allem begriffen, dass man seine eigene Stimme trotzdem selbst abgeben muss. Tausend Menschen nehmen Euch nicht ab, zu wissen, wozu Ihr Ja sagt.“
Arion sah wieder zum Kristall.
„Es geht schnell“, sagte er leise.
„So wird es beschrieben.“ Tharon verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Bei unmittelbarer Berührung werden in der ersten Sekunde die Gedanken ausgelöscht. In der zweiten erlischt das Bewusstsein. In der fünften hört das Herz auf zu schlagen.“
Der Wind schob das Blatt unter der Bank hervor. Es drehte sich auf einer Spitze, glitt ein Stück weiter und blieb vor der untersten Stufe liegen.
„Die Heiler sagen, dass der Verurteilte dabei offenbar nichts mehr empfindet“, fuhr Tharon fort. „Die Körper zeigen kein Aufbäumen und keinen Kampf gegen den Schmerz. Das ist alles, was ich Euch aus eigener Beobachtung bestätigen kann. Was jemand in seinem letzten bewussten Augenblick denkt, werde ich nicht für ihn behaupten.“
Arion war froh, dass er es so sagte. Nicht weil der Vorgang dadurch weniger endgültig geworden wäre, sondern weil eine sorgfältige Antwort hier mehr Achtung enthielt als jede schnelle Versicherung. Nach dem Tod wurde der Leichnam durch Magie bis in seine kleinsten Bestandteile aufgelöst. Arion wusste, was das bedeutete; in den Schriften der Akademie standen Worte für die winzigen Teile, aus denen sich auch ein menschlicher Körper zusammensetzte. Hier blieb davon kein sichtbarer Rest. Keine Bahre verließ den Mantel. Niemand musste draußen etwas abwaschen, das ein Angehöriger hätte erkennen können.
Er betrachtete den hellen Stein. Dass die Fläche so sauber war wie jede andere in Elesmera, machte es ihm auf einmal schwerer, den Blick darauf zu halten.
„Wir bauen einen Ort ohne Qual“, sagte er nach einer Weile, „und trotzdem muss jemand den Menschen bis dorthin begleiten.“
Tharon nickte. Eine Falte neben seinem Mund vertiefte sich. „Darum kommen die Leute in Stille. Nicht weil ihnen nichts dazu einfällt.“
Ein Schreiber trat aus einer Tür hinter den Arkaden. Er trug mehrere Blätter, die er gegen den Wind an seine Brust drückte, und grüßte den Hauptmann mit einer kleinen Neigung des Kopfes. Tharon erwiderte den Gruß. Dann ging er mit Arion zwischen den Säulen hindurch zurück auf die Straße. Erst als der Mantel hinter einer Häuserfront verschwunden war, sprach Arion wieder. „Ich habe Elesmera immer für friedlich gehalten.“
„Das ist es.“ Tharon hielt den Schritt, auch als Arion sich ihm zuwandte. „Aber Frieden ist kein Beweis dafür, dass niemand mehr etwas Schreckliches tun kann. Er bedeutet, dass wir es bemerken, dass wir nicht wegsehen und dass hinterher nicht der am lautesten Weinende oder der mit den meisten Bewaffneten bestimmt, was recht ist.“
Am Ende der Straße trat eine Frau aus einem Laden und zog einen kleinen Jungen hinter sich her, der sich mit allen Kräften dagegen wehrte, nach Hause zu gehen. Er wollte zu dem Brunnen, sagte er. Nur noch einmal. Seine Stimme überschlug sich vor der Ungerechtigkeit eines Vormittags, an dem man ausgerechnet jetzt fortmusste. Tharon trat zur Seite und ließ sie vorbei. Arion sah dem Kind nach, bis es sich halb hatte ziehen, halb hatte überreden lassen. Dann gingen sie weiter zum Palast.
• • •
Je näher sie dem Zentrum kamen, desto weiter wurden die Straßen. Das lag nicht daran, dass hier weniger Menschen lebten. Sie verteilten sich anders. Zwischen den Gebäuden öffneten sich Plätze, auf denen Bäume Schatten auf den hellen Stein warfen. Über Treppen erreichte man Terrassen mit langen Bänken. An einer Wand lief Wasser aus mehreren kleinen Öffnungen in ein gemeinsames Becken; Arbeiter füllten dort ihre Krüge, während ein Schreiber auf der Mauer saß und sich das Mittagessen neben die Schreibmappe gelegt hatte. Vor einem der Wasserhäuser warteten Patienten.
Eine Zwergin hielt den Fuß auf einer niedrigen Bank, ein menschlicher Junge lehnte schlafend an der Schulter seiner Schwester. Neben ihnen stand ein Gargoyle unter dem höheren Teil des Vordachs und hatte die Hände so ineinandergelegt, dass seine langen Finger zwischen den Knöcheln verschwanden. Als eine Heilerin erschien, wollte die Zwergin aufstehen. Die Frau hielt sie mit einer Geste davon ab und ging zu ihr hinüber.
Arion sah der kurzen Untersuchung zu. Die Heilerin stellte Fragen, tastete den Knöchel ab und legte dann beide Hände darum. Keine Dienerin prüfte zuvor ein Wappen, kein Schreiber fragte nach der Familie. An der Tür hing eine kleine Gebührentafel. Die Beträge für gewöhnliche Behandlungen waren so niedrig, dass Arion zunächst dachte, er habe eine Zeile übersehen.
„Elian führt ein eigenes Haus“, sagte Tharon. „Andere arbeiten hier oder werden aus den Vierteln gerufen. Wer die Kosten nicht aufbringen kann, wird trotzdem behandelt. Man lässt niemanden an etwas sterben, das sich beheben lässt, weil sein Beutel gerade leer ist.“
Der Junge öffnete die Augen, als seine Schwester ihm eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Er murmelte etwas, das sie zum Lächeln brachte, und legte den Kopf wieder gegen sie.
„Gegen fast alles lässt sich etwas tun“, sagte Arion.
Tharon betrachtete einen alten Mann, der am Rand des Platzes langsam an einem Stock ging. Sein Begleiter passte jeden Schritt an dessen Tempo an.
„Nur nicht dagegen, dass wir irgendwann alt genug sind, um auch nach einer gelungenen Heilung nicht mehr jung zu werden.“ Er sah zu Arion zurück. „Die besten unter Euch können ein langes Leben leichter machen. Sie können nicht aus jedem Leben ein endloses machen.“
Arion dachte an die Müdigkeit in Eldrins Händen, wenn der Bibliothekar spät am Abend die letzten Bücher schloss. Er konnte sich den alten Mann kaum anders vorstellen als mit einer Lampe und einer Bemerkung, die jedes zu feierliche Wort wieder auf seine richtige Größe brachte. Dass auch dieses Bild vergänglich war, gehörte zu den Erkenntnissen, die er kannte und doch lieber zwischen anderen Dingen liegenließ.
Auf der nächsten Terrasse fand eine Eheschließung statt. Es war eine kleine Gesellschaft. Einige Angehörige standen im Schatten, und ein Mädchen hielt Blumen so fest, dass die Stängel sich unter ihren Fingern bogen. Das Paar war menschlich, beide nicht mehr ganz jung. Die Frau trug ein helles Kleid ohne Schleppe. Der Mann hatte sich offenbar erst kurz zuvor entschlossen, die Handschuhe auszuziehen; einer steckte noch halb aus seiner Tasche. Arion und Tharon verlangsamten unwillkürlich den Schritt, als die Stimme der Frau über den Platz kam.
Sie schwor auf sich selbst und auf den Menschen vor ihr. Auf die Zeit, die ihr gegeben war, auf ihre eigene Vergänglichkeit und auf die Zukunft, die sie miteinander verbringen wollten. Ihre Stimme wurde leiser, als sie davon sprach, in schweren Tagen zu bleiben. Der Mann hielt ihre Hände und sah ihr mit einer Aufmerksamkeit ins Gesicht, die jede andere Bewegung um ihn herum belanglos werden ließ.
Es wurde kein Gott angerufen.
Arion hatte das nie vermisst. Niemand, den er kannte, hatte ihm je erklärt, sein Wort werde erst durch ein unsichtbares Wesen verbindlich. Man gab es dem anderen. Man stand mit dem eigenen Namen dafür ein, weil das eigene Leben und das des Partners nicht wiederholbar waren.
Tharon wartete, bis der Mann geantwortet hatte. Erst als die Verwandten nähertraten und das Mädchen erleichtert die Blumen ausstreckte, gingen sie weiter.
„Ihr habt gelächelt“, bemerkte der Hauptmann.
Arion spürte, wie sein Gesicht warm wurde. „Das kommt vor.“
„Seit einiger Zeit offenbar häufiger.“ Tharon sah mit betonter Aufmerksamkeit auf die nächsten Stufen. „Ich hatte nur befürchtet, Euch sei etwas an der Zeremonie aufgefallen, dass Ihr vor dem ersten gemeinsamen Abend noch mit der Akademie erörtern wolltet.“
Arion lachte. Es überraschte ihn selbst, wie leicht es ging. Über einer entfernten Dachkante stand eine kleine verwitterte Steinfigur, die vermutlich älter war als das Haus darunter. Jemand hatte ihr einen fehlenden Arm durch eine eiserne Stütze ersetzt. Arion kannte solche Überreste. Man nannte sie gelegentlich nach den alten Göttern, ebenso wie man deren Namen aussprach, wenn ein Topf fiel oder eine unerwartete Rechnung kam. Für die meisten waren es Redewendungen und Geschichten, keine Wesen, nach deren Willen sie ihren Tag einrichteten.
Es gab noch kleine Kreise, die sich den alten Namen verschrieben. Sie trafen sich untereinander, bewahrten Bräuche und schrieben Dingen Bedeutungen zu, die andere nicht darin sahen. Doch niemand musste in Elesmera einem solchen Kreis beitreten, um Trost, Hilfe oder einen Platz im Leben zu finden. Die Stadt bot wenig Boden für jemanden, der zuerst Verzweiflung brauchte, um daraus Gefolgschaft zu gewinnen.
Die Heiler waren da. Die Häuser standen offen. Wer ein Unrecht erlitten hatte, konnte es vorbringen, ohne zuvor erklären zu müssen, welcher Macht er vertraute. Arion sah das Brautpaar nun nur noch aus der Entfernung. Die Frau hatte den Kopf gegen die Schulter ihres Mannes gelehnt, während beide einer älteren Verwandten zuhörten. Mehr als ihr eigenes Versprechen schien ihnen für diesen Augenblick nicht zu fehlen.
• • •
Am Fuß des Palastes standen die Tore offen.
Die Wachen prüften Tharons Mappe, erkannten das Siegel und ließen sie in den äußeren Hof. Menschen gingen zwischen den Hallen hin und her. Einige trugen aufwendige Gewänder, andere Arbeitskleidung, die für den Termin sorgfältig gereinigt worden war. Ein Zwerg mit einem Messstab unter dem Arm sprach auf einen Elf ein, der sich den Saum seines Mantels hochgenommen hatte, um auf den Stufen nicht daraufzutreten. Zwei Frauen warteten bei einer Tafel mit den angesetzten Beratungen.
Von innen wirkte der Turm noch größer. Arion konnte seine obere Spitze nicht mehr sehen, ohne sich weit zurückzulehnen. Stattdessen nahm er die unteren Flächen wahr: die Tiefe der Fenster, die weiten Bögen, die schwere Ordnung der Mauern. Darüber lebte die Königsfamilie. Nicht irgendwo hinter dem fernen Horizont der Stadt, sondern über Räumen, in denen täglich Anliegen vorgetragen, Aufgaben vergeben und Entscheidungen bestritten wurden.
Tharon führte ihn in einen Seitengang. An dessen Ende war eine Tür geöffnet, durch die man einen Teil des Beratungssaals sehen konnte. Stimmen drangen heraus. Jemand sprach von einer Brücke, die vor der nächsten größeren Lieferung verstärkt werden musste. Ein anderer widersprach der vorgeschlagenen Sperrung, weil dadurch drei Dörfer einen erheblichen Umweg für ihre Wagen hätten. Arion blieb kurz stehen. Es war ein merkwürdig gewöhnliches Gespräch für einen Ort, den er so oft nur als weißen Umriss über den Dächern gesehen hatte.
„Ich dachte, heute ginge es um die Risse.“
„Das wird es.“ Tharon deutete auf eine Bank unter dem Fenster. „Aber die Brücke fällt nicht später ein, weil wir inzwischen etwas Schlimmeres gefunden haben.“
Sie setzten sich. Von hier aus fiel der Blick über einen inneren Hof und durch die offene Seite einer Galerie auf die Dächer im Westen. Arion konnte das Tor nicht erkennen. Irgendwo dahinter waren die Wege, auf denen Soraya gerade ritt.
„Wer entscheidet, welche Sache zuerst gehört wird?“, fragte er.
„Der König lässt die dringenden Meldungen zusammenführen. Die zuständigen Würdenträger tragen vor, was in ihren Aufgabenbereich fällt. Der Senat widerspricht ihnen, wenn es nötig ist, und wenn sie gut arbeiten, manchmal schon, bevor sie sich endgültig festgelegt haben.“ Tharon legte die Mappe neben sich. „Hoher Adel, Älteste und Weise, dazu unabhängige Bürger, die aus dem Volk für die Beratungen beordert werden. Zufällig, damit nicht immer diejenigen am Tisch sitzen, die bereits wissen, wie man einen Platz daran behält.“
Ein Mann trat aus dem Saal. Er blieb stehen, um mit einem Schreiber zu sprechen, und Arion erkannte die schmale Narbe am Kinn. Er hatte ihn früher einmal an der Akademie gesehen, vor einer Reihe jüngerer Magier, denen er mit bemerkenswerter Geduld denselben fehlerhaften Ansatz zum dritten Mal erklärt hatte. Damals hatte Arion ihn für einen gewöhnlichen Lehrer gehalten.
„Ist er nicht …?“
Tharon folgte seinem Blick. „Einer der gewählten Würdenträger. Ja.“
Der Mann neigte sich zu dem Schreiber, weil dieser auf eine kleine Stelle des Blatts zeigte. Sein Ärmel rutschte dabei zurück. Eine Hand lag auf dem Papier, alt, kräftig und von schmalen Narben überzogen.
„Ich habe ihn eine ganze Vorlesung über einen zerbrochenen Lehrkristall halten hören“, sagte Arion. „Er hat keinen seiner Titel erwähnt.“
„Die hätten das Ding vermutlich auch nicht wieder zusammengesetzt.“ Tharon sah dem Mann nach. „Das ist Teil seiner Pflicht. Wer solche Fähigkeiten besitzt, soll sie nicht nur bei einer Wahl vorzeigen. Magier halten Vorlesungen an der Akademie. Alle fünf Jahre wählen sie einen Schüler, bilden ihn aus und stehen mit ihrem Namen dafür ein, wenn sie ihn anerkennen. Wer früher fertig wird, muss deshalb nicht so tun, als hätte er den Rest seines Lebens nichts mehr weiterzugeben.“
Arion dachte an die Verträge der Erwachten, an die Unterweisung, die einem neuen Magier nicht nur die eigenen Möglichkeiten, sondern auch die Verantwortung für einen späteren Adepten auferlegte. Er hatte die Ordnung bisher vor allem aus den Räumen gekannt, in denen gelehrt wurde. Hier hörte er dieselbe Pflicht als Teil des Ganzen.
„Und die anderen?“
Tharon legte beide Hände auf die Knie. „Die größten Ritter übernehmen den Schutz, den nicht jede Dorfwache allein leisten kann. Die kundigsten unter den Gelehrten beraten bei Entscheidungen, die mehr Wissen brauchen als einen entschlossenen Tonfall. Wer Bergwerke kennt, wird nicht nur zu Festen eingeladen, sondern zu einstürzenden Schächten. Der Adel wird hier gewählt, Arion. Große Taten verschaffen Ansehen. Sie verschaffen aber auch Leuten einen sehr guten Grund, Euch beim Wort zu nehmen.“
Aus dem Saal kam eine lautere Stimme, dann das kurze Scharren mehrerer Stühle. Der Hauptmann wartete, bis wieder gewöhnlich gesprochen wurde.
„Manche glauben, mit der Würde hätten sie den Gipfel erreicht. Meistens stellen sie rasch fest, dass man von dort aus weiter sehen kann, wie viel noch getan werden muss.“
Arion dachte an Lyras Elternhaus und an den Namen, auf dessen Gewicht ihr Vater sich so selbstverständlich verlassen hatte. Geld, Verbindungen und die Erwartungen einer Familie konnten auch in Elesmera über ein Leben hinausreichen. Eine Tochter versprach man jemandem, weil zwei wohlhabende Häuser ihren Besitz lieber zusammenhielten, als ihn irgendwann zu teilen. Dagegen half keine gerechte Wahl eines Würdenträgers von allein. Er begriff jetzt deutlicher, wie leicht man die Ordnung einer Stadt mit all den Wünschen verwechselte, die Menschen innerhalb ihrer eigenen Wände hegten.
Tharon bemerkte sein Schweigen, fragte aber nicht nach. Er nahm die Mappe wieder näher zu sich, und Arion kam auf das zurück, was der Hauptmann eben gesagt hatte.
„Das klingt, als hättet Ihr wenig Geduld mit ihnen.“
Tharon sah auf seine Hände und lächelte müde. „Ich habe viel mit ihnen zu tun. Das ist nicht ganz dasselbe. Die meisten nehmen ihre Aufgaben ernst. Wenn sie es nicht täten, würden wir beide heute anders durch diese Stadt gehen.“
Ein Bote kam den Gang entlang. An seinen Stiefeln klebte Erde, und der untere Rand seines Mantels war feucht. Der Schreiber am Saaleingang nahm ihm ein verschnürtes Blatt ab und schickte ihn zu einer Bank, wo bereits Wasser bereitstand. Tharon stand auf, sprach kurz mit beiden und kehrte dann zu Arion zurück.
„Ein Hof jenseits der südlichen Wege. Zwei Tiere gerissen, Spuren eines Werwolfs. Noch kein Angriff auf die Bewohner.“ Er setzte sich langsamer als zuvor. „Daneben haben wir eine Trollwanderung weiter im Norden, Ettins, die zu nahe an die Wagenwege kommen, und zwei Goblinsiedlungen, deren Bewohner offenbar beschlossen haben, dass die Vorräte anderer Leute ihnen zustehen.“
Arion betrachtete die Mappe neben ihm. Ihre eigenen Blätter lagen darin. Nicht einmal besonders viele. „Und jetzt auch Dämonen.“
Tharon nickte. Seine Stirn war angespannt, doch als ein junger Schreiber ihn fragte, ob er das Siegel der westlichen Meldung bestätigen könne, nahm er sich die Zeit, aufzustehen und es zu prüfen. Als er zurückkam, blieb er am Fenster stehen.
„Der König kann nicht überall selbst sein. Er muss Aufgaben vergeben, nach Fähigkeiten, Kenntnissen und dem, was jemand tatsächlich leisten kann. Er muss entscheiden, wo eine Verstärkung nötig ist und wo jemand nur lauter nach ihr verlangt. Er führt die großen Entscheidungen, debattiert mit dem Senat und trägt mit ihm dafür Sorge, dass aus diesem System nicht bloß eine Sammlung guter Absichten wird.“
Arion trat neben ihn. Unten überquerte eine Gruppe Kinder den Hof, geführt von einer Frau, die jedem zweiten die Hand reichen musste, weil ständig jemand etwas anderes ansehen wollte.
„Die Menschen draußen gehören also zu diesem Frieden, auch wenn sie nicht innerhalb der Mauern wohnen.“
„Sonst wäre es ein erstaunlich kleiner Frieden für eine so große Stadt.“ Tharon blickte über die Dächer. „Die Bauern auf ihren Höfen. Die Menschen in den Dörfern, die Tiermenschen in ihren Clans. Zwerge in Bergwerken und abgelegenen Heimen. Die wenigen, die bei den alten Gedenkstätten der Elfen bleiben, auch wenn der Weg dorthin kaum noch begangen wird. Sie alle haben Anspruch darauf, dass wir sie nicht mit den Kreaturen allein lassen, nur weil wir hier oben hinter gutem Stein sitzen.“
Arion erinnerte sich an die Frau unter dem Wagen und an ihren Mann, der ihr die Hand hingehalten hatte. Am Vortag war ihre Rettung eine einzelne Aufgabe gewesen, dringend und unmittelbar. Jetzt sah er, wie weit die Straßen reichten, auf denen jemand in dieselbe Lage geraten konnte. „Es werden mehr Überfälle“, sagte er schließlich in die kurze Stille hinein.
Tharon antwortete mit einem langsamen Nicken. „Die Monster machen die Wege schwerer. Manches kommt in Wellen. Manches verändert sich, und wir wissen noch nicht weshalb. Deshalb brauche ich die Beobachtungen, bevor jemand aus Angst die richtige Meldung für sich behält.“
Unter ihnen lachte eines der Kinder. Es hatte in dem flachen Becken am Rand des Hofes einen Fisch entdeckt. Die anderen drängten sich heran, und die Frau ging geduldig zurück, obwohl sie gerade alle über den Platz gebracht hatte. Arion sah ihnen lange zu.
Der Frieden Elesmeras wirkte von innen so vollständig, dass er beinahe verdächtig werden konnte. Wer nur durch die hellen Straßen ging, konnte glauben, Leid und Gewalt hätten irgendwann beschlossen, sich außerhalb der Mauern aufzuhalten. Doch heute hatte er gesehen, wie viele Hände daran arbeiteten, dass dieser Eindruck überhaupt entstehen konnte. Die Frau an der lockeren Platte. Kaelor vor den geräumten Zimmern. Die Heilerin unter dem Vordach. Tharon, dessen Nachrichten kein Ende nahmen, nur weil die Sonne über der Stadt schön stand. Es war kein Täuschungsbild. Das machte es für Arion auf einmal wesentlich kostbarer. Menschen hatten etwas geschaffen, das ihnen erlaubte, am Morgen an andere Dinge zu denken als an die nächste Gefahr. Sie konnten sich streiten, lieben, ein schlechtes Geschäft bedauern oder einem Kind zum fünften Mal erklären, weshalb es vom Brunnen fortmusste. Und wenn ein Problem entstand, war die erste Erwartung nicht, daran zugrunde zu gehen, sondern eine gerechte Lösung zu finden. Er wollte nicht, dass sie diese Erwartung verloren.
