Es gibt Augenblicke, an denen eine Welt aufhört zu atmen. Nicht, weil alles stirbt. Sondern weil jeder weiß, dass nichts jemals wieder so sein wird wie zuvor. Die Chronisten nennen diesen Tag den Beginn der Großen Belagerung. Doch diejenigen, die ihn überlebten, nannten ihn nur den Tag, an dem der Himmel verstummte. Bis dahin war Elesmera ein Symbol des Friedens gewesen. Eine Stadt, in der Völker lebten, die sich über Jahrtausende bekämpft hatten. Elfen und Orks arbeiteten an denselben Mauern. Menschen handelten mit Gargoyles. Zwerge schmiedeten Werkzeuge für alle. Viele hielten diese Stadt für unmöglich. Razágh hielt sie für eine Beleidigung.
Zunächst verschwanden nur Dörfer. Dann Handelswege. Schließlich ganze Garnisonen. Niemand fand Leichen. Niemand fand Überlebende. Nur verbrannte Erde. Verdorrte Wälder. Und eine Stille, die selbst Vögel mieden. Als die ersten Flüchtlinge Elesmera erreichten, sprach keiner von einer Armee. Sie sprachen von einer Dunkelheit, die sich bewegte. Von Wesen, deren bloße Anwesenheit Hoffnung aus den Herzen sog. Viele glaubten ihnen nicht. Bis der Horizont schwarz wurde.
Die Belagerung dauerte keine Woche. Keinen Monat. Sie dauerte über hundert Tage. Jeden Morgen glaubten die Verteidiger, die letzte Nacht überstanden zu haben. Und jeden Abend wussten sie, dass der eigentliche Angriff erst noch bevorstand. Die Mauern wurden unzählige Male durchbrochen. Immer wieder wurden sie aufgebaut. Nicht mit Magie. Nicht mit Wundern. Mit den Händen der Bewohner. Jeder Stein wurde mehrfach gesetzt. Jede Straße mehrfach verteidigt.
Razágh verstand Stärke. Er verstand Macht. Er verstand Angst. Was er niemals verstand, war Elesmera. Er konnte nicht begreifen, warum Wesen verschiedenster Völker füreinander starben. Warum ein Zwerg einen Elf rettete. Warum ein Ork ein Menschenkind auf seinen Schultern aus der brennenden Unterstadt trug. Warum Magier ihre Kraft für Fremde opferten. Genau das machte Elesmera unbesiegbar. Nicht die Mauern. Nicht die Waffen. Sondern die Menschen, die dahinter standen.
Die Große Belagerung endete nie wirklich. Sie wurde nur unterbrochen. Durch den großen Schutzbann. Durch den Riss. Durch das Opfer der Magier. Und durch die Reise der 777. Bis heute weiß niemand, ob Razágh noch immer vor den Mauern Elesmeras wartet. Doch jede Chronik endet mit denselben Worten: "Solange sich jemand an Elesmera erinnert, ist die Stadt niemals gefallen."