In den Chroniken Elesmeras gibt es sieben Namen, die jeder kennt.
Die Namen derer, die durch den Riss gingen.
Die Namen jener, die Hoffnung in eine fremde Welt trugen.
Doch tief in den ältesten Archiven findet sich ein weiterer Name.
Ein Name, der niemals in die Liste der 777 aufgenommen wurde.
Ein Name, der nicht geschrieben wurde, weil er nie fortging.
Kaelor Vhar'Zuun.
Der Achte Name.
Jener, der blieb.
Kaelor wurde in einer Zeit geboren, in der die Völker Elesmeras längst gelernt hatten, gemeinsam zu leben.
Für ihn war es niemals wichtig, ob jemand aus einem Menschenreich stammte, aus den Tiefen der Zwergenhallen oder aus den alten Linien der Gargoyles.
Doch außerhalb der großen Städte waren die alten Vorurteile noch nicht vollständig verschwunden.
Viele sahen in Gargoyles noch immer nur Krieger.
Wächter.
Geschöpfe der Nacht.
Kaelor selbst wusste, dass diese Vorstellungen falsch waren.
Er war kein Monster.
Er war kein Werkzeug.
Er war ein Wesen mit Gedanken, Erinnerungen und einem Herzen, das genauso fühlen konnte wie jedes andere.
Und genau dieses Herz sollte ihn eines Tages vor die schwerste Entscheidung seines Lebens stellen.
Ihr Name war Elara.
Eine menschliche Magierin mit einer seltenen Begabung für Lichtmagie.
Sie begegneten sich nicht während einer Schlacht.
Nicht in einem Krieg.
Nicht durch Schicksal oder Prophezeiung.
Sie trafen sich durch Zufall.
Ein beschädigtes Artefakt.
Eine vergessene Ruine.
Zwei Menschen, die eigentlich niemals zusammenfinden sollten.
Kaelor erwartete Angst.
Misstrauen.
Ablehnung.
Doch Elara sah nicht die Flügel.
Nicht die Krallen.
Nicht das Aussehen.
Sie sah Kaelor.
Und Kaelor sah in ihr etwas, das er nie erwartet hatte:
Jemanden, der ihn nicht verändern wollte.
Doch ihre Liebe war nicht einfach.
Elara war verheiratet.
Ihr Ehemann war ein Elf aus einer alten Familie.
Ein angesehener Magier.
Ein Mann, der sie wirklich liebte.
Und genau darin lag die Tragik.
Denn Elara liebte beide.
Sie liebte ihren Mann.
Und sie liebte Kaelor.
Es gab keinen Verräter.
Keinen klaren Schuldigen.
Nur drei Menschen, beziehungsweise Wesen, die in einer Situation gefangen waren, für die es keine richtige Antwort gab.
Kaelor wusste, dass ihre Verbindung Schmerz verursachte.
Er wusste, dass er niemals wirklich einen Platz in dieser Geschichte haben konnte.
Aber Gefühle lassen sich nicht befehlen.
Nicht durch Vernunft.
Nicht durch Regeln.
Nicht durch Angst.
Als Razághs Armeen Elesmera erreichten, veränderte sich alles.
Der Krieg machte jede persönliche Entscheidung bedeutungslos.
Während andere über Liebe, Ehre und Vergangenheit diskutierten, brannten die Außenbezirke der Stadt.
Kaelor sah die Mauern.
Er sah die Menschen, die er liebte.
Er sah eine Welt, die kurz davor war, alles zu verlieren.
Und in diesem Moment traf er seine Entscheidung.
Er würde nicht länger im Schatten leben.
Nicht länger ein Geheimnis sein.
Nicht länger der Gargoyle, über den geflüstert wurde.
Er meldete sich freiwillig für die vordersten Linien.
Während Elara zu den Magiern ging, ging Kaelor dorthin, wo die Dämonen am stärksten waren.
Die Luft über Elesmera war voller Feuer.
Dämonische Kreaturen griffen aus den Wolken an.
Kaelor kämpfte dort, wo niemand mehr stehen wollte.
Er flog durch brennende Himmel.
Er stürzte sich allein gegen Feinde, die ganze Truppen vernichten konnten.
Jeder Schlag seiner Klingen war ein Versprechen.
Nicht für Ruhm.
Nicht für Anerkennung.
Sondern für die Menschen, die er liebte.
Als der große Schutzkreis der Magier errichtet wurde, hielt Kaelor die letzte Verteidigungslinie.
Die Barriere begann zu wachsen.
Doch Razághs Truppen versuchten verzweifelt, den Zauber zu verhindern.
Kaelor wusste:
Wenn die Magier fallen, fällt Elesmera.
Er blieb.
Er kämpfte weiter.
Bis die Energie der Barriere selbst ihn traf.
Die Magie riss durch seinen Körper.
Einer seiner Flügel wurde aus seiner Verankerung gerissen.
Ein Schmerz, den selbst ein Gargoyle kaum ertragen konnte.
Doch er fiel nicht sofort.
Er stand.
Und hielt die Linie.
Schwer verletzt wurde Kaelor schließlich in das Lazarett gebracht.
Dort erfuhr er die Wahrheit.
Elara hatte die Barriere vollendet.
Aber sie hatte den Preis dafür bezahlt.
Sie war tot.
Kaelor hatte gewonnen.
Und alles verloren.
Kurz vor dem endgültigen Verschluss des Risses begegneten sich Kaelor und der Elf.
Zwei Wesen, die jahrelang um dasselbe Herz gekämpft hatten.
Doch in diesem Moment gab es keinen Hass.
Keine Wut.
Keine Schuld.
Nur Trauer.
Der Elf verstand endlich, was Kaelor und Elara verbunden hatte.
Und Kaelor verstand, dass auch der Elf Elara wirklich geliebt hatte.
Sie gingen nicht als Rivalen auseinander.
Sie gingen als Brüder.
Der Name des Elfen wurde niemals überliefert.
Vielleicht wollte er selbst vergessen.
Vielleicht sollte die Geschichte ihn vergessen.
Kaelor ging niemals durch den Riss.
Sein Körper war zu schwer verletzt.
Sein Herz zu gebrochen.
Jahre später verschwand er.
Man fand ihn tief in Sosaria.
An einem vergessenen Vulkan.
Dort steht bis heute eine Statue eines Gargoyles.
Ein Flügel gebrochen.
Der Blick nach Westen gerichtet.
Viele glauben nicht, dass es eine Statue ist.
Viele glauben, Kaelor wurde nicht versteinert.
Sie glauben, er wartet.
Alte Schriften behaupten, Kaelors Versteinerung sei kein natürlicher Zustand.
Ein uralter Zauber soll ihn halten.
Ein Zauber, der mit der alten Dimension Elesmeras verbunden ist.
Manche glauben:
Wenn Kaelor erwacht, könnte er den Weg zurück öffnen.
Doch niemand konnte die Statue erreichen.
Denn mächtige Drachen bewachen den Vulkan.
Warum?
Das weiß niemand.
Vielleicht schützen sie ihn.
Vielleicht fürchten sie ihn.
Vielleicht wissen sie etwas, das die Welt vergessen hat.