• • •
Die zweite Mittagsglocke hatte noch nicht geschlagen, als ein Diener sie in eine kleinere Wartehalle bat. Von dort führte eine breite Galerie zum inneren Teil des Palastes. Durch die offenen Bögen fiel blaues Licht auf den weißen Stein, so schwach, dass Arion es zunächst für den Widerschein des Himmels hielt. Dann trat er an eine der Säulen und sah nach oben. Zwischen den inneren Flächen des Turms stand der Astral-Brilliant.
Aus dieser Richtung war nur ein Teil seiner Fassung zu erkennen. Das genügte. Arion spürte etwas, ehe er sich eine Erklärung dafür zurechtlegen konnte: eine stille Nähe, als sei ein kaum wahrgenommenes Geräusch plötzlich deutlich geworden, weil alle anderen verstummt waren. Die Haut an seinen Handflächen wurde warm. Er hielt die Finger ruhig neben dem Körper. Der Stein trug seine Kraft in sich. Niemand hatte ihn für diesen Morgen entzündet. Kein Magier stand oben in der Spitze und gab ihm Atemzug um Atemzug, was er brauchte, um weiter zu leuchten. In den Beschreibungen der Akademie hieß seine Energie schier unerschöpflich, ein Vorrat, dessen Ende niemand erreicht hatte. Arion hatte diese Formulierung oft gelesen. Bisher war er dabei eher bei dem Wort Ende geblieben als bei dem, was der Stein beständig an seine Umgebung abgab. Jetzt nahm er diese feine Abgabe wahr.
Sie war nicht so kräftig, dass die Menschen neben ihm stehenblieben. Der Diener fragte Tharon nach einem Namen und wartete auf die Antwort, ohne auch nur einmal hinaufzusehen. Weiter hinten schob jemand einen Stuhl über den Boden. Arion spürte das Blau trotzdem, nicht als Farbe in seinen Augen, sondern als etwas, das sich seinem eigenen Zugang zur Kraft näherte, ohne ihn zu beanspruchen. Er hätte es berühren können und er Gedanke war so einfach, dass er ihn zunächst nicht als Gedanken erkannte. Er hatte nichts gesprochen und keinen Ansatz geformt. Trotzdem wusste er mit einer Sicherheit, die er lieber nicht vor dem Diener geprüft hätte, dass die Entfernung zwischen ihm und dieser Kraft anders beschaffen war, als die Entfernung zwischen seiner Hand und der hochliegenden Fassung. Arion ließ den Atem langsam ausströmen.
Tharon bemerkte es. Er trat neben ihn, wartete aber, bis der Diener sich entfernt hatte, ehe er etwas sagte.
„Ihr seht aus, als wäre der Turm eben näher gerückt.“
Arion schloss die Hand. Die Wärme darin blieb einen Augenblick länger, dann wurde sie Teil der gewöhnlichen Luft.
„Vielleicht habe ich ihn bisher nur aus der falschen Entfernung betrachtet.“
Tharon folgte seinem Blick. „Manche Magier kommen gern hierher. Einer hat mir einmal erklärt, dass sie etwas von seiner Kraft nutzen können, wenn sie den richtigen Zugang finden. Nicht viele, und nicht alle gleich gut.“ Er lehnte sich mit der Schulter an die Säule, ohne den Stein darüber aus den Augen zu lassen. „Ich habe ihn gefragt, ob er deshalb vor einer Beratung hier stand oder ob er die Kraft für die Beratung brauchte. Er fand die Frage weniger lustig, als ich gehofft hatte.“
Arion lächelte, aber seine Aufmerksamkeit blieb bei dem feinen Zug in der Umgebung. Er kannte Ähnliches von anderen Orten. Viel schwächer meistens, unruhiger, so leicht zu übersehen, wenn er sich auf das konzentrierte, was er selbst formen wollte. Er hatte es nie für etwas gehalten, über das er eigens mit jemandem sprechen musste. Die anderen mussten schließlich ebenfalls bemerken, was um sie herum vorhanden war.
Jetzt war er sich dessen nicht mehr sicher.
Er erinnerte sich an den Luftstoß an der Furt, an die schräg gehaltene Schutzfläche und an das Feuer, das er eng genug geführt hatte, um Tharon nicht zu treffen. Er wusste, wann er die Hand gehoben hatte. Er wusste auch, was er dabei nicht getan hatte. Arion senkte den Blick, ehe der Hauptmann die Veränderung in seinem Gesicht genauer lesen konnte.
„Ihr wolltet mir den Unterschied zwischen Bericht und Vermutung erklären“, sagte er. „Ich glaube, ich habe Euch bisher vor allem Fragen gestellt.“
„Dafür seid Ihr mitgekommen.“ Tharon richtete sich auf und zog die Mappe unter dem Arm hervor. „Und ich habe inzwischen zwei Stellen gefunden, an denen wir im Bericht behaupten, eine Leitung gehe unter einer Straße weiter, obwohl Dargan nur ihren Anfang gesehen hat. Die streichen wir, bevor uns jemand darauf ein ganzes Viertel räumen lässt.“
Sie setzten sich an den kleinen Tisch bei den Fenstern. Arion nahm die Feder, die dort bereitlag, und arbeitete die Kartenanmerkungen durch. Tharon erklärte, welche Wegmeldungen bestätigt waren, welche nur auf Zurufen beruhten und an welchen Stellen inzwischen Leute Wache hielten. Eine Zeit lang kehrten sie beide in jene genaue Arbeit zurück, die nichts dadurch gewann, dass man mit großen Worten über sie sprach. Dann blieb Arion bei seiner Bitte um weitere Magier stehen. Er hatte das Wort am Abend ohne Zögern geschrieben. Heute dachte er an den Ordnungsdienst, an die Arbeiter in den unteren Hallen und an die Heilerin, deren Gebühren kaum höher waren als eine gewöhnliche Mahlzeit. Alle brauchten Hilfe, wenn die Spalten wiederkehrten. Jeder zusätzliche fähige Mensch konnte einen Unterschied machen.
„Die Frau, deren Mann draußen die Handkarre schob“, begann er. „Sie hat die Laterne vor ihrem Haus mit den Fingern angezündet. Kein Werkzeug, kein Zunder. Und in der Taverne hat der Junge den Wasserkessel erwärmt, während die Wirtin die Schalen nahm.“
Tharon sah von der Karte auf. „Ja.“
Arion legte die Feder hin. „Wir sehen solche Dinge ständig. Kleine Fähigkeiten. Ein bisschen Wärme, eine Flamme, etwas, das sich leichter heben lässt. Nicht das Erwachen, bei dem jemand plötzlich zu viel Kraft durch sich zieht. Aber es ist trotzdem Magie.“
„Das müsst Ihr mir nicht erklären.“ Der Hauptmann betrachtete ihn jetzt aufmerksamer. „Worauf wollt Ihr hinaus?“
Arion strich mit der Fingerkuppe über die Stelle, an der er um Verstärkung gebeten hatte. Die Tinte des Vorabends war längst trocken. „Dass wir überall Menschen haben, die wenigstens einen Anfang finden. Und dass wir gleichzeitig jedes Mal zur Akademie schreiben, sobald wir etwas Größeres brauchen.“
Tharon schwieg. Von der Galerie kam ein Schritt, verlangsamte sich vor der Tür und ging weiter. Über dem Tisch blieb der helle Widerschein auf der Wand stehen.
„Nicht jeder kann so weit gelangen wie Ihr“, sagte der Hauptmann schließlich. „Das wisst Ihr besser als ich.“
„Ja. Aber nicht jeder muss es.“ Arion hob den Kopf. „Wenn wir jemanden brauchen, der ein Kind hinter einen Schutz bringt, muss er nicht zuerst lernen, einen Turm zu erschüttern. Wenn es nur um die Menge der Kraft ginge, würden wir mehr Zeit damit verbringen, bei den Leuten nachzusehen, die bereits etwas können.“ Er hielt inne. Es war keine fertige Behauptung. Nur eine Frage, an der seine Gedanken diesmal nicht vorbeikamen, indem er eine andere Schriftrolle öffnete.
Tharon schob die Karte beiseite. Seine Hand blieb darauf liegen, damit der Luftzug sie nicht vom Tisch nahm.
„Meine Leute können an einem Tor stehen und jemandem den Weg weisen“, sagte er langsam. „Sie können einen Verletzten tragen und, wenn sie lange genug geübt haben, einen Gegner aufhalten. Wenn einer von ihnen mehr von dem lernen will, was Ihr tut, bekommt er zuerst zu hören, dass er dafür Anleitung braucht. Das ist vernünftig. Ich habe gesehen, was geschieht, wenn jemand die eigene Kraft nicht einschätzen kann.“
Arion nickte dazu. Daran wollte er nicht zweifeln. Er dachte an Lyra über der Wasserschale und an Elians Geduld, bis ihre Hand nicht mehr vor dem eigenen Zauber zurückwich.
„Aber Anleitung ist nicht alles, was fehlt“, fuhr Tharon fort. Seine Stimme war leiser geworden. „Es gibt etwas, das man außerhalb der Akademie nicht einfach lernen kann, selbst wenn man bereit ist, jede freie Stunde dafür herzugeben.“
Arion sah ihn an. Auf einmal hörte er wieder die vertrauten Silben in der Bibliothek, seine eigene Stimme über einem kleinen Feuer. Er sah die Seiten, auf denen Schüler Wortfolgen wiederholten, bis ihre Bedeutung ebenso sicher saß wie ihre Aussprache. Die Zeichen, deren Abschriften nicht an gewöhnlichen Ständen lagen. Die Sätze, die er so lange mit dem Wirken selbst verbunden hatte, dass er selten gefragt hatte, wer überhaupt die Möglichkeit bekam, sie zu verstehen. Weit über ihnen leuchtete der Astral-Brilliant. Arion spürte noch immer den schwachen Hauch seiner Kraft, obwohl keine seiner Lippen sich bewegte.
Tharon wartete, bis er wieder zu ihm sah.
„Wir haben heute über die Dinge gesprochen, die Elesmera jedem zugänglich macht“, sagte der Hauptmann. „Ein Bett. Heilung. Eine Stimme bei einer Entscheidung, vor der selbst ein König nicht allein stehen darf. Wenn Ihr verstehen wollt, weshalb bei der Magie trotzdem immer derselbe Weg zur selben Tür führt, müsst Ihr Euch ansehen, was dahinter verwahrt wird.“
Er legte die Hand von der Karte auf den geschlossenen Rand der Mappe. Es war eine gewöhnliche Bewegung. Arion sah trotzdem, wie endgültig sie das Papier verdeckte.
Die Glocke begann derweil dröhnend zu schlagen.
„Das große Geheimnis der Akademie“, sagte Tharon. „Die Alte Sprache.“
Kapitel XVII
Was die Flucht hinterlässt
Vier Tage nach dem Rundgang mit Tharon standen zwölf leere Schalen auf Arions Lehrtisch.
Keine war kostbar. Er hatte sie in einer Küche der Akademie ausgeliehen, nachdem die dort arbeitende Frau ihm erklärt hatte, dass sie sie vor dem Abendessen zurückhaben wolle und ein amtliches Siegel daran nichts ändere. Nun lagen in elf Schalen trockene Bohnen. Die zwölfte war mit Wasser gefüllt. Arion schob sie so weit von der Tischkante fort, dass auch der nervöseste Schüler sie nicht mit dem Ärmel erreichen würde, und öffnete das Fenster.
Vom Übungshof kam das Klacken hölzerner Waffen. Darüber lag eine Stimme, die zum dritten Mal verlangte, vor dem Zuschlagen auch auf die eigenen Füße zu achten. Arion lächelte. Er kannte diese Anweisung aus einer Zeit, in der er geglaubt hatte, Füße seien vor allem dazu da, ihn schnell genug an eine interessante Stelle zu tragen. Die Anfänger kamen zu früh. Einige waren kaum älter als sechzehn, andere erwachsen genug, dass ihnen die Unsicherheit darüber, wieder einen Platz hinter einem Lehrtisch einnehmen zu müssen, deutlicher anzusehen war als die Freude. Eine Frau hatte aufgesprungene Finger und den ersten Versuch gemacht, sie unter den Ärmeln zu verbergen. Neben ihr setzte sich ein junger Zwerg, dessen Stuhl trotz der daraufgelegten Kissen etwas zu niedrig blieb. Zwei Schüler flüsterten Arions Namen, bis er aufsah und ihnen einen guten Morgen wünschte. Danach wurde es unangenehm still.
Er kannte diese Stille. Man hatte sie um ihn herum schon hergestellt, als er selbst noch geglaubt hatte, große Antworten müssten auch groß klingen.
„Ich brauche nachher alle Schalen wieder“, sagte er und zog sich einen Stuhl heran. „Wenn jemand beschließt, seine besonders eindrucksvoll zu zerbrechen, erklärt er es der Küche selbst. Meine Fürsprache wird dort erfahrungsgemäß überschätzt.“
Der Zwerg lachte als Erster. Die Frau mit den rauen Händen nahm ihre Finger aus den Ärmeln.
Arion setzte sich so, dass er nicht über ihnen stand. „Wer von Euch kann bereits etwas, das er nicht mit den Händen allein tun könnte?“
Nach und nach hoben sich Arme. Ein junger Mann konnte eine Kerzenflamme neigen. Die Frau erwärmte Wasser, wenn sie sich lange genug darauf konzentrierte. Ein Mädchen brachte eine Feder zum Zittern, aber nur, wenn niemand zusah, was die Überprüfung seiner Aussage bisher erheblich erschwert hatte. Der Zwerg hatte einmal einen fallenden Stein aufgehalten und seitdem vergeblich versucht, es absichtlich zu wiederholen. Aber Arion hörte allen zu. Erst danach nahm er eine Bohne aus der Schale vor ihm und legte sie auf die Tischplatte.
„Die Magie beginnt nicht mit den Worten“, sagte er. „Sie beginnt damit, dass Ihr etwas wahrnehmt und einen Zugang dazu findet. Die Alte Sprache hilft Euch, diesem Zugang eine Richtung zu geben. Ein Wort kann eine Handlung so genau benennen, dass Ihr nicht gleichzeitig jede ihrer Einzelheiten im Kopf festhalten müsst. Das macht sie mächtig. Es macht sie aber nicht klüger als den, der sie ausspricht.“ Dann ließ er wortlos die Bohne einen Fingerbreit steigen und wieder fallen. Einige Schüler beugten sich vor. Einer sah auf seinen Mund und Arion bemerkte es sofort.
„Ja“, sagte er. „Ohne gesprochenes Wort. Ihr werdet von Menschen hören, die das können. Daraus solltet Ihr nicht schließen, dass Schweigen eine besonders fortgeschrittene Aussprache ist.“
Diesmal lachten mehrere. Er ließ ihnen den Augenblick, ehe er die Schale mit dem Wasser zu sich zog.
Die Sprache allein erschuf keine Kraft. Sie gab dem Willen eine Form, mit der er die vorhandene Kraft sicherer lenken konnte. Wer eine Form auswendig lernte, ohne zu begreifen, was er damit verlangte, konnte sich ebenso verletzen wie jemand, der ein schweres Werkzeug am falschen Ende packte. Und jeder Zauber forderte einen Aufwand, auch wenn der Zwang, ihn aufrechtzuerhalten, dem Zaubernden zunächst leichter erschien als die Einsicht, wann er aufhören musste.
„Wenn Ihr schwindelig werdet, sagt Ihr es. Wenn Eure Hände kalt werden oder Ihr eine Frage nicht mehr versteht, legt Ihr alles hin. Es ist keine Prüfung, wie viel Ihr ertragt. Ich möchte, dass Ihr morgen wieder lernen könnt.“
Er schrieb drei kurze Wörter an die Tafel. Nur drei, sorgfältig voneinander getrennt, mit Platz darunter für die Bedeutung. Die Blätter, auf denen die Schüler sie nachschrieben, würden im Lehrraum bleiben. Die Akademie hütete ihre umfangreicheren Sprachbestände streng; auch ein Lehrer durfte nicht einfach Abschriften vollständiger Lehrfolgen an jeden weitergeben, der ihn darum bat. Arion sah die Hand der Frau über dem Papier stehenbleiben und er dachte an Tharon und an die Frage, die er selbst viel zu lange für beantwortet gehalten hatte. Wer hier saß, durfte beginnen. Andere standen vor einer Tür, ehe sie überhaupt erfahren konnten, wie viel an ihrer Begabung lag und wie viel daran, dass niemand ihnen den nächsten Satz zeigte.
„Heute lernen wir nur eine Bewegung“, sagte er. „Aber ich will, dass jeder von Euch versteht, weshalb sie gelingt. Und wenn sie nicht gelingt, werden wir nicht so tun, als hätte das schon über alles entschieden, was Ihr eines Tages könnt.“
Er ging zwischen den Tischen hindurch, half dem Zwerg, den Stuhl höher zu stellen, und bat das Mädchen mit der Feder, ihre Versuche zunächst mit geschlossenen Augen zu beginnen. Die Frau brauchte am längsten. Sie presste die Lippen aufeinander, sobald ihre Bohne vom Tisch rollte, und entschuldigte sich jedes Mal, bis Arion eine zweite danebenlegte.
„Wofür?“, fragte er.
Sie sah zu ihm auf. „Ich halte die anderen auf.“
Er zog einen Stuhl neben ihren Tisch. „Dann haben die anderen Gelegenheit zu üben, während ich hier sitze. Ihr müsst Euch nicht beeilen, damit jemand anderes an Euch glauben kann.“
Als die Bohne schließlich schwankend über dem Holz hing, war die Frau so überrascht, dass sie nach ihr griff. Sie fing sie zwischen den Fingern, ehe sie herunterfiel, und begann zu lachen. Arion lachte mit ihr. Bei der Mittagsglocke standen noch immer alle zwölf Schalen heil auf dem Tisch.
• • •
Lyra wartete im Vorhof mit zwei gesattelten Pferden. Soraya prüfte die Befestigung ihrer Köcher, und Kaelor stand neben einem Packtier, das anfangs wenig Vertrauen zu seinen Flügeln gefasst hatte. Inzwischen fraß es das Heu aus seiner Hand mit einer Entschlossenheit, die jeden vorsichtigen Annäherungsversuch überflüssig machte. Tharon gab Arion die jüngste Karte. Zwei Tage nordwestlich der Stadt hatten Köhler einen Riss am Rand alter Ogerhöhlen gesehen. Seitdem waren Tiere verschwunden. Der betroffene Waldweg war gesperrt; eine Meldung von Verletzten lag noch nicht vor.
In den vergangenen Tagen hatten Magier der Akademie kleinere Spalten untersuchen können. Einige erloschen von selbst. Andere ließen sich schließen, wenn man ihre Ränder voneinander trennte und die Kraftzufuhr unterbrach, statt immer mehr eigene Energie hineinzudrücken. Die Anweisungen waren vorläufig. Arion hatte sie selbst mitgeschrieben und keine davon für ein Versprechen gehalten. „Wenn dort etwas anders ist als an den untersuchten Stellen, kommt Ihr zurück oder schickt einen Boten“, sagte Tharon. „Wir brauchen einen geschlossenen Durchgang. Keine Heldentat, von der hinterher niemand mehr erklären kann, was geschehen ist.“
Kaelor sah auf die Karte. „Wir sehen zuerst hin.“
„Das beruhigt mich wesentlich mehr, wenn Ihr dabei nicht bereits den Rucksack aufsetzt.“
Der Gargoyle nahm ihn wieder von der Schulter. Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke, dann schüttelte Tharon den Kopf und lächelte gegen seinen Willen. Lyra legte Arion einen schmalen Beutel in die Hand. Saubere Binden, ein kleines Messer, getrocknetes Obst. Sie hatte an Dinge gedacht, nach denen er erst im falschen Augenblick gesucht hätte. „Wie war die Gruppe?“
Arion band den Beutel am Sattel fest. „Eine Frau hat etwas geschafft, von dem sie vorher nicht sicher war, ob man sie überhaupt versuchen lassen sollte.“
Lyra strich mit dem Daumen über den Knoten. „Dann war es eine gute Stunde.“
Sie verließen in sanftem Schritt der Pferde Elesmera, während in der Stadt die Mittagsküchen geöffnet wurden. Auf den ersten Wegstunden begleiteten sie Wagen, Händler und ein Mann, der sein Schwein mit mehr Überredung als Erfolg davon überzeugte, auf der richtigen Straßenseite zu bleiben. Später wurden die Häuser seltener. Weiße Mauern verschwanden hinter Hügeln, der Turm blieb länger sichtbar und sank schließlich ebenfalls aus dem Blick.
Arion sah nur einmal zurück.
• • •
In der zweiten Nacht schliefen sie zwischen alten Buchen, deren Wurzeln breite Rippen über den Boden schoben. Soraya hatte den Lagerplatz ausgewählt. Er lag abseits des Weges, bot Wasser in geringer Entfernung und genug Sicht zwischen den Stämmen, dass niemand unbemerkt direkt an die Feuerstelle gelangen sollte. Kaelor spannte eine Leine für die Decken, Lyra bereitete den Kessel vor, und Arion teilte mit dem Messer einen zu harten Laib Brot, bis Soraya ihm wortlos ihr eigenes reichte. „Meins ist nicht besser“, sagte er.
„Aber Ihr seht aus, als wolltet Ihr Eures gleich mit Magie überzeugen.“ Sie nahm ihm die erste Hälfte ab und legte sie nahe genug ans Feuer, dass sie warm werden konnte. „Ein bisschen Geduld ist leichter zu tragen als noch ein Zauber.“ Lyra lächelte über den Rand ihres Bechers. Kaelor tat, als habe er nichts gehört. Später saßen sie länger zusammen, als die Arbeit am Lager erfordert hätte. Soraya erzählte von einer Brücke, deren Erbauer offenbar beschlossen hatte, ein Fluss müsse mit einer einzigen Stütze auskommen, wenn man die zweite nur entschlossen genug einsparte. Kaelor fragte nach dem Gestein der Ufer. Aus dem Scherz wurde ein Gespräch über Traglasten, bis Lyra erklärte, sie werde die nächste Brücke selbst prüfen, wenn die beiden sonst nicht zum Schlafen kämen.
Arion legte sich erst hin, nachdem er die Schutzzeichen am äußeren Rand des Lagers kontrolliert hatte. Sie sollten wecken, keinen Angriff aufhalten. Für einen dauerhaften starken Schutz hätte er Kraft binden müssen, die sie am nächsten Tag womöglich dringender brauchten. Er erwachte, weil das Feuer keinen Schatten mehr warf und für einen Atemzug begriff er nicht, was daran falsch war. Die Glut leuchtete. Über den Buchen bewegten sich einzelne Blätter. Doch zwischen ihnen und der Feuerstelle lag eine breite, unnatürliche Dunkelheit, deren Rand sich über Lyras Decke schob. Soraya stand bereits.
Ihr Pfeil traf etwas Weiches über dem Lager. Ein heiseres Kreischen riss die Nacht auf, und der Schatten drehte sich. Arion sah ein gewaltiges Auge in einem aufgedunsenen Leib, feucht glänzend, von kleineren Augen auf beweglichen Stielen umgeben. Unter dem Körper zuckte ein Maul auf. Das Wesen schwebte zwischen den Ästen, schwerfällig genug, dass Blätter über seinen Rücken strichen, und doch viel zu schnell, als es sich auf Soraya ausrichtete.
„Nicht hineinsehen!“, brüllte sie in die Dunkelheit und ihr Ausruf war wie ein Apell.
Arion rollte seitlich von der Decke. Ein fahler Strahl traf die Stelle, an der sein Kopf gelegen hatte. Erde riss auf; an der Wurzel dahinter wurde die Rinde schwarz. Lyra zog den Kessel um, löschte mit einem kurzen Wort die aufflackernden Gräser und warf sich hinter den Stamm. Kaelor riss eine schwere Decke hoch. Das nächste kleinere Auge richtete sich auf ihn, doch er schleuderte den Stoff über die Vorderseite des Wesens, bevor sich dessen Licht sammeln konnte.
Ein Teil der Augen verschwand darunter. Der Betrachter schüttelte sich, und Arion spürte den Druck einer fremden Kraft gegen seine Stirn, tastend und widerwärtig nah. Er hielt sich an dem rauen Wurzelrand fest, bis er wieder wusste, wo sein Körper lag. Sorayas zweiter Pfeil durchschlug einen Augenstiel.
Lyra rief Arions Namen. Er sah ihre Hand am Boden, begriff die Richtung und warf den eigenen Schutz schräg über sie beide. Ein grüner Lichtstoß glitt daran ab und schlug in den Stamm hinter ihnen. Holz splitterte. Kaelor stieß seinen Stab unter den schwebenden Leib, traf hart genug, dass der Betrachter gegen einen tiefen Ast prallte, und wich dem zuschnappenden Maul aus. Das große Auge wurde frei und Arion ließ den Schutz fallen, bevor es sich ganz auf ihn ausrichten konnte. Er packte die Kraft in der Luft über dem Lager, zog sie zu einer kurzen, harten Bewegung zusammen und schlug das Wesen seitlich gegen den Stamm. Es gab einen dumpfen Laut von sich. Die Augenstiele peitschten durch die Blätter. „Jetzt!“, rief er.
Kaelor setzte nach, drückte mit dem Stab den unteren Leib gegen die Rinde, und Sorayas Pfeil traf das große Auge aus so kurzer Entfernung, dass Arion das Reißen der Sehne hörte. Lyra hielt den nächsten wilden Lichtstoß von Kaelors ungeschützter Seite fern und Arion führte Feuer tief in die Öffnung unter dem Auge und beendete den Zauber erst, als die Stiele nicht mehr zuckten. Der Körper sackte leblos auf den Boden. Lange bewegte sich nur noch ein Blatt, das an einem der Stiele hängengeblieben war. Arion stand mit erhobener Hand da, obwohl es nichts mehr aufzuhalten gab. „Alle?“, fragte er schließlich.
„Hier.“ Lyra trat hinter dem Baum hervor. Soraya nickte, prüfte die Finger ihrer Bogenhand und ging zu Kaelor, der sich den verbrannten Rand der Decke ansah. Niemand war verletzt.
Sie stellten es ein zweites Mal fest, beinahe ungläubig, während Lyra mit der Lampe jeden von ihnen betrachtete. Dann begann Kaelor, den Leichnam vom Lager fortzuziehen. Soraya sammelte die verstreuten Sachen ein. Arion setzte sich neben Lyra auf eine Wurzel und hielt die Hände so lange aneinander, bis das Zittern darin nachließ. „Du hast anfangs nicht gewusst, wo du bist“, sagte sie leise. Er schüttelte den Kopf.
„Es war für einen Augenblick schon darin.“ Lyra legte ihm die Hand an die Schläfe. Kein Zauber, nur eine Berührung, warm und vertraut genug, dass die Erinnerung an das fremde Tasten schwächer wurde. Sie schliefen in dieser Nacht nicht mehr alle zugleich.
• • •
Die erste Frau kam ihnen kurz nach Sonnenaufgang entgegen. Sie trug ein Kind auf dem Rücken und hielt einen Jungen am Handgelenk, der sich beim Laufen immer wieder umdrehte. Ihre Schuhe waren offen. An einem fehlte der Riemen vollständig, doch sie blieb nicht stehen, um ihn zu ersetzen. Erst als Soraya vor ihr vom Pferd glitt und beide Hände zeigte, verlangsamte sie den Schritt. „Nicht dahin“, brachte sie hervor. „Die Straße ist voll von ihnen.“
Hinter ihr kamen weitere Menschen zwischen den Bäumen hervor: Kinder, zwei alte Männer, eine Frau mit einer blutigen Schürze. Einer der Männer stützte eine Nachbarin, deren Fuß über den Boden schleifte. Ein kleines Mädchen hielt einen Löffel in der geschlossenen Faust, als sei das der letzte Gegenstand, den es sicher mitnehmen konnte. Lyra war bei ihnen, bevor Arion eine Frage stellen konnte. Sie nahm der ersten Frau das Kind ab, prüfte dessen Atmung und sah dann zu der Verletzten. „Woher kommt Ihr?“
„Vom Dorf am Mühlenhang.“ Die Frau schluckte trocken. „Oger. Viele. Sie sind über die unteren Höfe gekommen, einfach über die Zäune. Mein Mann ist …“ Sie sah zurück und der Satz brach sich selbst erstickend ab.
Soraya führte die Gruppe von der Straße an eine Stelle, die von den nächsten Höfen aus nicht zu sehen war. Sie erklärte den beiden alten Männern den weiteren Weg bis zu einer besetzten Wegstation, ließ Wasser und einen Teil der Vorräte bei ihnen und wartete, bis der eine ihr die Abzweigung richtig wiederholt hatte. Lyra behandelte den Fuß gerade so weit, dass die Frau weitergehen konnte. Mehr hätte Zeit gekostet, die sie den Zurückgebliebenen genommen hätten. Als sie wieder im Sattel saßen, war über den Bäumen Rauch zu sehen. Keiner von ihnen sprach davon, die Köhlerhöhlen erst später aufzusuchen. Die Entscheidung fiel in den Blicken, die sie wechselten, und in Kaelors Griff um den Stab, als die ersten Dächer auftauchten.
Der erste Oger stand im Mühlbach.
Das Wasser reichte ihm kaum über die Knöchel. Er hielt eine Tür in beiden Händen, die er mit einem Stück des Rahmens aus dem Haus daneben gerissen hatte, und schlug damit gegen eine zweite, hinter der Menschen jauchzend schrien. Sein Rücken war breit, die Haut gelblich grau und an den Schultern von alten Narben durchzogen. Als Kaelor sich ihm näherte, drehte er den Kopf zu spät. Der Stab traf ihn seitlich am Knie und der Oger brach in das Wasser, ließ die Tür los und griff nach dem Gargoyle. Kaelor trat auf seinen Unterarm, riss ihm den schweren Holzknüppel aus dem Gürtel und schlug ein einziges Mal zu. Dann stand er im Bach zwischen den Häusern und rief den Menschen hinter der Tür, sie sollten warten, bis Soraya bei ihnen sei. Arion ging die Hauptgasse hinauf an deren Ende ein Schuppen loh brannte. Zwei Oger drängten einen Mann mit einer Mistgabel gegen eine Mauer und einer lachte mit einer Stimme, die kaum mehr als ein kehliges Stoßen war. Der andere nahm gerade Maß für den nächsten Schlag, als Arions Klinge über seinen Unterarm fuhr. Der Knüppel fiel und Arion drehte sich aus der Bewegung des Verwundeten heraus, stieß zu und ließ den Körper dort sinken, wo er dem zweiten den Weg versperrte. Die Mistgabel klapperte auf den Boden. „Zum Bach“, sagte Arion zu dem Mann. „Meine Gefährten sind dort.“
Der andere Oger griff an aber Arion fing den Schlag nicht auf. Er verließ die Linie, glitt an der schweren Schulter vorbei und nahm mit einer kurzen magischen Bewegung dem Fuß darunter den Halt. Das Wesen schlug gegen die Mauer und noch während es sich abstützte, war Arion wieder bei ihm. Hinter ihm löste sich der Mann endlich vom Stein und lief.
Lyra richtete ihren Behandlungsplatz unter dem Vordach eines Backhauses ein. Dort stand Wasser bereit, der Boden war frei, und die Rückwand bot Schutz. Sie bat zwei Frauen, die Verletzten nach jenen zu ordnen, die noch selbst gehen konnten und jenen, die Hilfe beim Atmen brauchten. Ihre Stimme zitterte nur am Anfang denn dann kniete sie sich auch schon neben einen Jungen, dessen Bein unter einem Balken eingeklemmt gewesen war, und ließ ihre Hände ruhig werden.
Soraya blieb an der offenen Seite des Vordachs. Sie schoss nicht auf jeden sichtbaren Gegner. Sie wählte die, die Lyra erreichen konnten, wechselte nach jedem Pfeil den Stand und hielt den Zugang frei, damit Nachbarn weitere Verletzte herantragen konnten. Als ein Oger aus der Gasse zwischen zwei Ställen hervorbrach, traf ihn ihr erster Pfeil am Hals und der zweite brachte ihn zu Boden, ehe er das Wasserfass erreichte. Lyra sah nicht auf. Ihre Hand lag auf der Brust eines alten Mannes, der nur noch kurze, erschreckend flache Atemzüge nahm. „Bleibt bei mir“, sagte sie. „Ich weiß, dass Ihr müde seid. Aber jetzt atmen wir noch einmal zusammen ein.“
Er tat es. Neben ihm hielt seine Frau eine Hand so fest umklammert, dass ihre eigenen Knöchel weiß hervortraten.
Arion und Kaelor fanden sich vor dem Dorfplatz wieder. Der Gargoyle hatte Blut am Unterarm, fremdes, dunkles Blut. Er stand neben einem umgeworfenen Karren und atmete schwer, doch seine Schulter hielt. Drei Oger drängten aus einer offenen Scheune. Einer trug einen Menschen am Hemd, dessen Füße schlaff über den Boden schleiften. Arion hob die Hand.
Der Griff des Ogers öffnete sich, als hätte jemand die Sehnen darin durchtrennt. Der Mensch fiel und Arion fing ihn mit einem flachen Schutz über dem Boden auf und schob ihn aus der Reichweite der Füße. Kaelor ging bereits in den frei gewordenen Raum. Er brauchte zwei Schläge, um den Ersten niederzustrecken. Den zweiten hielt er mit dem geraubten Knüppel zurück, bis Arion ihm von der Seite das Schwert unter die Rippen stieß. Der dritte versuchte durch die Scheune zu entkommen, doch Kaelor erwischte ihn vor der hinteren Tür.
Auf dem Platz wurde es für einen beunruhigenden Augenblick still und als hätte die Ruhe das Unheil hervorgerufen, trat der Ogerkönig aus dem Haus des Dorfvorstehers.
Er überragte die anderen um einen Kopf. Um seinen Hals hingen eiserne Ringe, die für menschliche Handgelenke geschmiedet worden waren. Ein breiter, stumpf glänzender Brustschutz lag über dem Bauch, zusammengesetzt aus Platten verschiedener Herkunft. In der Faust trug er einen Hammer, dessen Kopf aus einem einzigen unförmigen Eisenstück bestand. Einem Amboss gleich. Sein Blick glitt über die Toten und er begriff schneller als die anderen, dass ihm nicht bloß einige Dorfbewohner Widerstand leisteten. „Weg“, sagte er. Das Wort war rau, aber deutlich. „Mein Ort jetzt.“
Arion sah hinter ihm eine kleine Hand unter dem Saum einer umgeworfenen Bank liegen und er blieb abrupt stehen.
Der Ogerkönig hob den Hammer und stürmte auf ihn zu. Kaelor wollte heran, doch Arion streckte den Arm aus, ohne den Blick von dem Angreifer zu nehmen.
„Zurück Kaelor.“
Über den Dächern sammelte sich ein Licht, das nicht von der Sonne kam.
Die feinen Haare auf Arions Armen richteten sich auf und er spürte den Widerstand der Luft, die Höhe über dem Platz und den breiten, schweren Körper, der mit jedem Schritt näherkam. Er formte den Weg, auf dem die Kraft hinabfahren sollte, eng genug, dass sie kein Dach berührte und keinen der Menschen traf, die hinter Fenstern auf Hilfe warteten.
Der Blitz schlug in den gehobenen Hammer und grelles weißes Licht füllte den Platz. Ein Donner krachte zwischen den Häusern, so hart, dass Staub aus den Fugen rieselte. Der Ogerkönig blieb mitten im Schritt stehen. Für einen Augenblick sah Arion nur seinen schwarzen Umriss, dann fiel er rückwärts gegen den Brunnenrand, und das Eisen klang auf den Stein.
Fünf Oger flohen augenblicklich. Die Angst kam über sie, bevor einer den Befehl hätte geben können. Sie ließen liegen, was sie trugen, drängten gegeneinander in die hintere Gasse und suchten den Weg zu den Feldern. Kaelor setzte ihnen nach und der erste kam nicht über die niedrige Mauer. Der zweite drehte sich zu spät um, der dritte stolperte über ihn und fand keinen Raum mehr, seine Waffe zu heben. Soraya schoss vom Backhaus aus. Einer der Flüchtenden brach vor dem Obstgarten zusammen. Der letzte lief bereits zwischen den Bäumen, als Arion ihn erreichte. Nicht mit den Füßen: Er legte den Willen wie einen plötzlichen Druck um den Kopf des Ogers. Dessen Schritt setzte noch einmal an, dann verloren die Beine ihre Richtung, und der schwere Körper schlug zwischen zwei Reihen junger Bäume in die Erde. Arion ging langsam zu ihm.
Sie befragten ihn neben dem leeren Schweinekoben am Rand des Dorfs. Kaelor band die Hände des Ogers mit einer Kette, die ein Bauer gebracht hatte. Soraya blieb vor der Öffnung stehen und beobachtete sowohl den Gefangenen als auch die Straße. Lyra kam erst, als die dringendsten Wunden geschlossen waren. Ihr Haar hatte sich aus dem Band gelöst. An ihrem Ärmel klebte Blut, das sie noch nicht hatte auswaschen können. „Es sind auch welche gestorben“, sagte sie, als Arion zu ihr sah. „Ich konnte nicht alle erreichen.“
Er nickte. Etwas in seinem Gesicht bewegte sich, zog sich aber wieder zurück, ehe daraus ein Ausdruck wurde, den sie lesen konnte. Der Oger sah auf ihre Hände und spuckte vor ihre Füße. Arion ging vor ihm in die Hocke. „Warum habt ihr das Dorf angegriffen?“
Das Wesen starrte ihn an. Dann schob es die Unterlippe vor und drehte den Kopf weg. Lyra stellte sich neben Arion. Sie sprach die Worte langsam, ohne die Stimme zu heben. Der Zauber legte keinen Gedanken in den Kopf des Gefangenen. Er nahm ihm die Möglichkeit, die Antwort hinter zusammengebissenen Zähnen zu halten. Als er sich dagegenstemmte, spannte sich sein Hals so stark, dass Arion die Sehnen unter der fleckigen Haut sah. „Warum?“, fragte Lyra.
Der Oger stieß einen Laut aus, halb Husten, halb Fluch. Dann kamen die Wörter.
„Aus ihrer Höhle, sagte er. Schwarze Menschen. Nein, keine Menschen. Flügel. Messer. Kalt dort, wo sie hingingen, böse in der Luft, so dass selbst die kleinen Tiere nicht mehr atmeten. Ein Riss hinter den alten Schlafplätzen. Erst schmal. Dann waren vier herausgekommen. Sie hatten getötet.“ Der Oger zog an der Kette. Kaelor hielt sie fest, ohne sich zu bewegen. Mit jedem weiteren Satz wurde die Gestalt der Flucht deutlicher: zertrümmerte Lager, ein versperrter Ausgang, Oger, die ihre eigenen Zurückgebliebenen hörten und nicht mehr umkehrten. Der König hatte die Überlebenden hinausgeführt. Das Menschendorf war nah gewesen, mit Häusern, Vorräten und Bewohnern, die sich ihrer Meinung nach leichter vertreiben ließen als die Wesen aus der Höhle.
„Ihr hättet weitergehen können“, sagte Lyra. Der Oger sah sie an, als begreife er die Frage nicht. „Häuser da. Essen da. Schwache da.“
Kaelor schloss die Finger fester um die Kette.
Arion ließ sich den Weg zur Höhle beschreiben. Nicht einmal, sondern zweimal, bis Soraya die Stellen auf der Karte wiederfand: ein gespaltenes Felsband, ein Bach unter einer umgestürzten Fichte, die breite Öffnung im Hang. Der Riss lag weiter innen. Einer der Geflügelten hatte einen Namen gerufen, an den der Oger sich erinnerte, weil die anderen daraufhin still geworden waren.
„Andariel.“
Lyra beendete den Zwang. Der Gefangene holte keuchend Luft.
Arion stand auf, zog das Schwert und stieß es durch den Kopf des Ogers.
Er tat es ohne einen Laut, ohne Wut in der Bewegung und ohne einen weiteren Blick zu den Häusern. Dann zog er die Klinge zurück und wischte sie an einem Stück des zerrissenen Gewands ab. Lyra wich entsetzt einen Schritt von ihm fort. Kaelor ließ die Kette sinken. Sie schlug gegen den Boden, und erst das Geräusch schien Arion wieder ganz in den Koben zurückzuholen.
„Er war gefangen“, sagte Lyra.
Arion sah sie an. Er hätte vom Dorf sprechen können, von der Hand unter der Bank und davon, was dieses Wesen eben über die Schwachen gesagt hatte. Die Worte lagen bereit. Keines davon änderte, dass er die Entscheidung getroffen hatte, während die anderen noch neben ihm standen.
„Ja“, antwortete er schließlich in aller Schlichtheit.
Lyra hielt seinen Blick. „Ich habe ihn zum Reden gezwungen. Nicht, damit du ihn in dem Augenblick tötest, in dem er aufgehört hat.“
Er senkte das Schwert. Soraya nahm die Karte an sich, faltete sie aber noch nicht zusammen.
„Wir müssen zu der Höhle“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, jedoch nicht versöhnlich. „Und darüber werden wir noch sprechen.“
Arion nickte.
Im Dorf gaben sie den Überlebenden die Anweisung, hinter den geschlossenen Häusern zu bleiben, bis Verstärkung von der Wegstation kam. Ein Mann erklärte sich bereit, die Meldung zu tragen. Lyra ließ Verbände zurück und zeigte zwei Frauen, wie sie die behandelten Wunden sauber halten konnten. Als sie aufbrachen, war der Rauch dünner geworden. Auf dem Platz standen Menschen um jene, denen auch kein Heiler mehr helfen konnte.
Arion ritt nicht an der Spitze, weil jemand ihn darum gebeten hatte.
• • •
Am Fuß des gespaltenen Felsbands ließen sie die Pferde zurück. Die Höhle roch nicht wie ein verlassener Wohnplatz. Der Geruch von Rauch und altem Fell war noch da, aber darüber lag etwas Scharfes, das Arion im hinteren Teil des Mundes wahrnahm. Soraya kniete vor dem Eingang und berührte einen Abdruck im feuchten Boden. Kaelor blieb so stehen, dass seine Flügel nicht gegen den niedrigen Fels strichen. Lyra hatte die Hände offen neben dem Körper.
„Vier“, sagte Soraya. „Vielleicht sind inzwischen andere draußen.“
Arion schüttelte den Kopf. „Ich spüre etwas weiter innen. Aber ich kann daraus nicht zählen, wie viele es sind.“
Es war das Erste seit dem Dorf, das er wieder als unvollständige Aussage aussprach. Lyra sah kurz zu ihm hinüber. Sie gingen ohne Licht hinein. Nach der zweiten Biegung war es nicht mehr nötig. An den Wänden hing ein blasser Widerschein, der aus der Tiefe kam und die oberen Kanten der Felsen sichtbar machte. Auf dem Boden lagen Körper. Oger, manche dort, wo sie geschlafen hatten, andere übereinander vor einem schmalen Ausgang. Kaelor blieb vor einem kleineren liegen und zog den Blick erst wieder fort, als Arion ihm eine Hand an den Arm legte. Die große Kammer öffnete sich hinter einer Gruppe gebrochener Stalagmiten und der Riss stand an ihrer hinteren Wand. Er war höher als die Öffnung am westlichen Weg gewesen, breit genug für eine Gestalt, deren Flügel sich nicht vollständig anlegen ließen. Seine Ränder liefen in die Fugen des Gesteins hinein. In der Tiefe bewegte sich kein Wald, kein Himmel, nichts, woran sich eine Entfernung hätte messen lassen. Arion spürte den Zug daran und etwas Zweites, das ihm entgegenkam, sobald er nach der eigenen Kraft griff. Vier Dämonen standen davor.
Zwei hatten annähernd menschliche Körper, langgliedrig, mit schmalen Köpfen und gefalteten Flügeln. Ein dritter war schwerer gebaut. Über seiner Stirn wuchsen kurze Hörner, und seine Hände lagen an einer breiten Klinge, deren Schneide im fahlen Licht kaum zu sehen war. Der vierte wandte ihnen den Rücken zu. Er war dreieinhalb Meter hoch. Vier Arme gingen von seinen Schultern und den darunterliegenden Muskelbündeln aus. In jeder Hand lag ein gewaltiges Messer, zu lang und zu schwer für eine menschliche Waffe. Die Flügel an seinem Rücken waren nicht das, was ihn zuerst furchtbar machte. Es war die Ruhe, mit der die vier Klingen nebeneinander hingen, jede bereit, aus einer anderen Richtung zu kommen.
Arion bedeutete den anderen, stehenzubleiben.
Lyra trat so nah zu ihm, dass ihre Schulter seine berührte. Er sah sie nicht an, aber er hielt die Hand zwischen ihnen offen, bis ihre Finger sie kurz berührten. Dann zeigte er auf die beiden schmalen Gestalten, auf den schweren Diener und schließlich auf den Riss. Soraya nickte knapp und hochkonzentriert. Kaelor senkte den Stab und Lyra legte die Finger an dessen Schulter, schloss die Augen und zog einen feinen Schutz um ihn, der sich im gewöhnlichen Licht kaum gezeigt hätte. Arion sammelte die Kraft nicht in einer großen sichtbaren Flamme. Er nahm sie dicht an sich, führte sie entlang seiner Arme und hielt sie dort, bis seine Finger schmerzten. Im Raum lag mehr Energie, als der tote Eindruck des Orts vermuten ließ. Doch er ließ die kalte Gegenbewegung unberührt. Er kannte ihre Form nicht gut genug, um ihr mehr zu erlauben als die Wahrnehmung, dass sie da war. Dann drehte der erste Dämon den unwirklichen Kopf. Arion trat aus der Deckung und ließ den Strahl los.
Ein weißer, beinahe lautloser Kern schoss durch die Kammer. Die äußere Luft riss mit einem Knall auseinander und gleich beide schmalen Dämonen wurden getroffen, bevor einer die Flügel öffnen, oder überhaupt reagieren konnte. Ihre Umrisse leuchteten für einen schrecklich klaren Augenblick auf, dann lösten sie sich auf, Haut, Knochen und die Form darunter. Kein Körper schlug zu Boden. Dort, wo sie gestanden hatten, blieben Staub und eine bebende Luft zurück.
Arion ging in ein Knie.
Der schwere Diener fuhr auf ihn los. Kaelor fing ihn ab, nicht mit einem ungeschützten Schlag, sondern indem er den Stab quer gegen dessen Arme trieb und den eigenen Körper in den Weg stellte. Sorayas Pfeil traf seitlich in die Brust und Lyra hielt den nächsten Gegenstoß vom Gargoyle fort und zog den Schutz so eng, dass der Dämon keine freie Linie zu Arion fand.
Andariel wandte sich um.
Sein Gesicht war länger als ein menschliches, die Züge darin trotzdem deutlich genug, um den Ausdruck zu erkennen, mit dem er die leeren Stellen vor dem Riss betrachtete. Dann sah er Arion an.
„Dafür“, sagte er, „hättest du länger leben sollen, damit es sich für mich lohnt.“
Seine Stimme war tief. Die Worte waren verständlich, mit einem Druck auf den letzten Silben, der sie älter wirken ließ als die Sprache selbst.
Arion richtete sich auf und entgegnete gefasst tonlos. „Dann komm näher.“
Und Andariel kam.
Das erste Messer traf den Schutz vor Arion so hart, dass Stein unter seinen Sohlen aufsprang. Das zweite fuhr bereits von unten herauf. Arion warf sich seitlich, ließ die Fläche brechen und zog eine neue vor die dritte Klinge. Die vierte schnitt dort durch seinen Mantel, wo sein Oberarm einen Herzschlag zuvor gewesen war. Er bemerkte es sofort, er brauchte Abstand von diesem Ungetüm. Doch Andariel ließ ihn nicht zu. Er schritt über einen toten Oger hinweg, ohne hinzusehen, und zwang Arion mit zwei gleichzeitig geführten Angriffen gegen die äußere Wand. Arion fing nur einen auf. Dem anderen wich er aus, indem er sich flach unter dessen Linie drehte und Feuer über den Boden schickte. Der Dämon sprach.
Arion verstand die Wörter. Er kannte die Anordnung und auch was sie bewirkten, doch es hätte trotzdem nicht zu dem passen dürfen, was sein Körper dabei wahrnahm. Das Feuer brach nach innen weg und Kälte griff nach seinen Fingern. Seine eigene Kraft verlor für einen Augenblick die Form, als hätte jemand ein Gewebe von der Rückseite aufgetrennt. Er riss die Hand zurück, ehe die Bewegung bis in seinen Zugang zur Magie laufen konnte, und sprang hinter einen Pfeiler. Die vier Messer schlugen unterdessen in den Stein.
Andariel benutzte keine Magie, wie Arion sie wirkte. Was ihm antwortete, kam von der entgegengesetzten Seite derselben Ordnung. Mana, das sich gegen den vertrauten Strom stellte und ihn auslöschte, wenn die Berührung richtig geführt wurde. Antimagie, hatte Arion in Aufzeichnungen gelesen, meist als Warnung, selten als genaue Erklärung. Doch auch diese Gegenkraft gehorchte der Alten Sprache und er hatte die Worte in der Verbindung selber eben gehört. Wissen und Anschauung fielen so heftig ineinander, dass er beinahe den nächsten Angriff verpasste.
Hinter ihm krachte Kaelors Stab gegen Metall. Lyra rief Soraya zu, nach links zu gehen. Der verdammte dritte Dämon lebte noch. Er hielt sie alle drei gebunden, trieb sie mit kurzen harten Ausfällen voneinander fort und wurde jedes Mal aufgefangen, wenn er versuchte, die Lücke zu Arion zu erreichen. Arion konnte ihnen nicht helfen, solange Andariel vor ihm stand.
Er löste einen Steinblock aus dem beschädigten Pfeiler und schleuderte ihn gegen die Brust des Dämons. Diesmal versuchte er nicht, die Kraft bis zum Aufprall festzuhalten, sondern gab dem Stein die Bewegung und ließ ihn los. Andariels Gegenwort traf die leere Verbindung und der Block krachte trotzdem gegen seinen Körper. Daraufhin wich der Dämoen endlich einen Schritt zurück. Arion sah es sogleich und griff nach dem nächsten Stück Stein, dann nach einem zweiten. Andariel zerschlug eines mit den Messern, doch das andere traf seinen rechten unteren Arm, und zum ersten Mal verlor eine der Klingen ihren vollkommen ruhigen Weg.
„Du lernst schnell“, grollte der Dämon.
„Du redest viel.“ Arion ging weiter von der Wand fort. Seine Beine waren schwer vom ersten Strahl. Doch er ließ es sich nicht anmerken, obwohl der Dämon vermutlich längst darauf wartete. „Ich hätte gedacht, vier Arme halten dich beschäftigter.“
Andariel lächelte so abgrundtief bösartig, dass dieses Lächeln allein genügte um unbeherrschte Menschen vor Angst davongelaufen wären. Die nächste Bewegung war schneller.
Eine Klinge schlug Arions Schwert zur Seite. Er hatte es gezogen, ohne Zeit zu haben, viel damit anzufangen, und wusste nun wieder, weshalb er es nicht weggeben durfte. Mit dem Stahl hielt er einen der Arme beschäftigt, mit einem kurzen Schutz den zweiten, während er unter der dritten Klinge hindurchtauchte. Die vierte traf die Felswand hinter ihm, und Splitter schlugen gegen seine Wange. Er spürte Blut, aber keinen tiefen Schmerz.
Der Riss stand noch immer offen. Andariel zog Kraft daraus; Arion sah es nun an den feinen dunklen Bewegungen zwischen dessen Flügeln. Jeder Augenblick, den er ihm hier ließ, gab ihm etwas zurück, das Arion sich selbst erst wieder beschaffen musste. Also ließ er die nächste Schutzfläche absichtlich zu früh brechen und Andariel folgte dem Widerstand, den er erwartet hatte. Seine beiden linken Klingen gingen gleichzeitig nach vorn. Arion trat nicht weiter zurück, sondern unter den äußeren Arm, drehte sich an dessen Gelenk vorbei und schlug mit dem Schwert gegen das Handgelenk des unteren Arms. Nicht hart genug, um es abzutrennen aber hart genug, um das Messer aus seiner Bahn zu nehmen. Dann stand er auf der Seite des Risses.
Andariel fuhr herum. Arion rammte die freie Hand gegen die Felswand und suchte nicht den Dämon, sondern den Spalt, der ihn hielt und er begann an dessen Rändern. Kein gewaltsames Zusammendrücken. Er trennte den Zug von den Fugen, löste nacheinander jene Stellen, an denen der Riss sich in die Höhle gefressen hatte. Andariels erster Schlag riss ihm den Schutz vom Rücken. Der zweite zwang ihn in die Knie. Lyra schrie seinen Namen, und ein heller Schirm fing eine Klinge auf, die er selbst nicht mehr hätte erreichen können.
Arion hielt den Anfang fest und der Riss verengte sich.
Andariel merkte es. Zum ersten Mal wurde sein Angriff ungeduldig. Er sprach Worte, die Arion die Zähne schmerzen ließen, und die Gegenkraft fuhr wie ein kalter Keil in dessen Arbeit. Arion gab an der getroffenen Stelle nach, führte die eigene Kraft seitlich um sie herum und zog den bereits gelösten Rand des Durchgangs weiter zusammen. Er konnte diese fremde Energie nicht führen. Noch weniger konnte er es sich leisten, sie in sich hineinzulassen. Er musste mit dem auskommen, was ihm vertraut war.
Soraya rief etwas hinter ihm das er nicht verstand und ein schwerer Körper schlug gegen den Boden. Kaelor brüllte auf, und Metall schrammte über Stein. Arion wandte sich nicht um.
Andariel hob alle verbliebenen Klingen. Arion ließ den ganzen freien Raum zwischen ihnen für einen Augenblick weiß werden, keinen vernichtenden Strahl, sondern Licht, grell genug, dass der Dämon den Kopf abwenden musste. In diesem Augenblick schloss Arion die letzten offenen Verbindungen zur Höhle und warf die Kraft gegen Andariels Mitte. Der Dämon wurde rückwärts in den schrumpfenden Riss gerissen. Seine unteren Arme verschwanden zuerst. Die Messer schlugen an dessen Ränder, fanden keinen Stein mehr, an dem sie sich hätten halten können. Ein Flügel entfaltete sich quer durch die Kammer und wurde in die Öffnung zurückgezogen, als habe etwas dahinter ihn ergriffen.
Andariel sah Arion so direkt an, dass ihm das Mark in den Knochen unweigerlich gefror.
„Du hast meinen Herrn noch nicht gesehen“, sagte er. Diesmal lag keine Belustigung mehr in seiner Stimme. „Und wenn ich zurückkomme, werde ich stärker sein. Ich werde mich an dein Gesicht erinnern.“
Arion setzte den Fuß fester auf den Boden. „Dann merk es dir gut du Stück Scheiße. Es wird das Letzte sein dass du sehen wirst!“
Dann schloss er den Riss.
Der letzte Schrei brach ab, ehe die Felswand wieder vollständig zu sehen war.
• • •
Kaelor saß neben dem Körper des dritten Dämons. Der Stab war gesplittert. Soraya hielt eine Hand gegen ihre Seite, Lyra stand mit geschlossenen Augen vor dem Gargoyle und löste den Rest des Schutzes, den sie bis zum letzten Augenblick um ihn gehalten hatte. Neben ihnen lag der abgetrennte Kopf des Dämons. Dessen Körper war nicht zerfallen. Stahl und Pfeile hatten ihn getötet, nachdem Kaelor ihn lange genug festgehalten hatte, dass Soraya die Öffnung unter dem Kiefer erreichte. Anschließend hatte Kaelor dem Toten mit dessen eigener Klinge den Kopf abgenommen. Sorayas Hand blieb an der Seite liegen. Beim letzten Ausfall hatte die Schneide des Dämons ihren Schutz gerade noch durchdrungen und eine flache Wunde über den Rippen hinterlassen. Lyra schloss sie, sobald sie sicher war, dass Kaelor nicht unter einer verborgenen Verletzung stand. Arion ging zu ihnen. Erst auf halbem Weg merkte er, dass seine Knie nachgaben. Lyra fing ihn auf, bevor er fiel. Sie setzte sich mit ihm auf den Boden, untersuchte den Schnitt an seiner Wange und legte die Hand auf seine Brust, um den viel zu schnellen Atem zu beruhigen. Eine Weile sagte niemand etwas.
„Der Kopf kommt mit“, erklärte Kaelor schließlich. Seine Stimme war rau. „Diesmal sollen sie sehen, was durch diese Risse geht.“
Soraya nickte und zog ein Tuch aus der Tasche. Ihre Finger brauchten länger als sonst für die Knoten. Arion wollte helfen, doch Lyra hielt ihn an der Schulter zurück.
„Jetzt bleibst du sitzen.“
Er tat es ohne weiteren Widerspruch.
Sie verließen die Höhle erst, nachdem sie sicher waren, dass der Durchgang geschlossen blieb. Draußen saßen sie am Bach, wuschen das Blut ab und teilten die Reste der Vorräte. Arion erzählte genau, welche Worte er von Andariel gehört hatte. Kaelor und Soraya ergänzten, was der andere Diener während des Kampfes gerufen hatte.
Der Name ‚Razagh‘ fiel mehr als einmal.
Auf dem Rückweg übernachteten sie in dem geretteten Dorf. Lyra sah nach ihren Patienten und Kaelor half beim Aufrichten einer Tür während Soraya die Gassen ab ging, bis sie sicher war, dass in keinem der beschädigten Häuser noch jemand übersehen worden war. Arion schrieb bereits den Bericht für Tharon, um auch ja nichts auszulassen. Er schrieb auch den Tod des gefangenen Ogers hinein. Lyra las die Stelle, als er ihr das Blatt reichte. Sie setzte sich neben ihn, ohne seine Entscheidung damit für erledigt zu erklären. Erst viel später, als die letzte Lampe im Raum fast heruntergebrannt war, nahm sie seine Hand. Zwei Tage danach erreichten sie Elesmera.
Am Westtor öffnete Tharon den fest verschnürten Behälter nur so weit, dass er den Kopf darin erkennen konnte. Dann schloss er ihn wieder. Seine Hand blieb einen Augenblick auf dem Deckel liegen. „Der König wird Euch sehen wollen“, sagte er.
Arion blickte über die weiße Straße zum Turm.
„Dann gehen wir mal zu ihm.“
Kapitel XVIII
Was wir einander versprechen
Der Kopf des Dämons stand in einem schlichten Kasten auf dem weißen Stein.
Niemand im Saal hielt ihn für eine angemessene Gabe an einen König. Gerade deshalb war es still geworden, als Tharon das Tuch zurückgeschlagen hatte. Die Hörner warfen zwei kurze Schatten auf die innere Wand des Kastens. Unter dem geschlossenen Lid lag noch immer die Form eines Auges, das zu groß für das Gesicht wirkte. Einer der anwesenden Würdenträger war nähergetreten, hatte sich zum Ansehen vorgebeugt und anschließend nichts von dem gesagt, was er offenbar hatte sagen wollen.
Arion stand zwischen Lyra und Kaelor. Soraya hielt einen Arm etwas steifer als den anderen, obwohl Elian ihre Seite am Morgen noch einmal untersucht hatte. Die Verletzung aus der Höhle würde ausheilen, doch jetzt erinnerte sie sich bei jeder tieferen Bewegung daran, was es gekostet hatte, den dritten Diener von Arion fernzuhalten. Der König sah sich den Kopf lange an.
Er war kein junger Mann mehr. In dem dunkleren Haar über den Schläfen standen breite graue Strähnen, und um seine Augen lagen jene Falten, die Arion seit seiner Kindheit kannte, ohne je bemerkt zu haben, wann sie tiefer geworden waren. Auf dem Thron saß er aufrecht, doch als er aufstand und die Stufen hinunterkam, stützte er sich für einen Augenblick mit der Hand auf die Lehne. Die kleine Bewegung ging zwischen den Blicken der anderen beinahe verloren.
Er blieb vor dem Kasten stehen. „Ihr seid sicher, dass es vier waren?“
„Vier an diesem Durchgang“, antwortete Arion. „Zwei sind beim ersten Angriff zerfallen. Andariel habe ich durch den Riss zurückgedrängt und den Zugang geschlossen. Den vierten haben meine Gefährten getötet.“ Er ließ Stolz beim letzten Satz in seine Stimme fließen und ein Ruck ging durch jeden im Saal. Arion gab nie die Stärke anderer Preis wenn er selbst beteiligt war.
Der König wandte sich Soraya zu. Sie beschrieb, wie die drei den Diener gebunden hatten, wie wenig Zeit zwischen zwei seiner Angriffe blieb und weshalb Arion sich nicht hätte zugleich gegen ihn und gegen Andariel behaupten können. Sie übertrieb nichts, auch die Stellen, an denen ihnen beinahe etwas misslungen war, ließ sie stehen. Kaelor hörte zu und ergänzte nur eine Bewegung, die sie von ihrer Seite aus nicht hatte sehen können.
„Aber zurückgekommen wären wir ohne ihn nicht“, sagte er am Ende und blickte Arion emotionslos an. „Nicht aus der Höhle und aus dem Dorf wären viele andere ebenfalls nicht mehr fortgekommen. Wenn es überhaupt jemand geschafft hätte.“
Lyra sah Arion ernst an und bestätigte knapp aber deutlich. „Das stimmt.“
Er wollte widersprechen. Sie legte ihm die Hand an den Unterarm, nicht um ihn zum Schweigen zu bringen, sondern als wüsste sie bereits, welche Hälfte ihres Satzes er zuerst zurückweisen wollte.
Der König hörte auch den Bericht über das Dorf an. Die Namen der Toten wurden verlesen. Danach fragte er nach dem Gefangenen.
Arion antwortete selbst und er sprach ohne Ausflucht. Der Oger war gebunden gewesen. Lyra hatte ihn zum Reden gebracht und es hatte keinen erneuten Angriff gegeben, den Arion hätte abwehren müssen. Als er fertig war, blieb der Saal stiller als zuvor. Sie hielten den Atem an.
„Dann werdet Ihr verstehen“, sagte der König langsam, „dass ich Eure Rettung der Menschen nicht dadurch würdige, dass ich jeden Entschluss für richtig erkläre, den Ihr an diesem Tag gefasst habt.“
Arion hielt den Blick kurz nachdenklich gesenkt, hob ihn dann aber wieder als er fest antworte. „Ja.“
Tharon legte das schriftliche Protokoll zu den übrigen Blättern. Der Vorgang war bereits zur rechtlichen Prüfung aufgenommen und ein Auftrag außerhalb der Mauern hob das Gesetz nicht auf. Arion hatte dies vor der Audienz bestätigt, und der König ließ die Feststellung nicht unter den Dankesworten verschwinden.
„Wer sich ergibt oder in unserer Gewalt ist, wird nicht durch Euren Zorn weniger zu unserer Verantwortung“, sagte er. „Darüber werden die Zuständigen mit Euch sprechen und falls Ihr künftig andere führt, erwarte ich, dass Ihr ihnen gerade in solchen Augenblicken mehr abverlangt als nur Gehorsam.“
Arion nickte. Neben ihm entspannte Lyra die Finger um seinen Ärmel.
Dann trat der König wieder zum Kasten. Er ließ ihn schließen und den Dienern mitgeben, die ihn in einen gesicherten Raum bringen sollten. Erst als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, wandte er sich den vier Zurückgekehrten ganz zu.
„Ihr habt eine Bedrohung aufgehalten, über deren Ausmaß wir bisher zu wenig wussten. Ihr habt Menschen gerettet und mir etwas gebracht, das sich nicht mit einem Gerücht verwechseln lässt.“ Sein Blick blieb auf Arion liegen. „Euer Anteil daran war nach allem, was ich gehört habe, der größte. Ich möchte, dass die Belohnung dem entspricht.“
Arion brauchte nicht lange, um zu antworten.
„Dann gebt sie ihnen.“
Der König neigte den Kopf. „Ich habe Euch nicht gebeten, Eure Gefährten zu vergessen.“
„Das tue ich nicht.“ Arion öffnete die Hand, als müsse er etwas beiseitelegen, das ihm jemand hineingedrückt hatte. „Ich habe mehr, als ich brauche. Wenn Ihr mir den größten Anteil zugestehen wollt, dann möchte ich ihn dafür verwenden, dass jeder von ihnen einen Wunsch frei hat. Kaelor. Soraya. Lyra. Für mich verlange ich nichts. Mit Ihnen habe ich alles, was ich brauche, bereits an meiner Seite.“
Hinter dem König wechselten zwei der Anwesenden einen Blick. Einer begann zu sprechen, doch der König hob die Hand.
„Drei Wünsche“, sagte er nach einer Weile. „Ich höre sie mir an.“
• • •
Kaelor trat nach großem Widerwillen seiner Gefährten schließlich als Erster vor.
Seine Flügel lagen so eng am Rücken, dass die Haut zwischen den oberen Knochen tiefe Falten bildete. Arion hatte ihn selten unsicher gesehen, doch jetzt strich er einmal mit dem Daumen über die Innenseite seiner Hand, bevor er den Kopf hob.
„Im verschlossenen Archiv liegt eine Klinge“, sagte er. „Sie wird nicht ausgestellt denn auf den älteren Verzeichnissen steht, weshalb man sie nicht führen soll.“
Der König sah ihn genauer an. Ein Mann rechts neben dem Thron zog scharf den Atem ein aber Kaelor ließ sich davon nicht unterbrechen. „Sie kann die Seelen niederer und mittlerer Dämonen an sich binden, wenn sie mit ihr getötet werden. Nicht nur deren Körper zerstören. Ich möchte dieses Schwert.“
„Ihr kennt auch den anderen Teil des Verzeichnisses?“, fragte der König.
„Dass die Gebundenen nach dem Träger greifen.“ Kaelors Stimme war ruhig geworden. „Dass die Klinge verflucht ist und dass ein schwacher Wille bald nicht mehr unterscheiden kann, welche Gedanken die eigenen sind.“
Der Mann neben dem Thron kam die Stufen hinab. In seinen Händen lag ein Schlüsselbund, dessen einzelne Schlüssel voneinander getrennte Schlaufen hatten. „Es sind nicht nur schwache Männer daran zugrunde gegangen.“
Kaelor drehte sich zu ihm. „Das glaube ich Euch.“
Er sagte nicht, dass ihm nichts geschehen könne. Er behauptete auch nicht, stärker zu sein als jeder, der die Klinge vor ihm geführt hatte. Stattdessen erzählte er von der Sperre unter der Stadt, davon, wie lange er sie gehalten hatte, und von dem Unterschied zwischen einer Kraft, die man beherrschte, und einem Druck, dem man nicht nachgab. Elian hatte ihn während der letzten Tage untersucht. Kaelor war bereit, dies regelmäßig tun zu lassen. Er wollte ein Mittel gegen das, was aus den Rissen kam, keinen Beweis für die eigene Unverletzlichkeit.
Der König hörte ihm zu, ohne sich wieder zu setzen.
„Ich glaube, dass Ihr sie führen könnt“, sagte er schließlich. „Aber ich möchte, dass Ihr mir diese Vorsicht erhaltet. Wer nach der ersten gelungenen Bindung erklärt, er brauche niemanden mehr, gibt mir die Waffe zurück.“ Kaelor nickte sofort. „Damit kann ich leben.“
„Genau darum geht es.“
Man brachte die Klinge in einer langen, versiegelten Lade. Die Scheide war dunkel, von schmalen Metallbändern gefasst. Als Kaelor sie aufnahm, war Arion nicht sicher, ob sich das Licht an ihrer Oberfläche veränderte oder ob der Gargoyle nur einen Augenblick lang die Hände anders hielt. Kaelor zog das Schwert nicht. Er legte die Finger um den Griff, schloss die Augen und öffnete sie wieder, ehe jemand ihn danach fragen konnte. „Es bleibt still“, sagte er.
„Noch“, erwiderte der Archivar. Kaelor sah ihn an. „Ich habe Euch verstanden.“
Soraya wünschte sich den Bogen mit der Einhornsehne.
Sie tat es beinahe entschuldigend, nachdem Kaelors Wunsch so viel Unruhe ausgelöst hatte, und erklärte dann mit einer Klarheit, die jede falsche Bescheidenheit verdrängte, weshalb sie ihn wollte. In den kommenden Kämpfen würde sie zwischen Menschen hindurchschießen müssen. Sie würde Ziele erreichen müssen, für die ein gewöhnlicher Schuss selbst mit ruhiger Hand zu unsicher blieb. Der Bogen wurde aus der königlichen Waffenkammer gebracht.
Sein Holz war heller als ihr bisheriges, die Wurfarme schmal und ohne überflüssigen Schmuck. Die Sehne schimmerte weiß, fast durchscheinend. Soraya strich nicht darüber. Sie prüfte zuerst den Griff und die Lage an der Hand, dann nahm sie einen Pfeil, den der Waffenmeister ihr reichte.
„Er wird das Ziel, das Ihr Eurem Schuss gebt, nicht verfehlen“, sagte der König. „Die Entscheidung, welches das ist, nimmt er Euch nicht ab.“
Soraya senkte den Bogen. „Das sollte er auch nicht.“
Lyra trat zuletzt vor.
Arion hatte gedacht, sie werde nach einer Möglichkeit fragen, die Heilungen in den unteren Vierteln zu verbessern. Nach einem Buch vielleicht, das sie bisher nicht hatte lesen dürfen, oder nach einem Ort, an dem sie ohne ständige Unterbrechung arbeiten konnte. Als sie die Hände vor sich ineinanderlegte, sah er, dass ihre Finger kalt waren.
„Ich wünsche mir Arions Freiheit“, sagte sie.
Er drehte sich ganz zu ihr.
Lyra sah ihn nur kurz an, als habe sie gewusst, dass sie sonst den nächsten Satz nicht mehr an den König richten würde.
„Er ist mächtig. Ich weiß das. Und ich weiß auch, dass viele Menschen leben, weil er dort war, wo jemand mit seiner Kraft gebraucht wurde. Aber ich möchte nicht, dass aus dem, was er kann, ein Anspruch auf jeden Tag seines Lebens wird.“ Sie löste die Hände voneinander. „Er soll selbst entscheiden können, welche Aufgaben er annimmt und wann er geht. Nicht erst dann, wenn niemand mehr eine dringende Bitte für ihn findet.“
Arion öffnete den Mund. Sie legte zwei Finger an seinen Ärmel, dieselbe kleine Geste wie zuvor, diesmal zitternd. „Lass mich“, sagte sie leise. „Bitte.“ Und er blieb still.
Der König sah von ihr zu Arion und dann zu den Würdenträgern hinter sich. Lange antwortete er nicht. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme weniger förmlich.
„Diesen Wunsch werde ich beraten müssen.“
Die Beratung dauerte zwei Stunden. Sie warteten in einem Raum mit Blick auf den inneren Garten. Kaelor stellte die Lade neben seinen Stuhl und ließ eine Hand auf dem Deckel liegen. Soraya hatte den neuen Bogen über die Knie gelegt und betrachtete ihn, ohne die Sehne zu berühren. Arion stand am Fenster. Hinter der Scheibe bewegte ein Gärtner vorsichtig die Zweige eines jungen Baums, um die Befestigung an dessen Stütze zu lockern.
Lyra trat neben ihn und wisperte. „Du bist böse auf mich.“
„Nein.“ Er rieb mit dem Finger über die Fensterfuge. „Ich weiß nur nicht, wie ich etwas annehmen soll, das du für mich verlangst, während du selbst nichts bekommst.“
Sie sah ihn von der Seite an. „Du hast gerade genau dasselbe getan.“
Er drehte den Kopf zu ihr. Eine Weile stand die Antwort zwischen ihnen, so schlicht, dass er sie nicht verbessern konnte.
„Ich habe nicht gewusst, dass du das so siehst“, sagte er schließlich.
„Weil ich nicht jedes Mal etwas sage, wenn ein Bote dich sucht?“ Lyra trat näher. „Ich möchte, dass du hilfst. Ich liebe dich nicht trotz der Dinge, die dich wieder aus der Tür treiben. Aber ich will nicht irgendwann neben dir sitzen und feststellen, dass wir nur noch die Stunden bekommen, in denen jemand anders dich gerade nicht braucht.“
Arion sah auf ihre Hände. Er nahm eine davon und hielt sie zwischen seinen. Norelle hatte gewartet, bis aus gemeinsamen Plänen ein Leben geworden war, das sie ohne ihn plante. Lyra wartete nicht schweigend. Sie stellte sich in den Thronsaal und verlangte, dass jemand darüber nachdachte, bevor aus seiner Begabung eine unkündbare Verpflichtung wurde.
„Ich weiß aber nicht, ob ich gut darin bin, frei zu sein“, sagte er.
Lyra lehnte den Kopf an seine Schulter. „Dann üben wir das. Du bestehst doch sonst auch darauf, schwierige Dinge zu lernen.“ Als man sie zurückrief, hatte Arion die Hand nicht mehr aus ihrer gelöst.
Der König stand vor seinem Sitz. Neben ihm lagen mehrere neue Blätter, und einer der älteren Würdenträger sah aus, als habe er die vergangenen zwei Stunden lieber für etwas anderes verwendet. Der König wartete, bis alle vier ihren Platz eingenommen hatten.
„Ich gewähre den Wunsch“, sagte er. „Unter einer Bedingung, über die Arion selbst entscheiden soll.“ Arion hob den Blick. Er hatte ehrlicherweise eine andere Antwort erwartet. Er hielt sich selbst, unterbewusst, für unabdingbar. Der König lehrte ihn scheinbar nun eines Besseren und bewies mal wieder, warum er so großen Fürspruch im gesamten Volk erhielt.
„Ihr habt vor Jahren von einem Ort gesprochen, an dem kämpferische Leistung nicht nur alle vier Jahre vor einer Arena beurteilt wird. Von einer Gilde, die Menschen zusammenführt, Aufgaben vermittelt und aus einzelnen Begabungen etwas macht, das auch dann hilft, wenn einer der Begabtesten fehlt.“ Der König legte die Hand auf die Blätter. „Ich möchte, dass Ihr dieses Vorhaben im königlichen Auftrag verwirklicht.“
Arion erinnerte sich an den alten Entwurf. Er hatte eine Seite damit gefüllt, nach einem Turnier, an dessen Rand so viele gute Kämpfer ohne Aufgabe herumgestanden hatten, während draußen Höfe nach Hilfe baten. Später war das Blatt zwischen anderen Plänen verschwunden. Dass der König sich daran erinnerte, traf ihn beinahe stärker als die Bedingung selbst.
„Die Gilde“, sagte er langsam.
„Ein zentraler Anlaufpunkt. Für Kämpfer und Magier, die sich auf Kämpfe vorbereiten wollen. Mit Ausbildung, nachvollziehbaren Aufgaben und einem Weg aufzusteigen, der nicht davon abhängt, ob jemand die richtigen Leute kennt.“ Der König sah kurz zu Tharon, der am Rand des Saals stand. „Wir sehen die Erscheinungen mit Sorge. Elesmera muss lernen, auf mehr Schultern zu legen, was bisher zu häufig dieselben getragen haben.“
Arion fragte nach den Befugnissen. Nach dem Recht, ungeeignete Aufträge zurückzuweisen, nach Heilern, nach Lehrern, die für ihre Zeit bezahlt würden, und nach der Möglichkeit, jemanden auszubilden, der später auch ohne ihn leiten konnte. Der König antwortete nicht auf alles sofort. Doch er ließ die Fragen aufschreiben, statt sie als Undank beiseitezuschieben. Ein Gebäude sollte vorbereitet werden. Die Verwaltung würde die ersten Mittel bereitstellen. Arion sollte den Aufbau verantworten, ohne künftig jeden einzelnen Auftrag selbst ausführen zu müssen. Das Gesetz blieb für ihn dasselbe wie für alle anderen; der offene Vorgang aus dem Dorf wurde ausdrücklich nicht durch dieses Amt ersetzt oder ausgelöscht. Er blickte zu Lyra und sie nickte nicht für ihn. Sie wartete.
„Ich akzeptiere“, sagte er. „Aber ich habe ebenfalls eine Bedingung.“ Im Saal wurde es so still, dass Kaelor den Blick von der Lade hob. „Ich möchte mich zuerst auf beide Turniere vorbereiten können. Sechs Monate, ohne wieder für jeden Auftrag fortgeschickt zu werden. Danach will ich ein halbes Jahr mit Lyra. Urlaub. Nicht eine Reise, auf deren zweitem Wegstück zufällig ein königlicher Auftrag auf uns wartet.“
Lyra atmete neben ihm hörbar ein. Arion hielt den Blick auf den König gerichtet. „Die Vorbereitungen für das Haus können beginnen. Ich arbeite die Grundzüge aus und helfe bei der Auswahl der Leute. Aber erst danach übernehme ich die laufende Leitung mit meiner ganzen Zeit.“
Der König lächelte.
Er tat es ohne den Blick nach hinten, mit dem sonst geprüft wurde, wer an einer Freude etwas auszusetzen haben könnte. „Ich bin einverstanden.“
Arion hatte mit einer Erwiderung gerechnet, vielleicht einer Einschränkung. Er brauchte einen Augenblick, ehe er weiteratmen konnte.
„Und ich erwarte“, fügte der König hinzu, „dass Ihr diesmal auch das Turnier der Klingen ernsthaft zu Ende bringt. Ich habe lange genug darauf gewartet, Euch dort wiederzusehen.“
• • •
Am ersten Morgen seines Urlaubs von den Aufträgen wurde Arion mit einem Holzschwert gegen die Schulter geschlagen. Es tat nicht besonders weh. Das machte es schlimmer.
Leander nahm die Waffe zurück und wartete, bis Arion wieder gerade stand. In der Übungshalle roch es nach frischem Sand und dem Öl, mit dem die Ständer an der Wand gepflegt wurden. Zwei Fenster waren geöffnet. Von draußen kam das Geräusch eines Besens über Stein. ‚
„Ihr habt gesehen, dass der Angriff kommt“, sagte Leander. Arion rieb sich die Schulter. „Offensichtlich nicht früh genug.“
„Doch. Ihr habt nur den Teil zu Ende denken wollen, der Euch gerade besser gefiel.“
Sie kannten einander inzwischen gut genug, dass Arion darin keine nachträgliche Genugtuung suchte. Leander hatte seine Niederlage im Hof nicht vergessen. Er hatte sie aber auch nicht nötig, um jeden Morgen einen neuen Grund zu finden, bei Arion eine Schwäche zu sehen. Manche lagen näher, als ein eindrucksvolles Duell vermuten ließ. Arion war schnell und er las Bewegungen früh, fand die freien Linien und konnte Kraft so sparsam einsetzen, dass andere darin beinahe Mühelosigkeit sahen. Doch er war daran gewöhnt, einen Kampf beenden zu können, sobald er die richtige Öffnung fand. Das Turnier stellte eine andere Frage. Ein gleich starker Schutz würde auch einem Gegner erlauben, eine eigentlich entscheidende Berührung zu überstehen. Danach musste Arion weiterkämpfen, ohne sich schon im gelungenen Treffer für fertig zu halten. Leander schlug erneut und Arion parierte, löste die Bindung und berührte ihn an der Brust. Im selben Augenblick traf ihn die stumpfe Spitze an der Hüfte. „Beide“, stellte Leander fest. „Und mit dem Schutz wäre das kein schöner Sieg, sondern ein schlecht getauschter Teil Eurer verbleibenden Zeit.“
Arion sah auf die Stelle, an der die andere Spitze lag. Dann nahm er seine Klinge zurück.
„Noch einmal.“
In den ersten Wochen lernten seine Beine, wie wenig Eindruck ein berühmter Name auf die Ermüdung machte.
Er lief früh am nördlichen Anstieg, erst bis zur ersten Wasserstelle, später weiter zwischen den Felsen hinauf. Kaelor begleitete ihn an manchen Tagen, mit langen gleichmäßigen Schritten, die Arion zunächst ungerecht erschienen. Der Gargoyle beschleunigte nicht, wenn Arion zurückfiel. Er hielt nur das Tempo, und auf diese Weise wurde das Schlimmste am Laufen allmählich die Gewissheit, dass man sich selbst nicht überzeugend erzählen konnte, der andere habe es einem absichtlich schwerer gemacht. Unten in der Halle übte er Wendungen. Schritte vor, Schritte zurück, die Hüfte nicht zu früh öffnen, die Schultern nicht verraten lassen, wann der Angriff bereits beschlossen war. Leander stellte kleine Holzklötze auf den Boden. Wenn Arion einen berührte, begann die Folge von vorn. An einem Nachmittag trat er zum fünften Mal gegen denselben Klotz. Er blieb stehen und schloss die Augen.
„Wenn Ihr ihn mit Magie entfernt“, sagte Leander hinter ihm, „stelle ich einen größeren hin.“
Arion lachte so unwillig, dass Leander ebenfalls lächeln musste. Dann hob er den Fuß zurück in die Ausgangsstellung. Lyra kam gelegentlich zum letzten Teil der Übungen. Sie setzte sich nicht jedes Mal an dieselbe Stelle, und Arion brauchte einige Tage, um nicht jedes Geräusch an der Tür für sie zu halten. Wenn sie da war, blieb sie meistens still. Erst beim Hinausgehen erzählte sie ihm, was ihr aufgefallen war: dass er nach einem gelungenen Angriff aufatmete, bevor er wieder weit genug entfernt stand; dass er bei Müdigkeit den linken Fuß anders setzte; dass er sich jedes Mal über denselben Fehler ärgerte, statt ihn zuerst auszugleichen.
„Du klingst inzwischen wie Leander“, sagte er eines Abends. Lyra zog seinen schweißnassen Kragen vom Nacken fort, damit er ihn über den Kopf bekam. „Dann hört wenigstens einer von uns gut zu.“ Er fing ihre Hand, bevor sie sie zurücknehmen konnte, und küsste die Finger. Sie blieb nah genug, dass er ihre Stirn mit seiner berührte. „Ich höre dir sehr gut zu.“
„Dann setz morgen den Fuß richtig.“ Hauchte sie kokett zu und küsste ihn schließlich.
Im zweiten Monat begann die Arbeit mit den Turnierschilden. Die Schutzmäntel wurden von unabhängigen Magiern angelegt, für beide Kontrahenten in derselben Stärke und vor jedem Kampf gemeinsam geprüft. Ein Treffer verbrauchte einen Teil der tragenden Kraft, je nach Härte und sauberer Wirkung. Solange der Mantel hielt, fing er die Schneide auf. Wenn er erlosch, war die nächste klare Berührung entscheidend. Scharfe Waffen blieben scharf; gerade deshalb standen Kampfrichter und Heiler bereit, und wer nach einer erkennbaren Entscheidung weiter angriff, verlor mehr als einen einzelnen Gang.
Leander ließ Arion gegen drei verschiedene Gegner antreten. Nicht zugleich, sondern nacheinander, ohne ihm zwischen den Gängen genug Zeit zu geben, sich bequem auf den nächsten einzurichten. Eine Zwergin kämpfte eng und ausdauernd. Ein langer menschlicher Fechter hielt ihn mit einer Klinge auf Abstand, die Arion zu Beginn zu leicht beiseite hatte nehmen wollen. Eine ältere Ritterin gab ihm zwei Öffnungen, die keine waren, und bestrafte beide mit einer Geduld, die ihn an das verlorene Finale erinnerte. Er gewann viele Gänge, aber verlor genug, um nicht mehr nur die Siege zu zählen.
Am Ende einer besonders langen Übung saß er auf dem Hallenboden und bekam die Hand nicht sofort vom Griff. Die Sehnen zogen bis in den Unterarm. Leander hockte sich vor ihn, nahm ihm die Waffe ab und legte sie zur Seite. „Ihr habt vorhin einen Schlag genommen, um den stärkeren zu setzen“, sagte er. Arion nickte müde. „Das hat gereicht.“
„In der Übung.“ Leander sah zur Markierung am Boden. „Aber Ihr bereitet Euch auf jemanden vor, der genau weiß, wann Ihr beschlossen habt, einen Tausch für günstig zu halten. Corvin hat zwölf Jahre länger gelernt, aus einer solchen Entscheidung den letzten Fehler eines Gegners zu machen.“ Arion sah auf. Der Name lag zwischen ihnen, ohne die Schwester im Raum zu brauchen. „Ihr habt gegen ihn gekämpft.“
„Häufig genug.“ Leander lehnte sich gegen den Ständer. „Und selten genug gewonnen, um jeden gelungenen Gang noch im Gedächtnis zu haben. Er ist nicht unfehlbar. Aber er lässt Euch nicht lange darüber freuen, dass Ihr es bemerkt habt.“
Im dritten Monat verlor Arion die Gewohnheit, jeden Rückschritt für einen verlorenen Tag zu halten. Er lernte, eine Klingenbindung nicht sofort aufzulösen. Manchmal blieb er darin, gab nur so viel Druck, dass der andere glauben musste, er habe Arion festgelegt, und nahm den entscheidenden Schritt erst dann, wenn die Erwartung sich im Körper des Gegners zeigte. Er übte mit der freien Hand, ohne unfair in die Waffe zu greifen, lernte Entwaffnungen abzufangen und ließ sich von Kaelor schwere, stumpfe Hiebe geben, deren bloße Ankündigung ihn anfangs zu hastig aus der Linie brachte. Kaelor fand Gefallen an diesen Stunden. Die verfluchte Klinge blieb in ihrer Scheide, weit von den Übungswaffen entfernt. Elian prüfte den Gargoyle regelmäßig. Es hatte noch keine neue Bindung gegeben, aber Kaelor behandelte die Stille des Schwerts nicht wie eine Zusage für die Zukunft. Er setzte sich vor den Übungen eine Weile allein hin, hörte auf die eigenen Gedanken und kam erst dann in die Halle. Arion fragte ihn einmal, woran er merken wolle, dass ein Gedanke fremd sei. Kaelor sah dabei auf seine Hände. „Wenn ich nur auf angenehme Gedanken prüfe, zu spät. Ich muss auch die hässlichen kennen, die ohnehin meine sind.“ Arion verstand die Antwort besser, als ihm lieb war.
Die Prüfung wegen des Ogers war inzwischen abgeschlossen worden. Sie hatte keinen rechtfertigenden Kampfakt festgestellt. Arion hatte seine Verantwortung anerkannt, die ausgesprochene Rüge und die verbindlichen Anweisungen zum Umgang mit Gefangenen nicht bestritten. Dem König war es wichtig gewesen, dass die Entscheidung öffentlich zugänglich blieb. Ein künftiger Gildenleiter sollte nicht gerade bei dem Vorgang, aus dem er am meisten zu lernen hatte, auf den Schutz seines Namens vertrauen können.
Lyra hatte sich den Wortlaut selbst angesehen. Danach waren sie lange am Wasser entlanggegangen, ohne über das Urteil zu sprechen. Als Arion schließlich sagte, er könne die Entscheidung im Koben nicht zurücknehmen, hatte sie seine Hand fester gehalten. „Nein“, hatte sie geantwortet. „Aber du kannst verhindern, dass du sie für etwas hältst, das du niemandem mehr erklären musst.“
Im vierten Monat begann der Aufbau der Gilde sichtbar zu werden. Das ausgewählte Haus lag an einer breiten Straße, mit einem Hof, der für Übungen taugte, und Räumen, die sich trennen ließen, ohne jeden Besucher durch die Verwaltung führen zu müssen. Dargan kam zu den Besprechungen, prüfte Wände, zeichnete zusätzliche Durchgänge ein und erklärte, welche Wünsche sich ohne einen zweiten Hof nicht gleichzeitig erfüllen ließen. Tharon half bei den Regeln für Aufträge und Elian verlangte einen Behandlungsraum im Erdgeschoss. Soraya bestand auf Karten, die wirklich benutzt werden durften, nicht bloß gut an einer Wand aussahen. Arion arbeitete an diesen Dingen, aber er lernte, die Feder wegzulegen, wenn die verabredete Stunde vorbei war. Es gelang nicht immer. Einmal fand Lyra ihn spätabends zwischen drei Plänen und einer kalten Mahlzeit. Sie setzte sich nicht zu ihm, um still zu warten, sondern zog einen Stuhl neben seinen, las das oberste Blatt und fragte, welche Entscheidung bis morgen tatsächlich schlechter werden würde. Am Ende war es keine und sie gingen gemeinsam hinaus. Im fünften Monat betrat Arion die Große Arena zum ersten Mal seit Jahren ohne ein anstehendes Hexamon.
Die Ränge waren leer. Von unten wirkten sie höher, als er sie in Erinnerung hatte. Sitzreihen stiegen in langen hellen Bögen auf; über den oberen Galerien bewegten sich die noch ungeschmückten Fahnenstangen im Wind. Auf der Kampffläche lag frischer Sand. Er roch nach Sonne, obwohl ein Teil davon im Schatten der Mauern blieb. Arion stellte sich an die Stelle, an der er als Sechzehnjähriger sein Schwert hatte fallenlassen. Natürlich wusste er nicht mehr genau, ob es diese Stelle war. Das Gefühl genügte trotzdem, um ihm den damaligen Augenblick zurückzubringen: die plötzlich leere Hand, die fremde Spitze unter dem Kinn und das große, entsetzliche Geräusch des Publikums, das seine Niederlage nicht weniger endgültig machte, weil es ihm ebenfalls Beifall spendete. Leander blieb ein paar Schritte entfernt stehen.
„Ihr kämpft nicht noch einmal gegen den Neunzehnjährigen von damals“, sagte er.
Arion drehte den Griff seines Schwerts in der Hand. „Ich weiß.“
„Dann hört auf, Euch vorzustellen, was Ihr ihm heute beweisen könntet. Der Mann, der Euch dort begegnet, hat die vergangenen Jahre ebenfalls nicht gewartet.“
Arion sah auf die leeren Ränge. Dann hob er die Klinge. Sie übten, bis die Schatten sich um die Breite einer Tribüne verschoben hatten. Im sechsten Monat wurden die Bewegungen ruhiger, aber auch nicht langsamer. Leander sagte es ihm ausdrücklich, als Arion an einem Morgen selbst meinte, weniger zu tun. Was wegfiel, war der Teil zwischen Entschluss und Handlung, in dem er bisher Kraft auf die Vorstellung verschwendet hatte, wie gut eine Bewegung aussehen sollte. Er stand sicherer und ließ sich Zeit, ohne auf eine Einladung zu warten. Wenn er getroffen wurde, suchte er zuerst den nächsten brauchbaren Abstand, bevor er sich erlaubte, sich darüber zu ärgern. Am letzten Übungstag gewann er gegen Leander, gegen die Ritterin und gegen den langen Fechter. Die Zwergin nahm ihm trotzdem noch einen Treffer ab, weil er nach dem vorangegangenen Gang zu flach geatmet hatte. Arion lachte, als er es bemerkte. Leander stellte das Übungsschwert zurück in den Ständer. „Gut“, sagte er.
„Dass sie mich getroffen hat?“
„Dass Ihr nicht mehr so ausseht, als müsste der ganze Tag deshalb neu beginnen.“
• • •
Am Morgen des Turniers roch Elesmera nach frisch gebackenem Brot und den Blumen, die Händler an die offenen Türen gebunden hatten. Die Große Arena füllte sich lange vor dem ersten Aufruf. Auf den oberen Wegen gingen Zuschauer zwischen den Zugängen hin und her, suchten Angehörige, verglichen die Namen auf den Tafeln und ließen sich von den Ordnern zum dritten Mal erklären, auf welcher Seite ihre Reihe lag. Das Blau des Astral-Brillanten stand über den Rängen, sichtbar durch die offene Achse einer breiten Straße zum Palast. Lyra saß neben Soraya und Kaelor, als Arion zum ersten Mal auf die Kampffläche trat. Sie hatte ihm beim Frühstück die Hand auf den Nacken gelegt, weil er sein Brot mit einer Ernsthaftigkeit geschnitten hatte, die dem Laib nicht zustand. Nun sah sie ihn unter den Blicken Tausender stehen und begriff, wie wenig von der stillen Übungshalle hier übrig blieb. Sein Name lief durch die Ränge, wurde von anderen Stimmen aufgenommen und kam als etwas Größeres zurück, das er nicht selbst beherrschen konnte. Dann begann der erste Kampf.
Arion gewann nicht mit einer einzigen überwältigenden Bewegung. Er prüfte die Distanz, nahm einen Schlag auf den Schutz und fand die Antwort erst, nachdem sein Gegner zweimal dieselbe Schulter zu früh geöffnet hatte. Im zweiten Gang musste er lange gegen eine kurze, schwere Klinge arbeiten. Der dritte Gegner zwang ihn zum ersten Mal bis an die äußere Markierung, bevor Arion die Richtung wechselte und ihn an seiner eigenen Vorwärtsbewegung vorbeiführte. Lyra spürte nach jedem Ende, wie fest sie die Hände ineinandergelegt hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite gewann ihr Bruder.
Corvin bewegte sich mit jener Selbstverständlichkeit, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Er verschwendete wenig. Seine Angriffe sahen selten groß aus, bis ein anderer daran scheiterte, rechtzeitig Platz für sich zu finden. Er half einem Besiegten auf, sprach kurz mit dem Kampfrichter und verließ die Fläche, als sei sein nächster Gang wichtiger als der Beifall, den er eben erhalten hatte. Im Halbfinale bekam Arion einen tiefen Treffer auf den linken Schutz.
Lyra zuckte zusammen. Die helle Fläche flammte auf, hielt und erlosch wieder bis auf den schmalen sichtbaren Rand, an dem die Kampfrichter ihre verbleibende Kraft ablesen konnten. Arion wich zurück. Er schüttelte die Hand aus, stellte den Fuß anders und ging wieder vor. Soraya legte Lyra kurz die Finger auf das Handgelenk. „Er hat es bemerkt.“ Sie nickte, ohne den Blick von der Fläche zu nehmen. Arion gewann. Als er vom Sand ging, sah er zu ihnen hinauf. Lyra hob die Hand. Er lächelte nur kurz, aber es war für sie, und sie saß wieder ein wenig leichter in ihrem eigenen Körper.
Vor dem Finale wurden die beiden Namen gemeinsam aufgerufen. Der Sprecher nannte Arions drei Hexamon-Siege, dann seine einzige frühere Teilnahme am Turnier der Klingen und das Finale vor zwölf Jahren. Lyra hörte den Satz, sah zu ihrem Bruder und wusste plötzlich wieder, wie sie als Kind auf dem Ehrenrang gestanden hatte, zu klein, um über die Schultern der Erwachsenen vor ihr zu sehen. Der Junge mit der viel zu ernsten Haltung.
Corvin hatte nach diesem Turnier oft von ihm gesprochen. Nicht immer mit Namen. Vom jungen Magier, der sich im Finale geweigert hatte, ihm den Sieg leicht zu machen. Von dem Einzigen jenes Jahres, bei dem er sich schon vor dem letzten Gang darauf hatte einstellen müssen, verlieren zu können. Später, wenn ein neues Turnier bevorstand, hatte er gefragt, ob der Junge wieder antrete. Lyra hatte das irgendwann für eine seiner Geschichten gehalten, deren Bedeutung zu den eigenen Erinnerungen gehörte und die man als jüngere Schwester nicht vollständig verstehen musste. Jetzt stand dieser Junge achtundzwanzigjährig unten im Sand. Lyra lachte leise vor ungläubiger Erkenntnis und presste die Hand vor den Mund. Kaelor sah sie fragend an. „Er war es“, sagte sie. „Die ganze Zeit war er das.“
Unten reichte Corvin Arion die Hand. „Ich habe zwölf Jahre darauf gewartet“, sagte er, laut genug, dass die nahe sitzenden Kampfrichter es hörten. „Du hast dir Zeit gelassen.“
Arion schloss die Finger um seine Hand. „Ich wollte nicht, dass du denkst, ich käme nur wegen der Revanche.“ Corvin grinste. Diesmal erkannte Arion die Freude darin. „Dann enttäusch mich nicht damit, dass es nicht auch darum geht.“
Die Schutzmäntel wurden geprüft. Gleiche Stärke und beide gänzlich unversehrt. Die beiden Männer wählten ihre Distanz, und die Kampfrichter gaben die Fläche frei.
Corvin griff zuerst an.
Kein vorsichtiges Abtasten. Er kam mit einer Folge, die Arion auf der einen Seite beschäftigte und auf der anderen den Weg nahm. Die erste Klingenbindung war kurz, die zweite hart. Arion löste sie nicht gewaltsam, sondern ließ den Druck an seiner Schneide entlanglaufen und trat aus der Linie des dritten Angriffs doch Corvin war bereits dort. Seine Spitze berührte Arions Brustschutz. Licht lief über den Stoff. Auf den Rängen stieg ein Laut auf, doch Arion hörte ihn nur fern. Er hatte den Schritt gesehen und sich trotzdem zu früh für frei gehalten. Er atmete aus, wie Leander es verlangt hätte, und nahm den Abstand zurück.
Beim nächsten Angriff wartete er einen Bruchteil länger und Corvin änderte die Folge, bevor Arion sie beantworten konnte. Aus dem hohen Hieb wurde eine kurze Bewegung gegen den Unterarm, dann ein Schritt, der einen Menschen ohne festen Stand an der Schulter hätte wenden können. Arion ging mit aber nicht so weit, wie Corvin ihn haben wollte. Gerade weit genug, dass dessen Griff für einen Augenblick außerhalb der günstigen Linie lag und Arions Schneide traf den Schutz an der Hüfte. Dann lösten sie sich gleichzeitig voneinander. Corvin nickte einmal. Danach lächelte er nicht mehr.
Der Kampf wurde leiser, obwohl die Arena voller Stimmen war. Arion hörte den Sand unter den Sohlen, das feine Schaben zweier Schneiden und den Atem seines Gegners, sobald sie nahe genug zusammenkamen. Er sah keine große Fläche mehr, er sah Platz für den nächsten Fuß, die wechselnde Höhe einer Schulter und die Hand, die einen Griff nicht ganz so fest hielt, wie sie es ihn glauben lassen wollte. Corvin schlug schwerer, als seine ruhige Erscheinung vermuten ließ. Zweimal nahm Arion den Schutz zu stark in Anspruch. Die Wirkung fuhr ihm bis in den Rücken, obwohl die Klinge seine Haut nicht erreichte. Er antwortete mit einem Treffer an Corvins Schulter und verlor den eigenen Vorteil fast wieder, weil dessen nächste Bewegung gerade aus der scheinbar geöffneten Seite kam. Zwölf Jahre früher hätte er sich für die Öffnung bedankt und sie genommen, doch jetzt ließ er sie stehen.
Corvins Spitze strich ins Leere. Arion kam von der anderen Seite, band die Klinge für den kürzesten möglichen Augenblick und setzte die eigene Schneide auf den hellen Mantel über dessen Rippen. Auf den Rängen sprang jemand auf.
Lyra merkte erst an Sorayas Hand an ihrem Ellenbogen, dass sie selbst es gewesen war. Der Kampf dauerte an. Keiner von beiden konnte den anderen auf eine einzige Gewohnheit festlegen. Corvin wechselte den Rhythmus, ließ eine Folge auslaufen, bevor Arion die erwartete Antwort gab, und kam mit einer so kurzen Bewegung zurück, dass nur ein geübter Blick sah, wie viel Kraft darin lag. Arion lernte, während er stand. Er gab den Raum nicht mehr an jeder Stelle zurück, die Corvin für ihn gewählt hatte. Die Schutzmäntel wurden unterdessen immer dünner. Arion sah es nicht nur am Licht. Die härteren Treffer hatten einen Nachhall im Körper, einen Widerstand, der nicht mehr vollständig zwischen Haut und Stahl aufgefangen wurde. Seine Unterarme schmerzten und der Schweiß lief ihm seitlich an der Stirn entlang. Corvin atmete durch den geöffneten Mund und hatte den linken Fuß einen Fingerbreit weiter nach außen gesetzt. Arion griff genau diese Stelle an, doch Corvin fing ihn ab. Ihre Klingen standen einen Augenblick fest gegeneinander, so nah, dass Arion die feinen Kratzer am gegnerischen Handschutz sah. Dann trat Corvin in die Richtung, die Arion ihm gerade hatte nehmen wollen, und schob ihn mit einer Bewegung des ganzen Körpers zurück. Arion verlor fast den Griff.
Das alte Finale kam mit einer erschreckenden Genauigkeit zurück: leer werdende Finger, eine Klinge, die nicht mehr dahin wollte, wo sie hingehörte. Doch diesmal folgte seine freie Hand nicht hilflos der Waffe. Er ging mit dem Druck, drehte den Ellenbogen unter die Bindung und brachte den Griff wieder vor seinen Körper, während Corvin bereits für den entscheidenden Hieb ausholte.
Beide trafen.
Die Mäntel flammten auf und erloschen beinahe gleichzeitig. Ein Kampfrichter hob die Hand. „Schutz verbraucht. Nächste klare Berührung entscheidet.“ Die Stille über der Arena war jetzt wirklich. Arion hörte irgendwo einen Vogel über dem oberen Rand. Sein Herz schlug so hart, dass er darauf achten musste, nicht im Rhythmus davon zu kämpfen. Corvin nahm die Spitze ein wenig zurück. Keine Furcht, keine Geste für die Zuschauer. Nur die neue Sorgfalt zweier Männer, zwischen denen kein tragender Zauber mehr lag. Arion ging vor.
Er zeigte den Angriff auf dieselbe Hüfte, an der er zuvor getroffen hatte. Corvin erkannte ihn, nahm die Klinge abwärts und bereitete die Antwort vor, die Arion bei der vorherigen Bindung beinahe entwaffnet hatte, aber Arion gab ihm nicht den erwarteten Druck. Seine Klinge blieb weich, glitt unter der anderen entlang und kam frei, während sein rechter Fuß einen kleineren Schritt setzte, als Corvin ihn hatte kommen sehen. Die Antwort seines Gegners war trotzdem schnell. Eine Schneide strich an Arions Ärmel vorbei und nahm ein Stück Stoff mit. Arions Spitze ruhte unter Corvins Kinn. Sie stand dort nicht tief genug, um die Haut zu öffnen. Nur klar, unbeweglich, mit der letzten Kraft des Arms gehalten, die in dieser Sekunde noch ganz bei ihm war.
Corvin sah ihn an.
Dann nahm er die eigene Klinge aus der Linie und hob die freie Hand. Der Ruf der Kampfrichter ging im Lärm der Ränge beinahe unter.
Arion senkte das Schwert. Erst jetzt merkte er, wie schwer es geworden war. Corvin trat zu ihm und legte ihm die Hand in den Nacken, zog ihn kurz an sich und stieß ein atemloses Lachen aus.
„Endlich“, sagte er. „Ich dachte schon, ich hätte dich damals gründlicher vertrieben, als ich wollte.“
Arion lachte ebenfalls. Es war zu wenig Luft dafür da, doch es ging trotzdem. Auf dem Ehrenrang weinte Lyra, ohne dass sie es rechtzeitig bemerkt hätte.
• • •
Später fand sie ihn in einem kleinen Raum hinter den Umkleiden. Da saß er auf einer Bank, das Schwert neben sich, und bekam den Verschluss seines Handschutzes nicht auf. Sie kniete sich vor ihn, löste den Riemen und legte das Leder auf die Bank. Seine Finger waren rot, an zwei Stellen offen. Sie nahm sie vorsichtig zwischen ihre Hände. „Du hättest es mir sagen können“, sagte sie. Arion sah auf sie hinunter. „Dass ich mich gelegentlich freiwillig schlagen lasse?“
„Dass du der Junge warst.“ Sie schüttelte den Kopf, lächelte und wischte sich mit dem Handrücken unter ein Auge. „Er hat so oft von dir gesprochen. Ich habe zugehört und mir nie vorgestellt, dass ich dich längst kannte.“
Arion strich mit dem Daumen über ihre Wange. „Du warst zehn.“
„Du warst offenbar schon damals furchtbar stolz.“
„Das ist eine neue Auslegung des Wortes offenbar.“
Sie lachte, und dann war ihr Gesicht nahe genug, dass er nicht länger nach einer Antwort suchte. Der Kuss wurde ruhiger, als der Lärm draußen es hätte erwarten lassen. Lyra legte die Hände an seinen Hals, und Arion hielt sie, bis sich ihr Atem wieder zwischen ihnen ordnete.
Corvin klopfte später an die offene Tür, sah die beiden an und erklärte mit einer Trockenheit, die Lyra rot werden ließ, er habe seine Niederlage offenbar noch nicht in allen Einzelheiten verstanden. Dann umarmte er seine Schwester, gratulierte Arion ein zweites Mal und versprach, beim nächsten Turnier nicht wieder auf eine zwölfjährige Pause zu vertrauen. Am Abend gingen Arion und Lyra früher fort als die anderen.
In seinem Zimmer brannte nur eine Lampe. Sie stand weit genug vom Bett entfernt, dass ihr Licht weich über die Wand fiel. Draußen feierte die Stadt noch. Ein paar Straßen weiter wurde gesungen, dann entfernten sich die Stimmen, und für einen Augenblick hörten sie beide nur das leise Knacken des Dochtes. Lyra stand am Fenster. Als Arion zu ihr trat, drehte sie sich zu ihm und legte die Hand an seine Brust. „Ich möchte heute nicht gehen“, sagte sie. Er strich ihr eine Strähne hinters Ohr. „Dann bleib.“ Sie hielt seinen Blick. „Ich meine nicht nur bis ich müde werde.“ Arion wurde still. Er zog sie nicht näher, ehe sie selbst den kleinen Abstand zwischen ihnen schloss. Als sie ihn küsste, lag in der Bewegung zugleich Entschlossenheit und eine Unsicherheit, die sie sonst selten zeigte.
„Ich war noch nie …“ Sie brach ab und lächelte verlegen. „Du weißt, was ich meine.“
Er nahm ihre Hand vom Stoff seiner Kleidung und küsste sie. „Wir müssen heute nichts tun, nur weil der Tag groß genug dafür aussieht.“ Lyra schüttelte den Kopf. „Ich will es nicht wegen des Tages.“ Er sah sie lange an. Dann berührte er ihre Stirn mit seiner und ließ ihr Zeit, bis ihr Lächeln nicht mehr unsicher war. Als die Lampe später erlosch, blieben die Stimmen der Stadt draußen vor dem Fenster.
Am nächsten Morgen wachte Arion auf, weil Lyra mit einem Finger die Linie an seinem Handgelenk nachfuhr. Ihr Haar lag über dem Kissen und auf seiner Schulter. Sie hatte die Decke bis zum Kinn gezogen, obwohl der Raum nicht kalt war. Als er die Augen öffnete, wollte sie zunächst etwas sagen, entschied sich anders und versteckte ihr Lächeln einen Augenblick im Stoff. „Guten Morgen“, sagte er leise. Sie sah wieder zu ihm auf. „Ist es schon einer?“
„Ich fürchte.“
„Dann sollten wir ihn noch ein bisschen warten lassen.“
Er zog die Decke höher über sie beide. Lyra legte den Kopf an seine Brust, vorsichtig an den Stellen, an denen noch ein blauer Fleck vom Turnier stand, und seufzte so zufrieden, dass er die Augen wieder schloss. Sie hatten einander nicht erst in dieser Nacht geliebt. Aber etwas in ihrer Nähe war stiller geworden, vertrauter, und zugleich so neu, dass Lyra zwischendurch immer wieder aufsehen musste, als könne sie allein an seinem Gesicht prüfen, ob er es ebenso empfand. Er tat es.
Als später jemand klopfte, warteten sie beide, bis die Schritte sich wieder entfernten. Erst dann begannen sie zu lachen.
• • •
Zwei Tage nach dem Sieg im Turnier der Klingen stand Arion wieder im Sand. Diesmal trug er kein Schwert. Die Waffenprüfung war einer Kontrolle seiner mitgebrachten Gegenstände gewichen, die Schutzmäntel anderen Regeln. Beim Hexamon wurden Zauber nicht danach beurteilt, wie viel Lärm sie machten. Die Gegner mussten einander zur Aufgabe oder zur eindeutig festgestellten Kampfunfähigkeit bringen, ohne die festgelegten Grenzen zu überschreiten. Auf den Rängen saßen zusätzliche Magier. Zwischen Zuschauern und Fläche lagen die gewöhnlichen Arenaschutzzeichen, geprüft und erneuert, wie sie bei jedem Turnierjahr geprüft und erneuert wurden. Arion gewann die ersten Begegnungen mit einer Ruhe, die manchen Zuschauer weniger begeisterte als einen großen Feuerstoß.
Er nahm einem Gegner den Stand, bevor dessen aufwendig gesprochener Zauber fertig war. Einer anderen ließ er ihre Wassermauer stehen und band die Bewegung ihrer eigenen Tropfen so, dass sie dahinter keinen sicheren neuen Ansatz fand. Im Halbfinale brauchte er deutlich länger. Die elfische Magierin, die ihm gegenüberstand, las seine Absichten früh genug, dass er sie nicht allein mit Geschwindigkeit überwinden konnte. Als sie schließlich die Hand hob und den Kampf beendete, verneigte er sich tiefer vor ihr, als es die Form verlangte. Lyra sah von ihrem Platz, wie aufmerksam er beim Verlassen der Fläche blieb. Er war erschöpft, aber nicht überfordert. Sie kannte den Unterschied inzwischen zu gut, um sich von jedem tiefen Atemzug erschrecken zu lassen. Corvin saß eine Reihe hinter ihr und hatte darauf bestanden, diesmal nicht vom Ehrenrang aus zu schauen. Er wollte die Entfernung sehen, sagte er. Die andere Art Entfernung. Der letzte Gegner trat aus dem westlichen Zugang. Er war ein Mensch, älter als Arion, mit schmalem Gesicht und einem Gewand, das auf der einen Seite dunkler fiel als auf der anderen. Sein Name war in den vorherigen Gängen mehrmals gerufen worden. Man kannte seine Schule und die zwei Kämpfe, die er an diesem Tag mit bemerkenswerter Überlegenheit beendet hatte. Nichts an ihm hätte den Ordnern Grund gegeben, ihn vor dem Betreten der Fläche zurückzuhalten. Arion bemerkte es zuerst in seinen Augen.
Nicht die Farbe. Die Art, wie sie über die Ränge gingen, ohne einen einzelnen Menschen darin anzusehen. Als der Mann sich ihm zuwandte, lag in seinem Gesicht ein Lächeln, das zu keinem der gewöhnlichen Gründe passte, mit denen ein Finalist diesen Augenblick begrüßte. Dann spürte Arion die kalte Gegenbewegung. Er dachte an die Höhle und an die Worte, die ein anderes Ergebnis gehabt hatten, als ihre Anordnung hätte erwarten lassen. Seine Hände wurden ruhig. „Die Fläche räumen“, sagte er zum nächsten Kampfrichter. Der Mann sah ihn überrascht an. „Die Aufstellung ist noch nicht …“
„Sofort!“ Das brüllte er dem Kampfrichtiger entgegen welcher sich nun jeden weiteren Widerspruch sparte.
Der Finalist lächelte breiter. „Andariel hat von dir gesprochen.“
Arion nahm die Augen nicht von ihm. Auf der anderen Seite wurde noch eine Tür geschlossen. Ein Schreiber beugte sich über die Namensliste. Das Publikum wartete auf den Beginn eines Turniers, während in der Mitte etwas stand, das keinen Sieg nach dessen Regeln wollte.
„Wer bist du?“, fragte Arion.
Der Mund des Mannes bewegte sich. Die Stimme, die daraus kam, war tiefer als zuvor und zugleich schrecklich nah, als spreche jemand aus geringer Entfernung direkt hinter Arions Kopf. „Du hast meinen Diener fortgeschickt. Ich wollte sehen, wofür er sich entschuldigen muss.“ Die ersten Schutzzeichen an der Westseite flackerten. Arion riss die Hand hoch. „Zurück von der Fläche!“
Der Mann sprach ein Wort der Alten Sprache. Eine schwarze Bewegung schlug nach außen, niedrig genug, um die ersten Reihen zu treffen, doch Arion hielt sie mit aller Macht auf.
Sein Schutz entstand nicht ordentlich nacheinander, wie er ihn in einem Lehrraum hätte beschreiben können. Er griff über die Fläche, schob den Angriff zurück und schloss einen hellen Bogen über dem Rand der Arena, ehe die vorderen Zuschauer überhaupt verstanden, weshalb einige Ordner auf sie zuliefen. Der Bogen wurde zur geschlossenen Barriere. Sie legte sich zwischen die Kampffläche und alle Menschen außerhalb. Arion spürte sofort, dass die eigene Kraft nicht genügen würde, sie gegen das aufrechtzuerhalten, was ihn dort ansah.
Doch über den offenen Rängen stand der Astral-Brilliant. Er fragte niemanden und woher war ihm unklar, aber er wusste was zu tun war.
Er öffnete den Zugang, den er in der Galerie gespürt hatte, viel weiter als damals, und griff nach dem Strom, den der Stein an seine Umgebung abgab. Die Kraft antwortete mit einer solchen Fülle, dass seine Knie nachgaben. Für einen Herzschlag war alles Blau. Dann fand er eine Form dafür, führte den Strom in die Barriere und hielt ihn dort fest. Auf dem Ehrenrang fuhren mehrere Magier hoch. Auch Lyra stand bereits. Sie legte die Hände an den äußeren Rand des Schutzes, verstand in derselben Sekunde, dass sie nicht hindurchkam, und sah Arion durch das helle Flimmern an, doch er drehte den Kopf nicht.
„Razagh“, sagte er.
Das Wesen im Körper des Finalisten neigte den Kopf. „Du kennst wenigstens den Namen. Es wird das Letzte sein, das du kennen wirst.“
• • •
Der erste Schlag riss einen Graben in den Sand. Arion hatte den Angriff gespürt, bevor er ihn sehen konnte, doch die Kraft dahinter war größer als alles, was Andariel geführt hatte. Er sprang seitlich, fing die ausbrechende Gegenbewegung an der inneren Fläche der Barriere auf und zwang sie zurück in den Boden, ehe sie sich daran entlang zu den Rängen ausbreiten konnte.
Razagh lachte.
Er brauchte die vier Arme seines Dieners nicht. Der menschliche Körper vor Arion bewegte sich leicht, beinahe widerwillig, als müsse die fremde Macht bei jedem Schritt darauf achten, ihr Werkzeug nicht zu zerbrechen. Die Alte Sprache kam aus seinem Mund mit einer Genauigkeit, die Arion einen Augenblick lang entsetzte. Keine falsche Silbe. Keine Hast. Nur eine Antwort der entgegengesetzten Kraft, die ihm selbst die vertrautesten Ansätze zu gefährlichen Wegen machte.
Arion führte Stein aus dem Untergrund empor. Razagh ließ ihn mitten im Aufsteigen auseinanderbrechen. Er schickte Feuer von zwei Seiten, niedrig und versetzt; die Gegenkraft fraß eine Seite davon, die andere traf das Gewand des Mannes und erlosch in einer Kälte, die den Sand unter ihm weiß werden ließ. Arion hielt die Barriere.
Das war die Bedingung jeder Bewegung. Er konnte ausweichen, angreifen, eine Form abbrechen und neu beginnen. Aber er konnte nicht zulassen, dass der äußere Schutz nachgab. Dahinter standen Menschen, die zu einem Turnier gekommen waren. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern. Heiler trugen ihre Taschen durch die Gänge. Lyra war dort, irgendwo hinter dem Licht, und er wusste, dass sie ihn nicht allein hätte kämpfen lassen, wenn er die Tür für sie geöffnet hätte. Er öffnete sie nicht.
Razagh bemerkte es.
Sein nächster Angriff galt nicht Arions Körper. Er fuhr weit an ihm vorbei gegen die Barriere, schlug mit einer Folge kalter Impulse auf dieselbe Stelle ein und wartete darauf, dass Arion die eigene Verteidigung vernachlässigte, um die fremden Menschen dahinter zu schützen. Arion musste es tun.
Ein Schlag traf ihn an der Seite, nicht als Klinge, sondern als Druck, der ihm die Luft aus den Lungen presste. Er stürzte auf eine Hand, zog die Finger durch den Sand und kam hoch, während der nächste Angriff bereits dort einschlug. Auf den Rängen schrie jemand seinen Namen, doch er konnte die Stimmen nicht unterscheiden. Sein Gegenstoß traf Razagh überraschend an der Schulter. Das Gewand riss, und darunter zeigte sich für einen Augenblick nicht nur Haut. Etwas Dunkles bewegte sich an der Stelle des menschlichen Umrisses, zu groß für den Körper, der es trug. Arion begriff, dass er nicht denselben Kampf führte wie gegen einen gewöhnlichen Magier. Der Mann vor ihm war kein freier Gegner mehr. Er war der Halt einer Macht, die von anderswoher zugriff. Arion hatte einen solchen Halt schon einmal gelöst.
Er durfte nicht versuchen, beide Ströme in sich zusammenzuführen. Er musste den fremden hier unterbrechen, ehe der eigene Körper unter der Anstrengung versagte.
Razagh kam näher.
Arion warf ihm in seiner Verzweiflung Licht entgegen, grell genug, dass die Zuschauer die Augen schließen mussten, und wechselte den Stand. Der andere wich nicht zurück. Er kam durch das Weiß, als hätte er nicht Augen, sondern Arions Absicht selbst vor sich. Etwas Dunkles verdichtete sich um seine rechte Hand. Die Gegenkraft nahm eine Form an, deren scharfen Rand Arion erst erkannte, als das Licht daraufstand.
In der Hand des Besessenen lag ein Dolch. Arion sah das Metall und drehte sich. Mehr Zeit hatte er nicht.
Die Klinge drang tief in seine Brust.
Sie ging an der Stelle vorbei, an der im nächsten Herzschlag sein Herz lag, so knapp, dass zwischen tödlicher Gewissheit und dem schrecklichen Rest einer Möglichkeit kaum mehr als ein Millimeter blieb. Der Schmerz war nicht zuerst das Schlimmste. Es war die fremde Nähe, das Wissen, dass etwas in seinem Körper stand, das dort nicht sein durfte, und die plötzliche Unfähigkeit, genug Luft zu finden.
Razagh zog ihn am Dolch zu sich und Arion hörte nun deutlich Lyra schreien.
Der Schutz über den Rängen flackerte. Hinter dem Gesicht des Besessenen öffnete sich etwas, das Arion mit einer vollkommen fremden Freude ansah. „Sie werden zusehen“, sagte Razagh leise. „Du hast sie so sorgfältig hierbehalten.“
Arion schloss die Hand um dessen Handgelenk. Blut lief warm unter sein Gewand, sein linkes Bein gab nach und Razagh hielt ihn noch immer nahe genug, dass der nächste Stoß keine Drehung mehr brauchen würde. Über ihnen summte die Barriere, gespeist aus dem azurfarbenen Strom, den Arion nur noch mit einem Rest bewussten Willens führte.
Er dachte nicht an einen Titel. Er sah das Mädchen mit dem Löffel aus dem Dorf. Kaelor vor einer Tür, durch die er sich hatte bücken müssen. Die Frau, deren Bohne zum ersten Mal über einem Tisch geschwebt war. Lyra am Morgen unter seiner Decke, mit einem Lächeln, das er noch nicht oft genug gesehen hatte und doch ließ er den Zugang zum Brillianten nicht los.
Er öffnete den eigenen bis an den Rand dessen, was sein Körper halten konnte und nahm all die Kraft, die er noch hatte, in denselben einzigen Willen.
„Ich werde es nicht zulassen“, brachte er hervor.
Razagh beugte sich näher und der menschliche Mund verzog sich zu einer grässlichen Fratze. Arion packte fester zu. Seine Stimme wurde zum Schrei, und diesmal hörte ihn die ganze Arena.
„Ich werde es nicht zulassen, dass auch nur ein Elesmeraner hier verletzt wird!“
Und dann ließ er die Magie herausbrechen. Alles was er hatte. Alles was er dazu geben konnte und alles, was er zu greifen vermochte.
Das Licht begann dort, wo seine Hand das fremde Handgelenk umschloss. Es fraß sich nicht langsam durch einen Körper. Es erfasste ihn vollständig, riss die fremde Bindung vom Fleisch und ließ der Macht darin keinen Halt in dieser Welt. Für einen unmessbaren Augenblick stand Razaghs wirkliche Gegenwart vor Arion, gewaltig und hassend, durch einen schmalen Rest von Entfernung nur unvollständig begrenzt.
Dann brach der Halt.
Der besessene Körper zerfiel. Die Gegenkraft wurde in ihren Ursprung zurückgerissen, fort aus dem Sand, fort aus der Luft über den Menschen. Razaghs letzter Laut kam nicht mehr aus einem menschlichen Mund und Arion ließ die Hand sinken.
Der Dolch stand noch in seiner Brust.
Er sah einmal zu den Rängen hinauf und fand Lyra nicht im Licht. Dann verlor die Welt ihre Höhe, und der Sand kam ihm entgegen.
• • •
Lyra war bei ihm, kaum dass die Barriere zusammenbrach. Sie wusste später nicht mehr, welchen Weg sie genommen hatte. Sie erinnerte sich an eine Hand, die sie festhalten wollte, an Corvins Stimme und an den Sand unter den Knien. Arion lag auf der Seite. Seine Augen waren halb geöffnet, aber sie fand seinen Blick nicht darin. „Nicht bewegen“, sagte sie. Sie sagte es zu ihm, zu den Menschen um sie herum und zu sich selbst. Ihre Hände wollten alles gleichzeitig tun. Den Dolch nehmen, die Wunde schließen. Seinen Namen so oft sagen, bis er wieder verstand, dass sie ihn meinte.
Elian kniete auf der anderen Seite nieder. Andere Heiler kamen mit ihm. Er legte zwei Finger an Arions Hals und die freie Hand über Lyras, ohne sie wegzudrängen.
„Das Messer bleibt, bis wir den Weg darunter halten.“ Lyra nickte. Sie hatte kaum Luft für eine Antwort. Sie sah mit der Heilung in den Körper hinein und begriff, wie wenig von einem Augenblick sie noch hatten. Die Klinge war am Herzen vorbeigegangen. Knapp. Viel zu knapp. Gefäße waren verletzt, die Lunge, Gewebe, das sie nicht gleichzeitig sich selbst überlassen durfte. Arions eigener Zugang zur Magie stand offen und leer genug, dass sie vor der Tiefe darin zurückgeschreckt wäre, wenn nicht sein Leben daran gehangen hätte. Sie begann mit dem Blut.
Elian hielt den Atemweg. Eine zweite Heilerin nahm die Ränder der Wunde, ein dritter sammelte das auslaufende Leben in eine vorläufige Form, die nicht die Heilung war, sondern die Zeit dafür. Jemand schnitt den Stoff auf und noch jemand hielt ein sauberes Tuch bereit, das sofort dunkel wurde. Lyra gab Kraft und spürte, wie schnell sie selbst weniger wurde.
„Mehr“, sagte sie. Sie hatte nicht vorgehabt, laut zu sprechen. „Ich brauche mehr.“
Die ersten Zuschauer waren bereits bis an den äußeren Kreis der Heiler gekommen. Sie drängten nicht weiter, als Soraya die Hand hob. Kaelor stand hinter Lyra, den Blick auf Arions Gesicht gerichtet, als könne er ihn durch bloßes Dableiben festhalten. „Wer Kraft geben kann, kommt nacheinander“, sagte Elian, ohne die Hände von Arion zu nehmen. „Nicht ungeführt. Lasst Euch verbinden und hört auf, sobald Ihr müde werdet.“
Eine Frau kniete nieder. Dann ein alter Mann. Ein junger Magier, dessen Mantel an der Seite vom Laufen offenstand, reichte den nächsten die Hand. Die Heiler nahmen die Gabe auf, führten sie zu Lyra und verteilten, was sie nicht zugleich halten konnte. Auf den Rängen standen Menschen auf, ließen sich helfen, kamen die Treppen herunter. Wer keine Magie formen konnte, brachte Wasser, Tücher und Platz. Niemand verlangte, zuerst genannt zu werden. Lyra fühlte den Strom wachsen.
Er war nicht so glatt wie der eine große Zugang, den Arion genutzt hatte. Jede Gabe kam anders. Zögernd, warm, rau an den Rändern oder so schwach, dass sie kaum mehr als eine Bewegung darin bildete. Zusammen reichte es, um weiterzumachen.
„Ich bin hier“, flüsterte sie an Arions Ohr. „Du musst nicht noch etwas halten. Hörst du? Jetzt halten wir dich.“
Elian gab das Zeichen. Der Dolch wurde gezogen.
Lyra folgte dem Weg der Klinge, schloss, verband und hielt fest, was auseinanderzuweichen drohte. Sie hatte keine Kraft mehr für Angst. Nur für die nächste Stelle, den nächsten sicheren Abschluss. Arions Körper zuckte unter ihren Händen und sie spürte sein Herz einen Schlag aussetzen. Sie fand den Rhythmus wieder, bevor sie wusste, wie sie hätte weiterleben sollen, wenn es still geblieben wäre.
Dann atmete er ein.
Nicht tief. Nicht gut. Aber selbstständig. Lyra beugte sich so weit über ihn, dass ihr Haar auf seine offene Schulter fiel. Eine Träne tropfte auf seine Haut. Sie merkte es erst, als Elian die Hand an ihren Rücken legte. „Weiter“, sagte er leise. „Er ist noch nicht fertig mit uns.“ Sie arbeitete weiter. Um sie herum wartete eine ganze Arena in einer Stille, die mit der vor einem entscheidenden Treffer nichts mehr gemeinsam hatte.
• • •
Als Arion wieder zu sich kam, war das Erste, was er sah, Lyras Hand. Sie lag auf der Decke neben seiner. Ein schmaler roter Abdruck zog sich über ihre Finger, dort, wo sie einen Ring zu lange gegen die Haut gedrückt hatte. Er brauchte einige Zeit, um zu begreifen, dass seine Brust sich hob, ohne dass er selbst darauf achten musste. Die Fenster waren geschlossen. Irgendwo tropfte Wasser in eine Schale. Er bewegte die Finger und Lyra hob sofort den Kopf. Sie hatte im Stuhl neben dem Bett gesessen, die Stirn beinahe auf dem eigenen Arm und sah ihn nun mit einem Ausdruck an, in dem Hoffnung so heftig gegen Vorsicht stieß, dass er nicht wusste, welches Wort er zuerst ertragen konnte.
„Hallo“, sagte er.
Seine Stimme klang rau und fremd. Lyra lachte nicht. Sie legte die Hand an sein Gesicht, strich über die Schläfe und schloss die Augen, als sie merkte, dass er den Kopf ein wenig in ihre Berührung drehte. „Mach das nie wieder“, flüsterte sie.
Er hätte ihr versprechen können, sich nie mehr zwischen eine Gefahr und andere Menschen zu stellen. Sie hätte gewusst, dass es nicht wahr war. Deshalb hob er nur mühsam die Hand und legte sie über ihre. „Ich bin hier.“
Sie nickte, während ihr die Tränen kamen. „Ja. Und dafür haben sehr viele Menschen sehr hart gearbeitet.“ Er erfuhr es nach und nach von den Heilern, von der Menge. Von Kaelor, der so lange an der Trage gestanden hatte, bis Elian ihm eine Aufgabe gab, damit er wenigstens für einige Schritte wieder atmete. Von Soraya, die den äußeren Kreis freigehalten hatte und dabei jeden Ordner beim Namen gerufen hatte, den sie in den letzten Tagen gelernt hatte. Er erfuhr auch, dass niemand auf den Rängen verletzt worden war. Als Lyra ihm das sagte, wandte er den Kopf ins Kissen und blieb eine Weile ganz still.
Nicht jeder, der später an sein Bett kam, brachte nur Dank. Zwei Magier des Palastes wollten wissen, mit welchem Recht er den Astral-Brillanten angezapft habe. Der eine sprach so vorsichtig, dass Arion zunächst kaum verstand, wie empört er war. Der andere verzichtete auf die Vorsicht. Der Stein sei kein persönlicher Vorrat. Niemand dürfe einen derartigen Zugriff ohne Erlaubnis öffnen, erst recht nicht in einem Kampf, dessen Umfang noch gar nicht feststehe. Arion hörte zu, bis ihm die Aufmerksamkeit schwer wurde. „Als ich Euch hätte fragen können“, sagte er schließlich, „war der erste Angriff bereits unterwegs zu den Zuschauern.“
„Das beantwortet nicht jede Frage“, erwiderte der ältere Magier. „Nein.“ Arion sah ihn an. „Aber diese.“
Der König beendete das Gespräch, bevor es zu einer Prüfung am Krankenbett wurde. Es werde eine gemeinsame Untersuchung des Zugriffs geben. Es werde auch festgehalten, weshalb er erfolgt sei. Dankbarkeit schloss Sorgfalt nicht aus, doch Sorgfalt gab niemandem das Recht, die geretteten Menschen aus der Rechnung zu streichen. Arion war froh, als sie gingen.
Die Heiler ließen ihn nicht aus ihrer Aufsicht, nur weil die Wunde von außen geschlossen war. Er schlief viel. Manchmal erwachte er erschrocken und brauchte Lyras Hand, um zu glauben, dass kein fremdes Metall mehr in seinem Körper stand. Sie blieb nicht immer neben dem Bett. Elian schickte sie essen, schlafen und an die frische Luft. Doch sie kam zurück, und allmählich wurde auch dieses Wiederkommen zu etwas, dem Arion vertrauen konnte, ohne wach darauf warten zu müssen. Der Name des Mannes, den Razagh benutzt hatte, wurde ebenfalls festgehalten. Seine Angehörigen erhielten keinen Bericht, in dem er bloß als besiegtes Hindernis vorkam. Arion fragte nach ihm, sobald er die Antwort aushalten konnte. Es gab Dinge, die eine gewonnene Auseinandersetzung nicht ungeschehen machte.
Das Hexamon wurde ihm als vierter Sieg zugesprochen. Die Nachricht lag an einem Morgen neben dem Frühstück. Er betrachtete das Siegel, ehe er das Blatt öffnete, und musste an den Sechzehnjährigen denken, der den ersten Titel fast nicht aus den Augen hatte lassen können. Lyra setzte sich zu ihm. „Wie fühlt es sich an?“ Arion legte das Schreiben fort und nahm ihre Hand. „Heute wäre ich lieber gut genug im Atmen, um mit dir bis zum Garten zu kommen.“ Sie küsste ihn auf die Stirn. „Dann gewinnen wir zuerst das.“
• • •
Das Bankett fand erst statt, als Elian zustimmte, dass Arion lang genug aufrecht sitzen konnte, ohne danach drei Tage dafür zu bezahlen.
Die Große Weiße Halle war bis in ihre höchsten Bögen beleuchtet. Licht lag auf Stein, auf den langen Tafeln und auf den Gesichtern der Menschen, die bei seinem Eintreten aufstanden. Arion blieb unwillkürlich an der Tür stehen. Lyra hatte die Hand in seinem Arm liegen. Sie spürte, wie er die Schulter fester hielt, und strich ihm mit dem Daumen über den Ärmel.
Kaelor stand bei Dargan. Soraya lehnte an einem Pfeiler und war mit einem Mal nicht mehr so sicher, wohin sie den Blick wenden sollte. Tharon kam ihnen entgegen und nahm Arion das Recht, zu lange an der Tür unschlüssig zu bleiben, indem er ihn zu seinem Platz führte.
Der König sprach nicht lange. Er dankte den Gefährten, den Heilern und allen, die in der Arena Kraft gegeben hatten. Dann dankte er Arion und als er von dem Schutz über den Rängen sprach, wurde es in der Halle so still, dass man das kleine Geräusch einer abgestellten Schale am anderen Ende hören konnte. Vor der Arena sollte eine Statue errichtet werden.
Arion hob sofort den Kopf. Dargan sah aus, als habe er sich diesen Augenblick im Voraus vorgestellt und finde ihn nun keineswegs enttäuschend. „Kein Thron“, sagte Arion, noch bevor jemand weiterreden konnte und ein Lachen ging durch die nahe Tischreihe.
„Kein Thron“, bestätigte der König. „Ihr habt dort auch nicht gesessen.“
Dargan beugte sich später zu Arion. „Kaelor und ich kümmern uns darum. Damit nicht einer auf die Idee kommt, dich drei Köpfe größer zu machen, als du bist.“
Kaelor betrachtete Arion mit der ernsten Sorgfalt eines Handwerkers. „Die Schultern könnte man trotzdem ein wenig verbessern.“ Lyra musste so unvermittelt lachen, dass Arion beide Hände hob und erklärte, er sei von nun an gegen jedes Arbeitstreffen ohne seine Anwesenheit. Bei diesem letzten Wunsch war ihm niemand entgegengekommen. Arion bemerkte die neu gestärkte Vertrautheit zwischen seinen Gefährten erst ein wenig später.
Der zweite königliche Beschluss war kein Gegenstand für einen Platz. Am nördlichen Rand Elesmeras, abseits des Palastes, lag ein Anwesen am Fuß des Berges. Die Mauern der Stadt zogen sich weiter oben an den ersten Hängen entlang. Das Haus darunter hatte lange einem verstorbenen Würdenträger gedient und war anschließend in königliche Verwaltung zurückgefallen. Es gab einen Garten, genug Raum für einen eigenen Haushalt und Wege, auf denen man die Stadt erreichte, ohne zuerst durch den Palast gehen zu müssen.
Der König übertrug es Arion.
„Zur Erholung“, sagte er. „Und damit Ihr während des versprochenen halben Jahres nicht in meinen Gängen wohnt und jeder glaubt, Eure Tür sei deshalb weiterhin eine Dienststelle.“
Arion sah zu Lyra. Sie hatte zuerst ebenso überrascht ausgesehen wie er. Jetzt lag in ihrem Gesicht etwas, das ihn an ihren Blick am Fenster des Wartezimmers erinnerte. Nicht an Besitz dachte sie. An eine Tür, die sie gemeinsam schließen konnten, ohne damit jemanden zu versäumen und sofort nahm er das Geschenk an.
• • •
Das Haus war zu groß für zwei Menschen, die anfangs vor allem denselben Raum bewohnten. Sie merkten es schon am ersten Abend. Der Verwalter hatte ihnen die Schlüssel übergeben, die notwendigen Dinge gezeigt und sich mit dem Versprechen verabschiedet, nur auf ausdrücklichen Wunsch wiederzukommen. Als die Schritte auf dem Weg verklungen waren, standen Arion und Lyra in der Eingangshalle und hörten, wie still ein geräumiges Haus werden konnte. „Wir müssen nicht alles heute benutzen“, sagte Lyra.
Arion betrachtete die breite Treppe. „Ich wäre fürs Bett, die Küche und den Weg dazwischen.“
Sie stieß ihm vorsichtig den Ellenbogen gegen den Arm. „Du hast erstaunlich vernünftige Vorstellungen von einem eigenen Haushalt.“
Das Zimmer, das sie auswählten, lag zur Morgenseite. Vor den Fenstern stand ein alter Baum, dessen Äste weit genug entfernt waren, dass bei Wind nur die Schatten über die Wände gingen. Dahinter stieg der Garten langsam gegen den Berg an. Ein Weg aus hellen Platten führte zu einer kleinen Terrasse, auf der die Sonne bis in den späten Nachmittag blieb.
In den ersten Wochen ging Arion jeden Tag ein Stück weiter diesen Weg hinauf. Lyra begleitete ihn anfangs immer, doch später ließ sie ihn allein gehen, ohne deshalb extra auf die Zeit zu achten. Er setzte sich auf die niedrige Mauer, atmete, sah auf die Dächer der Stadt und kam wieder zurück, bevor aus dem Ausruhen eine neue Übung werden konnte, die er unbedingt besser als am Vortag bestehen musste.
Sie frühstückten häufig erst spät. Manchmal las Lyra, während er noch schlief. Manchmal schlief sie neben ihm wieder ein, obwohl sie behauptet hatte, nur kurz die Augen schließen zu wollen. Er lernte den Unterschied zwischen ihren Arten zu schweigen kennen. Das zufriedene Schweigen über einem Buch, das vorsichtige, wenn sie etwas an ihm bemerkt hatte und nicht gleich danach fragen wollte. Und jenes neue, unbeschwerte Dasein, in dem sie beide nicht erst eine Unterhaltung beginnen mussten, damit die gemeinsame Zeit einen Wert bekam.
Einmal versuchten sie, selbst Suppe zu kochen. Arion war überzeugt, dass man eine misslungene Würzung durch eine genauere Verteilung der Bestandteile beheben müsse. Lyra kostete, sah ihn an und stellte den Löffel wieder ab. „Oder wir geben Wasser dazu.“
Er blickte zwischen Kessel und Hand hin und her. „Das wäre weniger eindrucksvoll.“
„Aber möglicherweise essbar.“
Sie aßen im Garten. Die Suppe war noch immer zu salzig, doch das Brot dazu war gut und Lyra lachte jedes Mal wieder, wenn Arion sich die Erklärung zurechtlegte, was beim nächsten Versuch anders laufen würde.
Nachts blieben manchmal die Fenster einen Spalt offen. Dann hörten sie die Stadt nur fern, wie etwas, zu dem sie gehörten, ohne im selben Augenblick darin gebraucht zu werden. Lyra lag mit dem Rücken an seiner Brust. Arion hatte anfangs jedes leise Geräusch für einen Boten gehalten. Nun konnte er wieder einschlafen, ohne zuerst wissen zu müssen, woher es kam. Sie sprachen auch über Norelle. Nicht in einer einzigen langen Beichte. Die Erinnerung kam an einem Nachmittag, als Lyra ihn fragte, weshalb er bei manchen Verabredungen so ausdrücklich sicherstellen wollte, dass sie nicht auf ihn warten müsse. Arion erzählte, was er an sich selbst daran nicht mochte: die Jahre, in denen er Abwesenheit mit Vertrauen verwechselt hatte, und den Stolz, der ihm hinterher zu leicht erklärte, allein die andere sei gegangen.
Lyra hörte zu. Als er fertig war, zog sie die Beine auf die Bank und lehnte sich an ihn.
„Ich will nicht, dass du versuchst, mit mir alles richtig zu machen, was du damals falsch gemacht hast“, sagte sie. „Ich will, dass du merkst, wann ich vor dir sitze.“
Er legte den Arm um sie. „Das merke ich.“
„Meistens.“ Sie sah zu ihm auf, bis er lächelte. Dann küsste sie ihn und ließ den restlichen Nachmittag nicht zu einer Untersuchung seiner Fehler werden.
Zwei Monate blieben sie für sich. Die Nachrichten kamen bis an ihre Tür, aber nicht jede Nachricht kam herein. Tharon ließ ihnen die Lage regelmäßig in kurzen Briefen mitteilen. Die Erscheinungen nahmen zu. Monster verließen gewohnte Gebiete, kleinere Durchgänge mussten bewacht oder geschlossen werden, und die Gilde wurde dringlicher, noch bevor ihr Schild über der Tür hing. Andere Magier übernahmen Aufträge. Kämpfer wurden auf die Wege verteilt. Soraya schickte Kartenänderungen mit, Dargan gelegentlich eine Frage, die er bereits selbst halb beantwortet hatte. Arion schrieb zurück. Er gab Beobachtungen weiter, wenn sie halfen, und hielt sich aus Entscheidungen heraus, die andere ebenso gut treffen konnten. Er blieb.
Das war an manchen Tagen schwerer als ein Aufbruch.
• • •
Lyra fand es an einem Morgen heraus, an dem sie eigentlich nur hatte verstehen wollen, weshalb der Geruch des warmen Brots sie aus der Küche vertrieb.
Sie stand am offenen Fenster, ließ kühle Luft über das Gesicht streichen und legte eine Hand an den eigenen Bauch. Der erste Gedanke war so groß, dass sie ihn für einen Moment nicht weiterdenken konnte. Dann prüfte sie vorsichtig, mit jener feinen Aufmerksamkeit, die sie bei anderen Menschen längst sicher führte und bei sich selbst noch immer ungewohnt fand.
Da war Leben und nicht ihres allein.
Sie setzte sich auf die Bank unter dem Fenster, weil die Knie ihr plötzlich nicht mehr zuverlässig schienen und blieb dort, bis Arion sie fand. Er trug zwei Becher und hatte offenbar vorgehabt, etwas über die Küche zu sagen. Als er ihr Gesicht sah, stellte er beide ab.
„Was ist?“
Lyra nahm seine Hand. Sie führte sie nicht sofort an ihren Bauch. Zuerst hielt sie sie zwischen ihren eigenen, als brauche sie die Wärme seiner Finger, um die Worte wirklich aussprechen zu können. „Ich glaube, wir bekommen ein Kind.“
Arion sah sie einen Moment lang ausdrucklos an und sagte nichts. Sein Blick ging zu ihrem Bauch und wieder in ihr Gesicht, so hilflos offen, dass sie beinahe darüber gelacht hätte, wenn sie nicht selbst kurz vor dem Weinen gewesen wäre.
„Sag etwas“, bat sie.
Er ging vor ihr in die Knie. „Ich versuche gerade, genug Worte für das zu finden, was ich fühle.“
„Du darfst mit einem anfangen.“
Arion legte die Stirn gegen ihre Hände. Sein Atem ging unruhig. Als er wieder aufsah, lächelte er so, dass Lyra endgültig die Tränen kamen. „Ja“, sagte er. „Wenn du fragst, ob ich mich freue: ja.“
Sie zog ihn zu sich, und sie hielten einander lange, unbeholfen zwischen Bank und Boden, bis er sich neben sie setzte und sie gegen seine Schulter sank.
Elian bestätigte die Schwangerschaft bei einem unauffälligen Besuch. Er untersuchte Lyra sorgfältig und hörte auch zu, als sie von ihrer Magie sprach. Sie war stärker geworden. Nicht mit einem einzigen plötzlichen Aufschwung. Es waren die kleinen Dinge, an denen Lyra es bemerkte: ein Heilansatz, der müheloser trug, ein Schutz, dessen Ränder sie früher noch einmal hätte ordnen müssen, die Klarheit, mit der sie den eigenen Körper wahrnahm. Seit sie das Kind gespürt hatte, konnte sie die Veränderung nicht mehr für bloße Erholung halten. Etwas an ihrer Verbindung zur Kraft antwortete anders. Elian erklärte daraus kein Versprechen. Er fand keine Erschöpfung und keinen Hinweis, dass die neue Kraft dem Kind etwas nahm. Aber er bat sie, aufmerksam zu bleiben und nicht aus jeder leichter gewordenen Übung eine größere zu machen. Arion stand währenddessen am Fenster und gab sich so erfolglos den Anschein, nicht jedes Wort zu hören, dass der Heiler ihn schließlich zu sich winkte. „Auch du darfst dich setzen“, sagte Elian. „Ein Kind wird nicht ruhiger, weil sein Vater im Zimmer für zwei auf und ab geht.“ Lyra lachte und streckte die Hand nach Arion aus.
• • •
Soraya kam mit einem beschädigten Köcher und der festen Absicht, nur bis zum nächsten Morgen zu bleiben. Es regnete. Sie hatte den Mantel über dem neuen Bogen geschlossen gehalten, obwohl der Schutz seiner Sehne sorgfältiger war als alles, was das Wetter ihr hätte antun können. Arion öffnete ihr selbst und als sie den Blick an ihm vorbei in die breite Halle warf, hob sie die Augenbrauen. „Ihr habt Euch ein wenig Platz gelassen.“
„Für den Fall, dass jemand einen ganzen Wald an nasser Kleidung mitbringt.“ Er trat zur Seite. „Komm herein.“ Das Du kam ihm inzwischen selbstverständlich über die Lippen. Soraya bemerkte es, lächelte aber nur kurz und begann die Schnallen ihres Köchers zu lösen.
Lyra fand sie wenig später vor dem Kamin. Sie brachte trockene Tücher und ein warmes Essen. Soraya berichtete von einer veränderten Furt, einem Überfall auf einen Vorratswagen und von zwei jungen Kämpfern, die sich an der noch nicht eröffneten Gilde erkundigt hatten, ob man dort auch ohne adeligen Lehrer lernen könne. „Was hast du ihnen gesagt?“, fragte Arion.
„Dass ich jemanden kenne, der dafür sorgen will.“ Sie nahm die Schale entgegen. „Und dass sie bis dahin nicht selbst aufbrechen sollen, um einem Troll zu beweisen, wie ernst sie es meinen.“
Sie blieb am nächsten Morgen, weil es weiterregnete. Am folgenden, weil Lyra ihr den Raum im östlichen Flügel zeigte, dessen Fenster zum Waldweg lag. Danach brachte sie zwei Kisten mit ihren übrigen Sachen. Sie fragte nicht umständlich nach einem dauerhaften Platz. Sie stand mit der zweiten Kiste in der Halle und sah Arion so an, dass er die Frage trotzdem verstand. „Der Raum ist noch frei“, sagte er und Soraya nickte. Erst später, als sie glaubte, niemand sehe hin, strich sie mit der Hand über den eigenen Schlüssel.
Kaelor kam eine Woche danach. Er brachte kein ganzes Zimmer mit. Nur eine Tasche, die Klinge und eine Holzschachtel, in der etwas vorsichtig gegeneinanderschlug. Dargan folgte ihm mit einem Bündel eingewickelter Werkzeuge und erklärte, er sei nicht freiwillig durch diesen Regen gekommen, sondern weil Kaelor in der Werkstatt seit einer halben Glocke über die genaue Stellung einer Hand rede. „Die Statue steht“, sagte der Gargoyle, als Arion ihn fragend ansah. „Seit gestern.“
Arion blieb mit der Hand am Türgriff stehen und Dargan stellte das Bündel ab. „Und bevor du fragst: nein, wir haben dich nicht größer gemacht. Die Schultern waren ohnehin schon schwer genug aus dem Stein zu bekommen.“
Sie hatten gemeinsam daran gearbeitet, Kaelor mit dem sicheren Blick für den Stein, Dargan mit Werkzeugen, deren Schneiden er für die feinen Stellen immer wieder neu geschärft hatte. Beide hatten behauen, geglättet und verworfen, was zu sehr nach einer Pose aussah. Der fertige Arion stand nicht über einem gefallenen Feind. Er hielt eine Hand schützend nach außen, die andere nahe genug am Körper, dass die Bewegung nicht wie eine bequeme Geste wirkte.
„Du siehst aus, als würdest du jemanden davon abhalten, sich selbst für unverwundbar zu halten“, sagte Dargan. Lyra betrachtete Arions Gesicht. „Dann ist sie gut geworden.“
Kaelor bezog einen Raum im unteren Flügel, dessen Türen breit genug waren und hinter dem sich eine kleine Terrasse zum Hang öffnete. Von dort konnte er früh zur Unterstadt gehen, ohne jedes Mal durch die ganze obere Halle zu müssen. Er behielt seine Aufgaben dort. Nicht jede Nacht kam er zurück, aber allmählich standen auf dem Tisch in seinem Zimmer Dinge, die man nicht für einen einzelnen Besuch mitbrachte: ein zweiter Mantel, ein Buch über alte Stützen, eine Schale, deren Rand für seine Hände angenehm dick war.
Arion fand ihn eines Abends auf der Terrasse. Die Klinge lag noch in ihrer Scheide. Kaelor hatte die Hände auf den Knien und blickte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen. „Elara hat mir die Schale mitgegeben“, sagte er, als Arion sich neben ihn setzte. Er zeigte nicht darauf. „Sie hat gesagt, ich soll aufhören, in Elians Haus immer aus Bechern zu trinken, die ich mit zwei Fingern festhalte, als wären sie Eier.“
Arion wartete während Kaelor langsam ausatmete. „Sie ist verheiratet.“
„Ja.“
„Ihr Mann ist freundlich zu mir.“ Er senkte den Blick auf seine Hände. „Das macht es nicht leichter.“ Arion suchte nicht nach einem Rat, der von außen ordentlich klingen würde. Er blieb neben ihm sitzen. Nach einer Weile kam Lyra mit zwei Bechern, sah ihre Gesichter und stellte einen davon wortlos bei Kaelor ab. Der Gargoyle nahm ihn mit beiden Händen.
Dargan zog nicht ein. Er hätte seine Schmiede dafür verlassen müssen, und allein die Vorstellung genügte ihm, um Arion einen Vortrag über Menschen zu halten, die Werkstätten mit Möbeln verwechselten. Aber im Haus bekam er ein Zimmer, dessen Tür er sich nicht jedes Mal zeigen lassen musste. Er blieb, wenn die Besprechungen spät wurden oder Kaelor etwas am nördlichen Fels sehen lassen wollte. Manchmal kam er nur zum Essen und tat anschließend so, als sei es ein Zufall gewesen, dass der Weg von seiner Schmiede ausgerechnet hier vorbeiführte.
Tharon brachte Berichte und blieb gelegentlich bis zum Morgen. Seine Arbeit blieb an den Toren, in den Wachhäusern und auf den Wegen. Elian kam mit Elara oder allein, untersuchte Lyra und Arion, aß mit ihnen und kehrte danach zu seinen Patienten zurück. Keiner musste sein bisheriges Leben aufgeben, um an diesem Tisch einen Platz zu haben. Nach und nach waren die Räume nicht mehr bloß leer und groß. Im östlichen Flügel lag eine Karte aufgeschlagen. Unten hörte man Kaelors Schritte. Dargan ließ Werkzeuge auf einer Bank liegen, obwohl er noch behauptete, sie beim nächsten Mal sicher wieder mitzunehmen. Soraya stellte die nassen Stiefel an denselben Platz, ehe sie die Treppe hinaufging und Lyra wusste inzwischen, für wie viele Menschen sie am Abend Tassen bereitstellen musste, auch wenn noch niemand genau gesagt hatte, wann er käme. Arion hatte ein Anwesen geschenkt bekommen, doch ein Zuhause entstand erst daraus, als andere begannen, darin etwas von sich zurückzulassen.
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Die Nachrichten von draußen wurden nicht besser.
An manchen Tagen lagen zwei Meldungen auf dem Tisch, bevor das Frühstück zu Ende war. Ein neuer Riss nahe einer verlassenen Grube. Verschwundene Tiere. Oger, die einen anderen Weg nahmen als bisher, Goblins, die ihre Lager aufgaben, und Menschen, die zu lange gebraucht hatten, um zu begreifen, dass ein gefährlicher Wald noch gefährlicher werden konnte.
Die Wachen arbeiteten. Die Akademie schickte Magier. Die künftige Gilde bekam Gesichter, lange bevor ihre erste offizielle Versammlung stattfand: Menschen, die sich meldeten, um zu lernen und andere, die etwas weiterzugeben hatten. Es waren nicht genug, aber es waren mehr als zuvor.
Arion las die Berichte.
Einmal blieb er damit in der Hand vor der offenen Terrassentür stehen. Lyra saß draußen, die Beine auf einer Bank, ein Buch auf dem Schoß. Ihr Bauch begann sich zu verändern, noch wenig, doch Arion sah es bei jeder Bewegung des Kleids, sobald er darauf achtete. Sie bemerkte seinen Blick und legte das Buch beiseite. „Du darfst mir sagen, dass es dir schwerfällt“, sagte sie.
Er setzte sich neben sie. „Es fällt mir schwer.“ Lyra nahm das Blatt und las. Nicht rasch genug, um seine Sorge wegzuwischen. Sorgfältig. Als sie fertig war, zeigte sie auf den letzten Absatz. Tharon hatte die Übernahme des betreffenden Abschnitts bestätigt. Zwei ausgebildete Magier waren mit der Wache unterwegs. Die Leute am betroffenen Hof wurden nicht allein gelassen. „Sie tun es“, sagte Lyra. „Du hast doch nicht gewollt, dass die Gilde nur ein anderer Name dafür wird, dass alle wieder auf dich warten.“ Arion sah in den Garten. Soraya ging mit einem Korb vom hinteren Tor zum Haus. Kaelor half ihr, die Kiste darunter zu nehmen, bevor sie sich umständlich danach bücken musste. Ihre Stimmen kamen bis zur Terrasse, gelassen genug, dass der Klang fast unwirklich zu dem Bericht in Lyras Hand passte.
Er dachte an die Frau in seiner ersten Unterrichtsstunde. An Leander, der ihm beigebracht hatte, nach einem gelungenen Treffer weiterzukämpfen. An all die Menschen in der Arena, die ihre kleine Kraft gegeben hatten, bis sie zusammen größer geworden war als das, was einer von ihnen allein hätte aufbringen können. Dann faltete er das Blatt zusammen und Lyra rückte zur Seite, bis er bequem neben ihr sitzen konnte. Er legte den Arm um sie, ihre Hand fand seine und führte sie auf die kleine Rundung ihres Bauchs. Noch war nichts darunter zu spüren, das sich gegen seine Finger bewegt hätte, doch er blieb trotzdem so sitzen.
Als Soraya später rief, ob sie die anderen zum Essen holen solle, antwortete Lyra für sie beide. Kaelor kam über den Rasen, Dargans Stimme klang schon aus der Halle und Arion stand erst auf, als Lyra ihm die Hand hinhielt. Draußen wuchs die Unruhe.
An diesem Abend ging er mit ihr hinein.